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Gipsplatten auf Erfolgskurs

01.02.2005

In Österreich ist Knauf vor allem als Erzeuger von Trockenbausystemen bekannt. Im Intervew gibt Geschäftsführer Otto Ordelt einen Einblick in 35. Jahre Firmengeschichte.

Am 1. Mai 1970 erfolgte die Gründung von Knauf Österreich. Können Sie kurz Bilanz ziehen über 35 Jahre Knauf in Österreich?
Ordelt: Es gab bereits in den 1960er-Jahren eine Vertriebsorganisation in Österreich. 1970/71 wurde dann die erste Produktionsstätte in Weißenbach bei Liezen eröffnet und immer wieder erweitert. Weißenbach war als Produktionsstandort deshalb interessant, weil es große Gipsvorkommen in dieser Gegend gibt, und weil Knauf damals einen Partner hatte, der über die Schürfrechte verfügte. Heute baut Knauf am Pyhrnpass ab und parallel dazu im 140 Kilometer entfernten Tragöß. Im Moment wird gerade ein neues Abbaugebiet in Hall erschlossen, nur 23 Kilometer von Weißenbach entfernt. Das heißt, alles, was in Österreich an Gipsplatten produziert wird, wird mit österreichischem Naturgips erzeugt.

Ein Leitspruch von Knauf lautet: „Bewusstsein für Ökologie und Ökonomie“. In den letzten 35 Jahren hat sich gerade im Bereich Umweltschutz und Ökologie einiges getan. Was bedeutet das für den Gipsabbau und die Wiederaufforstung der Gipsabbaustätten?
Ordelt: Umweltschutzauflagen gibt es für den Tagebau seit jeher. Das heißt, dass nicht mehr genutzte Abbauflächen renaturiert werden müssen. Knauf sieht darin nicht nur ein gesetzliches Muss. Wir fühlen uns dazu verpflichtet, die Abbaustätten wieder in den ursprünglichen Zustand zu versetzen. Unsere Abbaustätten werden laufend aufgeforstet. Es gibt im Normalfall eine offene Fläche, auf der der Abbau betrieben wird, parallel dazu werden nicht mehr benötigte Flächen rekultiviert. Das ist nicht das Resultat einer neuen Gesetzgebung, das wurde bei Knauf immer schon so gehandhabt.

Knauf hat im Bereich Umweltschutz eine Vorreiterrolle eingenommen. Sie waren 1989 auch eines der ersten Unternehmen, das in Südosteuropa investiert hat. Wo ist Knauf heute vertreten?
Ordelt: Es wäre einfacher, wenn ich Ihnen sagen würde, in welchen Ländern die Gruppe Knauf Österreich nicht vertreten ist. Mit der Ostöffnung im Jahr 1989/90 haben wir begonnen, in den östlichen Nachbarländern Österreichs Vertriebsorganisationen zu gründen und sukzessive zu expandieren. So konnten wir in der mittleren Ausbauphase der Osterweiterung von Österreich aus alle Länder betreuen. Die einzige Ausnahme dabei sind Russland, Weißrussland und Ukraine. Diese Länder werden von Moskau aus betreut. Alle anderen Länder in Osteuropa sind bei der Knauf-Gruppe Österreich angesiedelt.

Das heißt, diese Länder werden auch von Österreich aus beliefert?
Ordelt: Zum Teil. Ungarn, Slowenien, der Norden von Kroatien, Teile von Rumänien und Teile der Slowakei werden von Österreich aus beliefert. In den anderen Ländern haben wir bereits Produktionsstätten aufgebaut, wie zum Beispiel in Polen, Tschechien oder Bulgarien. Das heißt, wir haben nicht nur begonnen, von Österreich aus diese Märkte zu bedienen, sondern auch nach und nach eigene Produktionsstandorte errichtet.

Wie sieht das mit der Rechtssicherheit und der langfristigen Sicherung der Abbaugebiete aus?
Ordelt: Bis Mitte der 1990er-Jahre gab es eine unsichere Rechtslage in einigen Ländern, mittlerweile ist die rechtliche Sicherheit und Verbindlichkeit aber in all diesen Ländern so klar, dass man ohne Bedenken Investitionen tätigen kann und die Gewähr hat, bis zur Ausschöpfung der Gipsvorkommen auch den Abbau vor Ort zu betreiben.

Im Jahr 2003 hatte die Sparte Trockenbau in Österreich einen unglaublichen Zuwachs von 9,7 Prozent. Für das Jahr 2004 rechnet man mit einem drastischen Rückgang auf drei bis vier Prozent. Woran liegt das? Wie reagiert Knauf darauf?
Ordelt: Ich betrachte die drei bis vier Prozent keineswegs als dramatisch. Vor allem dann nicht, wenn man bedenkt, dass das prognostizierte Hochbauvolumen bei zirka 1,5 Prozent liegt. Das heißt, wir haben immer noch ein Wachstum, das doppelt so hoch liegt. Die drei Prozent sind in meinen Augen keine negative Zahl. Knauf hat für 2005 ein Wachstum von drei Prozent geplant – das ist absolut realistisch. Auch in Österreich ist das Potenzial des Trockenbaus noch nicht ausgeschöpft. Darüber hinaus sind die größten Wachstumsraten im Jahr 2005 für den Bereich „Nicht-Wohnbau“ und die Renovation vorausgesagt. Das sind zwei klassische Bereiche für den Trockenbau. Wenn diese Märkte stärker wachsen, ist das natürlich auch für uns von Vorteil. Diese extreme Steigerung im Jahr 2003 war für uns alle überraschend und lässt sich natürlich auch nur zum Teil darüber erklären, dass immer mehr Architekten mit Leichtbau planen. Wir hatten erst vor ein paar Wochen eine Besprechung auf der Technischen Universität Wien, wo uns die Architekten durch die Bank bestätigten, dass „Leichtigkeit im Bauen“ ein immer brisanteres Thema in der Architektur ist.

