Direkt zum Inhalt

Erwiesen, bewährt, zuverlässig

13.11.2009

Ohne Normen geht am Bau eigentlich gar nichts. Normen sind lediglich Empfehlungen – im Streitfall retten sie jedoch jeden einzelnen Projektbeteiligten, wenn er auf den Gebrauch der Richtlinien verweisen kann. Eine einheitliche Sprache am Bau in puncto Normen zu finden ist das Anliegen von Walter Ruck, Bauunternehmer und Landesinnungsmeister Bau Wien.

Er engagierte sich das gesamte vergangene Jahr für einen gemeinsamen Bezug der Normen für seine Mitglieder – mit Erfolg: Per Jänner 2010 werden Wiener Baumeister mit aufrechter Befugnis 200 Normen pro Jahr, individuell wählbar, kostenlos erhalten – inklusive Aktualisierungen.
Normen schützen das Baugewerbe und geben Sicherheit. Wenn ein Projektbeteiligter im Streitfall auf den Einsatz von Normen verweisen kann, können sich die empfohlenen Richtlinien als (existenz)­rettend erweisen. Die sogenannten Richtlinien fürs Bauen gelten als erwiesen, bewährt und zuverlässig und haben sich als unverzichtbares Werkzeug am Bau etabliert – sie sind jedoch teuer.
Die planende wie auch ausführende Bauwirtschaft beruft sich nahezu täglich auf Normen – doch viel zu oft auf veraltete, denn selten werden Aktualisierungen sofort erworben. Damit entsteht der Konflikt, dass mehrere an einem Projekt Beteiligte unterschiedliche Versionen nützen – dies führt zu gravierenden Reibungsverlusten und kostet Zeit und Geld.

Qualitätsoffensive gestartet
Mit seiner Initiative will Ruck und sein Team in der Landesinnung Bau Wien seinen Kollegen eines der wichtigsten Handwerkszeuge übergeben, denn ein Baumeister ohne aktuelle Norm ist für ihn wie „ein Techniker, der meine Waschmaschine reparieren kommt und den Schraubenzieher dazu von mir ausleiht“. Die Bedeutung der Normen ist durch die Aufnahme in die OIB-Richtlinien gewaltig gestiegen, um die 80 Normen werden darin zitiert.
Der Zusatznutzen für die Mitglieder durch den kostenlosen Bezug der Normen ist der eine positive Effekt. Viel wichtiger ist Ruck jedoch, dass seiner Meinung nach nur auf diesem Weg eine effiziente Marktdurchdringung und eine Qualitätsoffensive forciert werden kann. Das Potenzial liegt österreichweit bei rund 100.000 Unternehmen am Bau – Baugewerbe und Ziviltechniker. Der baurelevante Umsatz der Normen beträgt vier Millionen Euro.
Bis dato wurde der Vertrag mit dem österreichischen Normungsinstitut erst nur mit der Wiener Bauwirtschaft, der Landesinnung Bau Wien und den Ziviltechnikern der Landeskammer für Wien, Nieder­österreich und Burgenland vereinbart.
„Eine Norm ist eine standardisierte Schablone, ich reduziere dadurch die frustrierten Kosten, denn die meiste Zeit wird am Bau dadurch verschwendet, dass die Unternehmen divergierende Normen verwenden. Normen verändern sich – selten werden jedoch die aktuellsten verwendet. Wir müssen aber dafür sorgen, dass sich das Wissen schneller verbreitet“, erklärt Ruck seine Intention.
Die ersten Gespräche mit dem Normungsinstitut begannen vor einem Jahr. Erich Kern, Bauingenieur, Vasko+Partner, und Ruck erarbeiteten mit ihren Teams die Wünsche und Ziele. Erste Kritik wurde laut, dass zu viele Kompromisse und zu wenig Konsens bei der Normenwerdung herrscht, auch das eigene Engagement der Standesvertretungen in den Normungsausschüssen wurde dabei hinterfragt. Ab diesem Zeitpunkt wurde das Ziel verfolgt, die Interessen der Bauwirtschaft – der ausführenden als auch der planenden – zu bündeln. Rasch standen große gemeinsame Schnittmengen mit den Ziviltechnikern fest.

