Direkt zum Inhalt

Gib Acht!

02.03.2004

Die Baubranche gilt – bei Unfallstatistikern – als ungeschlagene Nummer Eins bei folgenschweren Unfällen.

Noch vor wenigen Jahren wurden die Baustellen und Betriebe auf ihre technische Ausrüstung sowie Ausstattung im Sicherheitsbericht kontrolliert; schwere Mängel waren noch zu finden. Heute gilt der Mensch bzw. Arbeiter selbst als Unfallverursacher Nummer eins. Deshalb geht die AUVA (Allgemeine Unfallversicherungsanstalt) jährlich mit Kampagnen im TV und Radio auf die Unfallrisikogruppe Menschen am Bau ein. Laut Statistik der AUVA erleidet jeder zehnte Bauarbeiter jährlich einen Unfall. Die Tatsache, dass 27% aller tödlichen Arbeitsunfälle auf den Bau entfallen, besagt zudem, dass die Unfälle am Bau besonders folgenschwer sind. Dabei sind die häufigsten Unfallursachen Sturz und Fall (33%), Herab- und Umfallen von Gegenständen sowie scharfe und spitze Gegenstände (je 12%). Betroffen sind vor allem Bauarbeiter von 15 bis 25 Jahren. Auf diese Altersgruppe entfallen 26% aller Arbeitsunfälle am Bau, obwohl sie nur 18% aller Bauarbeiter ausmacht. „Das war ein Grund, warum sich unsere derzeitige Kampagne ,Gib Acht!` auch an junge Arbeitnehmer im Allgemeinen richtet“, erklärt Ing Wolfgang Boesau, Mitarbeiter der Abteilung „Unfallverhütung und Berufskankheitenbekämpfung, der AUVA.

Die Kampagnen
Um die Bauarbeiter dazu zu bringen, bei der Arbeit auch (oder mehr) an ihre Sicherheit und Gesundheit zu denken, ist es vor allem notwendig, ihnen die Gefahren und Belastungen bewusst zu machen, von denen sie umgeben sind. Ebenso wichtig ist es, ihnen die Nachteile vor Augen zu führen, die ein Unfall oder eine Krankheit für sie und für ihre Familie bedeutet. Umgekehrt muss man den Nutzen unterstreichen, den sicherheits- und gesundheitsbewusstes Verhalten mit sich bringt. Dieses grundlegende Prinzip wird bei allen Betriebsbegehungen und Beratungen und Schulungen angewendet. Für die Unterweisung von Bauarbeitern, die nicht deutsch sprechen, gibt es auch eine „nonverbale“ Version, und der Comic-Strip „Sicher arbeiten“ bietet Spitzengraphik vom Feinsten, tiefgründig verbunden mit lebenswichtigen Tipps. Speziell für Unterweisungszwecke gibt es Videos, so zum Beispiel die Serie „Sicheres Bauen“ , fünf Videos, die typische Situationen am Bau zeigen und als Grundlage dienen, sichere Alternativen auszuarbeiten. Die Serie mit der Trickfigur „Helm-Mut“ wurde gemeinsam mit der Bundesinnung Bau hergestellt.
Ein eigenes Kapitel stellen junge Arbeitnehmer am Bau dar. Im Rahmen der Aktion „Gib 8!“ wurden spezielle Printmedien für sie vorbereitet. Sprüche wie „Alle Bauarbeiter schützen sich vor herabfallenden Ziegeln. Nur nicht der Fredl, dem fliegt einer auf den Schädel“ sollen dazu anregen, weitere derartige Sprüche zu erfinden und sich damit spielerisch, aber letzten Endes doch mit Sicherheit und Gesundheit auseinanderzusetzen.

