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Erfolgreiche Zukunftskonzepte

16.09.2009

Die Jugendarbeitslosigkeit explodiert – die Bauwirtschaft braucht und sucht hingegen dringend ­Nachwuchs. Schwache Auftragszeiten am Bau können zur Heranbildung von Fachkräften von morgen genutzt werden. Text: Gisela Gary

Die vielfältigen Berufe am Bau ermöglichen Karrieresprünge. Baumeister Christian Unterberger, Bauservice Unterberger, Salzburg, startete seine Unternehmerkarriere als Lehrling – drei Jahre Maurerlehre, drei Jahre Bauhandwerkerschule, Polier, Bauleitung, Baumeisterprüfung. Heute führt er ein höchst erfolgreichreiches mittelständisches Bauunternehmen mit 65 Mitarbeitern und zwölf Lehrlingen in Abersee. In der soeben übernommenen Zimmerei sind zwölf Mitarbeiter beschäftigt.

Beppo Muchitsch, Gewerkschaft Bau-Holz, kommt ebenso direkt vom Bau. Er engagiert sich für eine konstruktive Sozialpartnerschaft zwischen Wirtschaft und Politik: Er vertritt im Nationalrat die Interessen seiner Kollegen am Bau.
Prominente Beispiele für Karrieren und die unterschiedlichsten Jobmöglichkeiten in der Bauwirtschaft gibt es genug. Dennoch leidet das Image der Lehrberufe – obwohl der Lehrberuf Maurer, Schalungsbauer oder Tiefbauer der höchstdotierte Lehrberuf in einer noch dazu relativ krisenresistenten Branche ist.

Insgesamt waren per Ende Juli 10.336 Jugendliche auf Lehrstellensuche. Die Bauwirtschaft sucht hingegen dringend Lehrlinge – gebraucht werden jährlich an die 2.000. Die verschlechterte Arbeitsmarkt­lage trifft besonders Jugendliche, die gesamte Arbeitslosigkeit im Baubereich nahm im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent zu. Durchschnittlich waren bis Juli insgesamt ca. 38.000 Personen vom Bau arbeitslos oder in Schulung, im Vorjahr waren es noch ca. 30.000. Für den AMS ist gerade der Baubereich ein wichtiger Partner. Unter den Top 20 bei den Lehrlingszahlen finden sich Maurer, Tischler, Maler- und Anstreicher, Zimmer und Spengler.

„Zukunftsorientierte Unternehmen bilden ihren Facharbeiterbedarf rechtzeitig selbst aus: Sie setzen auf Lehrausbildung und Weiterbildung ihrer Arbeitskräfte. So können sie die Herausforderungen der Zukunft meistern. Immer wichtiger wird Spezialistenwissen im Umweltbereich. Zahlreiche Angebote zur Weiterbildung der Belegschaft, z. B. in Lehrbauhöfen, Bauhandwerker- und Werkmeisterschulen, stehen zur Verfügung. Neue Entwicklungen spiegeln sich auch in neuen Lehrberufen wider, wie das jüngste Beispiel des Transportbetontechnikers zeigt“, erklärt Johannes Kopf, Vorstand AMS.

Fachkräfte selbst ausbilden
Dennoch haben Unternehmer immer noch eine Scheu, Lehrlinge auszubilden. Für Baumeister Karl Ziegerhofer, Herbitschek GesmbH, ist das unverständlich. Er hat zurzeit 300 Mitarbeiter, von denen 50 Lehrlinge im Bau, Baunebengewerbe und Büro lernen. Seine Fachkräfte bildet Ziegerhofer selbst aus: „Wir leben vom Stammpersonal, aber wir sind auch in einer Region tätig, wo wir noch gute Lehrlinge bekommen. Wir merken aber auch, dass ein immer größerer Teil der Jugendlichen physisch und psychisch für einen Job am Bau gar nicht mehr in der Lage ist.
Viele Jungen suchen nur noch Wege, die Gesellschaftsstruktur, unser System, auszunützen. Damit sind sie auch schwer zu integrieren, lernen z. B. nicht mehr, auch mal eine harte Phase durchzustehen. Wir haben selbst viele Lehrlinge, die ihre Ausbildung mit Auszeichnung schaffen. Auch Weiterbildung ist bei uns selbstverständlich. Ein großer Teil unserer Führungsmannschaft rekrutiert sich bei mir aus der mittleren Ebene.“

