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Engagierter Bau-Forscher

15.10.2010

Der studierte Kunsthistoriker lässt immer wieder mit seinen Forschungsergebnissen zum Thema Bauen und Wohnen aufhorchen. Wolfgang Amann liefert der Bauwirtschaft entscheidende Grundlagen und Perspektiven.

Der riesige, gemeinnützige Wohnbau direkt am Handelskai beherbergt das Büro von Wolfgang Amann. Der quirlige Vorarlberger hat sich in Wien als der Wohnbauforscher etabliert. Gemeinsam mit seiner Frau führt er sein Institut – das IIBW, Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen GmbH. Die Wohnung ist Büro – das Büro auch Wohnung: „Ich trenn da nicht so zwischen privat und beruflich, das geht zum Teil auch gar nicht“, so Amann. Dennoch, für seine Familie nimmt er sich Zeit – vor neun Uhr war kein Interviewtermin möglich, denn da wird der Sohn in den Kindergarten gebracht. Seit zehn Jahren arbeiten und leben die beiden Amanns unter einem Dach – und das ohne Reibereien. Jeder hat sein Forschungsgebiet, seine Frau stammt aus Russland und punktet mit Know-how in der Nachhaltigkeit, bei Energiethemen und dem osteuropäischen Markt. Das Büro ist pingelig aufgeräumt, nur ein Computer steht auf dem Schreibtisch. Daneben, auf einem eigenen Tisch, tippt Nadya, Amanns Frau, vor sich hin. Wolfgang Amann wurde als das dritte Kind eines Hochbauers in Vorarlberg geboren. Der Vater starb früh, doch auch der Stiefvater war im Bauwesen tätig. „Der Bau war mir quasi in die Wiege gelegt – aber mich hat immer eher die theoretische, die Forschungsebene interessiert“, erklärt Amann seinen Zugang zur Bauwirtschaft.

Faszination Film
Doch vorerst wollte Amann Architekt werden – rasch erkannte er die Fehlentscheidung und wechselte auf Kunstgeschichte. Bis zum heutigen Tag ist das sein Thema – mit Stolz verweist er auf historische Bilder in seiner Wohnung. Dazwischen hielt Amann kurz inne – „eine längere Orientierungsphase folgte“. Bei einem Blick auf Amanns Lebenslauf beeindrucken die Neustarts, die er im Lauf seines Lebens hinlegte. Doch jetzt scheint er „angekommen“ zu sein – beruflich wie auch privat.

Als Teenager wollte Amann unbedingt zum Film – das war und ist seine Leidenschaft: „Doch beim Kunstgeschichtestudium erkannte ich, dass mich die Gegenwart interessiert und vor allem große Projekte. Das war auch der Punkt, der mich beim Film fasziniert hat, eben einen Beitrag zur heutigen Kultur liefern und in großen Teams zu arbeiten. Auf diesem Weg entdeckte ich den Städtebau. Es wird Gegenwart erzeugt, unsere gebaute künstlerische Umwelt realisiert – im Zusammenwirken von sehr vielen Menschen.“ Zu einem seiner Vorbilder wurde Camillo Sitte, über den Amann auch seine Diplomarbeit machte. Das ist so eine Art Gegenposition zu Le Corbusier. „Camillo Sitte war derjenige, der Städtebau aus der Sicht des Betrachters kultiviert hat. Bei Camillo Sitte waren die Plätze wesentlich, die Außenräume, die Rezeption des Bewohners. Er nahm eine Gegenposition zu dem rein technischen Städtebau ein, der damals vorherrschte. Die gerade Linie gegen die krumme Linie sozusagen. Von der Methodologie her hat mich besonders Paul Feierabend beeindruckt, der gegen den Methodenzwang wetterte. Feier­abend wies nach, dass man auch in der Wissenschaft sich mit der Situation befassen muss, dass man sein Wertesystem, sein Bezugsystem selbst definieren muss.“ Amann ist seit 1984 in Wien. Seine Anfangsjahre verdiente er sich mit journalistischen Arbeiten. 1989 wurde er bei der Expo Vienna AG aufgenommen, für die Organisation der Weltausstellung für 1995. Ein Sprung ins kalte Wasser für den jungen Forscher: „Doch ich kam sehr rasch in entscheidungsnahe Bereiche, in die Abteilung für den städtebaulichen Wettbewerb.“

Erste Niederlage
1992 entschied sich die Bevölkerung mit Zweidrittelmehrheit gegen die Weltausstellung – und mit ebenfalls zwei Dritteln für das Kraftwerk Freudenau. Eine Enttäuschung für Amann – die ihm jedoch zu neuer Kraft verhalf. Die Immobilienpreise stiegen zur gleichen Zeit massiv – „es gab eine 20-prozentige Steigerung der Wohnungspreise innerhalb eines Jahres.“ Doch Amann schaffte rechtzeitig den Absprung zu einem Konsulenten der Expo Vienna AG, zu Synthesis, einem Forschungsinstitut. Damit war Amann klar, sein berufliches Thema ist Forschung und Beratung auf der einen Seite, anderseits war er von der Kombination Unternehmertum und Sozialdemokratie fasziniert.

