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Nach Jahren der Krise steigt langsam, aber stetig auch über der Bauwirtschaft wieder die Sonne auf.

Frühling in der Bauwirtschaft

08.05.2017

Jüngste Daten europäischer und österreichischer Behörden und Wirtschaftsforscher belegen, dass die Entwicklung in der Branche anhält: Das Baugewerbe feiert nachhaltigen Aufschwung.

Eine grundlegend positive Tendenz war schon länger zu spüren. Auf Messen, etwa bei dem Riesenevent der Bau München mit ihren 2.120 Ausstellern und einer Viertelmillion Besuchern aus aller Welt. Aber auch in Wien (Vöbu Fair, Bauen & Energie) äußerten sich die Branchenvertreter des Baus und der Baunebengewerbe zunehmend optimistisch. Die Atmosphäre als geradezu euphorische Freude und Aufbruchstimmung zu bezeichnen, wie sie die deutschen Kollegen vielfach versprühten, wäre vielleicht übertrieben. Dennoch ließ sich aus zahlreichen Gesprächen mit Vertretern kleiner, mittlerer und großer Unternehmen ableiten, dass eine lange Durststrecke – die weltweite Krise, die vor zehn Jahren ihre ersten großen Opfer in den USA zu fordern begann und in der Folge auch Europas und Österreichs Wirtschaft durchschüttelte – zu Ende zu gehen scheint. Und folgt man den jüngsten Studien und Berichten europäischer und österreichischer Wirtschaftsforscher, aber auch Prognosen von Volkswirten aus der Finanzwirtschaft, darf man vorsichtig feststellen: Es wird Frühling in der Wirtschaft. Und der Bau spielt dabei eine zentrale Rolle.

Im April gab das EU-Amt für Statistik bekannt, dass die baugewerbliche Produktion im Februar gegenüber dem Vormonat im Euroraum um 6,9 Prozent gestiegen war. Über alle 28 EU-­Mitgliedsstaaten hinweg betrug die Steigerung immer noch 4,4 Prozent. Im Jahresvergleich waren es sogar 7,1 (Euroraum) bzw. 5,2 Prozent (EU-28). Als Zugpferd über alle EU- bzw. Eurostaaten hinweg stellt sich der Tiefbau dar, der jeweils signifikant stärker wuchs als der Hochbau.

Europas Wirtschaft weist den Weg

Im März sprach Ulrike Rabmer-Koller, Präsidentin des europä­ischen Verbands der kleinen und mittleren Unternehmen sowie des Handwerks (UEAPME), von einer grundlegenden „Stabilisierung der Geschäftsaussichten“. Rund 30.000 befragte KMU aus ganz Europa ließen, wie Rabmer-Koller der APA sagte, gerade auch für die Bauwirtschaft den Schluss zu, dass sich die Lage verbessere. Wenngleich die heimischen Wirtschaftsvertreter auch gewisse Zweifel zeigten: Die Beurteilung der künftigen Beschäftigungs- und Investitionsentwicklung falle in der UEAPME-Erhebung noch negativ aus. Die europäische Gesamtbetrachtung belegt jedoch einen wachsenden Optimismus: Bereits seit Anfang 2013 ist ein Aufwärtstrend insofern erkennbar, dass die Unternehmen ihre Geschäftsentwicklung in steigender Zahl als stabil oder wachsend bezeichnen. Seit Ende 2014, und damit das sechste Umfragehalbjahr in Folge, ist die Differenz aus negativen sowie stabilen bzw. positiven Reports über dem neutralen Level – und erreicht beinahe schon Werte aus Zeiten vor der Weltwirtschaftskrise. Positiv entwickle sich auch der Personalstand im Bausektor, wenngleich er in der jüngsten Befragung (Jänner/Februar) saisonbedingt rückläufig war. Die Preisentwicklung (Sorgenkind auch im persönlichen Gespräch mit Bauunternehmern) zeigt einen Anstieg: Produzenten tun sich wieder leichter, ausreichend gewinnbringend zu arbeiten. Leider äußere derzeit nur gut ein Drittel der österreichischen KMU auch eine relevante Investitionsbereitschaft, so Rabmer-Koller.

