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EU-Osterweiterung / Interview:

03.05.2004

Die UBM Realitätenentwicklung ist als Porr-Tochter bereits seit zehn Jahren in den Ostländern umsatzstark tätig. UBM-Vorstandsmitglied Peter Maitz verrät ein paar Erfolgsgeheimnisse.

Die immer wieder geäußerten Erwartungen aber auch Ängste der österreichischen Bauwirtschaft sind Ihnen bekannt. Welche Bereiche der Bauwirtschaft haben aus Ihrer Sicht tatsächlich Grund zur Sorge – welche nicht?
Maitz: Der EU Beitritt ist ein Prozess, kein Ereignis. Handel und ausländische Investoren machen sich die Vorteile schon seit zirka zehn Jahren zunutze. Entscheidend ist die Entwicklung des Wachstums der Beitrittsländer, das unserer Meinung nach jedoch nicht durch den EU-Beitritt stark angeregt wird, sondern abhängig von einer stabilen makroökonomischen Politik, von Investitionen in Bildung sowie von Forschung und Entwicklung ist.
Wir als Immobilienprojektentwickler erwarten, dass nach dem EU-Beitritt die ausländischen Investitionen in den neuen EU-Mitgliedsstaaten zunehmen werden und die Investoren die bisher verlangten Risiko-Zuschläge verringern werden. Transparenz und Effektivität entwickeln und etablieren sich bereits jetzt. Ausländische Investitionen finden bereits jetzt in den Beitrittsländern statt, da die Beitrittsstaaten des Jahres 2004 Reformen bereits in den letzten Jahren umsetzten, um die EU-Kriterien zu erfüllen. Nach dem Beitritt werden die Barrieren des Eintritts in das jew. Land durch die EU-Regelungen noch verringert. Damit wird das Klima für Immobilieninvestments stabiler, das politische Risiko geringer, Handelsbarrieren entfallen, Kosten für Transaktionen werden sinken. Aber trotz voranschreitender Globalisierung ist der Schlüssel zum Erfolg in der Immobilienbranche immer noch, den lokalen Markt genau zu kennen und zu verstehen. Die Vergrößerung der EU unterstützt lediglich die Entwicklung von einheitlichen Standards und Praktiken von Immobilien-Investments.

Welche Arbeitsmarktveränderungen erwarten Sie? In Österreichs Bauwirtschaft herrscht akuter Fachkräfte-Mangel – eine Chancen durch die EU-Osterweiterung?
Maitz: Die EU-Osterweiterung zeichnet sich durch ein Wohlstandsgefälle zwischen den gegenwärtigen und den zukünftigen EU-Ländern aus, das im Vergleich zu früheren Erweiterungsrunden deutlich höher ist. Aufgrund des Wohlstandsgefälles erwarten wir anfänglich eine Arbeitskräftemigration zwischen gegenwärtigen und zukünftigen EU-Mitgliedsländern, deren Ausmaß aber stark von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung der neuen EU-Mitgliedsstaaten abhängt.
Wanderungen finden nur dann statt, falls das Einkommen und die Beschäftigungschancen in der Zielregion größer sind als in der Herkunftsregion. Die Beitrittskandidaten übertreffen hinsichtlich Wachstum zur Zeit die EU-Staaten. Durch die siebenjährige Übergangsfrist im Zusammenhang mit der Arbeitnehmerfreizügigkeit sind die Auswirkungen stark von der makroökonomischen Entwicklung während dieser Zeit abhängig und davon, in welchem Ausmaß die Regelungen der Einschränkungen der Arbeitnehmerfreizügigkeit tatsächlich exekutiert werden. In diesem Zusammenhang ist auch die Dienstleistungsfreiheit zu nennen, die ein wichtiger Bestandteil des EU-Rechts ist. Europäische Firmen bzw. Selbständige können so ihre Dienstleistungen ohne jegliche Beschränkung auch in den neuen Mitgliedsstaaten anbieten. Allerdings haben Deutschland und Österreich das Recht, ihre Dienstleistungsfreiheit in der Baubranche und in Teilbereichen des Handwerkes auf sieben Jahre einzuschränken. Hier bleibt den Beitrittstaaten das gleiche Recht vorbehalten. Daher kann nur abgewartet werden, wie weit diese Regelungen tatsächlich in Kraft treten.
Ein anderer Aspekt im Zusammenhang mit der Arbeitsmarktveränderung ist unserer Meinung nach die Sprachbarriere, die zwischen den Beitrittsländern und Österreich besteht.

