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Die Baubranche im Casting-Fieber

23.01.2015

Wollen Sie die Zukunft Ihres Unternehmens kennenlernen? Dann nehmen Sie sich am 24. Februar besser nichts vor. Denn der Fachkräftenachwuchs präsentiert sich beim bundesweiten Bau-Lehrlingscasting.

Was für die Unterhaltungsindustrie gut ist, kann für die Baubranche nicht so schlecht sein, dachte sich möglicherweise Johannes Dinhobl, Baumeister aus Wiener Neustadt. 2011 bot er zehn Teilnehmern und Teilnehmerinnen die große Chance, sich im Rahmen eines Lehrlingscastings ein Stipendium für die Ausbildung vom Maurer bis zum Baumeister inklusive Führerschein zu erkämpfen. Und wenn eine Idee gut ist, dauert es nicht lange, bis sich Nachahmer finden. Die steirische Baufirma Robier zog mit einem hauseigenen Lehrlingscasting 2012 nach, 2013 folgte ein Casting für die gesamte Steiermark, veranstaltet von Landesinnung und Bauakademie. Rund 100 Teilnehmer wurden auf Herz und Nieren getestet. „Der Großteil konnte direkt im Anschluss vor Ort an ein Unternehmen vermittelt werden und befindet sich auch noch im Lehrverhältnis“, berichtet Kurt Graf, Landeslehrlingswart der Bauakademie Steiermark. Am 24. Februar 2015 folgt nun an sechs Bauakademien zum ersten Mal das bundesweite Bau-Lehrlings-Casting.

Großes Interesse

Mit dem Event will die Geschäftsstelle Bau den immer weiter sinkenden Lehrlingszahlen entgegenwirken. Seit 2010 verringerten sich die Zahlen kontinuierlich – von 3.815 auf 3.180 Lehrlinge in nur fünf Jahren. Auf allen Kanälen wird für das Lehrlingscasting geworben, und sowohl Lehrlingsexperten als auch Bauakademie-Leiter sind mit den Anmeldezahlen zufrieden. In Wien habe man bereits jetzt über 90 Anmeldungen, berichtet Lehrlingsexpertin Michaela Schindler. „Sogar ein paar Mädchen sind dabei“, ergänzt Andreas Hauser, Leiter der Wiener Bauakademie. Auch in Tirol ist man mit dem Interesse sehr zufrieden, betont der dortige Bauakademie-Leiter Norbert Pfurtscheller: „Wir sind bereits jetzt von dem Erfolg überzeugt und planen, künftig regelmäßig ein Lehrlingscasting durchzuführen.“ Auch in der Steiermark wird wie bereits vor zwei Jahren mit rund 100 Teilnehmern gerechnet.

Nachwuchs sichern

Das Lehrlingscasting soll aber nicht nur bei potenziellen Bewerbern das Interesse an einer Karriere am Bau wecken. Vor allem die heimischen Bauunternehmen profitieren davon. „Beim Casting wird eine Vorauswahl getroffen. Die Jugendlichen werden in Mathematik, Sport/Motorik und Allgemeinwissen getestet, und auch ein Aufsatz muss verfasst werden. Das größte Hauptaugenmerk wird die Jury allerdings auf das handwerkliche Geschick legen“, betont Kurt Graf, der bereits Casting-Erfahrung hat. „Unsere Teilnehmer müssen einen einfachen Kamin mauern. Entscheidend ist dabei vor allem die Maßgenauigkeit.“ Die Qualität der Lehrlinge habe sich durch das Casting auf alle Fälle erhöht, so Graf. In Wien hofft man durch das Event nicht nur auf bessere, sondern natürlich auch auf mehr Interessenten. Angesprochen wurden österreichweit schwerpunktmäßig Jugendliche aus polytechnischen Schulen und HTL-Abbrecher, aber auch Berufsinformationsmessen wurden erfolgreich für die Rekrutierung genutzt. Auch das Arbeitsmarktservice kooperiert und leitet geeignete Bewerbungen für eine Maurer-, Schalungsbau- oder Tiefbau-Lehre an die Lehrlingsexpertinnen weiter.

