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„Der Wettbewerb wird sich grundlegend ändern“

16.09.2011

Heute reden alle von Nachhaltigkeit -- und hängen sich dabei oft genug nur ein grünes Mäntelchen um. Peter Maydl, Leiter des Instituts für Materialprüfung und Baustofftechnologie an der TU Graz, über Greenwashing und sensationelle Entwicklungen.

Von Peter Martens

Die Bauzeitung: Herr Maydl, seit wenigen Jahren gibt es kaum ein Unternehmen, das seine Produkte und Dienstleistungen nicht als besonders nachhaltig anpreist: Papierhersteller betonen die Recyclingfähigkeit von Papier, Autokonzerne stellen Verbrennungsmotoren als nachhaltig dar, Getränkehersteller loben die Nachhaltigkeit von Wegwerfflaschen aus Plastik. Kritiker sprechen hier von „Greenwashing". Wie geht es Ihnen damit?

Peter Maydl: Schlecht. Weil sehr viele, insbesondere die Entscheidungsträger, den Begriff verwenden, ohne dass er gerechtfertigt ist. Das Wort hat zwei Bedeutungen. Die eine ist das sehr alte deutsche Wort, das aus der Forstwirtschaft kommt und nachhaltig im Sinne von langfristig wirksam meint. Die andere Bedeutung meint ein Modell mit drei Säulen: den ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Bereich der Nachhaltigkeit. Heute sollte man den Begriff nur in diesem Sinne verwenden.

 

Auch in der heutigen Bauwirtschaft ist Nachhaltigkeit ein zentrales Schlagwort.

Es hat ein großes Umdenken eingesetzt, und vieles geht in die richtige Richtung. Doch heute dreht sich die Diskussion nur um Energie und Klima – das sind wesentliche Aspekte, aber das ist nicht alles. So denken viele bei einer absurd dicken Wärmedämmung, das sei nachhaltig. Oder bei Photovoltaik: Da muss man sich fragen, wie viel Strom produziert die Anlage während ihres gesamten Lebenszyklus? Und falls die in 20 oder 25 Jahren kaputtgeht: Kann ich ihre Bestandteile recyceln, oder produziere ich Sonderabfall? Deshalb entwickeln wir Zertifizierungen, um die Bewertung der Nachhaltigkeit zu objektivieren.

 

Zahlreiche Beobachter meinen, dass genau diese Zertifizierungssysteme derzeit noch nicht so relevant sind, wie sie sein sollten.

Die Entwicklung in dem Bereich ist sensationell, das war vor vier Jahren nicht vorhersehbar. In Österreich gibt es die Zertifizierungen nach ÖGNI und TQB, in Deutschland nach DGNB, in Großbritannien das Zertifikat Breeam und international das US-System Leeds. Diese Zertifizierungssysteme sind aufwändig, und noch stellen sich Investoren oft die Frage, ob sich diese Investition rechnet – aber das wird zunehmend gefordert. Was derzeit noch nicht funktioniert, ist die Überleitung von der Gebäudezertifizierung zur Immobilienbewertung. Weil bei der Immobilienbewertung die Langzeitaspekte kein Thema sind.

 

Oft stellen sich einzelne Sektoren der Baubranche als besonders nachhaltig dar. Wie bewerten Sie das?

Ich finde vor allem das Ausspielen der einzelnen Bauweisen und Baustoffe gegeneinander nicht gut. Denn es gibt keine schlechten Baustoffe, sondern unterschiedliche Eigenschaften. Der Trend geht hin zu einer Mischbauweise. Wenn Sie einen Holzbau nehmen: Der besteht zu 50 bis 60 Prozent aus Beton. So sollte jeder Baustoff dort genutzt werden, wo es am sinnvollsten ist.

Was erwartet uns beim nachhaltigen Bauen mittelfristig?

Anfang Juli 2013 tritt die Neufassung der europäischen Bauprodukteverordnung in Kraft, die den Wettbewerb unter den Bauprodukten verändern wird. Man kann derzeit keine genauen Details nennen, denn die Ausarbeitung der Novelle läuft noch. Doch ein Teil dieser Verordnung wird einige zentrale Kriterien der Nachhaltigkeit verpflichtend machen: die Nutzung natürlicher Ressourcen, die Kreislauffähigkeit, die Dauerhaftigkeit oder die Verwendung von sekundären Rohstoffen, also Stoffen wie recyceltem Beton, die bereits einmal verwendet wurden. Also die Rahmenbedingungen werden sich ganz erheblich verändern.

 

Einige Ihrer Kollegen weisen darauf hin, dass oft soziokulturelle Aspekte völlig ausgeblendet werden: So wird heute manches Gebäude als architektonisches und bautechnisches Highlight gefeiert, und in 20 oder 50 Jahren will niemand darin wohnen, weil es so hässlich ist.

Für nachhaltiges Bauen gibt es in Österreich zahlreiche hervorragende Beispiele. Aber sehr vieles geht auch in die falsche Richtung: Heute muss alles schief sein, was einen Mehraufwand bei der Bewehrung mit sich bringt, oft kombiniert mit reinen Stahl-Glas-Fassaden ohne Speichermasse. Es ist die Frage, wie nachhaltig das sein soll – aber ich will hier nicht Architekturkritik betreiben. Beim Hochbau zum Beispiel sind Gesamtenergiekonzepte sinnvoll. Deshalb sprechen wir vom integralen Planen, weil alle Fachplaner beteiligt sein müssen, nicht nur der Architekt. Denn grundsätzlich: Vor 2.000 Jahren musste ein Gebäude schön, standsicher und gut im Gebrauch sein. Heute muss es 20, 50 und mehr Kriterien erfüllen. Das Bauen wird nicht einfacher – es wird immer komplizierter.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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