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Franz Graf - Vielseitig bleiben als Erfolgsrezept

13.09.2006

Franz Graf, Chef der Waldviertler Baufirma Leyrer + Graf, hat alles, was einen Mann interessant macht: die Lebenserfahrung eines 75-Jährigen, der aussieht wie 60, der viel arbeitet und persönlich bescheiden blieb.

Franz Graf hält sich mehrmals wöchentlich mit
Konditionstraining fit und ist daher „nur sporadisch zu Hause“. In rund zwei Jahren will sich der Baumeister aus dem operativen Geschäft zurückziehen. Die Weichen für die Zeit danach sind bereits gestellt. Für alle, die es nicht wissen, eines vorweg: Die Firma Leyrer + Graf zählt mit 1030 Mitarbeitern, die im Vorjahr (ohne Tschechien) 120 Millionen Euro umsetzten, zu den solidesten und profitabelsten Baufirmen Österreichs. 2005 wurde der Betrieb Mitglied der Industriellenvereinigung, „weil wir von der Größe und unserer Struktur dort besser aufgehoben sind als beim Gewerbe“, argumentiert Graf, der bei der Industrie auch „die richtigeren Ansprechpartner“ vorfand. Doch der Weg dorthin war lang. Denn Grafs Leben ist wahrlich keine Alltagsgeschichte, sondern eine, die „lang, spannend, aufregend und manchmal vielleicht unglaublich ist“, wie er selbst sagt.
Geboren wurde er 1931 als zweitältestes von insgesamt acht Kindern auf einem Bauernhof. Als Graf 16 war, musste er das Gymnasium verlassen, weil der Vater nicht mehr genug Geld für alle Kinder hatte. Und so trat er 1947 als Lehrling in die Baufirma von Dipl.-Ing. Leyrer in Gmünd ein, die damals drei Angestellte und 60 Arbeiter beschäftigte.
Auf den Baustellen war Graf allerdings nur sehr wenig zugegen, weil ihn Leyrer – parallel zur technischen Ausbildung – im Innendienst brauchte. Als Autodidakt und bei Wochenendlehrgängen in Wien machte er neben seinem Job die Ausbildung zum Baumeister, nicht zuletzt deshalb, „weil es wehgetan hat, dass wir für statische Berechnungen immer zu einen Kollegen Leyrers gehen mussten“. Mit 23 Jahren wurde Graf schließlich der jüngste Baumeister in Österreich. Im Selbststudium paukte er so nebenbei auch noch Betriebswirtschaft, Statik und betriebliche Organisation.

Krise bewältigt

Innerhalb weniger Jahre überschlugen sich dann die Ereignisse, denn die Firma schlitterte zwischen 1956 und 1958 in ihre größte Krise, die sie beinahe in den Ruin trieb. Schuld war die drohende Insolvenz einer Schwesterfirma, die im Straßen- und Brückenbau tätig war. Es war der Auftrag zum Bau einer Wohnhausanlage, der für die Ressourcen der Firma Leyrer einige Nummern zu groß war. Die entstandenen Verluste konnten nur mit Mühe durch den Verkauf fast aller Baumaschinen der Schwesterfirma bewältigt werden. Leyrer selbst, mittlerweile schwer krank, musste private Liegenschaften veräußern, um das Schlimmste abzuwenden.
Als 27-Jähriger bekam Graf schließlich 1958 (der Betrieb beschäftigte mittlerweile 102 Mitarbeiter) das Angebot von Leyrer, sich mit zehn Prozent an der Firma zu beteiligen. Bezahlt wurde der Geschäftsanteil mit Grafs nicht entnommenen Gehältern. „Zum Leben habe ich ja nichts gebraucht, weil ich untertags gearbeitet und abends gelernt habe“, erinnert sich der Unermüdliche.
Denn: „Arbeit ist aus meiner Sicht mehr als nur eine Aufgabe zu erfüllen und Geld zu verdienen, Arbeit gehört zur persönlichen Lebensentfaltung.“

Im Laufe der Jahre erwarb Graf immer mehr Anteile an der Firma, die inzwischen in Leyrer und Graf umbenannt wurde. Nach dem Tod Leyrers, 1964, als aufgrund der maßgeblichen Kapitalkonten die Firma de facto bereits Graf gehörte, beteiligte er dennoch Leyrers zwei minderjährige Kinder mit zunächst 20 Prozent. Allerdings kaufte er ihnen die Anteile später wieder ab.

