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Geliehene Arbeitskraft

14.05.2010

Beim Thema Leiharbeiter prallen die Meinungen aufeinander: Für die Wirtschaft ist Zeitarbeit ein wichtiges Instrument bei Auftragsspitzen und in Krisenzeiten für Arbeitnehmer eine problembehaftete Sackgasse.

Es gibt kaum ein Thema, das so kontrovers diskutiert wird wie die Leiharbeit. Und: In keiner anderen Wirtschaftssparte wird das „gemietete Personal" so stark in Anspruch genommen wie in der Baubranche. Von den 2009 beschäftigten 57.230 Leiharbeitern waren 5.462, also beinahe zehn Prozent, am Bau tätig. Rechnet man das Baunebengewerbe noch dazu, sind es gar 6.883 „geborgte" Mitarbeiter.

Doch ihre Zahl war schon weit höher: Ende Juli 2008, noch vor der Wirtschaftskrise, konnten bereits mehr als 80.172 gezählt werden. Dann wurden sie zu den ersten Opfern der Rezession und mussten sich in der Schlange der aktuell 249.679 Arbeitslosen (April 2010) einreihen. Mit der vorsichtig aufkeimenden Erholung der Wirtschaftssituation steigt auch wieder der Bedarf an den flexiblen Arbeitskräften: Inzwischen sollen es bereits wieder rund 62.000 sein. Das Arbeits- und Sozialministerium spricht von einem Zuwachs bei der Arbeitskräfteüberlassung von 16,6 Prozent. Die Leiharbeit ist wieder auf dem Vormarsch.

 

Internationales Milliardengeschäft

Das bestätigt auch Johannes Kopf, Vorstand des Arbeitsmarktservice AMS: „Wir gehen davon aus, dass bei weiterer Erholung der Konjunktur die Nachfrage nach Leiharbeitskräften rasch steigen wird und dass Unternehmen, die noch unter dem Eindruck der Krise stehen, zu Beginn vermehrt auf überlassene Personen setzen werden, um rasch auf mögliche Marktschwankungen reagieren zu können. Dieser Trend ist bereits erkennbar. Die Baubranche gehört natürlich zu jenen Wirtschaftszweigen, die verstärkt auf Zeitarbeit setzen. Über das AMS werden überproportional viele Leiharbeitskräfte für die Baubranche gesucht."

Doch was hat es mit der Leiharbeit auf sich? „Moderne Sklaverei" heißt sie für so machen eingefleischten Kritiker überzeichnet, unternehmensseitig gilt sie als wichtiges Instrument, um Auftragsspitzen wie auch auftragsschwache Zeiten zu überstehen. Hier prallen die Interessen von Unternehmern und Arbeitnehmern aufeinander. Und auch ein Dritter ist im Spiel: Jene Firmen, die mit der Überlassung der Arbeitskräfte florierende Geschäfte machen. 1.868 sogenannte Arbeitskräfteüberlasser (1990: 356) sind es laut Österreichischem Verband Zeitarbeit und Arbeitsvermittlung (VZA) bereits in Österreich, Tendenz steigend. Selbstredend, dass das Geschäftsmodell, das seinen Ursprung in den späten 20er-Jahren in Chicago hat, längst ein globales Phänomen ist. 2008 beschäftigten weltweit 71.000 private Agenturen knapp mehr als 9,6 Millionen Arbeitskräfte. Der von VZA kolportierte Umsatzerlös alleine der Top-Ten-Unternehmen belief sich auf satte 232 Milliarden Euro. Die Idee hinter dem Milliardengeschäft ist rasch erklärt: Ein Verleiher, im arbeitsrechtlichen Sinne der eigentliche Arbeitgeber, stellt je nach Bedarf einem Unternehmen für einen gewissen Zeitraum Arbeitskräfte zu Verfügung. Dafür kassiert er eine vereinbarte Entleihgebühr. Abzüglich Bruttostundenlohn des Leiharbeiters, Sozialversicherungsanteil und Nebenkosten ergibt sich der Ertrag der Agentur. Seit 1988 regelt in Österreich das Arbeitskräfteüberlassungsgesetz (AÜG) die Leiharbeit, seit 2002 gibt es sogar einen Kollektivvertrag für Zeitarbeiter.


Arbeiterkammer-Chef Herbert Tumpel (r.) und die Gewerkschaften präsentierten eine brandaktuelle Studie zur Situation von Leiharbeitern in Österreich – und fordern nun bessere Rahmenbedingungen.

