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 © Architektin Isabella Wall, FV Mineralwolleindusrie, GSG WDVS-Fachbetrieb, GPH, Austrotherm, QG WDSUdo Klamminger, Vorsitzender der Fachvereinigung Mineralwolleindustrie © Architektin Isabella Wall, FV Mineralwolleindusrie, GSG WDVS-Fachbetrieb, GPH, Austrotherm, QG WDS © Architektin Isabella Wall, FV Mineralwolleindusrie, GSG WDVS-Fachbetrieb, GPH, Austrotherm, QG WDS © Architektin Isabella Wall, FV Mineralwolleindusrie, GSG WDVS-Fachbetrieb, GPH, Austrotherm, QG WDS © Architektin Isabella Wall, FV Mineralwolleindusrie, GSG WDVS-Fachbetrieb, GPH, Austrotherm, QG WDS © Architektin Isabella Wall, FV Mineralwolleindusrie, GSG WDVS-Fachbetrieb, GPH, Austrotherm, QG WDS

Götterdämmerung der Dämmbranche

08.05.2017

Kreislaufwirtschaft, eine neue Normung und steigende Rohstoffpreise – wir haben nachgefragt, was die Dämmbranche aktuell bewegt und welche Themen die Zukunft bestimmen werden.

Es bewegt sich einiges in der Dämmbranche. Der Verarbeiter rutscht näher an den Planer, Kreislaufwirtschaft wird immer wichtiger, die Rohstoffpreise spielen verrückt – und die Sanierungsquote ist im Keller. Zeit, bei den Interessenvertretungen nachzufragen, was zukünftig noch kommen wird.

Was sind für Ihre Interessenvertretung die Themen des Jahres 2017?
Andreas Traunfellner: Bei der Güteschutzgemeinschaft WDVS-Fachbetrieb steht einerseits die Verstärkung der Zusammenarbeit zwischen Baustoff- sowie Bauindustrie und ausführenden Fachbetrieben zur Förderung der thermischen Sanierung im Fokus. Andererseits wollen wir unsere Mitgliederbasis weiter ausbauen sowie die Fachkräfteschulungen zum „Zertifizierten WDVS-Fachverarbeiter“ vorantreiben. Eine allgemeine Verankerung der anerkannten und öffentlich zugänglichen Fachkräfteschulungen inklusive Zertifizierung bei Bestbietervergaben wäre erstrebenswert.
Udo Klamminger: Wir, die Fachvereinigung Mineralwolleindustrie, möchten das Bewusstsein und das Vertrauen in Mineralwolle als ökofreundlichen Dämmstoff speziell bei privaten wie gewerblichen Entscheidungsträgern stärken. Letztes Jahr haben wir mit der Infokampagne „Multitalent Mineralwolle“ erfolgreich den ersten Schritt gesetzt. 2017 werden wir damit fortfahren.
Clemens Hecht: Für uns als Qualitätsgruppe Wärmedämmsysteme ist das wichtigste Thema 2017 mit Sicherheit die neue Verarbeitungsrichtlinie. Die Basis dafür sind sowohl zahlreiche Dokumente der letzten Jahre als auch die neue ÖNorm B 6400. Ebenso gilt es weiterhin, den zertifizierten Facharbeiter stärker in die Auslage zu stellen bzw. vor den Vorhang zu holen. Intern arbeiten wir gerade an der Aktualisierung unseres Webauftritts sowie an der Ausschreibung zum Ethouse Award 2018. Ein generell bedeutendes aktuelles Thema ist sicherlich die „Circular Economy“, im Speziellen der Polystyrene Loop. Ganz allgemein gilt es, die Möglichkeiten aufzuzeigen, für eine Anhebung der Sanierungsrate zu kämpfen, weiter an Fakten zu arbeiten sowie Wissen zu verbreiten und europäisch zu denken, aber regional zu handeln.
Clemens Demacsek: 2017 steht bei der Güteschutzgemeinschaft Polystyrol-Hartschaum das Entsorgungsthema im Fokus. Zurzeit werden Styroporabfälle entweder mechanisch recycelt oder thermisch verwertet. Die dritte Entsorgungsschiene, das rohstoffliche Recycling, hat die Testphase bereits erfolgreich abgeschlossen. Bis 2018 soll eine Demonstrationsanlage zur industriellen Nutzung errichtet werden.
Robert Novak: Sicherheit durch Qualität steht beim ÖXPS im Fokus. Wir wollen verstärkt den Markt darauf sensibilisieren, dass man trotz des starken Preisdrucks nicht auf Kosten der Sicherheit und Qualität beim Produkt spart. Der Spruch „Wer billig kauft, kauft teuer“ trifft beim Dämmstoff XPS sehr stark zu.