Was ist das Erfolgsrezept von Knauf?
Ordelt: Es gibt kein Patentrezept für Erfolg. Was für Knauf sicher Erfolg versprechend ist, dass wir uns nicht auf die reine Herstellung von Produkten beschränkt haben, sondern Systeme für nichttragende Leichtbaukonstruktionen anbieten. Das ist ein Firmenleitbild, das wir seit über dreißig Jahren verfolgen. Mittlerweile versuchen wir der Systemgeber für alle Leichtbaukonstruktionen zu werden. Das heißt, wir arbeiten permanent an der Weiterentwicklung und Verbesserung unserer Systeme. Das deckt sich natürlich auch mit den Wünschen der Planer nach Konstruktionen, mit denen sie ihre Ideen und Vorstellungen umsetzen können. Und letztendlich kommt uns jede Weiterentwicklung auch direkt wieder zugute. Wir gehen mit unseren Lösungen viel mehr in die Tiefe, beraten die Planer und Architekten, wollen deren Wünsche hören und selbstverständlich auch Bedarf für bestimmte Systeme schaffen. Wir können somit vom Planer über den Investor und den Generalunternehmer bis hin zum Trockenbaugewerbe und den Handel alle Bereiche und Sparten bedienen. Und der Beweis, dass dieses System aufgeht, ist die Tatsache, dass die Knaufplatte – unser Kernprodukt – eigentlich nur noch 50 Prozent unseres Umsatzes ausmacht. Der Rest sind sozusagen „Accessoires“ – also Systemkomponenten wie Spachtelmassen, Dichtungsbänder oder Profile.

Im vergangenen Jahr haben Sie mit Studenten der TU Wien einen Wettbewerb zum Thema „die fassade – spiel mit ihr“ veranstaltet. Ist diese Kooperation mit der TU auch eine Möglichkeit, die Wünsche und Bedürfnisse der Planer aufzuspüren? Was war der konkrete Output dieser Zusammenarbeit?
Ordelt: Das Projekt mit der TU ist viel langfristiger angelegt. Wir wollten ein Produkt auch einmal rein vom künstlerischen Ansatz her betrachten und die künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten mit einem standardisierten Industrieprodukt aufzeigen. Kurzfristig messbare Erfolge darf man sich davon nicht erwarten. Aber wir haben damit einen ersten Schritt getan, zukünftigen Architekten unser Produkt näher zu bringen. Das ist für Knauf natürlich auch eine Möglichkeit, sich ein visionäres Image zu schaffen. Und die Ergebnisse aus dem Wettbewerb haben gezeigt, wie vielfältig unser Produkt einzusetzen ist.

Das Aquapanel® Cement Board – die jüngste Knauf Neuentwicklung – stand auch im Mittelpunkt des Studentenwettbewerbs. Mit dieser zementgebundenen Trockenbauplatte, wie sie beispielsweise bei der Stadthalle in Graz von Architekt Klaus Kada auch eingesetzt wurde, verlässt Knauf auch den reinen Innenausbau. Wie hoch ist heute der Marktanteil des Aquapaneels und welche Weiterentwicklungen sind im Bereich Trockenbau in Zukunft noch zu erwarten bzw. möglich?
Ordelt: Der Anteil von Aquapaneel ist heute noch verschwindend klein und liegt bei ein paar Prozent und hat, was den Umsatz angeht, noch kaum Bedeutung. Momentan beschränkt sich der Hauptgeschäftsbereich von Knauf auf Innenwand- und Innendeckensysteme. Irgendwann würden wir natürlich auch gerne komplette Außenwandelemente oder sogar tragende Elemente anbieten. Die Entwicklung geht eindeutig in diese Richtung. In unserer Forschungsabteilung werden permanent neue Produkte und Anwendungen entwickelt und getestet. So bietet Knauf unter dem Namen LaVita jetzt eine Platte an, die Strahlungen abschirmen kann. Auf der Baumesse in München vergangene Woche haben wir ein Produkt präsentiert, das Gerüche oder Schadstoffe absorbieren kann. Das sind zwar keine Produkte, die den Trockenbau revolutionieren werden, aber ein breiteres Produktspektrum bieten und erweiterte Anwendungsbereiche ermöglichen. Was unsere Forschungsabteilung sicher noch längere Zeit beschäftigen wird, ist das Thema „Latentwärmespeicherplatte“. Eine Entwicklung, die auf den Vorwurf reagiert, dass der Trockenbau keine wärmespeicherfähigen Massen aufweisen kann. Alle Neuentwicklungen beziehen sich vor allem auf die technische Weiterentwicklung unserer Produkte und gehen in Richtung Systemverbesserung und Perfektionierung.

Tom Cervinka

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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