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Fachkräftemangel bremst Wachstum

05.03.2008

Fachkräfte dringend gesucht: Die Regierung setzt erste Maßnahmen. Positive Anreize für mehr Lehrlinge am Bau werden geschaffen. So manches Bauunternehmen greift jedoch bereits zur Selbsthilfe. Am 10. März endet die Begutachtungsfrist für das neue Jugendbeschäftigungspaket – als Maßnahme gegen den Fachkräftemangel – welches gemeinsam mit den Sozialpartnern entwickelt wurde.

Die Eckpunkte daraus sind die Lehrstellenförderung, der Ausbau der Ausbildungsgarantie für Lehrlinge und neue Regeln zur Auflösung von Lehrverhältnissen. Anstelle der bisher für jedes Lehrverhältnis gewährten einheitlichen Lehrlingsausbildungsprämie in Höhe von 1.000 Euro soll ein neues System einer differenzierten, bedarfsgerechten Basisförderung für Lehrstellen eingeführt werden. Der sogenannte Blum-Bonus wird zum differenzierteren Blum-Bonus 2 weiterentwickelt. Auch die überbetriebliche Lehrausbildung soll in ihrer Bedeutung steigen und gleichwertiger und regulärer Bestandteil der dualen Berufsausbildung werden. Die Beendigung von Lehrverhältnissen wird ermöglicht – aber nur zu ganz bestimmten Zeitpunkten. Vorher soll dazu ein Mediationsverfahren durchgeführt werden.

Während sich die Geschäftsführung von Bilfinger Berger über einen Zuwachs des Auftragsbestandes freut, bereitet der akute Personalmangel Kopfzerbrechen. Die Österreich-Tochter des zweitgrößten deutschen Baukonzerns sucht dringend Personal. Der seit Mitte 2007 für Human Resources (HR) zuständige Marketing-Chef Walter Steinhäusl sieht dem laufenden Jahr mit gemischten Gefühlen entgegen. Er sucht Oberbauleiter, Bauleiter, technisches Personal und Kalkulanten. Allerdings nicht mit dem gewünschten Erfolg, das Recruiting hinkt der Auftragslage nach. Der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften ist kein spezielles Problem von Bilfinger Berger – das Jahr 2007 bescherte ein sattes Plus an Aufträgen. Die großen Baukonzerne kooperieren mit kleineren, um Aufträge überhaupt abwickeln zu können. Personal, selbst komplette Bautrupps, werden untereinander je nach Projekt ausgetauscht. Der Konjunkturaufschwung stellt viele Betriebe in Österreich vor große personalwirtschaftliche Probleme und die Bauwirtschaft ist aufgrund ihres niedrigen Automatisierungsgrades nun einmal besonders davon betroffen. „Es gibt aber“, differenziert der gelernte Bauingenieur, „prinzipiell gar nicht zu wenige Arbeitskräfte, sondern nur zu wenig richtig qualifizierte Leute.“

Die übliche Erste-Hilfe-Maßnahme bei Personalmangel-Abwerbung greift in der Bauwirtschaft mittlerweile gar nicht mehr. Der Arbeitsmarkt ist so ausgetrocknet, dass namhafte Personalberater für bestimmte Jobs Aufträge ablehnen.

Komplexes Fachwissen

Unter dem Druck der ja eigentlich erfreulichen Umsatzaussichten wird nun in Programmform Personal aufgebaut, sowohl qualitativ als auch quantitativ. Steinhäusl sucht dabei die Zusammenarbeit mit universitären Fachexperten. Zum einen, um die zukünftigen Ingenieure noch in der Ausbildung anzusprechen, zum anderen um mit dem Lehrpersonal innovative Lösungen zu erarbeiten. Auch am eigenen Berufsstand wird getüftelt. „Der HR-Bereich wird in den Betrieben wieder eine Aufwertung erfahren müssen, um der Herausforderung des Qualifikationsmangels begegnen zu können“, kehrt Steinhäusl vor der eigenen Türe, „es braucht insgesamt mehr HR-Manager, die zudem ein Fachwissen zur komplexen Breite des Arbeitsbereiches mitbringen.“

Dazu hat Steinhäusl eine Zusammenarbeit mit der HR-Akadamie in Wien gestartet. Diese Arbeitsgemeinschaft von Trainern und Beratern hat sich auf Branchen mit speziellen Rahmenbedingungen spezialisiert. Die Kombination von universitärer Theorie und Praxis ist für Österreich einzigartig. Die HR-Akademie unterstützt Organisationen, Teams und einzelne Gruppen von Mitarbeitern bei ihren Entwicklungs- und Zielfindungsprozessen sowie der Konzeption und Implementierung von HR-Managementkonzepten (z. B. Führungskräfteprogramme, Mitarbeitergespräche, Recruitingverfahren). Die Grundprinzipien stammen aus der systemisch-lösungsorientierten Beratung, die ihre theoretischen Annahmen und praktischen Anregungen aus der Systemtheorie, dem Konstruktivismus und der systemischen Familientherapie bezieht.

Niederösterreich legt zu

Mehr Lehrlinge für die Berufe im Baugewerbe zu gewinnen ist eine Strategie, die seit einigen Jahren forciert wird. Niederösterreich hat nun allen Grund zur Freude: Mit 19.782 Lehrverhältnissen erreichte das größte Bundesland Österreichs 2007 den Höchststand seit 2000. Sonja Zwazl, Präsidentin der Wirtschaftskammer Niederösterreich, betont: „Die Lehrlinge von heute sind die Fachkräfte von morgen und damit unser Zukunftspotenzial! Immerhin haben sich im vergangenen Jahr 35,5 Prozent der Jugendlichen nach Beendigung ihrer Schulpflicht für eine Lehre entschieden.“

In puncto Lehrstellenentwicklung liegt Österreich im europäischen Vergleich auf Platz drei: „Die Entwicklung der Jugendarbeitslosigkeit ist rückläufig“, erklärt Staatssekretärin Christine Marek angesichts der aktuellen Arbeitsmarktdaten sowie einer Umfrage, wonach die größte Sorge der Österreicher die Jugendarbeitslosigkeit ist. „Sorgen müssen ernst genommen werden“, so Marek. „Allerdings zeigen die Zahlen, dass wir hier auf einem sehr guten Weg sind.“ Seit Februar 2006 ist die Zahl der arbeitslosen Jugendlichen – jeweils im Vergleich mit dem Vorjahr – im Sinken begriffen. Damit liegt Österreich im europäischen Vergleich mit 8,2 Prozent am „sensationellen“ dritten Platz nach Dänemark und den Niederlanden.
Eine Bestätigung für die Bemühungen rund um die Themen Fachkräftemangel und Jugendarbeitslosigkeit erhielt Österreich vor wenigen Tagen. Deutschland will ab Mitte 2008 das österreichische Lehrstellen-Förderprogramm „Blum-Bonus“ übernehmen. Egon Blum wird im Juni das Arbeitsministerium in Nordrhein-Westfalen diesbezüglich beraten.

Gisela Gary

aus: bau.zeitung 09/08, S. 12f.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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