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EU-Osterweiterung:

03.05.2004

Am 1. Mai kommen weitere zehn Länder zur Europäischen Union. Österreichs Bauwirtschaft muss jetzt den Willen zum Wachsen zeigen.

Laut der jüngsten Prognose des Forschungsnetzwerkes „Euroconstruct“ wird das reale europäische Bauvolumen aufgrund der EU-Osterweiterung um 0,9 Prozent wachsen. Insgesamt also durchaus positive Perspektiven auch für Österreichs Bauwirtschaft. 2004 zeichnet sich in der europäischen Bauwirtschaft nach dem Rückgang im Vorjahr (minus 0,2 Prozent) eine Trendwende ab. 2005 wird sich die Erholung fortsetzen, erst 2006 ist mit einer massiveren Ausweitung zu rechnen (2005: plus 1,6 Prozent, 2006: plus 2,3 Prozent). Unterstützt wird die Aufwärtstendenz durch die zunehmende Dynamik des Infrastrukturausbaus und durch die Effekte der EU-Erweiterung. Margarete Czerny, Wifo, bestätigt die Prognosen von Euroconstruct: „Der beträchtliche Investitionsbedarf wird die Expansion des Bausektors erst 2005 und 2006 nachhaltig verstärken, wenn die Rahmenbedingungen für die nationale Kofinanzierung von großen Infrastrukturprojekten geschaffen wurde.“
In Ost-Mitteleuropa dürfte der Tiefbau neben dem Wohnungsneubau und dem Nichtwohnbau die Funktion des Konjunkturmotors übernehmen; im Gefolge der EU-Erweiterung wird die Nachfrage mit der Forcierung des Infrastrukturausbaus an Dynamik gewinnen. Der beträchtliche Investitionsbedarf wird die Expansion des Bausektors aber erst 2005 und 2006 nachhaltig verstärken, wenn die Rahmenbedingungen für die nationale Kofinanzierung von großen Infrastrukturprojekten geschaffen sein werden.
Horst Pöchhacker, Generaldirektor der Porr und Präsident der Vereinigung industrieller Bauunternehmen Österreichs (VIBÖ), relativiert den Positivismus und kritisiert, dass Europa bis dato der Wille zum Wachsen fehle. Dennoch rechnet Pöchhacker damit, dass die Osterweiterung den heimischen Baufirmen in den kommenden Jahren einen moderaten Volumens- und Gewinnschub verpassen wird.
Das Consultingunternehmen Roland Berger diagnostiziert in seiner soeben veröffentlichen Studie zur Bauindustrie für Österreich „eine durch die bevorstehende EU-Erweiterung spürbare Osteuropafantasie.“

