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„Eine der am meisten gefährdeten Branchen“

12.08.2011

Die Zahl der Insolvenzen am Bau ist doppelt so hoch wie der branchenübergreifende Durchschnitt. Schuld sind nicht nur die Umsatzeinbrüche, sagt Gerhard Weinhofer von Creditreform, sondern auch die ­Tatsache, dass Baubetriebe oft mehr auf ihre Qualität achten als auf die Buchhaltung. Von Peter Martens

Die Bauzeitung: Herr Weinhofer, beim Österreichischen Verband Creditreform analysieren Sie Daten zu Firmenpleiten, zugleich nehmen Sie bei Gericht direkt an Insolvenzprozessen teil. Was beobachten Sie in der Praxis?

Gerhard Weinhofer: In der österreichischen Unternehmenslandschaft gibt es sehr viele Betriebe, die von Eigentümern und Familien geführt werden. Sie legen meist den größten Wert darauf, ordentliche Produkte und Dienstleistungen zu liefern – und vernachlässigen dabei die Buchhaltung. Dabei gehört es aber zum kaufmännischen Um und Auf, Rechnungen korrekt und rechtzeitig auszustellen, oder es gehört die Frage geklärt, ob mein Geschäftspartner meine Produkte überhaupt bezahlen kann. Als kleine Firma kann ich einen oder zwei Forderungsverluste überstehen, bei dem dritten gerate ich selbst in die Gefahr einer Insolvenz. Es ist also das Gebot der Stunde, Risikomanagement zu betreiben und Vertrauen zwischen Geschäftspartnern zu schaffen, indem man sich über die wirtschaftliche Situation seines Gegenübers informiert.

Laut Ihren Daten gab es im ersten Halbjahr um fünf Prozent weniger Insolvenzen, laut dem Kreditschutzverband KSV1870 waren es um drei Prozent weniger. Branchenübergreifend verzeichnen Sie neun Insolvenzen auf 1.000 Unternehmen. An der Spitze der Insolvenzstatistik steht das Bauwesen hier gab es 18 Insolvenzen auf 1.000 Unternehmen. Weshalb der Unterschied?

Weinhofer: Dafür gibt zwei Gründe. Zum einen schaut es am Bau bei den Umsätzen deutlich schlechter aus als in anderen Branchen, nicht zuletzt wegen der ausgelaufenen Konjunkturprogramme der Regierung. Das spüren diejenigen Bauunternehmen besonders, die von öffentlichen Aufträgen leben. Laut unserer jüngsten Umfrage, die wir zweimal jährlich unter rund 7.000 KMUs durchführen, sind die Umsätze in den vergangenen sechs Monaten insgesamt um 20,5 Prozent gesunken. Beim Bau gingen sie um 36,8 Prozent zurück. Natürlich ergeben sich aus den Angaben der Befragten individuelle Zahlen, aber die Richtung ist eindeutig. Zum anderen ist es die Situation beim Eigenkapital. Man kann ein Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von mehr als 30 Prozent als gesund einstufen. Branchenübergreifend sind demnach etwa 35 Prozent der Firmen gesund, drei Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr. Beim Bau dagegen hatten vor einem Jahr noch 38 Prozent der Firmen eine gesunde Eigenkapitalquote. Dieser Wert ist inzwischen auf 28 Prozent gesunken – eine gravierende Verschiebung.

Seit Juli 2010 ist die Insolvenzrechtsnovelle in Kraft (IRÄG 2010, Anm.), die Insolvenzverfahren vereinfachen und mehr Firmen ein Überleben ermöglichen sollte. Wie ist Ihre Bilanz?

Weinhofer: Eine Intention des Gesetzgebers war es, das Scheitern von Unternehmern zu entstigmatisieren. Man wollte damit auch die Pleiten mangels Vermögens zurückdrängen und die Unternehmer motivieren, rechtzeitig zu handeln. Das heißt: Wenn es mir als Unternehmer schlecht geht, stecke ich nicht den Kopf in den Sand, sondern stelle einen Insolvenzantrag und sehe zu, dass es besser wird. Und mit Eigenverwaltung kann der bisherige Chef die Firma weiterführen. Wie wir sehen können, wurde heuer von allen 3.149 Unternehmensinsolvenzen bei 1.495 Fällen ein Insolvenzverfahren mangels Vermögens abgewiesen – das ist um sieben Prozent weniger als vor einem Jahr. Also die Absicht der Entstigmatisierung greift. Dazu war von allen eröffneten Verfahren etwa jedes fünfte ein Sanierungsverfahren, das zum Ziel hat, das Unternehmen zu sanieren und die Forderungen der Gläubiger zu befriedigen.

Bei den Regelungen für Gesellschaften mit beschränkter Haftung kritisiert der KSV, dass Pläne zuletzt wieder fallen­gelassen wurden, Gesellschafter mit einem Anteil von mehr als 25 Prozent bei Sanierungen zur Kasse zu bitten. Dabei hätten die Gesellschafter zuvor über Jahre – rechtmäßig oder nicht – Profit aus der Unternehmensbeteiligung gezogen. Laut KSV soll hier der Gesetzgeber dringend für mehr Gerechtigkeit sorgen. Unterstützen Sie diese Forderung?

Weinhofer: Ja, das sehen wir genauso.

Zum Schluss ein kurzer Ausblick. Wie geht die Entwicklung bei Unternehmensinsolvenzen weiter?

Weinhofer: Der Bau wird wohl eine der am meisten gefährdeten Branchen bleiben. Aber insgesamt wird die Anzahl der Insolvenzen mittelfristig weiter leicht zurückgehen.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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