Optimale Bauabwicklung

Der Boom rund ums Leiharbeitergeschäft soll sich auch in Österreich weiter fortsetzen. „In den nächsten Jahren wird es einen Anstieg um bis zu 40 Prozent geben", erwartet Andreas Riesenfelder von L&R Sozialforschung. Insgesamt fünf Prozent (2009: 1,8 Prozent) aller Berufstätigen könnten bald die heimischen Leiharbeiter ausmachen. In Deutschland spricht man gar von künftigen 25 Prozent.

Die Vor- und Nachteile für Arbeitskraft und Unternehmer sind mannigfaltig. Entleiher profitieren insbesondere bei Nachfragespitzen, da keine regulären Arbeitskräfte gesucht und eingestellt werden müssen. Flexibilität lautet hierbei das Zauberwort. Die arbeitsrechtliche Verantwortung und der bürokratische Aufwand bleiben beim Verleiher. Und: Wird die Arbeitskraft bei wirtschaftlicher Flaute nicht mehr gebraucht, geht sie schon am nächsten Tag retour an die Überlasseragentur.

 „Leiharbeit hat sich im Laufe der vergangenen Jahre zu einem unverzichtbaren Element in der Bauabwicklung etabliert. In wenigen Gewerbebereichen gibt es so viele Unwägbarkeiten im Produktionsablauf wie im Bauwesen, umso wichtiger ist Leiharbeit als ausgleichender Faktor für den unregelmäßigen Arbeitsanfall", sagt der Wiener Bauunternehmer Wilhelm Sedlak. Sein Personal besteht derzeit zu rund zehn Prozent aus Leiharbeitern. Und: „Leiharbeit ist für Bauunternehmen zu einer Notwendigkeit geworden, um saisonale Schwankungen dem Arbeitsaufkommen entgegen zu wirken. Speziell in wirtschaftlich angespannten Zeiten, sind die witterungsbedingten Arbeitsunterbrechungen für die Mannschaftsdisposition zu einer großen Herausforderung geworden. Diese können durch den Einsatz von Leiharbeitskräften besser bewältigt werden." Weit weniger Interesse an der Leiharbeit zeigt die Strabag. Nach eigenen Angaben hält das Mietpersonal bei unter einem Prozent. „Bei uns spielt Leiharbeit eine minimale Rolle. Wir beschäftigen Leiharbeiter nur zur Spitzenabdeckung im gewerblichen Bereich. Mit saisonalen Auslastungsschwankungen hat das nichts zu tun", erklärt Sprecherin Diana Klein.

„Leiharbeiter sind sicherlich in Spitzenzeiten von Bedeutung. Verschiedene Unternehmen haben Aufträge angenommen, ohne die Mannschaft dafür zu haben. Um die Aufträge ausführen zu können, waren sie in der Not und brauchten Arbeitskräfte. Wobei das nicht ungefährlich ist: Wenn man Projekte mit Leiharbeitern abwickelt, kann das auch mehr schaden, als es hilft", warnt Bundesinnungsmeister Hans-Werner Frömmel. Die Leiharbeit sei jedenfalls von Bedeutung für Bauindustrie wie auch Gewerbe. „Der Umstand, dass bei den Arbeitern 3,4 Prozent aller Arbeitnehmer überlassene Arbeitskräfte sind, bei den Angestellten hingegen nur 0,6 Prozent, zeigt deutlich, dass Leihkräfte keine dauerhafte Auslagerung von Arbeit bedeutet, sondern vorübergehende Arbeitsspitzen damit abgedeckt werden sollen. Einschränkungen bei der Arbeitskräfteüberlassung würden das Bauen teurer machen, weil Arbeitspartien oder Spezialisten, die nicht voll ausgelastet werden können, teurer sind als das temporäre Heranziehen von Zeitarbeitern", so Frömmel weiter.

