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Fly Over

10.03.2005

Vor knapp sechs Jahren ging die wohl innovativste „Baustellenumfahrung“ auf der Wiener Süd-Ost-Tangente in Betrieb. Jetzt wurde das Erfolgskonzept ins Ausland verkauft.

Zwischen Mai und September 2005 wird die niederländische A12 bei Amsterdam generalsaniert. In weniger als 18 Wochen sollen in beiden Fahrtrichtungen neun Dehnfugen ausgewechselt werden. Um ein völliges Erliegen des Verkehrs in der holländischen Metropole zu verhindern, wird eine österreichische Innovation zum Einsatz kommen. Im April übersiedelt das Fly Over in die Niederlande.
In Österreich kam das zukunftsweisende Baustellenumfahrungs-System erstmals im Jahr 1999 auf einer der meist befahrenen, heimischen Straßen – der Wiener Süd-Ost-Tangente zum Einsatz. Autolawinen und Verkehrsstaus auf der Tangente gehören seit langem ebenso zum Wiener Stadtbild wie Stephansdom und Riesenrad. Im Bereich der zwischen 1973 und 1978 errichteten Hochstraße St. Marx – dem Teilstück der Stadtautobahn zwischen Donaukanal und Knoten Landstraße – mussten damals die alten und bereits schwer beschädigten Dehnfugenkonstruktionen (Dilatationen) dringend ausgetauscht werden. Für eine herkömmliche Reparatur hätten mindestens zwei Fahrtstreifen bei gleichzeitiger Einführung eines Gegenverkehrsbereichs für die Dauer der langwierigen Sanierungsarbeiten gesperrt werden müssen. Bei einem Verkehrsaufkommen von rund 180.000 Kraftfahrzeugen pro Tag eine undenkbare Alternative, die auf das Verkehrsaufkommen in Wien fatale Folgen gehabt hätte. Die MA 29 (Brückenbau) hat fieberhaft nach Möglichkeiten gesucht, die Fahrbahnen Instand zu setzen ohne den Verkehr zu sperren und zum Brainstorming eingeladen. So entstand schließlich die Idee des Fly Overs, der Brücke auf der Brücke. Die innovative Konstruktion wurde von Waagner Biro gemeinsam mit dem Zivilingenieurbüro Pauser und der MA 29 entwickelt. Die Idee ist ebenso einfach wie funktional: Die Arbeitsstelle auf dem Tragwerk wird mittels der Fly-Over-Konstruktion so hoch überbrückt, dass die darunter notwendigen Reparaturarbeiten ohne Behinderung für den fließenden Verkehr und ohne Stau durchgeführt werden können. So entsteht eine Arbeitshöhe von 1,90 Meter. Eine Herausforderung für die Techniker war vor allem das Konstruktionsgewicht, das mit rund 200 Kilogramm Eigengewicht pro Quadratmeter beschränkt war. Jede zusätzliche Belastung hätte eine Stützung der Tragwerke und eine Ertüchtigung der Fundierungen erforderlich gemacht. Ein Aufwand der den finanziellen Rahmen jeglicher Sanierungsarbeiten gesprengt hätte und bei den meisten Teilbereichen auch baulich gar nicht umsetzbar gewesen wäre. Damit war klar, dass nur eine leichte Stahlkonstruktion mit Dünnbelag zum Einsatz kommen konnte. Durch die Reduktion der Überfahrtsgeschwindigkeit konnte auch der Stoßwert verringert und eine Reserve für ein höheres Eigengewicht geschaffen werden. Eine weitere wesentliche Randbedingung war die Neigung der Überbrückungen. Diese musste so ausgelegt werden, dass die Fahrzeuge beim Überfahren nicht ins Schlittern geraten – selbst wenn Teile der Fahrbahn vereist sein sollten. Pauser und die Konstrukteure der Waagner Biro haben auf diesen Parametern aufbauend ein System entwickelt, das mittels Steckverbindungen modulartig und vor allem in relativ kurzer Zeit zusammengebaut werden kann. Die Lösung war direkt für die Tangente maßgeschneidert, kann aber natürlich auch überall anders eingesetzt werden. Bis heute ist das Fly Over jedoch auf der Tangente im Dauereinsatz. Auf weiniger verkehrsbelasteten Strecken, wo das Sperren von einer Fahrspur möglich ist, ohne ein Zusammenbrechen des Verkehrsflusses zu versuchen sind die Investitionskosten bzw. der Aufwand von Transport, Auf- und Abbau zu hoch.

Wirtschaftliche Sanierungslösung
Als mobile Brückenkonstruktion ist das Fly Over individuell einsetzbar und wird am jeweiligen Einsatzort über der Fahrbahn aufgebaut. In den Kurven ermöglichen keilförmige Dehnfugen den radialen Aufbau. Die Gesamtkosten für das Fly Over betrugen damals rund 1,3 Millionen Euro. Die relativ hohen Investitionskosten amortisierten sich durch den vielfachen Einsatz und die hohe Effizienz des Systems mittlerweile längst. So ist das Fly Over heute nach einhelliger Meinung von Verkehrsexperten, auf der Süd-Ost-Tangente die bei weitestem wirtschaftlichste Möglichkeit der Sanierung. Der Auf- bzw. Abbau wird in den verkehrsärmeren Nachtstunden oder an Wochenenden durchgeführt. Rund 30 Ingenieure und Bauarbeiter sind in die Aufstellung involviert. Von der Mitte heraus werden die einzelnen Elemente nach beiden Seiten auf- oder abgebaut. Eine Fahrspur wird während der gesamten Aufbauarbeiten für den Fließverkehr freigehalten. Die Dimension für das Fly Over ist dabei spezifisch an den jeweiligen Anwendungsfall anpassbar und kann je nach Erfordernis weit über hundert Meter lang sein. Durch die flexible Aneinanderreihung von Einzelelementen kann das Fly Over auf beliebig viele Spuren erweitert werden. Auf der Süd-Ost-Tangente wird derzeit eine vierspurige und 106 Meter lange Konstruktion eingesetzt.
Das Fly Over für die niederländische Hauptstadt überbrückt eine Distanz von 195 Metern auf drei Spuren. In den vergangenen fünf Jahren gab es bereits mehrfach Anfragen aus dem Ausland, die bislang jedoch nicht zu konkreten Aufträgen führten. In den Niederlanden kommt das österreichische Patent nun erstmals auch außerhalb der heimischen Hochleistungsstraßen zum Einsatz. Die Konstruktion entspricht was beispielsweise die Steigungsverhältnisse oder Straßenbreiten betrifft der aktuell gültigen Europäischen Normung, wurde von der Waagner Biro aber auch speziell an die niederländischen Verhältnisse maßgeschneidert.
Tom Cervinka

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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