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High-Tech trifft Historie

05.10.2005

Vor mehr als 150 Jahren beauftragte Johann Carl Freiherr von Sothen – anlässlich der Vermählung von Kaiser Franz Josef I mit Kaiserin Elisabeth am 24. April 1854 – den Architekten Johann A. Graben mit der Errichtung einer Gedenkkapelle am Kobenzl. Knapp zwei Jahre dauerten die Bauarbeiten, für die der Wiener Stadtbaumeister Josef Kastan verantwortlich zeichnete. Im Sommer 1856 wurde die neugotische Sisi-Kapelle geweiht und entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einem der beliebtesten Ausflugsziele der Wiener Stadtbevölkerung.

Bild der Zerstörung
Den ersten Weltkrieg überstand die Sisi-Kapelle aufgrund ihrer exponierten Lage ohne größere Schäden. Weniger Glück hatte sie jedoch kaum 25 Jahre später: Eine der zahllosen Bomben, die im Zweiten Weltkrieg auf die Bundeshauptstadt fielen, hatte auch an der Sisi-Kapelle schwere Schäden hinterlassen. An eine rasche Renovierung war in den Nachkriegsjahren nicht zu denken. Man brauchte das Baumaterial und die Arbeitkräfte für den Wiederaufbau der in Schutt und Asche liegenden Bundeshauptstadt. So versank die Sisi-Kapelle in einen fast 60-jährigen Dornröschenschlaf und war dem Verfall preisgegeben. Im Jahr 1975 sollte die Kapelle schließlich abgerissen werden. Sozusagen in letzter Sekunde wurde die Kapelle auf Bescheid des Bundesdenkmalamtes unter Denkmalschutz gestellt. Für eine Renovierung fehlte jedoch das Geld. Als erste Sofortmaßnahme wurden zum Schutz vor Vandalismus lediglich die Türe und die Fenster zugemauert.

Neue Blüte
Im Jahr 2002 wechselte die Sisi-Kapelle ihren Besitzer. Um 3.500 Euro kaufte das Kuratorium Wald das völlig verfallene Gebäude vom bisherigen Eigentümer, der Österreichischen Caritas. Noch im selben Jahr wurde mit den ersten Sicherungs- und Renovierungsarbeiten begonnen. Mit der Planung und künstlerischen Gestaltung wurde der Architekt Hans Hoffer beauftragt. Die Ausführung übernahm Baumeister Robert Grüner, ehemaliger Wiener Landesinnungsmeister, der in Fachkreisen als Experte für „hoffnungslose Fälle“ gilt. In Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt, dem Kulturamt der Stadt Wien und dem Wiener Altstadterhaltungsfonds hat Grüner schon einige schwer beschädigte Gebäude wieder zu neuem Leben erweckt. „Für die Rekonstruktion standen uns alte Fotografien und Unterlagen vom Bundesdenkmalamt zur Verfügung. Eine zusätzliche logistische Erschwernis bei den Bauarbeiten war die Zugänglichkeit. Lediglich ein Waldweg führt bis dato zur Kapelle. Auf schweres Gerät und Lkw musste somit verzichtet werden. Das gesamte Baumaterial und das Gerüst konnte nur mit Kleintransportern zur Kapelle gebracht werden“, erklärt Grüner.
Durch den Einsturz des Daches war die Kapelle jahrelang der Witterung ausgesetzt, wodurch nicht nur die Fassade und die Stuckelemente im Inneren und Äußeren schwer beschädigt und teilweise vollkommen zerstört waren, sondern auch das Mauerwerk selbst in Mitleidenschaft gezogen wurde. Zusätzlich hatte aufsteigende Mauerfeuchte aus dem Untergrund auch umfangreiche Schäden an der Substanz der Mauern verursacht und den Putz- und Farbschichten schwer zugesetzt. So musste – bevor an eine Rekonstruktion überhaupt gedacht werden konnte – erst einmal das Mauerwerk trocken gelegt werden. Dazu wurden die tragenden Mauern im Fundamentbereich durchgeschnitten und die offen liegenden, teilweise bereits abgebrochenen Mauerkronen saniert bzw. wieder ergänzt. Erst danach konnte mit der Rekonstruktion der Zinkgusselemente und des Stucks und den Steinmetzarbeiten begonnen werden. Dafür wurden die wenigen noch vorhandenen Details gefestigt und Fehlstellen ergänzt. Von den so rekonstruierten Teilen wurden schließlich Abdrücke gemacht, die als Gussvorlagen für fehlende Stuckelemente dienten. Für die Rekonstruktion der Zinkgusselemente wurde Josef Ziegler, Professor an der Akademie der Bildenden Künste und Restaurator der Kaisergruft, zu Rate gezogen. Erst in Tschechien konnte ein Restaurator gefunden werden, der über das notwendige Know-how verfügte. Als handwerkliche Herausforderung gestaltete sich auch der Wiederaufbau der zahlreichen Spitztürmchen, die das Gebäude zieren. „Einige der Türmchen und Giebel mussten wir komplett neu aufmauern. Sie standen eigentlich nur noch aus reiner Gefälligkeit auf dem Gebäude und waren einsturzgefährdet“, weiß Grüner von den umfangreichen Sanierungsmaßnahmen zu berichten.

Ausgereifte Technik
„Ausgestattet mit einem komplexen, visuellen und akustischen System, wird die Kapelle zum Instrument, das – vernetzbar mit der Welt und gesteuert durch subjektive Fantasien einzelner Künstler – vielfältige, interessante Projekt erwarten lässt“, erläutert Architekt Hoffer das künstlerische Konzept. Doch die technische Ausstattung für die Kapelle als multifunktionaler und multimedialer Veranstaltungsraum sowie das neue Glasdach bereiteten sowohl dem Planer als auch den ausführenden Unternehmen Kopfzerbrechen. „Das Dach aus Glas und Stahl rechtfertigt den Namen am Himmel“, erklärt Hoffer das unkonventionelle Stilelement. Eine statisch schwer zu bewältigende Aufgabe stellten die 14 in den Seitenwänden eingelassenen Flachbildschirme dar, die in Anlehnung an den Kreuzweg Christi den Leidensweg der Natur nachzeichnen. Zur Sicherung der Tragfähigkeit wurden Stahlwannen in die Wände eingelassen, die die Kapelle ausreichend abstützen. In und um die Kapelle wurden farbige Scheinwerfer installiert, die in Kombination mit einer synchronisierten Tonanlage ein einzigartiges Schauspiel aus Klang und Licht ermöglichen. Die gesamte Technik, inklusive einer neu installierten Alarmanlage wurde in der ehemaligen Krypta untergebracht, die bis zur Renovierung als Gruft für Carl von Sothen und dessen Gattin diente. Die Gesamtkosten für die Renovierung betragen rund 1,1 Millionen Euro. Ein Großteil des Betrages wurde gemeinschaftlich vom Wiener Altstadterhaltungsfonds, dem Bundesdenkmalamt, dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur, dem Land Niederösterreich und zahlreichen Sponsoren bereitgestellt. „Die großartige Unterstützung sowohl von der öffentlichen Hand als auch von privaten Förderern demonstirert den Stellenwert, den der Denkmalschutz hierzulande genießt. Nach wie vor müssen wir aber noch zirka 180.000 Euro lukrieren“, erklärt Matthias Merth, Geschäftsführer des Kuratorium Wald.

Tom Cervinka

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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