Die Notwendigkeit
Der Arbeitsplatz von Bauarbeitern unterscheidet sich wesentlich von dem der meisten Arbeitnehmer. Zum einen verändert er sich durch den Baufortschritt oft rasch, so dass keine permanenten Sicherheitsmaßnahmen möglich sind. Diese sind vielmehr immer wieder der geänderten Situation anzupassen – was zuweilen unterbleibt. Zum andern ist der Arbeitsplatz von Bauarbeitern ständig der Witterung ausgesetzt, Hitze und Kälte, Wind und Regen, Schnee und Eis wirken ungehindert auf ihn ein. All dies trifft auf einen permanenten Arbeitsplatz, z. B. in einem Produktionsbetrieb, nicht zu.
Die meisten Unfälle am Bau ereignen sich beim Stolpern oder beim Ausrutschen auf ebenem Boden. Dabei kann es über harmlose Hautabschürfungen hinaus zu komplizierten Bandverletzungen, Knochenbrüchen und sogar zu inneren Verletzungen kommen. Erschwerend hinzu kommt die Absturzgefahr, entweder durch Öffnungen im Boden oder von erhöhten Standorten, vor allem von Gerüsten. Ein Fall vom Gerüst endet meistens mit dem Tod. „Hier hat die AUVA bereits 1997 eine Kampagne gestartet, die „Sicherheit auf Schritt & Tritt“ geheißen hat. Laut Statistik konnten die „kleineren“ Unfälle reduziert werden, die Anzahl der Stürze mit Todesfolge blieb leider gleich.
Ebenfalls besonders gefährlich ist es, wenn Gegenstände auf den ungeschützten Kopf herabfallen, schwere Bauteile umfallen, Gebäudeteile oder Erdreich einstürzt. Jahr für Jahr werden Bauarbeiter von Erdreich erdrückt, weil es nicht oder nur ungenügend gepölzt wurde. Besonders gefährlich ist die Arbeit im Tunnel, bei der nahezu jeder zweite Bauarbeiter einen Unfall erleidet. Zu den typischen Unfallgefahren am Bau gehören noch die Vielzahl an scharfen und spitzen Gegenständen wie das sogenannte Stanley-Messer, scharfkantige Bleche oder der berühmte Nagel im Pfosten, der Schuhsohle und Fuß durchdringt, nicht zu vergessen gefährliche Maschinen wie die unvermeidliche Baukreissäge oder die Flex.

Die Schulung
Die AUVA bietet als Unfallversicherungsanstalt Schulungen zur Unfallverhütung bzw. Vermeidung an. Viele Unternehmer wissen gar nicht, dass sie aufgrund der Zahlungen, die sie monatlich leisten, einen Anspruch auf diese Schulungen haben und dadurch keine zusätzlichen Kosten entstehen. Zur Hebung der Sicherheit am Bau bietet die AUVA eine Vielzahl an Kursen und Fortbildungsveranstaltungen an. Beginnend bei der dreitägigen Ausbildung von Sicherheitsvertrauenspersonen über Seminare für Führungskräfte bis hin zu den Workshops zur Baukoordinatorenausbildung, die sich seit dem Inkrafttreten des Baukoordinationsgesetzes zu einem fixen Angebotsbestandteil entwickelt haben. Zur Schulung von Bauarbeitern wurde die videounterstützte Schulung konzipiert. Dabei werden Baustellen mit einem speziell für Schulungszwecke ausgerüsteten Bus aufgesucht, positive und negative Situationen mittels Videokamera aufgezeichnet und dann mit der Baustellenbelegschaft besprochen. Nicht zuletzt ist die AUVA auch an den Berufsschulen mit Sicherheitsvorträgen für Lehrlinge vertreten. Das Institut für Verkehrswesen bietet Hörern im zweiten Studienabschnitt die „Unfallverhütung im Bauwesen“ als freies Wahlfach in Form einer Blockvorlesung mit anschließender Prüfung an.