Sozialminister Rudolf Hundstorfer versicherte vor kurzem, dass jeder Jugendliche, der eine Lehrstelle will, im Herbst eine bekommen wird: „Die Lehrstellenlücke wird mit Ende September deutlich kleiner werden, und für alle, die trotzdem keine Ausbildungsstelle gefunden haben, wird der Arbeitsmarktservice eine überbetriebliche Ausbildung anbieten.“
Die Zahlen des AMS bestätigen Hundstorfers Optimismus vorerst nicht. Ganz im Gegenteil, von einer Entspannung am Arbeitsmarkt sieht Herbert Buchinger, Vorstand des AMS, nichts.
Die Wirtschaftskrise spiegelt sich zurzeit vor allem in den Bauhilfsberufen wider. „Mittelfristig rechnen wir mit einer Stagnation der Beschäftigung in den Berufsfeldern Hochbau und Bautechnik sowie Holz- und Sägetechnik. Der Tiefbau wird weiterhin wachsen, allerdings vorerst weniger stark. Ein Anziehen der Konjunktur wird in der Folge aber sicherlich auch im Baubereich verstärkt neue Chancen bieten“, erklärt Kopf.

Vorbild BauAkademie
Lehrstellen finden Jugendliche auch auf der Seite www.lehrberuf.info.at, eine Plattform, die Schulen und Jugendliche bei der Lehrstellensuche unterstützt. Zurzeit gibt es mehr als 9.000 Lehrstellen – 1.000 davon am Bau, 1.500 im Baunebengewerbe. Lehrberuf.info ist aus einem Praxisprojekt der Polytechnischen Schule Enns entstanden.
Von 2003 bis 2008 leistete sich Österreich einen eigenen Regierungsbeauftragten für Jugendbeschäftigung und Lehrlingsausbildung. Egon Blum engagierte sich auf seinen Touren nahezu missionarisch quer durch Österreich. Die Bauwirtschaft mit den BauAkademien galt für ihn immer als Vorzeigebeispiel.
Einzigartig ist das triale Ausbildungssystem – die Lehrlinge werden an der BauAkademie, der Berufsschule und im Unternehmen ausgebildet. Blum zeigt sich kritisch: „Der zunehmend brisanter werdende Themenbereich Jugendbeschäftigung und Lehrlingsausbildung macht Eltern und Jugendlichen, aber auch vielen Unternehmen gleichermaßen Sorgen, zumal das von der Regierung beschlossene Lehrlingspaket offensichtlich zu wenig effektiv, noch effizient genug ist, die Schaffung von echten Lehrplätzen zu initiieren.“

Regierung gefordert
Bundeskanzler Werner Faymann beendete bei seinem Amtsantritt 2008 die Zusammenarbeit mit allen Regierungsbeauftragten. „Anstatt auf Regierungsbeauftragte zu setzen, ist es das Prinzip dieser Bundesregierung, dass die Ministerien ihre Verantwortung tragen“, erklärt Faymann.
Die Ausbildungsgarantie für Jugendliche bis 18 Jahre wird seitens der Regierung weitergeführt.
„Durch die Aufnahme eines Lehrlings kann ein Betrieb für den individuellen Bedarf qualifizierte Facharbeiter ausbilden und diese an das Unternehmen binden. Des Weiteren kann jeder Betrieb, der Lehrlinge ausbildet, von den vielfältigen Fördermöglichkeiten profitieren. Diese Fördermodelle für betriebsbezogene Lehrausbildung wurden seit 2008 sukzessive erweitert und werden seitdem möglichst betriebsnah abgewickelt. Durch die betriebsnahe Ausbildung eigener Facharbeiter für den individuellen Bedarf, die Integration junger Menschen in den Betrieb und die ­finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand ist die Lehrlingsausbildung somit für Betriebe in jeder Hinsicht lohnenswert“, ist Faymann überzeugt.