Baurelevantes Normenpaket
„Wir erkannten, wir brauchen ein baurelevantes Normenpaket. Nur so erreichen wir eine einheitliche Sprache“, so Ruck. Das Normungsinstitut zeigte sich gesprächsbereit. Ruck und Kern präsentierten ihre fortgeschrittene und umsetzungsreife Idee der jeweiligen Bundes­ebene. Die Resonanz war positiv. „Es gab keine Einwände, bloß soziologische Verhaltensmuster, wie sie Fredmud Malik einmal so treffend beschrieb: In einem Meeting präsentiert einer eine neue Idee. Sie wird diskutiert, befürwortet und alle freuen sich auf die Innovation. Ganz zum Schluss streut ein Teilnehmer – zumeist derjenige, der sich ansonsten selten kreativ einbringt – Zweifel, indem er zu bedenken gibt, dass bei der Umsetzung etwas nicht funktionieren könnte. Er nennt keine Argumente dafür oder dagegen, bloß seine Bedenken. Man hatte also Angst vor der eigenen Courage“, schmunzelt Ruck.
Die Idee für den gemeinsamen Bezug wurde letztlich im Wiener Innungsausschuss inklusive Finanzierungskonzept einstimmig beschlossen. Grundlage ist nun ein Zehnjahresvertrag der Landesinnung Bau Wien, der Länderkammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich und dem Burgenland mit dem Österreichischen Normungsinstitut. Jedes Mitglied mit aufrechter Befugnis erhält damit ab Jänner 2010 die Möglichkeit, 200 Normen individuell zu beziehen. „Das kostet das Mitglied nichts, das ist ein Service der Landesinnung Bau Wien. Wird diese Norm durch eine aktuelle Version ersetzt, behält das Mitglied die alte Version und bekommt automatisch die neue – die Aktualisierung zählt nicht als weitere neue Norm für das Paket“, erklärt Ruck das System. Die Landesinnung Bau Wien kostet das Normenpaket 240 Euro pro Mitglied und pro Jahr.
Dem Vertrag liegt eine ausführliche Status-qou-Erhebung zugrunde. Ruck erhob die Statistik, wie viele Normen jährlich gekauft werden. Die Architekten und Ingenieurkonsulenten leisteten sich zudem eine Umfrage – 67 Prozent sprachen sich für den gemeinsamen Bezug der Normen aus. „Wir haben die Normenkosten einzelner Firmen analysiert, Vasko+Partner gibt z. B. rund 8.000 Euro im Jahr für Normen aus, ein ausführendes kleines Bauunternehmen rund 1.500 Euro“, so Ruck.
Auch bei den Baumeistern wurde das Interesse an Normen im Zuge der neuen Baumeisterkampagne abgefragt – darin erklärten die Baumeister es als eine der wichtigsten Aufgaben der Standesvertretung, dass Normen günstiger bezogen werden können. Die Recherche kann nun als Benchmark für alle neun Länder herangezogen werden.

Gewaltiges Potenzial
Gemeinsam mit allen Bundesländern könnte ein noch besserer Preis für die Normen erzielt werden, die Bauwirtschaft hätte eine einheitliche Sprachregelung, die Qualität wäre auf einem Niveau. Ruck bestätigt das Interesse anderer Landesinnungen an dem Normenpaket – noch ist die Chance nicht vertan, bei den vergünstigsten Konditionen mit einzusteigen. „Wenn wir eine gemeinsame Technik mit den Ziviltechnikern schaffen, also ein gemeinsames Portal für die Bauwirtschaft österreichweit, dann ist das neben dem Nutzen und tollem Service für die tägliche Arbeit unserer Mitglieder ein deutliches Zeichen über den Tellerrand hinaus. Wenn das Potenzial zur Gänze ausgeschöpft wird, würden sich die Kosten pro Person auf ein Fünftel reduzieren. Wir zahlen derzeit ein Prozent des Einzelbezugspreises, dieser würde bei einem flächendeckenden Bezug auf 0,2 Prozent schrumpfen“, erklärt Ruck.
Im Zuge der Diskussionen kam noch ein zusätzlicher Aspekt zum Vorschein: Nicht die Anzahl der Mitglieder soll in den einzelnen Ausschüssen des Normungsinstitutes erhöht werden, sondern die Kompetenz. „Mein Zukunftswunsch ist, dass wir tatsächliche Experten, kompetente Standespolitiker in die Normwerdung in das Österreichische Normungsinstitut entsenden – und vielleicht vertritt dabei auch ab und zu einmal ein Ziviltechniker unsere Interessen“, erläutert Ruck. Zur Optimierung der Qualität am Bau werden ab Jänner Schulungen stattfinden – von der Suche bis zum richtigen Einsatz von Normen. Nach einer Testphase im Jänner soll der effektive Bezug spätestens mit März starten.
Kostengünstige Normen für alle – vor allem aber steht die Qualitätssteigerung im Vordergrund der Bemühungen der beiden Bauingenieure. Damit haben sie eine Vorreiterrolle, welche die Bauwirtschaft wie auch die Bauherren zu schätzen wissen werden.

(Redaktion: Gisela Gary)

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
Werbung

Weiterführende Themen

Normen
12.06.2019

Das dänische Normungsinstitut DS hat einen Antrag beim Europäischen Komitee für Normung für die Gründung eines Komitees zum Thema „Kreislaufwirtschaft im Bausektor“ eingebracht.

Die neuen Wiener Baumeister mit „ihrem“ Landesinnungsmeister Rainer­ Pawlick (Mittel links) bei der Meisterfeier.
Aktuelles
21.05.2019

Die WK Wien konnte Anfang Mai gleich 315 neue Meisterinnen und Meister begrüßen.

Normen
03.04.2019

Bauwerke sind auf statisch sichere Untergrundstrukturen angewiesen und fordern daher korrekt ausgeführte Erdarbeiten. Eine aktuelle europäische Normen-Serie sichert spezifisches Wissen.

Normen
19.03.2019

Bauwerke sind auf statisch sichere Untergrundstrukturen angewiesen und fordern daher korrekt ausgeführte Erdarbeiten. Eine aktuelle europäische Normen-Serie sichert spezifisches Wissen.

Normen
05.03.2019

Wie Tageslicht in Gebäuden optimal genutzt werden kann, wird in der neuen ÖNorm EN 17037 beschrieben.

Werbung