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Frauen in der Baubranche

12.01.2004

Wenige, aber doch
Einige wenige Kolleginnen jedenfalls haben die Baustellen bereits für sich erobert, wenngleich unter extremem Leistungsdruck und Abstrichen im Privaten.

Eines ist gewiss – die Erde dreht sich weiter, mit der Zeit ändern Menschen ihre Meinungen hunderte Male. Dinge, die früher unvorstellbar waren, sind heute völlig normal. Dinge, die heute unvorstellbar sind, gehören morgen mit Sicherheit zum Alltag. Frauen bilden innerhalb der Bauwirtschaft einen geringen Teil. Zumeist sind sie eher bei administrativer Arbeit zu finden, als direkt „auf´m Bau“. Einige wenige Damen haben die Baustellen aber bereits für sich erobert, wenngleich nur unter extremem Leistungsdruck und Abstrichen im Privaten. Familie und eine Karriere in einer Männer-dominierten Umgebung zusammenzuhalten, ist verdammt schwer, wie Kolleginnen betonen.

Der Ingenieurin ist nichts zu schwer
Naturwissenschaftlerin, Technikerin, Ingenieurin zu sein, das ist heute auf den ersten Blick freilich weit weniger spektakulär, als dies noch vor wenigen Jahrzehnten der Fall gewesen war. Und trotzdem. Frauen sind in technischen Berufen immer noch eine verschwindende Minderheit, wie ein Blick auf die Statistik zeigt: nur 27 von 720 Ingenieurkonsulenten mit aufrechter Befugnis in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland sind Frauen. Das sind nicht einmal fünf Prozent. Was zwischen den Frauen und der Technik steht, diskutierten vergangene Woche in Rahmen einer Veranstaltung DI Ingrid Scheibenecker, Ingenieurkonsulentin für Bauwesen, DI Andrea Cejka, Ingenieurkonsulentin für Landschaftsplanung, DI Johanna Fuchs-Stolitzka, Ingenieurkonsulentin für Vermessungswesen, und DI Dr. Gerda Senkyr, Zivilingenieurin für technische Physik. Und obwohl die Berufsaussichten für weibliche Ingenieurkonsulenten wie DI Johanna Fuchs-Stolitzka vielversprechend sind, gibt es nur wenig Nachwuchs. „Es wundert mich auch nicht“, erklärt diese freimütig, „das Leben in den Führungsetagen in der Baubranche ist hart. Als Frau habe ich immer 150 Prozent zu geben, meine Arbeit ist und wird immer noch mit anderen Maßstäben gemessen.“ Von Emanzipation auf Baustellen kann noch lange nicht die Rede sein. „Wenn ich auf dem Bau auftrete, wird oft gefragt, wann der Chef nun kommt“, so Fuchs-Stolitzka weiter. Sie würde sich seitens der Kammer ein
Coachingsystem für Frauen im Bauwesen wünschen, um diese mehr zu fördern, um den Damen mehr Selbstbewusstsein anzutrainieren.
Dass es sich bei Ingenieuren nicht immer um handfeste Kerle in Anzügen handelt, die in einer Hand den Schraubschlüssel und in der anderen den Zirkel, den Rechenschieber oder den Taschenrechner parat haben, betont auch
DI Ingrid Scheibenecker, Ingenieurkonsulentin für Bauwesen: „Frauen sind als Ingenieurkonsulenten nur verschwindend tätig, aber ich persönlich habe in meinem Jahrzehnte langen Berufsleben sehr viel positive Erfahrungen sammeln können.“ Auch wenn es frührer nur Brückenbauer, Starkstromdompteure, Väter von Wolkenkratzern und Flugmaschinen waren, hat es Frauen gegeben die Technik & Bau beeinflusst haben. Solitäre Gestalten wie Marie Curie, die für die Entdeckung der Radioaktivität 1903 als erste Frau den Nobelpreis erhielt, sind öffentlich noch vergleichsweise präsent. Aber es gab auch andere Frauen, die schon früh die Technik zu ihrer Passion, ihrem Beruf, ihrem Leben machten. Besonders in Österreich. Die mittlerweile prominente Architektin, Margarethe Schütte-Lihotsky, hat mit ihren richtungsweisenden Planungen im Siedlungs- und Sozialbau Epochen geprägt. Sie studierte von 1915 bis 1919 als erste und einzige Frau Architektur. Andere, vergleichsweise unbekannt gebliebene, aber ebenso bewundernswerte Frauen taten auf ihren Fachgebieten das Ihrige. Käthe Böhm, 1925 erste Absolventin der Studienrichtung Maschinenbau/
Elektrotechnik an der Universität Wien. Helene Hammermann, 1930, erste Absolventin im Bauingenieurswesen. Elisabeth Honigmann, 1932 erste technische Physikerin Österreichs. Paula Embacher, 1962 eine der ersten Ingenieurkonsulentinnen (für Vermessungstechnik), die sich vor allem im Autobahn- und Straßenbau beruflich hervortat.
Aber woran liegt es, dass nur wenige Frauen sich für technische Berufe interessieren? Judith Hatzmann, Studentin auf der TU-Wien für Maschinenbau, versucht darauf eine Antwort zu finden: „Ich bin eine der wenigen Studentinnen in meinem Fach. Als ich mich für dieses Studium entschieden habe, erntete ich bei Kollegen und sogar bei Vortragenden teilweise ungläubiges Kopfschütteln. Eine Frau im Maschinenbau ist noch immer etwas besonderes.“
Genauso sieht dies Herta Richter, Studentin für technische Physik: „Wir haben im Rahmen einer Umfrage auf der TU versucht, ein aktuelles Stimmungsbild bei ausschließlich Studentinnen einzuholen. Das Ergebnis war überraschend. Eine große Anzahl von Studentinnen berichten, sie hätten die Erfahrung gemacht, dass es von manchen Mitmenschen als seltsame oder erstaunliche Idee aufgefasst wurde, als Frau etwas Technisches zu studieren.“ Den Hebel also frührer ansetzen, war das Fazit aus der Diskussion mit den Ingenieurinnen; und zwar sollte bereits in der Unter- und Oberstufe ein Bewusstsein bei Mädchen geschaffen werden, dass technische Berufe nicht nur den Burschen vorbehalten sind.

