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Drei Fragen an die Bauzukunft

03.12.2010

2011 wird es für die Bauwirtschaft nicht einfacher, sind sich heimische Experten, Interessenvertreter und Unternehmer einig. Die bauzeitung fragte nach Krise, Marktveränderungen und Strategien fürs kommende Jahr.

Der Blick in die Zukunft ist Astrologen und Hellsehern vorbehalten. Wer darauf nicht setzen mag, ist mit Fakten und Expertenmeinungen besser beraten. Und die zeichnen für das kommende Baujahr kein erfreuliches Bild: An eine Erholung auf Österreichs Baustellen ist vorerst nicht zu denken. Die Bauwirtschaft konnte sich auch im 3. Quartal 2010 nicht aus der Krise lösen, stellt das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo in einer Schätzung Anfang November fest. Sowohl die Wertschöpfung (–0,3 Prozent) als auch die Nachfrage nach Bauinvestitionen waren neuerlich rückläufig. Wie berichtet, ist besonders der Tiefbau betroffen. Der sackte im zweiten Quartal gar auf –14,2 Prozent bei Produktionswert und Auftragsbestand ab. Gesamtwirtschaftlich entspannte sich die Lage, das Bruttoinlandsprodukt hält im dritten Quartal bei +0,9 Prozent (real 2,4 Prozent).

Abseits von blanken Zahlen bestimmen jedoch Meinungsbildner und Entscheidungsträger die Realität. Drei Fragen stellte die bauzeitung daher Bauwirtschaftsexperten, Interessenvertreter und Unternehmer: Ist die Krise vorbei? Welche markanten Marktveränderungen erwarten uns? Und welche Strategien gibt es 2011?

Kein Ende der Krise
„Die Gesamtkonjunktur zieht zwar wieder an, die Zahl der Arbeitslosen geht zurück, aber für die Bauwirtschaft gelten teilweise andere Gesetze. Hier treten die Folgen der Wirtschaftskrise zeitverzögert auf. Der Höhepunkt des Produktionsrückgangs hat uns bereits heuer erreicht, er wird aber auch noch 2011 und 2012 anhalten“, prognostiziert Bundesinnungsmeister Hans-Werner Frömmel. Und rundum sind sich die Experten einig: Die Krise am Bau ist 2011 keinesfalls überwunden. „In einigen Baubereichen gibt es zwar Erholungstendenzen, vor allem im Wohnbau dürfte die Talfahrt gestoppt sein. Dennoch ist noch kein selbsttragender Aufschwung im Bau in Sicht“, bestätigt auch Maragarete Czerny vom Wifo. Auch international zeigt es sich: „Einige europäische Länder haben 2011 noch mit massiven Produktionsrückgängen zu kämpfen – vor allem Spanien, Irland und Portugal. Die Maßnahmen zur Budgetkonsolidierung haben – auch in Österreich – starke Kürzungen der öffentlichen Ausgaben und der Infrastruktur zur Folge. Dadurch wird der Tiefbau, der noch 2009 während der steilen Talfahrt durch Konjunkturprogramme gestützt wurde, 2011 weiter deutlich zurückgehen.“ Ihr Kollege vom Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen IIBW, Wolfgang Amann, ergänzt: „Es sieht so aus, dass wir wieder zu soliden Wachstumsraten zurückkehren. Aber Österreich ist keine Insel. Wir sind abhängig von den Entwicklungen in Deutschland und anderen EU-Ländern, vor allem auch von den mittel- und osteuropäischen Transformationsländern. Die Wohnungsbewilligungen sind nach wie vor rückläufig. Allerdings ist der Einbruch deutlich geringer als befürchtet.“ Und auch Walter Bornett von der KMU-Forschung kann keine Entwarnung geben: „Da Entwicklung und Erwartungen von einem niedrigen Niveau 2009 ausgehen, ist die Situation weiterhin schwierig. Daran wird sich auch 2011 nichts Wesentliches ändern. Wir werden uns generell auf geringe (gesamtwirtschaftliche) Wachstumsraten so um die ein bis zwei Prozent einstellen müssen.“