Die Umwelt und Stressbelastung
Bauarbeiter müssen im Sommer oft unter der prallen Sonne arbeiten, was ihr Risiko, an Hautkrebs zu erkranken, erhöht. Eine weitere Belastung entsteht durch die zunehmende Ozonkonzentration an heißen Sommertagen, weil das Ozon ein Reizgas für die Atemwege ist.
Ein betriebliches Projekt, das über die Grenzen Österreichs hinaus Beachtung gefunden hat, ist das Projekt „BauFIT“. Dabei geht es um einen völlig neuen, integrierten Präventionsansatz, um Unfälle und Krankenstände am Bau zu reduzieren. Die Ungewöhnlichkeit und die sensationellen Erfolge des Projektes verdienen einen kleinen Exkurs. Dazu Dipl.-Ing. Erich Bata, AUVA-Mitarbeiter für Unfallverhütung: „Stress ist ein zu gering eingeschätzter Faktor bei Unfällen. Hier hat die AUVA ebenfalls einen Schwerpunkt gesetzt, aufzuklären.“ Denn ausgehend von der Hypothese, dass die wirklichen Unfallursachen nicht gefährliche Maschinen, Absturzhöhen und Bauteile sind, sondern dass viel mehr Stress erzeugende Faktoren wie Zeitdruck, Lohnvorgaben, Planfehler, Material-Engpässe, Bewegungsschmerzen, Konzentrationsmängel etc. zum Unfall führen, wurde mit BauFIT ein unkonventioneller Weg zu mehr Sicherheit am Bau erkundet. Aus der einschlägigen Forschung ist bekannt, dass Stress das Gleichgewichtssystem, das räumliche Erleben und die Konzentration negativ beeinträchtigt. Ferner kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass Störungen des Gleichgewichtssystems sich vor allem bei Gerüstarbeiten, Schalungs- und Betonierarbeiten sowie bei Dacharbeiten gefährlich auswirken, dass gestörtes räumliches Erleben die Wahrnehmung von Veränderungen im Nahbereich, wie zum Beispiel eine Last am Kranhaken oder eine fehlende Schachtabdeckung, erschwert und mangelnde Konzentration als Unfallursache jedenfalls in Betracht kommt.
Bei ergonomischen Beratungen erfuhren die Bauarbeiter, wie sie ihren Körper durch richtiges Heben und Tragen schonen können, ohne dass ihre Leistung dadurch verringert würde. Die Bauarbeiter lernten außerdem Ausgleichsübungen zur besseren Durchblutung der Muskulatur nach Zwangshaltungen sowie zum Stressabbau. Alle Übungen waren so konzipiert, dass sie sich in den Arbeitsablauf integrieren ließen und von der Umgebung kaum bemerkt wurden.
Zur Zeit laufen Versuche, aus BauFIT ein betriebliches Standardinterventionsprogramm zu machen. Dafür ist eine deutliche Reduzierung des finanziellen, organisatorischen, technischen und zeitlichen Aufwands notwendig.

Weitere Informationen dazu:
AUVA, Adalbert-Stifter-Straße 65, 1201 Wien
Tel.: (+43 1) 331 11-512
Ansprechpartner in den Bundesländern:
- Wien, Niederösterreich, Burgenland:
AUVA, Webergasse 4, 1203 Wien
Tel.: (+43 1) 331 33-297
- Steiermark, Kärnten:
AUVA, Göstingerstr. 26, 8021 Graz
Tel.: (+43 316) 505-2602
- Oberösterreich:
AUVA, Blumauerplatz 1, 4021 Linz
Tel.: (+43 732) 6920-531
- Salzburg, Tirol, Vorarlberg:
AUVA, Meinhardstraße 16, 6020 Innsbruck
Tel.: (+43 512) 52056

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
Werbung

Weiterführende Themen

Anhand des Bauvorhabens ­Kindergarten Schwoich wurde in ­einer Studie der Einsatz von BIM unter die Lupe ­genommen und auf ­seine Praxistauglichkeit für KMUs hin überprüft.
Aktuelles
13.10.2020

BIM-Punktlandung: Wie BIM in der Praxis eingesetzt werden kann und welche Vorteile sich daraus ergeben, zeigt eine aktuelle Forschungsstudie am Beispiel der Kindergartenerrichtung in Schwoich.

Während des 3D-Betondruck-Vorgangs können manuelle Arbeiten durchgeführt werden.
Aktuelles
13.10.2020

Schicht für Schicht: Das zweigeschoßige Einfamilienhaus mit 80 Quadratmeter Wohnfläche pro Geschoß entsteht in Beckum.

Gemeinsames Projekt: Lehrlingsexpertin Petra Pinker (l.) und Unternehmensberaterin Sabine Trnka, Geschäftsführerin von Mmittelpunkt Consulting und Partnerin bei Acon Management Consulting, haben gemeinsam das Coaching-Projekt Lean4Future ins Leben gerufen.
Aktuelles
07.10.2020

Die Spielregeln für die junge Generation sind andere geworden. Work-Life-­Balance und der Sinn in der eigenen Arbeit sind wichtiger denn je, wie Petra Pinker und Sabine Trnka im Interview erklären ...

Recht
07.10.2020

Der Umgang mit Unternehmern, die im Verdacht von verbotenen Absprachen stehen, ist von Auftraggeber zu Auftraggeber unterschiedlich.

Recht
07.10.2020

Ein nicht zu unterschätzendes Haftungsrisiko stellen „öffentlich-rechtliche“ Prüfpflichten dar, aber nicht immer werden diese Aufgaben in der Praxis ernst genommen.

Werbung