 

Vorteil Flexibilität

2009 gab Powerserv Austria die Studie „Zeitarbeit in Österreich" in Auftrag. Dabei wurden 101 Unternehmen zu ihren Personalangelegenheiten befragt. Das Fazit: Die Attraktivität der Zeitarbeit aus Sicht der Führungskräfte für die Wirtschaft hat von 2008 auf 2009 sogar leicht zugenommen, sagen rund drei Viertel der Befragten. 2009 wurde die Flexibilität als eindeutig wichtigster Vorteil von 57 Prozent genannt. Drei Viertel der befragten Unternehmer sind der Meinung, dass Zeitarbeit hilft, in wirtschaftlich guten Zeiten mehr Aufträge anzunehmen. Rund 50 Prozent meinten, dass Zeitarbeit hilft, Risiken zu minimieren, und mehr Sicherheit schafft – auch hilft sie im Krisenfall dabei, zumindest Fixarbeitsplätze absichern zu können. Mehr als ein Drittel ist überzeugt, dass Zeitarbeit dazu beiträgt, dass Unternehmen in Wirtschaftskrisen erhalten werden können. „In der aktuellen Stimmung des Aufschwungs sind Personaldienstleister wieder gefragter denn je. Durch das flexible Instrument der Arbeitskräfteüberlassung lässt sich schnell und ohne Risiko auf Marktveränderungen reagieren. Personal, das nach Auftragslage einsetzbar ist, gibt Stabilität in unsicheren Zeiten", sagt Viktoria Tischler, Präsidentin des VZA.

 

Schlecht bezahlt

Vonseiten der Arbeitnehmer brachten vor allem „schwarze Schafe" der Branche einen schlechten Ruf ein: Von schlechter Bezahlung und mangelhafter Absicherung war hier oftmals die Rede. Doch auch hier gibt es Vorteile: Häufig wird vorgebracht, dass dadurch Arbeit leichter und schneller zu finden ist. Und auch die gesammelte Erfahrung in unterschiedlichen Unternehmen kann als positiv eingestuft werden. Die durchaus verbreitete Möglichkeit zu flexiblen Arbeitszeiten und Teilzeit werden von vielen Leiharbeitern geschätzt. Ganz so glücklich sind die betroffenen Arbeitskräfte allerdings dann doch nicht. Eine brandaktuelle Studie der L&R Sozialforschung im Auftrag der Arbeiterkammer belegt: 65 Prozent hätten doch lieber ein klassisches, langfristiges Arbeitsverhältnis. Und auch trotz Gesetz und Kollektivvertrag gibt es weiterhin Probleme. Leiharbeiter müssen des Öfteren ungewollt einer einvernehmlichen Auflösung des Arbeitsverhältnisses zustimmen. Zwölf Prozent willigen aus Angst, kein Jobangebot mehr zu bekommen, ein. Etwa fünf Prozent gar, weil die Überlasserfirma Druck ausübt. „Leiharbeit ist eine sehr flexible Arbeitsform, die zu massiven Änderungen unserer Arbeitskultur führt. Hand in Hand damit gehen teilweise gravierende Probleme für die Betroffenen – bei der Erwerbssituation, der Entlohnung und bei der Durchsetzung ihrer Rechte", kritisiert AK-Präsident Herbert Tumpel.

 

Leiharbeit ist männlich

Leiharbeit ist vorwiegend männlich (81 Prozent, Stand 2007) und im Arbeiterbereich anzusiedeln. Vor allem durch saisonale Einflüsse sind die Zeitarbeiter stark von Arbeitslosigkeit betroffen. Auch Unterbrechungen und spätere Rückkehr sind durchaus üblich und finden sich deutlich häufiger in den Branchen Bau, Maler und Gastronomie. Enorme 82 Prozent der Leiharbeiter stimmen dem Satz „Leiharbeiter haben ein hohes Risiko, arbeitslos zu werden" zu. Mit steigendem Alter wächst diese Zustimmung noch auf knapp 90 Prozent. Tumpel: „Ein Drittel aller Leiharbeitsverhältnisse dauert nicht länger als ein Monat, rund 55 Prozent nicht länger als sechs Monate." Knapp die Hälfte der Leiharbeiter, so die Sozialstudie, seien erhöhter Arbeitsbelastung ausgesetzt und werden oft innerhalb eines Unternehmens als „Arbeiter zweiter Klasse" gesehen. Jeder Vierte ist mit seiner Bezahlung unzufrieden, knapp die Hälfte der befragten Zeitarbeiter sichtet eine Ungleichbehandlung im Vergleich zum Stammpersonal. Und Leiharbeit gilt als eine Sackgasse: 68 Prozent sehen keine Möglichkeit, sich beruflich weiterzuentwickeln.

