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Ehre dem Maurerhandwerk

06.11.2009

Mit dem Erhalt der Kellergassen soll die weltweit einzigartige Baukultur bewahrt werden. Der Weg zum -Weltkulturerbe ist, verbunden mit der Kunst des traditionellen Maurerhandwerks, spannend und steinig.

Raschala im Herbst - bunte Blätter, ländliche Ruhe, eine kleine Gasse mit in strahlendem Weiß gekalkten, kleinen, ebenerdigen Gebäuden: die Kellergasse im Bezirk Hollabrunn. Josef II. lockerte 1781 die Leibeigenschaft, es gab in fast jeder Ortschaft im Weinviertel eine Herrschaft. Frondienst und Zehent blieben, doch nur noch maximal 52 Tage im Jahr. Ab dem Zeitpunkt durften die Bauern Wein anbauen und vermarkten. Die meisten Keller entstanden um 1800 als Lager- und Verarbeitungsstätten.

Vom Maurer zum Architekt
Die Leidenschaft für das traditionelle Maurerhandwerk ist bei Architekt Helmut Leierer in jedem Satz spürbar - bei einem Besuch in "seiner" Kellergasse in Raschala aber kaum mehr zu bremsen. Leierer saniert, bessert aus, macht alte Bausünden rückgängig - gänzlich nach der alten Kellerbaumethode. Er ist von den Vorzügen der Lehmbauweise überzeugt - Ziegeln kommen dort zum Einsatz, wo sie notwendig sind oder den gelernten Maurer "optisch nicht stören". Er ist quasi der "Chef" in der Kellergasse, und wie auch kurze Gespräche mit Anrainern bestätigen: Nichts wird ohne Helmut Leierers Zustimmung umgebaut. Doch ganz so streng ist er dann auch wieder nicht - es darf innen schon ein bisschen modischer werden, nur auf den Erhalt des Straßenbildes, insbesondere der -Fassade mit Fenstergrößen und Dachkonstruktionen, darauf legt Leierer besonderen Wert.
Sein Leben führte Leierer zuerst in die Maurerlehre - "da lernte ich das Handwerk von der Pike auf". Ihm macht keiner so leicht etwas vor. "Das Erste, was ich mache, wenn ein Baumeistertrupp zu mir auf die Baustelle kommt: Ich nehme ihm die Wasserwaage und den Zollstock weg", lacht Leierer. Denn die grobe Struktur der Keller ist der Charakter der Gebäude. Der Erhalt der alten Baukultur wurde Leierer in der Pension zur Herzensangelegenheit und zugleich zum Fulltime-Hobby - nicht immer zur Freude seiner Frau.
Leierer zeichnete unter anderem für die Bauaufsicht beim Regierungsviertel St. Pölten verantwortlich, weitere Projekte von ihm sind der Flughafen Salzburg oder die Sporthalle in Hollabrunn. Vor einigen Jahren übergab er das Architekturbüro "seinem jungen Mitarbeiter" Ernst Maurer, der heute das Büro mit knapp 80 Leuten führt. Von der Maurerlehre zum Architekten - für Leierer der sinnvollste Weg: "Häufig kam ich auf Baustellen, wo mir mein Wissen aus der Praxis nützte, wenn nicht manchmal auch rettend zur Hilfe kam! Ich weiß, was technisch geht, was nicht. Die Akzeptanz auf der Baustelle stieg schlagartig - ich war dann nicht mehr der Architekt mit unrealistischen Ideen, sondern ein gleichwertiger Partner am Bau", lacht Leierer.
Zu den Weinkellern kam Leierer im Zuge seiner Selbstständigkeit. Als er in den 60er-Jahren sein Büro in Hollabrunn eröffnete, gab ihm der Bürgermeister den Tipp, sich einen Weinkeller zu kaufen - mit den Worten: "Wenn du in Hollabrunn etwas gelten willst, brauchst du einen Keller." So entstand das Interesse am Erhalt dieses weltweit einzigartigen Kulturerbes.

