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Der Weg zum Sonnenhaus

20.08.2010

Neue, wenn auch mühsame Schritte setzt Bauherr Johann Jäger für ein nahezu energieautarkes Wohnen. In Kritzendorf entsteht das erste offizielle Sonnenhaus Österreichs – mit erneuerbarer Energie versorgt.

Steil, mit einer Steigung von über 25 Prozent, geht es eine schmale Gasse im noblen Kritzendorf nahe Wien hinauf. Ganz oben offenbart sich eine sensationelle Aussicht auf das Donautal bis zum Bisamberg. Hier steht seit den frühen Morgenstunden Johann Jäger auf der Baustelle seines neuen Eigenheims und packt als Bauherr selbst mit an. Seine Aufregung ist spürbar.

Heute ist ein historischer Tag für ihn – und auch für die Nutzung von Sonnen­energie im österreichischen Bauwesen: In zwei Stunden soll er kommen, der Kern des ersten offiziellen Sonnenhauses in der Alpenrepublik – ein 6.000-Liter-Wasserspeicher für Heizung und Warmwasser. Satte 60 Prozent solare Abdeckung will Jäger mit der zugehörigen 34-Quadratmeter-Solaranlage auf dem Dach erzielen. Die nötige Restenergie wird mit einem verkachelten Stückholzofen zugeschossen. „Ich will wirklich autark sein“, erklärt Jäger, warum vor rund einem Jahr die Entscheidung zugunsten des Sonnenhaus-Konzeptes gefallen ist. Eine teure Renovierung des alten Fertigteilhauses aus den 70er-Jahren samt Dämmung und neuer Gasheizung kam nicht infrage.

Jäger unterbricht. Die Bauarbeiter legen das Fundament für den Speicher mit Dämmplatten aus. Mit Argusaugen beobachtet der Bauherr jeden Handgriff. Dann läutet das Handy. Die Lieferung des Speichers verspätet sich. Jäger flucht. Inzwischen hat sich eine kleine Gruppe an Interessierten eingefunden – Nachbarn, Freunde und am Projekt Beteiligte, darunter Architekt Stephan Klammer, Baumeister Markus Fraiss und Projektmanager Josef Schöffmann. Die müssen jetzt alle warten. Angeregt wird über das Konzept Sonnenhaus gesprochen.

Ob das auf dem eigentlich denkbar ungünstig gelegenen Grund Jägers – ausgerichtet nach Norden, gen Süden ein doch hoher, felsiger Hang – umsetzbar ist, war erst gar nicht sicher. Die Bestätigung brachten erst ein Ausflug zu realisierten Projekten in Bayern und genaue Berechungen. Doch damit war es längst nicht getan. Etliche Kostenvoranschläge wurden eingeholt, einer belief sich gar auf rund 500.000 Euro. Abseits davon, die vielen Konzepte waren alles mögliche, nur kein Sonnenhaus. Schließlich fand sich mit Klammer ein Planer, der mit einem geknickten Baukörper das Optimum für Sonneneinstrahlung für Anlage wie auch Wohlbefinden erreichte. Eine Kooperation, die sich witzigerweise im gemeinsamen Gesangschor ergab. Und geplante Baukosten von rund 250.000 Euro ermöglichte.

Schwierig war es auch, einen Anlagenbauer zu finden. Erst in Passau ist man bei der Firma Schuster fündig geworden. Trotzdem ärgert sich der Pionier Jäger: „Wir haben keinen Installateur gefunden, der bereit gewesen wäre, etwas dazuzulernen. Dabei wollte ich auch Know-how nach Österreich bringen. Das war teilweise sehr frustrierend.“ Doch es geht, wenn man will. Und Jäger wollte. Der Rohbau soll noch heuer komplett stehen, irgendwann im kommenden Jahr wird eingezogen. Dann verschwindet auch das alte Fertigteilhaus. „Das wird mitgenommen. Ein Bauarbeiter wollte es haben“, konnte es Jäger erst gar nicht glauben. In der Runde wird gewitzelt: „Dann werden die Teile wohl durchnummeriert und am Plattensee wieder zusammengesteckt.“

Gebaut wird übrigens mit 50er-Ziegeln ohne zusätzliche Dämmung. Warum, erklärt der ebenfalls wartende Rudolf Ecklmayr vom Oberösterreichisch-Salzburgischen Zieglerverband. „Beinahe alle Energiekonzepte definieren sich über die Heizwärme. Das ist zu kurz gegriffen. Entscheidend sind die Primärenergie und der CO2-Ausstoß, eine gesamtheitliche und lebenslange Betrachtung“, sagt Ecklmayr. Gemeint: Wozu ein Haus extrem dämmen, bei gleichzeitig hohen und teuren Energiebedarf? „Es geht darum aufzuzeigen, dass energieeffiziente Häuser mit äußerst geringer Umweltbelastung und kostenloser Energieabdeckung möglich sind.“ Deshalb sponsert die Interessengemeinschaft im Rahmen einer Kampagne auch die Ziegel für die ersten drei österreichischen Sonnenhäuser.

Aber was ist mit Photovoltaik, Bauteilaktivierung, kontrollierter Wohnraumlüftung, fragen wir Jäger. „Dafür bin ich einfach zu alt. Ich wollte nicht neu wohnen lernen“, erklärt der baldige Neo-Sonnenhaus-Besitzer. Hoch erfreut, denn gerade schleppt sich ein Laster die Steigung empor. Jetzt kommt alles in Schwung. Das Dach des Lkws wird eingezogen, die Seile des Krans angehängt, der große, schwarze Kessel gehoben und in das Loch mitten im Rohbau versenkt. Dann ist es getan. Eigentlich keine Hexerei.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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