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Graben, mauern, planen, bauen

29.04.2009

In Carnuntum laufen die Bauarbeiten für die Landesausstellung Niederösterreichs 2011 auf Hochtouren. Die Investitionen liefern einen gewaltigen Impuls für das auf Rekonstruktion spezialisierte Baugewerbe.

Franz Humer, wissenschaftlicher Leiter von Carnuntum, sprüht vor Leidenschaft für alte Steine. An seinem Arbeitsort gibt es genug davon: In der verträumten Ortschaft Petronell-Carnuntum, in Niederösterreich an der Donau in der Nähe von Hainburg, laufen auf dem Gelände der Römerstadt aus 6 n. Christus zurzeit mehrere Grabungs-, Bau- und Rekonstruktionsarbeiten auf Hochtouren. Das Bauprogramm umfasst bis 2011 – bis zur niederösterreichischen Landesausstellung „Erobern und Entdecken“ – unter anderem die bereits fertiggestellten Gebäude Villa Urbana und das Haus des Tuchhändlers Lucius wie auch die Restaurierung und Rekonstruktion der Thermenanlage.

Vor wenigen Tagen erfolgte der Spatenstich für den Neubau des Besucherzentrums. Landeshauptmann Erwin Pröll ist von dem wirtschaftlichen und kulturellen Wert der gewaltigen Investition des Landes Niederösterreich überzeugt: „Bis zum Jahr 2011 investieren wir 26 Millionen Euro in den Ausbau des archäologischen Parks Carnuntum, wovon rund vier Millionen Euro für den Bau des neuen Besucherzentrums zur Verfügung stehen. Damit ist die Grundlage geschaffen, um die Chancen und Potenziale der Landesausstellung 2011 in vollem Umfang für die Region zu nützen.“
Die Landesausstellung ist ein wichtiger Impuls für die Region und wird für Spitzenbesucherzahlen sorgen – das Management von Carnuntum denkt jedoch bereits weiter: „Für uns ist der Neubau wie auch die Wiederherstellung der Thermenanlage ein wichtiger Meilenstein. Wir sind davon überzeugt, dass wir mit der Erweiterung unseres Archäologieparks wie auch dem neuen Besucherzentrum die Besucherzahlen steigern können“, erklärt Markus Wachter, Geschäftsführer der Archäologischen Kulturpark Niederösterreich Betriebsges.m.b.H. Das ambitionierte Ziel sind 200.000 Besucher ab 2011.

Zu dem neuen Besucherzentrum wird auch ein Parkplatz für 340 Pkw und 22 Busse errichtet, der die Gäste direkt zum Eingang führen wird. Auch hier wird zurzeit der Boden Zentimeter für Zentimeter untersucht – vor wenigen Tagen wurde ein Gräberfeld aus der Römerzeit geborgen: „Durch Teile der alten Stadtmauer wissen wir heute, wie die Grenzen verliefen. Das neue Besucherzentrum wird im ehemaligen Stadtzentrum errichtet – der Park mit der Thermenanlage lag offensichtlich am Stadtrand. Bei den Gräbern fanden wir unter anderem sogar noch Grabbeigaben, welche geborgen wurden und im Museum erhalten bleiben“, erzählt Humer.
Wenige Meter vom Gräberfeld entfernt graben zwei Studenten. Sie haben einen Kanal freigelegt, der parallel zur Römerstadt verläuft. Ganz pragmatisch wurden damals Grabsteine zur Abdeckung des Kanals verwendet – doch auch diese sind aus Sicherheitsgründen bereits längst im Museum.

