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Einstürzende Neubauten:

08.06.2004

Beim Einsturz der Decke des erst ein Jahr alten Terminals 2 E auf dem Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle starben vier Menschen. Bauunternehmen müssen sich vor unkalkulierbaren Unglücken schützen.

Kurz vor sieben Uhr morgens, vor 13 Tagen, war im Terminal 2 E auf dem Pariser Flughafen Beton-Bersten und Krachen zu hören. Einige Personen machten auf Risse im Gemäuer aufmerksam. Sekunden später brachen 30 der insgesamt 650 Meter langen Röhre aus Beton, Stahl und Glas zusammen. Mehrere Tonnen schwere Trümmerteile aus Beton, Stahl und Glas bedeckten eine Fläche von etwa 50 mal 30 Metern. Vier Menschen starben unter den Trümmern. Zwei Maschinen aus New York und Johannesburg waren soeben gelandet, ein Flug nach Prag startete gerade.
Warum es zu dem Unglück kam, soll nun eine 15-köpfige Untersuchungskommission herausfinden. „Nichts deutet auf einen Terroranschlag hin“, versicherte Verkehrsminister Gilles de Robien.
Der röhrenförmige 650 Meter lange Terminal 2E war als neuer Blickfang wie auch als Aushängeschild des Pariser Flughafens gedacht. Die Wartehalle führte zu 17 Flugzeug-Andockstationen. Die 70 Meter breite Röhre aus Stahlbeton trug sich ohne Säulen selbst. Noch kein Jahr in Betrieb, droht nun der Komplettabriss des Terminals. Die Flughafengewerkschaft UNSA betont als möglichen Grund für den Einsturz der Halle den starken Termindruck, unter dem gebaut wurde. Als besonders schwierig kritisiert die Gewerkschaft die Koordination der rund 400 Sub-Unternehmer, die an dem Bau der Halle beschäftigt waren. Damit gehen laut Gewerkschaft leicht Verantwortlichkeiten verloren.
Auch der Aspekt des Temperatureinflusses wird zurzeit von den Gutachtern untersucht. Betonzylinder dehnen sich bei Hitze bis zu acht Zentimeter mehr aus als ein Glasmantel. Deshalb waren bei dem Terminal auch flexible Aufhängungen und eine spezielle Belüftung nötig. Wolfgang Vasko, Bauingenieur, ist davon überzeugt, dass der Temperaturunterschied eine entscheidende Rolle gespielt hat: „Dieses System, das auf dem Pariser Flughafen gewählt wurde, kann theoretisch gut beherrscht werden, ist aber anfällig auf Herstellungsfehler. Die Konstruktion an sich ist sehr heikel. Am Papier wird alles errechnet, ich weiß als Statiker, wo welche Kräfte sind. Beton übernimmt Zugkräfte, er hat auch eine Beständigkeit – doch sobald ein kleiner Riss entsteht, wird es gefährlich. Auch die Lage der Geometrie kann sich durch nur einen kleinen Mangel verändern, irgendwann ist die Geometrie so weit weg, so dass das Gewerk einstürzt.“ Vasko ist mit seinem Büro auf 2,5 Millionen Euro versichert – große Projekte versichert er zusätzlich wie zum Beispiel zurzeit den EKZ- und Bürobau in Prag.

Unbedingt versichern
Mit einer bebauten Fläche von 220.000 Quadratmetern war der Umbau der Gasometer in Wien eine der größten Baustellen Mitteleuropas. Die Ursachen des Einsturzes der Decke der Veranstaltungshalle im Gasometer B während der Bauarbeiten vor drei Jahren waren von der Versicherung gedeckt, die Ursachen waren ein Zusammenspiel mehrerer Gründe – das Bauingenieurbüro Fritsch & Chiari und Partner (FCP) waren mit der örtlichen Bauaufsicht, dem Projektmanagement und der Tragwerksplanung beauftragt, die Architekten CoopHimmelb(l)au planten die Halle. Eine Arge von Habau, Gerstl und Voitl waren die ausführenden Bauunternehmen. Der Tragwerksexperte FCP leitet zurzeit das Projektmanagement für den Wiener Flughafen, bis zum Jahr 2008 soll hier die Terminalerweiterung Nord-Ost fertiggestellt sein.
Reinhard Mechtler, Projektleiter der Gasometer für FCP, betont, dass nicht ein Schuldiger für den Einsturz der Decke der Veranstaltungshalle im Gasometer ermittelt wurde, sondern eine Vielzahl an zusammentreffenden Ursachen zu dem Zwischenfall ohne Personenschaden geführt hatte. Die Bauwesenversicherung der ausführenden Arge bezahlte die rund vier Millionen Euro Schaden. Einen einzigen Grund gibt’s kaum bei solchen Ereignissen, betont Mechtler: „Zu dem Unglück in Paris kann ich nur sagen, bei Betrachtung der Bilder ist für mich als Statiker die Konstruktion erahnbar. Bei den Gasometern handelt es sich um eine räumliche Tragstruktur, die sich eben anders verhält als eine ebene Tragstruktur wie bei dem Terminal in Paris.“ Temperaturschwankungen als Ursache für den Einsturz sieht Mechtler nicht. „Schalen-Konstruktionen sind sehr sensibel, aber auch die Zeitkomponente ist wichtig, gefährlich ist z. B., wenn zu früh ausgeschalt oder belastet wird.“
Der Franzose Paul Andreu ist der Architekt des Terminals. Andreu plante bereits an die 50 Terminals in Europa, Asien und Afrika.
Für den 650 Meter langen Flugsteig war unter der Leitung von Andreu der Architekt Gilles Goix verantwortlich. Die riesige ovale Röhren-Konstruktion besteht aus zehn zylindrischen, 30 Zentimeter dicken Stahlbeton-Schalen. Die Aluminiumkonstruktion trägt die 30.000 Quadratmeter umfassende und 36 Millimeter dicke Verglasung.
Zwei der Bauunternehmen (Eiffage und Vinci) spürten die Konsequenzen des Unglücks sofort – ihre Aktien rasselten blitzartig in den Keller.
Der Bau des Terminals 2 E ging erheblich schneller und kam um rund 20 Prozent günstiger als der des Vorgängerterminals 2 F. Sonderprämien, Nacht- und Feiertagsschichten machten die rasche Fertigstellung des Baus – von 1999 bis Juni 2003 – möglich.