Mit welchen Leistungen und welchem Know-how können heimische Baumeister/Bauunternehmen, vor allem auch KMU, in den EU-Osterweiterungsländern punkten?
Maitz: Die Stärke der heimischen Bauunternehmer ist die technische Erfahrung und die Kenntnis der internationalen Geschäftsgepflogenheiten in der Abwicklung, insbesondere die marktwirtschaftliche Tradition, die durch die zunehmende Globalisierung immer mehr an Bedeutung gewinnt. Die EU-Betrittsländer haben die Marktwirtschaft erst vor kurzem eingeführt. Die jahrelange Erfahrung im Bereich hochwertiger Bauausführung, insbesondere im Bereich der Bauabwicklung, dem Baumanagement und der Gebäudetechnik, bilden einen deutlichen technischen Wettbewerbsvorsprung. Große Chancen für österreichische Unternehmen bestehen vor allem darin, dass bis zur Lohnangleichung zwischen Österreich und seinen Ostnachbarn, die noch länger dauern wird, lohnintensive Arbeitsbereiche ausgelagert werden können und damit österreichische Unternehmen wettbewerbsfähiger werden. Die Kombination des technischen Wettbewerbsvorsprunges heimischer Unternehmen mit der Auslagerung der lohnintensiven Arbeitsbereiche in ein Beitrittsland kann ein großer Wettbewerbsvorteil werden.

Sie haben Erfahrungen mit dem Ausbildungsniveau der Bauwirtschaft in den Ostländern – gibt es hier massive Unterschiede zu Österreich?
Maitz: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass der Ausbildungsstand in den Städten sehr gut ist, in ländlichen Gebieten hingegen ist das Ausbildungsniveau oft problematisch. Für uns als Immobilienprojektentwickler hat dies aber keine Auswirkungen, da unsere Geschäftstätigkeit sich ausschließlich in Wirtschaftszentren befindet.

Ist das Lobbying für Österreichs Bauwirtschaft stark genug?
Maitz: Auf allen politischen wie auch wirtschaftlichen Ebenen werden in vielen Gesprächen und Veranstaltungen das technische Know-how und die Leistungsfähigkeit der Bauwirtschaft hervorgehoben. Letztendlich ist jedoch jede positive Abwicklung eines Bauobjektes das beste Lobbying.

Public-Private-Partnerships-Modelle: Chancen für Österreich, in Projekte in den ehemaligen Ostländern einzusteigen?
Maitz: Die Geschäftstätigkeit der UBM konzentriert sich auf Hochbau-Projekte, die entwickelt, realisiert und nach Fertigstellung verwertet werden. Im öffentlichen Hochbau (Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse, sonstige öffentliche Hochbauten) haben sich PPP weltweit etabliert. PPP-Modelle können eine gute Möglichkeit des Einstiegs in öffentliche Hochbauprojekte bieten, diese Projekte müssen aber eine mit anderen vergleichbare Wirtschaftlichkeit aufweisen, wobei die Rendite allein für uns nicht entscheidend ist, diese orientiert sich stark am Risiko, das mit dem jeweiligen Projekt verbunden ist. Für Infrastrukturprojekte wie Straßen, Brücken und Kraftwerke sehen wir Build-Operate-Transfer-Modelle (BOT), diese Modelle könnten für westeuropäische Baufirmen an Bedeutung beim Einstieg in Projekte in den ehemaligen Ostländern gewinnen.

UBM – vom Ziegelhersteller zum Projektentwickler

• 1873 als Union-Baumaterialien-Gesellschaft gegründet, seit damals an der Wiener Börse
• Eigentümer von zehn Ziegelwerken: zweitgrößter Ziegelhersteller der Monarchie
• Marktanteil von ca. 30 Prozent am Wiener Ziegelmarkt bewog die spätere Porr AG, sich die Aktienmehrheit an der UBM zu sichern, um so Unabhängigkeit in der Ziegelversorgung zu erreichen.
• Seit 1994: Entwicklung, Vermietung und der Verkauf von Immobilien in West- und Zentraleuropa (Deutschland, Polen, Tschechien, Ungarn und Slowakei). In Frankreich wird mit dem Mövenpick Dream Castle Hotel zurzeit ein 400-Gästezimmerhotel im Vier-Sterne-Bereich fertiggestellt.
• Projektentwicklung und Bauausführungen sind mit über 80 Prozent Umsatzanteil der Haupttätigkeitsbereich von UBM.
• 2003 erwirtschaftete die UBM-Gruppe einen Umsatz von rund 124 Millionen Euro.
• Hauptumsatzträger ist die Projektentwicklung und Bauausführung mit einem Umsatz von 77,3 Millionen Euro.
• Immobilienvermietung: 19,1 Millionen Euro
• Die Porr, die bis vor kurzem über mehr als 75 Prozent der Stimmrechte verfügte, hat seine Beteiligung auf unter 50 Prozent gesenkt.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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