Alte Baugewerbekunst

Franz Humer führt uns in seiner Rolle als Archäologe, Bauherr wie auch Eigentümervertreter zu seinen neuesten „Errungenschaften“ – ganz frische Ausgrabungen, die eindeutig auf einen kleinen Thermenbetrieb mit einem anschließenden Nebengebäude hinweisen. Humer und sein rund 15-köpfiges Team sind bei der Therme am Graben, Pinseln und Freilegen – das Team des Bauunternehmen Tomaschitz aus Kittsee errichtet bereits Fundamentierungen. Baumeister Ernst Tomaschitz zeichnet auch für die Errichtung der Villa Urbana verantwortlich, die Rekonstruktion stammt von Architekt Fritz Gollmann. „Wir sind stolz darauf, dass wir jetzt auch bei der Therme mitarbeiten, das ist ein spannendes Projekt. Ein bisschen Erfahrung mit historischen Bauten haben wir, z. B. durch den Umbau vom Museum in Kittsee, wo wir auch Steinmauern ergänzt haben“, erläutert Tomaschitz. Die Arbeiter von Tomaschitz sind zur höchsten Sorgfalt angehalten und wissen Bescheid, dass sie mit Spaten und Krampen extrem sensibel umgehen müssen – denn immer wieder kommen Teile von Originalböden oder Mauern zum Vorschein. Aus diesem Grund ist auch ständig ein Archäologe vor Ort und begleitet die Bauarbeiten. Humer will mit der Rekonstruktion der Therme eine funktionstüchtige Anlage für Besucher zugänglich machen – mit Heizung und Wasser.

Mauern und Wände werden ausschließlich nach der alten Methode und mit typisch römischen Werkzeugen – speziell gebogenen Maurerkellen – und Baustoffen rekonstruiert. Dort, wo Holz ersetzt werden muss, kauft Humer grundsätzlich nur altes Material: „Dabei achten wir darauf, dass das Holz nicht geschnitten, sondern gehackt wurde. Die zu ersetzenden Tonziegel brennen wir selbst, wobei uns Tondach Gleinstätten tatkräftig unterstützt.“

Originalgetreu nachgebaut

Für die Rekonstruktion der Steinmauern liefert Humer mit seinem Team die Planungsgrundlagen mit fertigen Bauzeichnungen, daraufhin werden meist drei Anbieter ausgewählt, die eine Probemauer erstellen müssen. Eine fachkundige Jury wählt dann jeweils die originalgetreuste Mauer aus. Das römische Handwerk zum Steinmauern beherrschen nur wenige Arbeiter – am ehesten findet Humer Experten dafür aus der Türkei über den Arbeitsmarktservice. Tomaschitz erklärt: „Ich habe zwar einen Arbeiter, der Steinmauern beherrscht, doch der Auftrag wäre insgesamt viel zu groß für uns gewesen. Immerhin sind bei der Therme an die 700 Kubikmeter Steinmauerwerk zu mauern! Aber selbstverständlich helfen wir, falls es notwendig ist.“

Humer leitet die kompletten Ausgrabungsarbeiten wie auch Baumaßnahmen in enger Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz. An der Mauer entlang des zukünftigen Besucherzentrums wird zurzeit eine alte Säule geborgen, welche nach der Umgestaltung der Eingangssituation wieder eingebaut wird. Mit dieser heiklen Aufgabe ist das Steinmetzunternehmen Krippel aus Zistersdorf beauftragt. Architekt Reinhardt Gallister ist der Generalplaner des neuen Besucherzentrums. Mit der örtlichen Bauaufsicht ist Leopold Fischer, Architekt Maurer, beauftragt. Die Baumeisterarbeiten werden von der Alpine durchgeführt, die Elektroinstallationen von emc, die Glasfassade und Leichtmetallfenster von Sauritschnig Alu-Stahl-Glas. Gallister hat bereits Erfahrung im Umgang mit dem Denkmalschutz und der Wiederherstellung alter Gemäuer – seine Handschrift trägt unter anderem der Umbau der alten Universität für Veterinärmedizin in die Hochschule für Musik oder die Kulturfabrik Hainburg. Gallister bewältigte die Einhaltung der strengen Vorgabe der Baukosten: vier Millionen Euro für das Besucherzentrum.

Gisela Gary

aus: bauzeitung 17(09, S. 12f.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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