Fasziniert von Forschung
Amanns Hauptauftraggeber war die Stadt Wien. Erneut musste er sich in völliges Neuland wagen – zuerst gleich als Projektleiter mit einer Evaluierung von filmkulturellen Einrichtungen in Österreich, dann in Richtung Wohnen und Stadtforschung. Mit einem großen Wohnungsmarktsimulationsprojekt, mit dem Wohnbedarf längerfristig ermittelt werden sollte, verdiente er seine ersten Lorbeeren und wurde in der Szene anerkannt. „Der damalige Stadtrat Swoboda hat das Institut für Stadtforschung aufgelassen. Das war in der Szene ein ziemlicher Aufruhr. Die damaligen Mitarbeiter des IS sind heute noch in der Branche sehr aktiv. Stadtrat Swoboda hat eine Lösung gefunden, dass Michael Wagner das IS formal übernimmt, den Bereich Stadtforschung und Wohnen übernahm ich“, erklärt Amann.
Mit der Etablierung im Städtebau schaffte Amann die Kurve rund um seine Interessen: Architektur – Kunst – Städtebau – Forschung. „Die Forschung hat mich sehr fasziniert, weil man damit in jungen Jahren und ohne im politischen Bereich tätig zu sein in Entscheidungsnähe kommen kann“, gesteht Amann.

Erste Selbstständigkeit
Bald jedoch erkannte Amann, dass er die Karrieredecke erreicht hatte – und trennte sich vom Stadt-Wien-nahen Büro. 1994 gründete er sein eigenes Büro. Ein alter Kunde, der Stadterneuerungsfonds, der jetzige Wohnfonds Wien, blieb ihm treu. In dieser Zeit trug Amann wesentlich zur Entwicklung der Bauträgerwettbewerbe bei.
1997 startete er mit Edelbert Köb und Winfried Kallinger das Projekt Town­scapeart, ein Versuch, Kunst am Bau zu realisieren. Ganz wieder Kunsthistoriker, war Amanns Idee, Bauträger für die Idee zu gewinnen, dass rund ein halbes Prozent der Bausumme für zeitgenössische Konzeptkunst im Rahmen eines Projekts investiert werden. Das Projekt scheiterte jedoch an der damaligen Stadtpolitik.
Dann wurde es eng für Amann – denn sich mit der Stadt anzulegen, bedeutet auch, dass man sofort geschnitten wird: „Mein Auftraggeber war die Bundeswohnbauforschung, und wenn man als Dienstleister in diesem Bereich bei der Stadt Wien tätig ist, aber zur Stadt selbst keinen Zugang findet, dann wird es schwierig“, schmunzelt Amann heute über die damalige Zwickmühle.

Amann setzte aber noch eins drauf. Er ärgerte sich damals gewaltig über die Idee, die Gasometer als Wohnbau zu entwickeln – „städteplanerisch und wirtschaftlich ein ziemlicher Fehlgriff“. Seinem Ärger verschaffte er in einem Artikel Luft, in dem er sich mit der Sinnhaftigkeit des Projekts auseinandersetzte. Mit der öffentlichen Kritik an diesem Projekt verlor Amann die letzten Projektaufträge durch die Stadt. Das war nicht nur ein wirtschaftlicher Schlag. Es bedeutete für Amann auch ein Scheitern des kreativen Miteinanders von Unternehmertum und Sozialdemokratie. „Ich wechselte die Seiten“, sieht es Amann im Abstand der Jahre entspannt. „Manche nannten mich damals einen Konvertiten.“

Sprung in die Wirtschaft
Er heuerte als Geschäftsführer der FGW an – einem ÖVP-nahen Forschungsverein für Bauen und Wohnen. Der Vorstand der FGW liest sich wie das Who’s who der österreichischen Spitzenmanager – von der Erste Bank bis zum Land Niederösterreich und dem Wirtschaftsministerium. Innerhalb weniger Jahre vervierfachte Amann mit seinem Team den Umsatz der FGW. „ Im Jahr 2000 gründeten wir eine GmbH für gewerbliche Projekte. Ich wollte die Aktivitäten in Richtung Mittel- und Osteuropa ausdehnen“, so Amann. Erneut stieß er an Grenzen. Einen starken Mentor in der Idee hatte er mit Erhard Busek, der damals Chef des Stabilitätspaktes für Südosteuropa war. Gemeinsam mit Busek und einer Reihe österreichischer Banken tüftelte Amann an Finanzierungskonzepten für leistbaren Wohnbau in Transformationsländern. Der Verein FGW aber wollte diesen Schritt über die Grenzen nicht mitmachen. Das führte schließlich nach acht gemeinsamen Jahren zur Trennung.