Was sehen die aktuellen Entwicklungen im Dämmsegment Ihrer Mitglieder aus?
Traunfellner: Der Höhepunkt der thermischen Sanierung scheint schon vor zwei bis drei Jahren überschritten worden zu sein. Eine spürbare Verbesserung der Sanierungsrate scheint in nächster Zukunft nicht in Sicht. Nur im Segment Neubau wird in den nächsten Jahren mit einem Wachstum gerechnet. Leider ist gerade der Neubau preislich wesentlich mehr unter Druck als der Bereich Sanierung.
Hecht: Große Spannung herrscht bei WDVS-Herstellern natürlich vor der Veröffentlichung der neuen ÖNorm B 6400 . Aus dieser können beispielsweise die neuen Anforderungen an die Unterputzdicke abgeleitet werden. Ebenso sind Pflege und Wartung Themen, die immer öfter nachgefragt werden. 
Klamminger: In den Bereichen verputzte Fassade, Flachdach und speziell im Holzbau wird Mineralwolle immer stärker nachgefragt. Ein starker Anwendungsbereich in Zukunft ist sicher die hinterlüftete Fassade. Grund dafür sind u. a. die neuen Entsorgungsvorschriften laut Recycling-Baustoffverordnung, die bei Abbruch eines Bauwerks einen Rückbau vorsieht. 
Novak: XPS hat in bestimmten Anwendungsbereichen wie als Perimeterdämmung und Umkehrdach einen sehr hohen Stellenwert. Die ÖXPS-Mitgliedsbetriebe versuchen immer durch neue Produkte dem Dämmstoffmarkt und neue Impulse zur Verbesserung von Energieeffizienz zu bieten.

Worauf darf man in der Zukunft gespannt sein?
Novak: Eine der großen Fragen lautet: Was unternimmt die Politik sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene, um die Sanierungsraten endlich zu erhöhen? So kann man die notwendigen Klimaziele nicht erreichen. Dies ist unmöglich, und es besteht akuter Handlungsbedarf, da bei einer durchschnittlichen Sanierungsrate von 0,5 Prozent der CO2-Ausstoß nicht gesenkt werden kann.
Klamminger: Man kann gespannt sein, wie schnell und wirksam Bauverordnungen zum Wohle und der Sicherheit zukünftiger Bewohner verschärft werden. Ebenso wird immer stärker auf ein stimmiges Preis-Leistungs-Verhältnis geachtet, wozu ein hoher Wärmedämmwert und auch eine gute Schalldämmung zählen.
Traunfellner: Spannend wird sein, wie und ob sich Auftragsvergaben nach dem Bestbieterprinzip am Markt durchsetzen werden und ob dadurch auch eine gewünschte Förderung der regional ansässigen Fachbetriebe erzielt werden kann.
Hecht: Die Zukunft wird noch einige Überraschungen bringen, wenn es um neue (Dämmstoff-)Produkte geht. Hier vor allem die Nutzung des Recyclats aus dem Polystyrene Loop. Ebenso wird es spezifische Neuerungen für einzelne Komponenten, zum Beispiel die Profile, die nun auch in der ÖNorm B 6400 präsenter sind. Gleiches gilt auch für Putze, Oberflächenbeschichtungen und so weiter, was per se nicht mehr ein WDVS sein muss. Hier können und müssen klassische Definitionen hinterfragt werden.
Demacsek: Dank der Neuausgabe der ÖNorm B 6000 im Jänner 2017 wird es mehrere neue Produkte am Markt geben: elastifizierte Fassadendämmplatten EPS-FS mit verbesserten Schalldämmeigenschaften, Sockeldämmplatten EPS-S für Wärmedämmverbundsysteme sowie zwei zusätzliche Perimeter­dämmplatten EPS-P 150 bzw. 250 mit geringerer bzw. höherer Druckfestigkeit.

Welchen Herausforderungen müssen sich Ihre Mitgliedsbetriebe derzeit stellen?
Klamminger:
Der Kunde erwartet einen immer höheren Servicelevel in Richtung Kleinmengen und rascher Lieferzeiten auch bei kurzfristigen Bestellungen. 
Traunfellner: Vor allem der Konkurrenz durch oftmals unqualifizierte Dumpingpreisanbieter mit ausländischem Billigstpersonal. Dem gegenüber ist die qualitativ hochwertige und dauerhafte Verarbeitung sämtlicher Wärmedämmverbundsysteme sowie die Erhaltung heimischer Fachbetriebe von größter Bedeutung. 
Hecht: Ob Mitglied oder nicht, ganz egal: Die gewünschte Qualität der Auftraggeber steht einem schlechten bzw. gar keinem Verständnis für den dann erforderlichen Preis gegenüber. Zusätzlich wird das erforderliche Wissen um das Thema Dämmen selbst und das „Drumherum“ immer breiter, was eine wahre Herausforderung darstellt.
Demacsek: Die Rohstoffpreisentwicklung setzt unsere Mitgliedsbetriebe enorm unter Druck, denn bei den petrochemischen Vorprodukten gab es in den letzten Monaten markante Preisanstiege. Verantwortlich dafür sind die stark reduzierten Kapazitäten im Raffineriebereich aufgrund von Wartungsarbeiten in Anlagen in Nordamerika und Asien. Infolgedessen sind auch die Preise der EPS-Rohstoffe kräftig gestiegen, die nun an die Kunden weitergegeben werden müssen.
Novak: Leider sind wir alle mit extremen Preissteigerungen unserer Rohstoffe konfrontiert, die wir in dieser Höhe mit bis zu 60 Prozent innerhalb von vier Monaten in den letzten 20 Jahren nicht mehr gehabt haben. Natürlich sind wir dadurch gezwungen, diese ungewöhnliche Preissteigerung auch am Markt weiterzugeben. Dass dies in der weiteren Vertriebs- und Wertschöpfungskette zu Umsetzungsproblemen führt, ist leider absehbar.