Risken einberechnen
Bauunternehmen, Baumeister wie auch die Planerseite versichern für genau solche Schadensfälle ihr Büro mit ihren Leistungen – bei großen Projekten werden auch einzelne Zusatzversicherungen abgeschlossen. Neben der Bauwesenversicherung werden auch Betriebshaftpflichtversicherung, Planungshaftpflichtversicherung oder auch eine Baugeräteversicherung empfohlen. Bezahlt wird jeder unvorhersehbare Sachschaden, der Versicherungsschutz des Bauunternehmens reicht in der Regel bis zu Personenschäden.
Gerald Katzensteiner, Prokurist der VAV, die unter anderem auf Versicherungen für die Bauwirtschaft spezialisiert ist, warnt vor Fallen für Baumeister und Bauunternehmen in Bauverträgen: „Häufig versuchen Bauherren z. B. die verschuldensunabhängige Haftung gegenüber dem Nachbarn dem Bauunternehmer zuzuschieben. Aufpassen heißt es auch, wenn das Stichwort Baugrundrisiko fällt – wenn dies im Bauvertrag des Baumeisters steht, muss im Fall von Schäden, die
z. B. aufgrund des schlechten Grundes passieren, der Ausführende zahlen – dies sollte aber die Sache des Bauherren sein.“
Katzensteiner beobachtet zurzeit eine häufige „Fehlerquelle“: „Immer mehr Professionisten sind auf einer Baustelle zugleich tätig. Wenn was passiert, wird sofort ein Schuldiger gesucht. Jede Versicherung kommt mit ihrem eigenen Gutachter, in manchen Fällen findet auch eine gerichtliche Beweissicherung statt. Da gibt es dann häufig mehrere verschiedene Meinungen als Ursachenerklärung für einen Schadensfall.“
Bauherren bedienen sich vor allem bei größeren Projekten einer örtlichen Bauaufsicht. „Diese ersetzt aber nicht die Verantwortung für Ausführungsfehler – da kann sich eine Baufirma nicht auf die Bauaufsicht berufen“, so Katzensteiner.
Grundsätzlich hat jedes ausführende Bauunternehmen eine Betriebshaftpflichtversicherung, die zwischen ein und drei Promille vom Umsatz beträgt. Unternehmen, bei denen eine gewisse Schadenlastigkeit bekannt ist, müssen mit einem Selbstbehalt rechnen.
Am Tag nach dem Einsturz der Halle in Paris krachte es wieder im Gebälk – der Terminal wurde wegen akuter Einsturzgefahr sofort vollständig geräumt. Die Vermutung wurde laut, dass ein Wassereinbruch unter dem Röhrenbau das Gebäude instabil gemacht hat. Ein Gesamtabriss der Halle wurde erstmals angedacht. 750 Millionen Euro kostete der Terminal 2 E. Pierre Graff von der Flughafenbetreibergesellschaft Aeroports de Paris (ADP): „Wenn die Bauelemente irreparabel sind, aus denen der Terminal zusammengesetzt ist, werden wir selbstverständlich alles niederreißen.“

Die wichtigsten Versicherungen für Bauunternehmen*

• Bauwesenversicherung – Sachversicherung zum Schutz vor unvorhersehbaren Sachschäden an der eigenen Bauleistung. Versicherungsschutz bezieht sich auf die Gesamtherstellung des Gebäudes inklusive sämtlicher Professionistenleistungen bis zur Übergabe des Baus.
• Projektversicherung – je nach Umsatz errechnet, bietet Schutz vor allem bei großen oder besonders heiklen Projekten.
• Betriebshaftpflichtversicherung – vor allem für Bauunternehmer und alle im Baugewerbe tätigen Betrieb wichtig.
• Planungshaftpflichtversicherung – vor allem für planende Baumeister, Architekten und Zivilingenieure, zum Schutz vor Planungs-, Bauüberwachungs- oder Ausschreibungsfehlern.
• Baugeräteversicherung – Maschinenbruchversicherung, die Bauunternehmen vor allen Arten der Beschädigung oder Zerstörung absichert.
* Quelle: VAV

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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