Einfach aber effektiv
Eine Besonderheit in der Kellergasse ist der Pinkelstein. Die Namensgebung entstand in illustrer Runde: Eduard Mörike beschrieb Mozarts Reise 1787 nach Prag. Angeblich rastete Mozart in der Kellergasse in Raschala. "Da sagte einer aus unserer Runde, Rudi Hesske, ein Malermeister, na, was wird er dort gemacht haben? … So entstand 1976 die Idee für das Denkmal für Mozart, in Form des Pinkelsteins", schmunzelt Leierer. Alle vier Jahre wird seitdem das Pinkelsteinfest gefeiert.
Das Wichtigste ist das Einfache, erklärt Leierer: "Damals wurde mit Lehm gebaut, maximal ein halber Meter Ziegelmauerwerk wurde als Sockel verwendet. Man kann bei einem Keller nichts dazugeben, nichts weglassen. Das ist ein reiner Zweckbau im guten Sinn." Anhand eines Kellers von 1803 zeigt Leierer die Funktionen eines solchen: Die Tür musste so groß sein, dass ein Fass reinpasste, vorne war das Gaitloch, bei dem die Trauben eingebracht wurden. Dann gibt es zwei kleine Lüftungsfenster, die das ganze Jahr offen waren. Bei dem gezeigten Keller ärgern ein paar Details - vor allem auch der nicht weiß gestrichene Stromkasten. Die Keller sind heute nicht mehr für den Weinbau geeignet - die hydraulischen Pressen hätten keinen Platz. Aber auch die Weinvergärung und Lagerung hat sich dermaßen verändert, dass diese Keller nicht mehr für die Weinherstellung taugen.
Weinkeller sind ein Phänomen. Es gibt in Niederösterreich 1.008 Kellergassen, im mährischen Raum 15, im Burgenland und in Ungarn jeweils zehn. 70 Prozent aller Kellergassen befinden sich in Hollabrunn und Bezirk Mistelbach.

Anspruch auf Weltkulturerbe
Das ist auch der Grund, warum Leierer dieses weltweit einzigartige Kulturgut erhalten will. Zurzeit bemüht sich Leierer, alle Keller unter Denkmalschutz zu bekommen. Bis dato gibt es zwei Kellergassen in Niederösterreich, die unter Denkmalschutz stehen, in Mailberg und in Absersdorf. Die Kellergasse in Raschala ist die zurzeit teuerste Kellergasse, die es gibt - einen Keller kann man ab 25.000 Euro haben.
Leierer hat einen Keller als Schaukeller saniert. Dort gibt es ein Riesenloch in der Fassade - durch einen "echten Bau-schwamm". Zur Bekämpfung muss das Mauerwerk abgetragen werden, an mehreren Stellen wurden tiefe Löcher gebohrt und mit Hochdruck Gift eingebraucht.
Leierer ist mit Baumeistern im Kontakt, die mit der alten Kellerbaumethode noch vertraut sind und auch das Lehmbauhandwerk beherrschen. Lange Latte und Reibbrett braucht er nicht. Der Putz darf auf keinen Fall verrieben werden, es wird frei aufgetragen, ohne Faschen, mit einem Schwert, das auch bei Estricharbeiten verwendet wird, dann mit der verkehrten Kelle oder einem Glättbrett abgezogen. "Die Flächen müssen möglichst glatt werden - das gelingt nicht, dadurch erhält die Fassade ihr charakteristisches Aussehen", strahlt Leierer vor Begeisterung bei der Erläuterung seines Wissens - er lernte bei seinem Lehrherrn, einem Baumeister in Hollabrunn, die alte Putztechnik. Leierer absolvierte die Staatsgewerbeschule in Salzburg. Danach studierte er bei Clemens Holzmeister, seine Kollegen waren unter anderem Gustav Peichl, Hans Hollein und Wilhelm Holzbauer.
Leierer zeigt den Aufbau eines traditionellen Kellers: Rundwuzzeln, Quaderstock und Lehmbau. Die Rundwuzzeln sind aus Lehm, man formte vermischt mit Hechsel-Batzen, am Ende wurde die Fläche mit dem Spaten abgestochen. "Das war die billigste Art - aber die am längsten haltbare. Versuchen Sie einmal ein Ziegelmauerwerk mit einem Krampen zu zerstören, das schaffen Sie, beim Lehmbau werden Sie sich plagen", so Leierer.
Warum gibt es dann heute kaum noch Lehmbau? "Das ist klar, Lehmbau funktioniert ja nur eingeschoßig. Mit Ziegeln konnte man erstmals mehrgeschoßig bauen. Im Jemen wird mit Lehm auf vier- bis fünfgeschoßig gebaut, allerdings nur sehr schma-le Bauten. Nach dem Lehmbau folgten Lehmbauquader." Auch die Böden in Weinkellern sind traditionell aus Lehm - da das staubt, sind auch andere Verlegungen "erlaubt": Im Weinviertel z. B. Schattauer-Pflaster, ein spezieller unverwüstlicher Stein, 20 mal 20 groß, gelb, mit einer Nut oder Nuten über Kreuz. Früher waren Dorfstraßen damit gepflastert. Gestattet sind auch Klinkerpflaster mit gebrochenen Kanten oder alte Ziegel im österreichischen Format - 15 mal 30 mal sieben Zentimeter. Erlaubt ist letztlich, was gefällt - Helmut Leierer entscheidet Geschmacksfragen jedoch mit. Er hat ein Ziel: Denkmalschutz ist zu wenig Ehre für die alte Baukultur, er will erreichen, dass die weltweit einzigartigen Kellergassen zum Weltkulturerbe erhoben werden.
GISELA GARY

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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