Ideale Frau gefunden

1969 schließlich fand Graf, 38-jährig, auch sein privates Glück und heiratete Almuth, eine Latein- und Englisch-Gymnasiumslehrerin. Kennen gelernt haben sich die beiden bei einer Kulturveranstaltung, wo die Künftige als Geigensolistin, auftrat. Es war Grafs jüngste Schwester, die ihn auf die Dame aufmerksam machte: „Du, Franz wir haben da eine neue Lehrerin, die wäre die ideale Frau für Dich“,
waren ihre Worte. Dabei lehnte Graf mit der Begründung „eine Lehrerin!“, noch dankend ab. Erst vor 15 Jahren wurde mit dem Bau eines eigenen Hauses begonnen, weil die Wohnung im Betriebsgebäude im Grunde „äußerst vorteilhaft war“. Der Hausbau hat aber auch deshalb so lange gedauert, „weil ich zur Zeit der Vollbeschäftigung nie Bauarbeiter bekam“. Doch vor Mitternacht ist er dort sowieso kaum anzutreffen, weil er seinen Beruf „liebt“ und er sich mit dem Konditionstraining im angrenzenden Naturpark körperlich besser fühlt und auch seine Aufgaben besser bewältigen kann. Warum er
sich das alles antut? Graf: „Es macht mir Freude; und es gibt im Leben nichts umsonst. Ich habe am Bauernhof gelernt, nicht aufzugeben und Ausdauer zu haben.“ Aus der Firma entnehme er sich nur das notwendigste Geld. „Ich lebe bescheiden, meine Ansprüche sind nicht hoch.“ Das trifft auch auf jene drei Wochen im Jahr zu, die Graf Urlaub nennt: Dann fährt er nach Salzburg, in ein Kurhaus am Berg. Dort ist er, um „zu sich selbst zu finden“. Zu seinen liebsten Leidenschaften gehört dort, zu „schlafen, bis ich wach werde und aufzuwachen, ohne geweckt zu werden“. Dabei gelingt es ihm auch, seine innere Ruhe zu finden, mit sich selbst ins Reine zu kommen, „seine eigenen Gedanken und Wünsche wahrzunehmen und Erkenntnisse über sich selbst zu gewinnen“. Wichtig ist ihm dabei „einmal auf sich selbst, nicht auf das Umfeld orientiert sein zu können“.

Leidenschaft Bauen

Dass er anders ist, beweist Graf auch die Zukunft der Firma betreffend: Keines seiner Kinder wird operativ im Betrieb tätig sein. Und das kam so: Graf hatte drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, eine Juristin. Sie starb 1999 bei einem Autounfall. Johannes studierte Betriebswirtschaft und arbeitete bereits zweieinhalb Jahre im Betrieb, bis er zur Erkenntnis kam, nicht die Voraussetzungen für die Aufgabe eines Betriebsführers zu haben. Nun studiert
er Philosophie und wird aller Voraussicht nach an der Uni seine Laufbahn machen. Der zweite Sohn, Stefan, studierte Bauingenieurwesen und arbeitet als Statiker in Wien. Das will er auch bleiben. Diese Entwicklung habe ihm „als Vater wehgetan, als Unternehmer aber zufrieden gestellt“. Denn: „Die eigenen Kinder hatten zwar den Vorzug im Betrieb, aber sie müssen das Geschäft wollen und können, schließlich kann ich ja nicht erwarten, dass die Kinder mein Leben leben.“

Als „Anerkennung“, weil er wenig Zeit für seine Lieben hatte, wurden sie bereits früh (1986) zu Gesellschaftern. „Um das Unternehmen in seiner Charakteristik zu erhalten, wie es auch die Führungskräfte wollen“, gründeten die Grafs schließlich 2003 eine Privatstiftung und brachten alle Firmenanteile ein. Wenn sich Graf in zwei bis drei Jahren aus dem operativen Geschäft schrittweise zurückzieht, wird ein Managementteam das bereits in Vorbereitung ist, den Betrieb leiten. Schließlich, so Graf, müssen sich alle bewährt haben. Denn, Fachwissen, so der weise Baumeister, könne man mit einer gewissen Intelligenz und Ausdauer lernen. Charakter, Verantwortungsbewusstsein, Mut zum Handeln und vor allem soziale Kompetenz „kann man nicht lernen. Das muss man haben“.

Wenn seine Nachfolger das Ruder übernehmen, will sich Graf „in seinen Adlerhorst zurückziehen, beobachten und antworten, wenn ich gefragt werde, über vieles in Ruhe nachdenken und ein Buch schreiben“.
Sein Resümee: „In meinem Leben war ich immer der Jüngste und auf einmal stelle ich fest, dass es nicht mehr so ist. Aber ich habe kein Problem mit meinem Alter, weil ich das Leben heute mit dem erweiterten Horizont viel intensiver wahrnehme als früher.“ Vielleicht wird auch mehr Zeit für sein Hobby, die Jagd, sein. In der Umgebung vom Gmünd hat er ein 630 Hektar großes Jagdrevier gepachtet. Derzeit erlege er aber – aus Zeitmangel – mit Müh und Not einen Rehbock im Jahr.
Und was kann man noch von ihm erwarten? Graf: „Ein kleines Schloss aus Alabaster, mit erfüllten und neuen Hoffnungen, bauen.“

Gewinn im Tiefbau

Das Erfolgsrezept des Baumeisters: „Wir sind vielseitig geblieben. Wir hätten mit unserem ursprünglichen Arbeitsfeld, der bequemen Konzentration auf nur einen Geschäftszweig, nie diese Entwicklung nehmen können.“ Sehr erfolgreich läuft derzeit der Tiefbau, vor allem in den Bereichen Siedlungswasser- und Leitungsbau. Neu entstanden ist die Abteilung Energie & Telekom. Im Mai wurde eine Heißmischanlage im Marchfeld erworben
und in Schwechat eine Betriebsstätte gegründet. Neben den Geschäftsstellen im Waldviertel ist Leyrer + Graf mit der Standortgründung 1988 und der Übernahme der Firma Ing. Franz Zwettler, 1996, sowie dem Kauf von Dehm & Olbricht (1999) in Wien erfolgreich tätig. Seit 2003 ist Leyrer + Graf auch in Linz im Tiefbau und seit 2005 auch im Hochbau vertreten. Sehr erfolgreich ist laut Graf auch die 1994 in Horn gegründete Graf-Holztechnik. Im tschechischen Trebon ist Leyrer + Graf seit 1991 mit einem Joint-Venture präsent. Im Vorjahr wurde eine eigene Tochter in Budweis eröffnet.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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