Noch ist es nicht zu spät
Manfred Katzenschlager, Geschäftsführer Bundesinnung Bau, betont bei aller Euphorie, dass die EU-Erweiterung es notwendig mache, sich auch seitens des Baugewerbes auf die neuen Rahmenbedingungen einzustellen: „Wobei es noch nicht zu spät ist, um sich auf diesen Märkten zu engagieren und auch zu profitieren. Eine reine Abschottungspolitik ist aufgrund der zunehmenden Verflechtung der Märkte sicher auf die Dauer weder aufrecht zu erhalten noch praktikabel.“ Katzenschlager empfiehlt heimischen Bauunternehmern, eine „Kostenreduktion durch stärkere Automatisierung vorzunehmen. Derzeit entfallen 35 Prozent des Produktionswertes auf Personalkosten. Aber auch eine bessere Organisation des Personals sowie Koordination zwischen Planern und Bauausführenden kann helfen, Leerzeiten zu reduzieren und damit die Konkurrenzfähigkeit zu verbessern. Durch Effizienzkontrolle im Baustellenmanagement können Materialströme optimiert und Fehlzeiten reduziert werden. Das Kosteneinsparungspotential durch verkürzte Planungs- und Bauzeiten kann bis zu 20 Prozent betragen.“
Die Strabag macht inzwischen 25 Prozent ihres Umsatzes in den EU-Beitrittsländern, vor allem in Ungarn, Tschechien, Slowakei und Polen. Das Unternehmen begann sich bereits zu Beginn der 90er Jahre in den EU-Beitrittsländern zu positionieren. Kurt Irsiegler, Strabag Direktion: „Wir sind auf die Erweiterung sehr gut vorbereitet. Der Beitritt dieser Länder wird zu einer weiteren Annäherung und Erleichterung der unternehmerischen Beziehungen in vielen Teilbereichen führen. Wachstumsimpulse sehen wir im Hoch- wie auch im Straßenbau. Das vorhandene Know-how und unsere Finanzkraft sowie die bereits bewiesene Verlässlichkeit bei der Ausführung von Projekten sind die wesentlichen Vorteile bei der Bearbeitung dieser Märkte.“ Bezüglich Ausbildungsstandard der Bauwirtschaft in den Ostländern betont Irsiegler, dass das Niveau im allgemeinen unterschätzt werde: „Durch die Tatsache, dass wir sehr früh in den Beitrittsländern tätig waren, ist es auch gelungen, besonders fähige Mitarbeiter ans Unternehmen zu binden. Dies ist in Wachstumsphasen von besonderer Bedeutung, da gute Mitarbeiter ein Wettbewerbsvorteil sind, der vom Mitbewerb schwer aufgeholt werden kann, wenn sich das Arbeitskräfteangebot verknappt.“
Wienerberger, Österreichs größter Ziegelhersteller, ist seit Jahren im Geschäft mit den osteuropäischen Ländern. Rund 30 Prozent seines Gewinns kommen aus Ostmitteleuropa. Aber auch die österreichische Schmid Industrieholding, einer der größten europäischen Baustoffkonzerne mit den Unternehmen Baumit und Wopfinger, fährt bereits ein Drittel des Konzernumsatzes aus Ost- und Südeuropa ein.
„Die Wachstumsmärkte im Osten bieten auch für Bauunternehmen im gewerblichen Bereich Expansionsmöglichkeiten, wobei Kooperationen mit osteuropäischen Unternehmen sinnvoll sind. Allerdings verläuft auch der Bauaufschwung in diesen Ländern nicht störungsfrei. So waren beispielsweise in Polen 2001 und 2002 Einbrüche bei der Bauproduktion von sieben bzw. acht Prozent zu verzeichnen“, so Katzenschlager.
Der Ausbau der Infrastruktur ist der größte Hoffnungsschimmer für heimische Bauunternehmen. Die Chance liegt darin, in PPP-Modelle in den Ostländern einzusteigen. Die Strabag hat diesbezüglich bereits eine führende Rolle in Osteuropa mit z. B. Autobahnen in Ungarn und Polen. „Die Erfahrung, die wir daraus gewinnen konnten, wird künftig ein wesentlicher Vorteil bei der Teilnahme an derartigen Projekten sein. Angesichts der knappen Budgetmittel der öffentlichen Hand werden PPP-Projekte zunehmend Bedeutung bei der Realisierung neuer Infrastrukturprojekte haben“, so Irsiegler.
Gute Chancen sieht Katzenschlager für jene Betriebe, die Baudienste anbieten, die spezielles Know-how erfordern, kapitalintensiv produzieren und über Auslandskooperationen verfügen, denn diese sind weniger von den Risken betroffen. Aber auch die Erweiterung des Geschäftsfeldes auf Know-how intensive Bereiche der Immobilienwirtschaft ist für Katzenschlager Erfolg versprechend: „Nur 15 Prozent der Kosten einer Immobilie entfallen auf deren Herstellung, die restlichen 85 Prozent auf die Bewirtschaftung. Ein professionelles Facility Management kann über den gesamten Immobilienzyklus rund 39 Prozent an Kosten einsparen.“

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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