Mit gemischten Gefühlen sieht Richard Metzenbauer von Bilfinger Berger das Jahr 2011: „Ich rechne damit, dass es mit der Konjunktur weiter vorsichtig aufwärts geht. Aber da private Investitionen nur sehr zögerlich kommen und Bund, Länder sowie Gemeinden zu sparen beginnen und anstehende Infrastrukturprogramme hinauszögern, könnte die Bauwirtschaft nächstes Jahr schlechter als der Gesamtmarkt abschneiden.“ Durchwegs betroffen geben sich auch die Baustoffhersteller, deren Produktion als Indikator gilt. Etwa die Zementindustrie. „Wir können an der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung noch nicht partizipieren und sehen auch für das kommende Jahr keine Erholung“, zieht Felix Friembichler von der Vereinigung der Zementindustrie VÖZ Bilanz. 2009 sank der Zementverbrauch in Österreich im Jahresvergleich um 16 Prozent. Die Zahlen für 2010 lassen einen weiteren Rückgang um bis zu zehn Prozent befürchten. Die Einschätzung für das Jahr 2011 schwankt zwischen gleichbleibend und einem Rückgang von bis zu fünf Prozent. Noch härter, wenn auch differenziert, sieht das Robert Schmid, Chef von Wopfinger Baustoffindustrie (baumit): „Die Krise ist nicht vorbei, im Gegenteil – sie fängt erst an. Wobei ich auch sagen muss, dass wir uns in den vergangenen Jahren noch immer auf hohem Niveau befunden haben, was ohnehin schwer haltbar gewesen wäre.“ Im Wohnbau haben sich Wohnbauförderung und gemeinnützige Bauträger als stabilisierende Elemente erwiesen. Christian Weinhapl von Wienerberger sichtet aber selbst hier drohende Engpässe: „Sollte es zu zusätzlichen Kürzungen bei den Wohnbaugeldern kommen, sind stärkere Rückgänge zu erwarten. Deshalb sind die verantwortlichen Politiker aufzufordern, rechtzeitig gegenzusteuer, um die Inlandskonjunktur-Lokomotive Bau nicht abzuwürgen.“ Und auch Karl Wurm vom Verband Gemeinnütziger Bauvereinigungen GBV meldet angesichts von Sparmaßnahmen Sorgen an: „Die gemeinnützigen Wohnbauunternehmen haben aufgrund ihres Geschäftsmodells und ihrer hohen Bonität die Krise ohne Schrammen überstanden. Was sie zu spüren bekommen, ist die Politik der knappen Kassen in den Ländern, die sich in rückläufigen Förderungsmitteln festmachen lässt.“

Doch scheinbar trifft die fortlaufende Krise nicht alle. Gegen den Strom scheint die Baumaschinenbranche zu schwimmen. Deren Mawev-Präsident Ferdinand Beringer gibt sich zuversichtlich: „Man merkt allgemein, aber auch an der Nachfrage nach Maschinen, dass die schwierigsten Zeiten langsam vorbei sind. Die Verkaufsstatistiken für das erste Halbjahr 2010 belegen diesen gegenüber 2009 gestiegenen Trend. Zurzeit werden wieder mehr Radlader, Hydraulikbagger, Anbaugeräte und Turmdrehkräne verkauft.“ Und auch dem Bauhilfsgewerbe gehe es gut, meint deren Bundesinnungsmeisterin Irene Wedl-Kogler: „In unserer Branche hat bisher keine Krise stattgefunden. Und ich erwarte mir auch für 2011 keine Änderungen, bestenfalls für 2012/13. Kommendes Jahr wird die Aktion zur thermischen Sanierung positive Auswirkungen zeigen.“

Veränderte Bedingungen
Was dem Bau 2011 dennoch blüht, prognostiziert Friembichler: „Ein Rückgang von dreißig Prozent binnen drei Jahren und kein Anzeichen eines Aufschwungs trotz leichter Erholung der Gesamtwirtschaft sind durch die Krise allein nicht erklärbar. Wie es scheint, müssen wir uns neben der Krisenbewältigung auch mit einem Strukturwandel der Wirtschaftsleistung auseinandersetzen.“ Vor allem die öffentliche Hand könne nicht wie bisher ein Großprojekt auf das nächste folgen lassen. Daher, folgert auch Hans Peter Haselsteiner, Strabag-Chef und Vibö-Präsident: „Wer weiß, wie sich der private Sektor in 2011/12 verhält, der weiß, wie es der Bauwirtschaft gehen wird.“ Investitionskürzungen der öffentlichen Hand wurden erwartet; die Frage sei aber, ob die Nachfrage aus dem privaten Bereich die fehlende Nachfrage aus dem öffentlichen Sektor kompensieren wird. Aus Richtung Osten droht für Branchenchef Frömmel eine wesentliche Änderung am heimischen Markt: „Besonders gespannt blicken wir auf den 1. Mai, wenn der Arbeitsmarkt den Staatsbürgern der acht neuen EU-Mitgliedern offensteht. Die Bundesinnung Bau wird genau verfolgen, ob der neue Wettbewerb das österreichische Sozial- und Kollektivvertragsrecht einhält oder ob unsere Mitglieder unfairen Methoden ausgesetzt sind.“

„Ich erwarte mir durch die Öffnung des Arbeitsmarkts positive Impulse“, sieht Gerhard Huber von der Huber Warenhandel und Transport GmbH im Erdbau-, Mulden- und Deponiegeschäft hier durchaus Chancen. „Personalengpässe sollten sich nächstes Jahr besser abdecken lassen.“ Mit Sorgenfalten stellt Huber aber fest, dass sich die Ausschreibungen von vielen Infrastrukturprojekten verzögern. Und trotz optimistischer Sicht erkennt auch Karl Bier vom Realitätenentwickler UBM Gefahren für 2011: „Man muss bedenken, dass der Aufschwung auf wackeligen Beinen steht.