„Das gilt es zurückzudrängen, um den Menschen eine Perspektive zu geben", stellt Tumpel deshalb gleich mehrere Forderungen an die Politik auf. Die Informationspflicht des Beschäftigers gegenüber den Betriebsräten soll ausgeweitet werden, der Beschäftigungsanteil der Leiharbeiter mit einer Höchstquote beschränkt werden. Der Missbrauch bei „einvernehmlichen Auflösungen" müsse unterbunden werden. Leiharbeitern muss zudem eine Chance auf Übernahme ins Stammpersonal gegeben werden – nach sechs Monaten und bei Freiwerden eines Arbeitsplatzes. Und: Die Privilegien von Konzernen – sie sind weitgehend vom AÜG ausgenommen – sollen beseitigt werden. „Eine Höchstquote stellt ein Problem dar. Sollte es die Konjunktur zulassen beziehungsweise erfordern, dass ich Leute brauche, bremst mich eine Beschränkung ein. Und eine Übernahme kann die Arbeiterkammer zwar fordern, muss aber Unternehmersache bleiben. Jede Beschränkung der Flexibilität ist für die Bauwirtschaft schlecht. Solche Forderungen würden im Übrigen dazu führen, dass vermehrt Leistungen zur Spitzenabdeckung an Subunternehmer vergeben werden müssten", winkt Frömmel ab.

Die Leiharbeit stellt für die Wirtschaft eine optimale Lösung dar, um Schwankungen und Auftragsspitzen erfolgreich zu überbrücken.

 

Fixanstellung gefordert

Aber: „Wichtig ist natürlich, dass die arbeitsrechtlichen Standards eingehalten werden und Augenmerk darauf gelegt wird, dass das Instrumentarium nicht zum Sozialmissbrauch eingesetzt wird."

Auch AMS-Vorstand Kopf hat Bedenken: „Der Anteil an Leiharbeitern, für die eine Regelung Leiharbeitskräfte nach sechs Monaten ins Stammpersonal übernehmen zu müssen, schlagend werden würde, ist vergleichsweise klein. Nur jedes fünfte Leiharbeitsverhältnis, das 2007 beendet wurde, dauerte länger als sechs Monate. Darüber hinaus könnte die aus Arbeitnehmerinteressen begründete Forderung der AK neben den erwünschten Effekten die Konsequenz haben, dass Unternehmen auf diese Einschränkung mit einem Austausch ihrer Leiharbeitskräfte reagieren – ein sicher nicht gewünschter Effekt."

Und er erkennt die Leiharbeit als Nutzen für die Arbeitsmarktpolitik: „Unsere Erfahrung zeigt, dass sich Unternehmen wesentlich rascher entschließen eine Leiharbeitskraft aufzunehmen als ihre Stammbelegschaft zu vergrößern. Daher gehen wir per Saldo von positiven Beschäftigungseffekten aus. Zeitarbeit bietet für arbeitslose Menschen eine Chance auf eine Reintegration in das Beschäftigungssystem. Daher sind Arbeitskräfteüberlasser auch wichtige Partner des AMS." Hat die Leiharbeit Auswirkungen auf die durchschnittlichen Löhne und Gehälter? Kopf: „Soweit ich weiß: Nein. Aktuelle Studien zur Einkommensverteilung zeigen: Zeitarbeiter sind häufig im mittleren Einkommensbereich angesiedelt." Den Forderungen kann Unternehmer Sedlak zumindest teilweise etwas abgewinnen: „Eine verpflichtende Übernahme ins Stammpersonal würde nur den Effekt haben, dass versucht wird, diese Übernahme zu umgehen, da ja ansonsten der Sinn der Leiharbeit wegfallen würde. Dass Firmen Leiharbeiter nur bis zu einem gewissen Prozentsatz des Stammpersonals als Höchstquote verwenden dürfen, würde ich befürworten. Dies speziell unter dem Gesichtspunkt, dass nach unserer Meinung die Kernfähigkeiten und Kernkompetenzen im eigenen Unternehmen angesiedelt sein sollten."

Unterm Strich ist Leiharbeit für die Wirtschaft eine perfekt zugeschnittene Lösung, für jeden Arbeitnehmer jedoch eine eher besorgniserregende Entwicklung. Wer weiß, ob man nicht selbst einmal als Zeitarbeiter endet. Riesenfelder von L&R Sozialforschung gibt zu bedenken: „Für viele gilt: einmal Leiharbeiter, immer Leiharbeiter."

Helmut Melzer

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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