Laut UEAPME hat Deutschland großen Anteil an diesem Erfolg. Dort ist der Bundesvereinigung Bauwirtschaft zufolge vor allem der „Bau als Konjunkturlokomotive“ Sieger: Während die gesamte Volkswirtschaft 2016 um 1,8 Prozent wuchs, waren es im Bau 2,8 Prozent. Der Umsatz wuchs um 3,8 Prozent, das Gesamtwachstum umfasse 303 Milliarden Euro. Für 2017 rechne man mit weiteren 2,8 Prozent Zuwachs. Auch das Wiener Institut für Höhere Studien stellt in einer „Gemeinschaftsdiagnose“ mit Partnern für das deutsche Wirtschaftsministerium fest, dass die Wirtschaft im ersten Quartal 2017 „zugelegt“ habe. Die Bauwirtschaft sei „außergewöhnlich kräftig in das Jahr gestartet“. Bauinvestitionen würden in Deutschland —„ähnlich wie im Vorjahr“ ausgeweitet. Vor diesem Hintergrund zeigt sich auch in Österreich eine umfassende Marktbelebung, wie das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo pro­gnostiziert: Nach einem Wachstum von 1,5 Prozent im Vorjahr sollen der Außenhandel sowie die steigende Binnennachfrage – in Abhängigkeit von der sich bessernden Arbeitsmarktlage – im laufenden Jahr ein Plus um zwei Prozent und 2018 um weitere 1,8 Prozent bringen.

Die Stimmung der heimischen Unternehmen selbst erhebt regelmäßig die KMU Forschung Austria. Sie wertet die Eingaben von fast 400 Betrieben (mit knapp 10.000 Beschäftigten) der Bauwirtschaft aus. Deren Selbstbeschreibung belegt eine deutliche Tendenz zur Preisanhebung 2016, bei einem übergreifenden Umsatzplus von 1,6 Prozent. Etwas mehr als ein Drittel schaffte gar eine beeindruckende durchschnittliche Umsatzsteigerung von 12,5 Prozent. Als Wirtschaftsbremse darf der Fachkräftemangel bezeichnet werden: Etwa vier von zehn Unternehmen haben damit zu kämpfen. Die Suche nach Lehrlingen ist in der Baubranche weniger problematisch, jedoch dauert die Ausbildung der Fachkräfte aus den eigenen Reihen natürlich seine Zeit, deshalb kann kurzfristig auftretender Bedarf nicht abgedeckt werden. Zwei Drittel der heimischen Bauunternehmen rechnen mit einer zumindest gleich (gut) bleibenden Auftragslage im zweiten Quartal 2017, etwas mehr als ein Fünftel erwartet eine Steigerung der Auslastung.

Finanzbranche stützt die Euphorie

Auch die Unicredit Bank Austria hat einen aktuellen Branchen­überblick: Chefvolkswirt Stefan Bruckbauer bescheinigt der Bauwirtschaft „einen Rekord“, was deren Positivurteil über die Geschäftslage betrifft: Der Hochbau melde eine wachsende Zahl an Arbeitsplätzen, die baunahen Gewerbe wiederum profitieren von der Hochbaukonjunktur. „Das Klima in der Baubranche hat sich im ersten Quartal 2017 verbessert, wobei der Index des Geschäftsvertrauens sowohl im Hochbau als auch im Tiefbau gestiegen ist“, sagt Bruckbauers Kollege in der Unicredit Bank Austria, Günter Wolf. Allerdings habe im Jänner vor allem der Hochbau „das reale Umsatzwachstum von drei Prozent getragen“, während der Tiefbau hierzulande stagnierte. Für den weiteren Jahresverlauf könne die Bauwirtschaft mit Auftragszuwachs rechnen. Wolf hält ein Branchenwachstum um die zwei Prozent, jedenfalls aber eine Steigerung gegenüber 2016 für möglich. Einerseits ein Nachfrageüberhang, andererseits eine hohe Zahl an Baugenehmigungen: Da sollte wohl auch der Wohnbau zulegen und 2017 Wachstumsimpulse bringen. Laut den Bank-Austria-Ökonomen werden 2017 zudem die geplanten öffentlichen Mehrausgaben im Straßen- und Bahnbau jedenfalls noch für Neuinvestitionen sorgen – und damit den Bauwirtschaftsaufschwung weiter vorantreiben.

Und was meinen Vertreter des Baugewerbes zu all den Prognosen? Vertriebsleiter Stefan Pointl vom Trockenbauer Knauf ist sicher: „Nach einem stagnierenden Jahr 2016 sehen wir 2017 positiv, vor allem dank eines verstärkten Büro-, Hotel- und Schulbaus.“ Mit seinen strategischen Schwerpunkthemen sei Knauf „sicher auf dem richtigen Weg“. Mitbewerber Michael Allesch, Geschäftsführer für Marketing und Vertrieb bei Saint-Gobain Rigips Austria, gibt sich etwas vorsichtiger: „Sagen wir so: Wir sind optimistisch, dass der große Treiber Wohnbau heuer kräftig weiter anzieht.“ Politischen Konsens dazu sehe er jedenfalls in allen Lagern, Wohnbauoffensiven der Bundesländer bestätigen diese Richtung.