Rohstoffverknappung, höhere Energiepreise, eine politische Krise oder ein Terroranschlag könnten die Erholung rasch zunichtemachen.“ Jedenfalls, stellt Dietmar Aluta-Oltyan, Aufsichtsratspräsident bei Alpine, fest: „Die Situation wird uns in den nächsten Jahren erhalten bleiben. Das trifft auf unseren Heimmarkt wie auch international zu, wo wir, so wie die gesamte Branche, mit erschwerten Rahmenbedingungen und einem sicherlich ansteigendem Preisdruck konfrontiert sein werden.“ Das gilt auch für den Wohnbau. Amann: „Sinkende Wohnungsneubauraten werden weiterhin Druck auf den Wohnungsmarkt ausüben.“ Zudem steht auch die Frage der Ausrichtung bei den Wohnbaumittel im Raum. Norbert Prommer vom Verband der Ziegelwerke VÖZ: „Die Wohnbeihilfe ist leider im Steigen begriffen. Hierbei sind zusätzlich 100 Millionen Euro bis 2013 erforderlich. Dadurch steigt der Druck auf den Neubau weiter.“

Erfolgsrezepte für 2011
Und wie geht’s weiter? Welche Ratschläge geben die Experten und Unternehmenskollegen der Bauwirtschaft? Das Erschließen neuer Betätigungsfelder ist der Weg, den die Strabag eingeschlagen hat. Haselsteiner: „Wir investieren in Nischenmärkte wie Wasserstraßenbau, Eisenbahnbau und Umwelttechnik, da durch den Wettbewerbsdruck die Margen im klassischen Bau abnehmen werden.“ Dem kann auch Aluta-Oltyan nur zustimmen: „Wir sind gezwungen, unsere Chancen vermehrt auf den internationalen Märkten zu suchen. Wir werden dort, wo es nach wie vor eine gute Baukonjunktur gibt – wie in Indien, Polen und Russland – weiterhin wachsen und natürlich neue Märkte evaluieren, wie Australien. Es kann durchaus sein, dass wir uns aus dem einen oder anderen Land, wo in der nächsten Zukunft mangels Budgets keine relevanten Aufträge vergeben werden, auch zurückziehen. Wir sind flexibel und gut organisiert.“

Zum Umdenken rät auch Czerny vom Wifo: „Energieeffiziente Bauten und Investitionen in nachhaltige Bautechnologie haben sehr gute Zukunftsaussichten. Ein strategischer Schwerpunkt der Bautätigkeit 2011 liegt in der Forcierung von energieeffizienten Neubauten und in der thermischen Sanierung des Gebäudebestandes.“ Kundennähe könnte kommendes Jahr ebenfalls ein entscheidender Faktor werden. Bornett von der KMU-Forschung: „Nicht nur, aber auch angesichts der Budgetnöte der öffentlichen Hand werden private Auftraggeber an Bedeutung gewinnen, vor allem im Renovierungs- und Sanierungsbereich. Dieses Marktsegment ist äußerst beratungsintensiv und erfordert von Unternehmen und ihren Mitarbeitern ein Höchstmaß an sozialer Kompetenz.“ Darüber hinaus werde es verstärkt darum gehen, potenzielle Kunden davon überzeugen zu können, dass Investitionen von A wie Althaussanierung über E wie Energieoptimierung bis Z wie Zubauten zur Anhebung des Komforts sinnvoller sind als darauf zu warten, dass die Inflation die Ersparnisse aufbraucht. Wichtig wird auch die Absicherung im Bereich Wohnbau als stabilisierendes Element der Bauwirtschaft. Wurm vom GBV: „2011 wird wohl mehr denn je die Sicherung der Finanzierung leistbaren Wohnens im Mittelpunkt der Agenda der Gemeinnützigen stehen. Ziel muss eine nachhaltige Absicherung des im Wohnungsgemeinnützigkeitssystem angelegten Generationenausgleichs sein. Das kann nur durch eine Stärkung der gemeinnützigen Eigenkapitalbildung und -bindung erfolgen.“

„Qualität, Qualität, Qualität – Auch wenn es eng wird, müssen wir auf unserem hohen Niveau bleiben“, bringt es Schmid von Wopfinger auf den Punkt. Und: „Wir setzen weiterhin stark auf die Entwicklung hochwertiger Produkte und dürfen unsere Innovationsdynamik auf keinen Fall reduzieren.“ Gleiches strebt auch Wienerberger an, so Weinhapl: „Rechtzeitig zur Bausaison 2011 sind wieder richtungsweisende Produktneuheiten in Vorbereitung. Qualitatives Wachstum, eine klare Vertriebsstrategie mit intensiven und stabilen Kundenbeziehungen und eine technische Gesamtbetreuung sind die wesentlichen Stellhebeln.“ Und Friembichler gibt folgende Devise aus: „Die Zementindustrie begegnet der verringerten Nachfrage mit verstärkten Anstrengungen im Bereich der Forschung, Entwicklung und Ausbildung.“

Letzteres, so Thomas Prigl, Leiter der BauAkademien, darf keinesfalls vergessen werden: „In der Ausbildung steigt der Bedarf an Zertifizierungen. Um die Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen, müssen wir kontinuierlich ausbilden, sodass die Bauwirtschaft morgen Facharbeiter und übermorgen Poliere auf den Baustellen hat.“

Helmut Melzer

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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