Welche Trends sind aktuell am Dämmmarkt zu bemerken?
Traunfellner:
Es gibt immer leistungsstärkere Dämmstoffe mit geringen Dicken für extraschlanke und platzsparende Dämmlösungen. Ebenso werden Innendämmungen speziell für Gründerzeitgebäude bzw. denkmalgeschützte Fassaden verstärkt nachgefragt. 
Novak: Wir beobachten einen Trend in Richtung besserer Lambdawerte und höherer Dämmstärken aufgrund des doch noch steigenden Dämmbewusstseins. Dies betrifft vor allem den Neubau. Ein Wermutstropfen ist weiterhin die thermische Sanierungsquote.
Demacsek: Während der Neubaubereich wieder an Boden gewinnt, ist die Sanierungsrate in Österreich seit Jahren rückläufig. Die kürzlich veröffentlichte Studie von Global 2000 bestätigt, dass bei Gebäudesanierungen alle Bundesländer schlecht abschneiden. Statt die Anzahl der Gebäudesanierungen pro Jahr zu verdreifachen, wurde sie halbiert. Diese Entwicklung hat massive Auswirkungen auf den gesamten Dämmstoffmarkt – hier müssen neue Strategien und Fördermaßnahmen greifen.
Klamminger: Ökologische und gesundheitliche Aspekte werden immer wichtiger. Auch für die Herausforderung, dass Dämmstoffe nach ihrem Einsatz rückbaufähig und recyclebar sein müssen, gilt es, effiziente und preisgünstige Lösungen zu finden.
Hecht: Generell sehe ich eine sachlicher werdende Diskussion beim Thema Dämmen selbst, die internationale Diskussion über das Thema Klimaveränderungen ist jedoch umso besorgniserregender. Ein Thema, das immer mehr an Bedeutung gewinnt, ist die Kreislaufwirtschaft. Bei den Verarbeitern geht der Trend dazu, die Gestaltungsmöglichkeiten aufzeigen. Schließlich ist ein WDVS das Gesicht eines Hauses.

Welche Hoffnungen in die beziehungsweise welche Befürchtungen bezüglich der Neuausgabe der ÖNorm B 6400 gibt es? 
Hecht:
Eines klar vorweg: Ich habe keine Befürchtungen! Ganz im Gegenteil, nach über vier Jahren intensivster Über- und Bearbeitung verspüre ich Zufriedenheit, diesen Schritt zur Optimierung und Qualitätssicherung von WDVS geschafft zu haben. Die aktuelle ON B 6400, ON B 6410 und die ON B 6124 werden künftig in einer einzigen ÖNorm, der ON B 6400, aktualisiert zusammengefasst und inhaltlich ergänzt. Dabei ist „miteinander“ das Schlüsselwort, Planer und Verarbeiter werden auch in der Norm nicht mehr getrennt. Ein WDVS muss also geplant werden! 
Klamminger: Ich habe keine Befürchtung, da hier nur zwei Normen in einer Serie zusammengefasst wurden. Somit gibt es jetzt eine Neustrukturierung der WDVS-Norm, in der alles zum Wärmedämmverbundsystem von der Planung und Verarbeitung über Prüfungen und Anforderungen an die Produkte in einem Dokument festgelegt sind. Damit greift alles Hand in Hand und kann für alle Beteiligten nur Vorteile bringen.
Traunfellner: Ich habe Hoffnung, dass eine Verbesserung der Planungsleistung, vor allem der Ausführungsdetailplanung, eintritt, da die vorher getrennten Normen jetzt vereint sind. Auch hinsichtlich der Detailausführung ergeben sich Hoffnungen auf weitere Verbesserungen z. B. hinsichtlich der durchgehenden „Deckelung“ gegen Kondensatschäden. Meine Befürchtung ist, dass, wenn kein Architekt vorhanden, die ausführende Firma für die Planung verantwortlich ist. Bei nicht praxistauglichen Qualitätsprüfungen von einsetzbaren Hilfs- bzw. Spezialprodukten bleibt die Gewährleistung bei den ausführenden Fachbetrieben hängen.

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
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