Vom 1. bis 3. Oktober 2009 findet im Austria Center Vienna die Startmesse 2009, Österreichs größte überregionale Lehrlingsmesse statt. Aussteller wie die Geschäftsstelle Bau, die ÖBB oder Strabag – mit dem größten Stand – werden die vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten vorstellen. Bei den immer spezifischer werdenden Berufsanforderungen wird die Suche nach geeigneten Kandidaten für Unternehmen immer kostspieliger und zeitintensiver. „Nach ersten Auslesekriterien, Nichterscheinen nach Einladung und vielen negativ ausfallenden Eignungstests reduziert sich die Zahl der Kandidaten um einen zweistelligen Prozentsatz“, erklärt Thomas Huber, Ausbildungsleiter bei der Strabag.

Generationenwechsel fehlt
Harald Kopececk, Leiter BauAkademie Österreich, bestätigt den Lehrlingsmangel. An Initiativen fehlt es der Bauwirtschaft jedoch nicht (siehe dazu auch Kasten bau.wissen). Die Förderung von 1.500 Euro pro Lehrling und Lehrjahr durch die Bauinnung wie auch die engagierte Arbeit der BauAkademien und Bundesinnung Bau zur Lehrlingswerbung zeigen erste positive Auswirkungen. Eine große Hilfe sind dabei auch die jeweiligen Lehrlingsexperten, welche in Schulen die Bauberufe vorstellen und die Jugendlichen zu einer Schnupperwoche an die BauAkademie einladen.
Kopececk beschreibt für sein Bundesland Oberösterreich ein starkes Gefälle zwischen Land und Stadt:
„Engpässe gibt es in den Städten, vor allem fehlen gute Lehrlinge mit Hausverstand und positivem Schulabschluss.“ 2009 zeichnet sich jedoch ein leichter Aufwärtstrend ab, zurzeit werden im BWZ Oberösterreich 718 Lehrlinge ausgebildet. 2010 wird in Oberösterreich zusätzlich mit einer zweiten Lehrlingsexpertin verstärkt auf die Lehrlingssuche gesetzt. An der BauAkademie Oberösterreich wird erstmals ab 2010 ein MBA Bauwirtschaft angeboten.

Chancen mit Höherqualifizierung
Die Zahlen des AMS zeigen, dass Besserqualifizierte leichter einen Job finden. Fast die Hälfte aller Arbeitslosen entfällt auf ungelernte Arbeiter. Anna Maria Hochhauser, Generalsekretärin der Wirtschaftskammer Österreich, warnt, dass unabhängig von der Wirtschaftskrise die Zahl der Jugendlichen – und damit der Lehrlinge – wegen geburtenschwacher Jahrgänge sinkt: „Unser Ziel ist es, einen Anteil von rund 40 Prozent der Jahrgänge zu erhalten, damit die Unternehmen auch in Zukunft auf gut ausgebildete Arbeitskräfte bauen können.“

Die nur schleppend steigenden Lehrlingszahlen werden von einer gewissen Überalterung begleitet, und kein Generationenwechsel erfolgt. Thomas Prigl, Leiter der BauAkademie Wien, warnt: „Ohne Steigerung der Lehrlingszahlen kann kein natürlicher Generationenwechsel erfolgen. Die Folge ist logisch: Facharbeitermangel.“ In Wien gibt es als Anreiz für Bauunternehmer zurzeit die höchste Lehrlingsförderung – für drei Jahre Lehrzeit insgesamt 13.364,02 Euro. Die Zahlen der Bauarbeiterurlaubskasse belegen: Die Anzahl der 50- bis 60-jährigen Arbeitnehmer am Bau steigt. Gleichzeitig sinkt die Zahl der bis 18-Jährigen.