Frauen im Wohnbau
Als 1995 Michaela Mischek, Tochter des gleichnamigen Unternehmers, die Projektleitung übernahm, streute ihr niemand Rosen. „Wäre ich nicht die Tochter meines Vaters, hätte ich in meinen jungen Jahren diese Position aus eigener Kraft nie bekommen“, gesteht sie offen zu. Als ihr Vater damals vor der Entscheidung stand, wie er seine beiden Kinder im Unternehmen einsetzen kann, entschied er sich für die extrovertierte Tochter. „Mein Vater war und ist für mich nicht nur ein Vorbild. Er war mir stets ein Mentor und mein Förderer.“ Allein mit der Unterstützung des Vaters wäre Michaela Mischek heute nicht dort, wo sie ist. Denn vor allem aus eigener Kraft musste sie beweisen, dass sie ihr Handwerk 1000-prozentig versteht. „Als ich die Projektleitung vor nun mehr knapp acht Jahren übernahm, gab es innerhalb des Unternehmens keinerlei Vorurteile mir gegenüber, da ja meine Mutter bereits im Unternehmen führend tätig war. Aber draußen zum Beispiel auf den Baustellen weht ein anderer Wind“, so Mischek weiter, „jetzt, da ich schwanger bin, sind jedoch die Männer extrem rücksichtsvoll und zuvorkommend.“ Michaela Mischek betont, dass es in diesem Business nicht gerade von Vorteil ist, eine Frau zu sein, und streut ihrerseits Rosen an eine Kollegin in der Branche: „Ohne Elisabeth Weißmann von der Wohnbaugesellschaft für Privatangestellte würde es heute eine Frau Renezeder vom Wiener Wohnbauträger SEG oder mich gar nicht geben.“ Elisabeth Weißmann habe sich immer für die Interessen der Frauen stark gemacht und stand immer für frauengerechtes Bauen ein. Michaela Mischek versucht nun, auch innerhalb des Unternehmens die Kolleginnen zu fördern. „Frauen haben ein ganz schlechtes Selbstmarketing. Sie sitzen lieber in ihren Kämmerleins und arbeiten akribisch Projekte aus, anstatt mutig vorzutreten und sie zu präsentieren.“ Während einem Mann bei einer Vorstellung eines neuen Projektes die Details vorerst nicht so wichtig sind, bleiben Frauen an vorerst unwichtigen Kleinigkeiten hängen und laden dazu die Zuhörer ein, etwaige Kritik zu äußern. „Der weibliche Teamgedanke kann oft hinderlich sein“, bringt es Mischek auf den Punkt. Auch sie rät zu mehr Selbstbewusstsein und weniger Bescheidenheit.