Bauunternehmer sind eingeladen, sich direkt vor Ort einen Eindruck vom Nachwuchs zu machen und sich die Wunschlehrlinge zu sichern. „Das ist das große Ziel – Firmen und Lehrlinge im direkten Kontakt zusammenzubringen“, so Pfurtscheller. Als Bauunternehmer spare man sich so auch eine Menge Zeit und Arbeit, betont Michaela Schindler. Bewerbungen und Zeugnisse werden bereits im Vorfeld von den Lehrlingsexpertinnen der Bundesländer gesammelt und geprüft. „Sollten die Unternehmer bereits Bewerbungen auf Lehrstellen bekommen haben, können sie die Jugendlichen natürlich auch gern zum Casting schicken und sich von den praktischen Fähigkeiten überzeugen“, so Schindler.

Lehrlingsquote muss Vergabekriterium werden

Doch es sind nicht nur die sinkenden Lehrlingszahlen, die in der Baubranche Sorgen bereiten. Es finden sich auch immer schwerer Unternehmen, die bereit sind auszubilden. „In der Steiermark ist es eigentlich noch ganz gut, aber in Wien ist das zum Teil schon ein Problem“, so die steirische Lehrlingsexpertin Karin Amtmann. Für Walther Wessiak, der aktuell im Bereich Baumeisterarbeiten fünf Lehrlinge ausbildet, ist das aber auch kein Wunder. „Vor vier Jahren war die Bereitschaft der Unternehmen auszubilden definitiv größer. Im vergangenen Jahr hat sich das schlagartig geändert, was großteils auf die schwache Konjunktur zurückzuführen ist. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Lehrlingsquote schleunigst als Kriterium bei Vergaben berücksichtigt wird.“

Im Rahmen der Initiative Faire Vergaben wurde bereits ein entsprechender Kriterienkatalog erstellt, der auch in der Novelle des Vergabegesetzes Berücksichtigung finden soll. Bereits im Vorfeld sprachen sich zahlreiche Landesregierungen und auch Unternehmen wie Asfinag und ÖBB für das Bestbieterprinzip aus. „Das ist schön und gut, aber die Umsetzung fehlt noch völlig“, kritisiert Wessiak. „Bis jetzt ist mir noch keine einzige Ausschreibung untergekommen, die als Kriterium die Lehrlingsquote mit dabei hatte. Das Bekenntnis dazu darf nicht nur auf dem Papier erfolgen, sondern es muss auch gelebt werden.“ Nur so könne man auf Dauer Sozialdumping unterbinden.

Nur Firmen, die gutausgebildete Fachkräfte haben, werden langfristig überleben, ist auch Kurt Graf überzeugt. Und gut ausgebildet heißt für ihn vor allem nach der heimischen trialen Ausbildungssystem. „Nicht jede Baufirma arbeitet gleich, viele setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Unternehmer, die selbst ausbilden, können sich die Buben so ‚herrichten‘, wie sie sie brauchen“, ergänzt er. Das sei langfristig gesehen ein großer Vorteil.

To be continued?

Auch wenn man erst den 24. Februar abwarten will, sind sich die Bauakademie-Verantwortlichen Hauser und Pfurtscheller einig: Das Lehrlingscasting 2015 soll nicht das letzte bleiben. „Ob bundesweit oder nur auf Landesebene wird sich erst zeigen“, erklärt Hauser, „das Feedback ist bis jetzt aber ausschließlich positiv.“ Auch einer möglichen Erweiterung des Castings auf Branchen wie dem Bauhilfsgewerbe stehe man in Tirol auf alle Fälle offen gegenüber, betont Norbert Pfurtscheller. Das Casting-Fieber hat die öster­reichische Baubranche offensichtlich ergriffen. 

 

Bau-Lehrlingscasting:

Vorbeikommen, zuschauen und vor Ort den Fachkräftenachwuchs kennenlernen – beim bundesweiten Bau-Lehrlingscasting können sich Bauunternehmer vor Ort vom handwerklichen Geschick der Teilnehmer überzeugen und auch gleich den eigenen Nachwuchs finden.

Termin: 24. Februar 2015

Orte: Bauakademien Kärnten, NÖ, OÖ, Salzburg, Steiermark, Tirol und Wien

www.baulehrlingscasting.at

www.bauakademie.at

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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