Direkt zum Inhalt

Harmonie der Gegensätze

03.08.2005

Mit der Errichtung eines Schlammpressgebäudes und einer Lagerhalle für die Kläranlage in Ybbsitz setzte die ausführende Baufirma Auinger aus Amstetten einen markanten Kontrapunkt in die idyllische Landschaft der niederösterreichischen Voralpen. Der funktionalen Technik des Klärbetriebs steht ein skulpturales Gebäudeensemble mit metallischen Oberflächen gegenüber.

Eine Kläranlage braucht hochmoderne und effiziente Maschinen für die Wasserreinigung. Eine solche Maschine ist die jüngst in der Kläranlage Ybbsitz installierte Schlammzentrifuge, in welcher, der mit Polymerbestandteilen versetzte Klärschlamm, entwässert wird. Für die Einhausung dieser Anlage galt es ein Gebäude zu entwickeln, das für die Maschine selbst und für die Abfallcontainer, die zum Abtransport der Reststoffe in die Müllverbrennungsanlage dienen, ausreichend Platz bietet. Zusätzlich sollte noch ein Lager- und Werkstattbereich an die Maschinenhalle angebunden werden. Anstelle der herkömmlichen Schachtel plädierte Josef Hofmarcher, Bürgermeister der Marktgemeinde Ybbsitz, im Gemeinderat für die Errichtung eines zeitgemäßen und optisch anspruchsvollen Baukörpers.
Hofmarcher wagte ein gestalterisches Experiment und engagierte für die Erweiterung der Kläranlage den Architekten Richard Zeitlhuber, bekannt für seine unkonventionellen baulichen Lösungen. Auf die ihm gestellte Bauaufgabe reagierte Zeitlhuber mit einer expressiven Gebäudeform, die dem technischen Charakter der Kläranlage mit einer selbstbewussten, unbescheidenen Geste Paroli bietet. Die Grundidee seines Entwurfs basiert auf der Schaffung einer aussagekräftigen Architektur, die mit ihrer Zeichenhaftigkeit auf die Umgebung reagiert und sich gleichzeitig von den bereits bestehenden Gebäuden der Kläranlage abhebt. Das Ergebnis ist eine kristalline Skulptur mit metallischen Oberflächen, welche die Bauaufgabe „Maschinen- bzw. Lagerhalle“ völlig neu interpretiert und zur Imagesteigerung der gesamten Gemeinde einen wertvollen Beitrag leistet. Nach der Präsentation des Entwurfsmodells wurde der außergewöhnliche Neubau mit großer Mehrheit im Gemeinderat beschlossen.
So entstand fernab des Ortskerns – und damit unbehelligt von gestalterischen Vorgaben oder Fragen der Ortsbildpflege – ein eigenständiges Gebäudeensemble, das dem Wunsch der Gemeindeältesten entsprechend die Lage von Ybbsitz an der niederösterreichischen Eisenstraße thematisiert. Das Resultat ist eine kristalline Struktur, bestehend aus zwei, sich in entgegengesetzte Richtungen neigenden Prismen. Die metallischen Oberflächen sind eine gestalterische Anspielung auf den geschichtlichen Hintergrund von Ybbsitz als Zentrum der Metallverarbeitung und Schmiedekunst.

Lebendige Hülle
Den streng geometrischen Baukörpern wurde eine sehr lebendige, sich mit der Zeit ändernde Oberfläche zugedacht, die sich durch einen fortschreitenden natürlichen Alterungsprozess auszeichnet. Die Hülle des Schlammentwässerungsgebäudes besteht aus Corten-Stahl (rostig, rau, unbehandelt), die Außenhaut des Lagergebäudes aus Titanblech (silbrig, glatt, glänzend). Die metallischen Oberflächen sind als vorgehängte Fassaden ausgeführt, die Stahlplatten überlappend mit sichtbarer Befestigung auf einer Stahlunterkonstruktion, die Titanblechhülle mit Stehfalzdeckung unsichtbar auf einer Holzlattung montiert.
Erhöhte Sorgfalt erforderte das Aufbringen der Corten-Stahl-Platten. Corten ist eine spezielle Stahlsorte, die aufgrund eines besonderen Herstellungsverfahrens nach der Montage an der Fassade weiter rostet und erst nach der Ausbildung einer schützenden Oxydationsschicht nicht mehr weiter verwittert. Damit sind die einzelnen Platten sowohl während der Lagerung auf der Baustelle als auch bei der Montage selbst vor mechanischer Beschädigung zu schützen. Auch das Zinktitanblech verändert sich noch nach der Montage und nimmt mit der Zeit eine hellgraue Färbung an.
Der konstruktive Kern beider Gebäudeteile wurde in massivem Stahlbeton hergestellt. Das anfänglich in der Planung vorgesehene Stahlskelett für den Corten-Stahl-Kubus wurde bei der Errichtung nicht realisiert. Zu unberechenbar waren die Erschütterungen, die durch den Betrieb der Schlammzentrifuge auf das Gebäude übertragen werden – zu groß damit auch die Gefahr für die Dichtheit der Hülle. Darüber hinaus gab es keine speziellen Anforderungen an die beiden Baukörper – weder technischer Natur, noch die Form oder Ausführung betreffend. Der Neubau ist ein Haus für eine Maschine – nicht mehr und nicht weniger. Dementsprechend einfach ist auch die Ausführung. Hinter der abgehängten Stahl- bzw. Titanblechfassade verbirgt sich eine fünf Zentimeter starke Wärmedämmung mit Hinterlüftung, die lediglich dem Frostschutz der Innenräume dient und die Schlammzentrifuge samt entsprechender Zu- und Ableitungen vor dem Einfrieren schützen soll.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
Werbung

Weiterführende Themen

Gerald ­Hanisch und Günther ­Weissenberger blicken zuversichtlich in die Zukunft von Rubble Master.
Aktuelles
04.08.2020

Bei Rubble Master zeigt man sich zuversichtlich, dass der eigene Weg krisensicher ist und die ­richtigen Schlüsse aus der aktuellen Situation gezogen wurden.

 

Recht
04.08.2020

Entdeckt ein Bieter Mängel in der Ausschreibung, besteht eine Warnpflicht – und zwar bereits vor Vertragsabschluss.

Recht
04.08.2020

Wann ist ein Kostenvoranschlag verbindlich, und welche Auswirkungen hat dies auf den Anspruch auf Mehrkosten? Ein Überblick.

Normen
04.08.2020

Die ÖNorm EN 13670 „Ausführung von Tragwerken aus Beton“ bleibt weiterhin aktuell und wird durch die Nationalen Festlegungen in der ÖNorm B 4704 ergänzt.

VÖB-Präsident Franz Josef Eder ist mit der aktuellen Entwicklung zufrieden, kritisiert aber, dass im aktuellen Plan der Bundesregierung kein Förderungen massiver Bauweisen vorsieht.
Aktuelles
04.08.2020

Die aktuell stabile Auftragslage lassen die Beton- und Fertigteilbranche positiv in die Zukunft blicken. Gleichzeitig fordert man eine gerechte Streuung der Fördermaßnahmen.

Werbung