Da zeigt sich Amanns zäher – „nicht sturer!“ – Charakter im Sternzeichen Löwe. Wenn er etwas will, zieht er es durch. „Ja, Zähigkeit ist sicher eine meiner Stärken. In Osteuropa musste ich dann auch einige lange Durststrecken überstehen, um schlussendlich Projekte an Land zu ziehen.“ Also machte sich Amann wieder auf und erwarb die 2000 gegründete FGW GmbH, um sie als sein eigenes Forschungsunternehmen weiterzuführen.

Sehnsucht nach Sprachen
Mit einem fixen freien Mitarbeiterpool, auf den er kurzfristig zurückgreifen kann, arbeitet nun Amann höchst erfolgreich auf dem Sektor Wohnen-Bauen und liefert der Bau- und Immobilienbranche wichtige Basisdaten für ihre Strategien, aber auch, um Potenziale rechtzeitig aufzuspüren. Amann ist inzwischen Partner der Bauwirtschaft – gern werden auch kurzfristig Studien beauftragt. Er schätzt seine Gesprächspartner, wenn auch so mancher an seiner Geduld knabbert. Laut wird er in Auseinandersetzungen jedoch nie. „Aber ich vertrete meinen Standpunkt und bleibe dann auch bei meiner Position. Das wird mir gegenüber dann manchmal als mangelnde Beweglichkeit aufgefasst, manche behaupten, ich bin rechthaberisch“, gesteht Amann. Das räumt er auch als zeitweilige Schwäche ein. Als echtes Manko empfindet Amann jedoch sein mangelndes Sprachentalent – „Es hat mich Jahrzehnte gekosten, einigermaßen gutes Englisch zu sprechen und zu schreiben. Meine Erfolge im Russischen lassen leider auch zu wünschen übrig.“

Versöhnt und weitsichtig
Auf die Frage, ob er immer so ordentlich ist, muss Amann lachen: „Ähm, nein, nicht wirklich. Aber ich bin keiner, der Zettelberge sammelt – ich kann mich rasch von etwas trennen und schmeiß auch anfallsartig großzügig weg.“ Der Computer letztlich ist die Instanz, die ihm strukturiertes Arbeiten beibrachte. Das betriebswirtschaftliche Know-how lernte er während seiner vielfältigen Aufgaben.
Inzwischen beauftragt die Stadt Amann wieder – aber er nimmt es locker: „Ich bin keinem verpflichtet, versuche Aufträge nach Interesse auszuwählen. Der Auftraggeberkreis hat sich über die Jahre stark erweitert.“ Er sieht noch viel Potenzial in der Bauwirtschaft. Aber er streut dem Bau für die bereits erzielten Erfolge auch Rosen – die Entwicklung der Strabag ist für ihn unter anderem faszinierend. „Laut der aktuellen Zahlen steigen die Aktivitäten im Wohnbau wieder. Das ist sehr erfreulich und auch wichtig, in Anbetracht der zurückgehenden Tiefbauinvestitionen. In puncto Wohnbau hat Österreich einiges geleistet – eine unglaubliche Produktivitätssteigerung geschafft. Die durchschnittliche Wohnfläche ist in den vergangenen 20 Jahren stark angestiegen, auf 42 Quadratmeter pro Kopf.“

Dass die Ausgaben fürs Wohnen prozentuell steigen, bezeichnet er als unvermeidlich, gleichzeitig wurden auch die Standards des Wohnungsbestandes angehoben – dabei sieht er den gemeinnützigen Sektor in Österreich als ein europäisches Best-Practice-Modell.
Und welches Forschungsprojekt geistert nun in Amanns Kopf?
„Die Bauwirtschaft muss sich in puncto Nachhaltigkeit etwas einfallen lassen. Die Stoffflüsse der Bauwirtschaft sind enorm hoch, und auch wenn die Recycling­rate bereits sehr gut ist, ist dennoch ein Paradigmenwechsel erforderlich, betriebswirtschaftlich, dass es nicht am Wachstum hapert. Ich denke dabei an eine Entkoppelung von Umsatz und Stoffeinsatz. In diesem Themenbereich ist ein großer Handlungsbedarf gegeben“, so Amann.

Gisela Gary

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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