Frau Kontrolleur
Wenn Frau Margit Schuh mit ihren Kollegen eine Baustelle betritt, heißt dies für manche dort arbeitend Personen im schlimmsten Fall nichts Gutes. Manche schätzen Zahnarztbesuche vielleicht mehr. Frau Schuh ist die erste Frau, die ein Team der Schnellen Eingreiftruppe der Finanzbehörde (kurz SEG) leitet. Wenn die Gruppe auftaucht, prüfen sie die auf der Baustelle tätigen Firmen hinsichtlich ihres steuerlichen Verhaltens. Seitdem bekannt ist, dass Betrugsfirmen auf Vorrat Firmen gründen, wachsen Subunternehmen aus dem Boden wie anderorts sprichwörtlich die Schwammerln. Daher hat die Finanzverwaltung in Wien eine Sondergruppe eingerichtet, damit dem Minister zumindest ein Teil seiner 56 Millionen Euro, die jährlich vorbeigeschleust werden, wieder zurückgebracht werden. Bereits 13 Millionen Euro konnte die SEG eintreiben. Seit einem Jahr nun leitet Margit Schuh ein Team von neun Männern. „Innerhalb der Gruppe wurde meine Bestellung äußerst positiv aufgenommen“, erklärt Schuh, „auf den Baustellen jedoch muss man sich immer wieder auf’s neue Respekt schaffen.“ Und zwar durch Diplomatie und Ruhe, wie sie bestätigt. „Auf den Baustellen arbeiten zumeist Männer aus einem völlig anderen Kulturkreis“, so Schuh weiter, „für diese Arbeiter haben Frauen keinen hohen Stellenwert.“
Durch die mittlerweile häufige Präsenz von Frauen am Bau haben sich weltanschauliche Vorbehalte etwas vermindert. Die anfänglichen Berührungsängste wurden auf beiden Seiten großteils überwunden. „Es passiert mir freilich immer noch, dass ich einen verlangten Ausweis von einem Arbeiter nicht bekomme; ein Kollege schon. Das darf man jedoch nicht persönlich nehmen. Ich tu’s halt nicht.“ Auch in der KIAB (Kontrolle Illegaler Ausländerbeschäftigung), einer weiteren Kontrollinstanz, leisten zahlreiche Frauen Arbeit im Bereich der Baustellenkontrollen.
„Draußen auf den Baustellen wird in punkto Umgangston auf eine Frau jedoch keinerlei Rücksicht genommen. Es ist jedoch stets eine Gratwanderung, nicht zu provozieren und dennoch energisch und bestimmt zu agieren, um ernst genommen zu werden.“ Einmal habe sich Margit Schuh aus ihrer ansonsten gewohnten Ruhe bringen lassen. „Das bringt gar nichts“, weiß sie aus heutiger Sicht, „wir Frauen sollten uns auf unsere Diplomatie, unser Fingerspitzengefühl besinnen und in angespannte Situationen Ruhe hineinbringen.“
Frauen sind auf Baustellen in leitenden, planenden und prüfenden Arbeitsbereichen noch in der Minderheit. In ein paar Jahren jedoch gehören sie mit Sicherheit zum gewohnten Bild, und Diskussionen wie diese sind dann längst obsolet.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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