Auch Niederösterreich sucht zurzeit dringend rund 200 Lehrlinge für die Bauberufe. „Wir haben heuer rund 580 Lehrlinge in Ausbildung. Für 2010 haben wir den Schwerpunkt thermische Althaussanierung gewählt, um die Jugend auf die Herausforderungen der Zukunft kompetent vorzubereiten“, erklärt Günter Graf, Leiter Lehrbauhof Haindorf, BauAkademie Niederösterreich.

Image verbessern
Das fehlende positive Image der Bauberufe ist für die mäßige Begeisterung der Jungen für eine Lehre zum Teil mitverantwortlich. „Das Image der Lehrberufe am Bau ist eigentlich gut. Die Baubranche selbst hat ein angegriffenes Image, aufgrund der diversen Skandale. Doch wir müssen unsere Leistung bringen und werden auch direkt daran gemessen“, so Ziegerhofer.
Wenn auch das Engagement bereits im Volksschulalter beginnt wie z. B. in Tirol: Dort startete die Bauinnung mit dem Pilotprojekt „Bau auf Bau“ mit dem Maskottchen Bauli – eine Aktionswoche in der Volksschule in Schwoich, bei der die Berufsmöglichkeiten am Bau spielerisch vorgestellt wurden. Das Echo war überaus positiv. Auch Tirol sucht rund 30 Lehrlinge, zurzeit sind 370 Lehrlinge in Ausbildung.
Eine weitere neue Kooperation mit dem AMS und der BauAkademie ist das Projekt Lehre und Spitzensport, dabei ist neben der Berufsausbildung das Training für den Spitzensport möglich. Acht Spieler von Rapid, Austria, Admira und Guntramsdorf absolvieren bereits ihre Lehre an der BauAkademie Wien, Lehrbauhof Ost, in Guntramsdorf.
Doch letztlich helfen alle Werbetrommeln zur Lehrlingsgewinnung nichts, wenn nicht jeder einzelne Bauunternehmer aktiv hinter der Lehrlingsausbildung steht, ist Unterberger überzeugt: „Ich sehe keinen Grund für das immer noch schlechte Image am Bau. Natürlich, die Anforderungen an jeden Einzelnen werden immer höher.“

Auch Bauunternehmer Ziegerhofer ist Werbekampagnen gegenüber eher skeptisch: „Wir dürfen den Jungen nicht versprechen, dass sie alle Stars und Unternehmer werden – denn solche Versprechen können wir nicht halten. Wir brauchen in der Bauwirtschaft nicht nur Häuptlinge, sondern auch Indianer, sprich kompetente, hochqualifizierte, verantwortungsvolle und leistungsfähige Fachkräfte. Der Lehrberuf am Bau ist ein attraktiver Arbeitsbereich – mit einer sehr guten Bezahlung und vielfältigen Karrierechancen, das muss die Botschaft sein.“

bau.wissen
Jugend für den Bau gewinnen

Maßnahmen der Standesvertretung
Kampagne Bau Deine Zukunft,
www.baudeinezukunft.at

Integrierte Kommunikation mit PR- und Werbemaßnahmen: Medienarbeit, Lehrlingsmagazin „Projekt B“, Inseraten in Printmedien und Online-Medien, Werbemitteln wie T-Shirts, Stickern und Roll-ups)

Ausbildungen der BauAkademien Österreich,
www.bauakademie.at

Lehrlingsexperten an den Schulen, in ­Zusammenarbeit mit den BauAkademien
Informationsveranstaltungen bei Messen, Berufsorientierungstagen sowie „Schnuppertagen“ in den BauAkademien selbst

Lehrstellenbörse:
www.lehrberuf.info

Lehrlingsausbildungsprämie von 1.500 Euro pro Lehrling und Jahr
„Bau auf Bau“ – mit Bauli
Kooperation mit dem AMS: Projekt „Lehre und Spitzensport“

Maßnahmen der Regierung
Aktion Zukunft Jugend ab 19: 120 Millionen Euro
Ausbildungsgarantie für 15- bis 18-Jährige
Erleichterungen bei der Anstellung des ersten Mitarbeiters in Einpersonenunternehmen
Solidaritätsprämienmodell

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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