Öffentliche Hand als Konjunkturförderer

„Für die österreichische Zementindustrie war der Einbruch nach den guten Jahren 2006 bis 2008 nachhaltig“, sagt Geschäftsführer Frank Huber von der Vereinigung der Österreichischen Zement­industrie. Die Branche fiel danach „auf unter 80 Prozent der Höchstwerte. Das spürt man natürlich, aber in den letzten beiden Jahren zeigen die Indikatoren eine beginnende Aufwärtsbewegung. Persön­lich denke ich, dass ein langsames Wachstum auch ein gesundes Wachstum ist.“ Was die Zukunft betreffe, „kann ich aus Diskussionen mit Partnern aus Industrie und Wirtschaft sagen, dass 2016 allgemein positiv verlaufen ist. Die Daten der Zementindustrie wird es aber erst ab Juli geben. Jedoch glaube ich sagen zu können, dass es 2017 mit dem Aufwärtstrend ähnlich gut weitergeht.“
Andreas Pfeiler, der den Fachverband der Stein- und keramischen Industrie als Geschäftsführer und Sprecher vertritt, sieht „wirklich viele positive Signale aus dem Hochbau“. Die Menge der Baubewilligungen zeige, dass es eine gute Auslastung im Wohn- und Industriebau gebe. „Wobei diese Mengenzuwächse nicht automatisch auch Gewinnzuwächse bedeuten. Man kann hoffen, dass die Bauvorhaben auf diesem Niveau bleiben, die Vorzeichen sind gut.“ Wandbildende Materialien seien auf einem guten Weg, „sowohl die Ziegel- als auch die Betonindustrie betreffend“. Das helfe auch nachgelagerten Branchen (Putze/Mörtel) – „aber denen geht wiederum das Sanierungsgeschäft ab, da wird gespart“.

Ziegelproduzenten und Branchenriese Wienerberger ­zeigen anlässlich der Verdoppelung des Nettogewinns in 2016 auch „Zuversicht auf weiteres operatives Wachstum“ 2017. Ausschlaggebend für den Erfolg seien auch interne Struktur- und Prozessoptimierungen, durch die im Vorjahr sieben Millionen Euro eingespart wurden. In Gesprächen mit der Österreichischen Bauzeitung haben sich kürzlich auch die Schalungsbauer optimistisch geäußert: Peri erwartet 2017 „in allen Bereichen eine gute Geschäftsentwicklung und wachsende Umsätze“. Geschäftsführer Christian Sorko berichtet von einer gut wahrnehmbaren positiven Stimmung bei Branchenvertretern jeder Größe. Und auch Baustoffhändler Quester sieht sich laut Geschäftsführer René Rieder „mit dem Rückenwind der Konjunktur auf einem sehr guten Weg“.

Dass es, wenn von Wirtschaft und Produktion die Rede ist, gewisse Unsicherheiten gibt – insbesondere, wenn es um die Zukunft betreffende Aussagen geht –, liegt auf der Hand. So kann Erfolg und Misserfolg einer Teilbranche etwa von der Verfügbarkeit und der Preisentwicklung ihrer Rohstoffe abhängen – z. B. vom Erdölpreis. Robert Novak, Präsident der Österreichischen Fachvereinigung Polystyrol-Extruderschaum, bestätigt, dass aktuell Rohstoffpreiserhöhungen zu verkraften wären, „die wir in dieser Höhe – mit bis zu 60 Prozent innerhalb von vier Monaten – in den letzten 20 Jahren nicht mehr gehabt haben“. Natürlich müssten diese Preissteigerungen auch am Markt weitergegeben werden: „Dass dies in der weiteren Vertriebs- und Wertschöpfungskette zu Umsetzungsproblemen führt, ist leider absehbar.“

Trotz des weitgehenden Aufschwungs gibt es also auch Unsicherheiten unter den österreichischen Bauunternehmern. Eine Wahrnehmung, die auch UEAPME-Präsidentin Rabmer-Koller teilt. Und sie nimmt deshalb die Politik in die Pflicht: Für die Attraktivierung Österreichs als Wirtschaftsstandort wäre ihrer Ansicht nach eine Reduktion der Lohnnebenkosten für KMUs wesentlich. Unternehmenssteuern müssten gesenkt, die Verwaltung vereinfacht werden. Nicht zuletzt unterstützt Rabmer-Koller auch eine vom Baugewerbe längst als sehr dringlich formulierte Forderung: die Flexibilisierung der Arbeitszeiten.

Autor/in:
Bernhard Madlener
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