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Dachfenster-Profi Roto: Es gelte, den Spagt zwischen hochwertigen „Objektfenstern“ und „exklusiven Highend-Produkten“ zu schaffen.

Hightech-Produkt im Fensterrahmen

23.05.2017

Zwar blieben Wärme-, Schall- und Einbruchschutz zentrale Aufgaben des Fensters. Hersteller träumen aber von Vernetzung, Mediennutzung und „Intelligenz“ in Rahmen und Gläsern.

Wünsche und Trends zur Weiterentwicklung des Fensters als Designelement kämen v.a. von Architekten. Man gelange „oft an die Grenze des Machbaren“, stellt Peter Frei fest, Geschäftsführer des Wiener Unternehmens Hrachowina. Etwa wenn aufgrund des Gewichts ein einzelnes Glas nicht mehr
genügend groß zu fabrizieren sei. In diesem Zusammenhang wäre auch der Transport zu bedenken. Zwar liefere man heue bereits per Hubschrauber, vor allem in schwieriges Gelände; künftig hofft Frei aber auf Drohnen oder Zeppeline. Vorstellbar sei auch, zumindest Teile eines Fensters bald via 3-D-Drucker zu erzeugen. Ab 2018 wird Hrachowina mit dem niederösterreichischen Fenster- und Türproduzenten Weinzetl in Wiener Neustadt produzieren. Die Zentrale samt Logistik bleibt im Wiener Headquarter, wo man „jedenfalls großes Augenmerk auf Innovation und Entwicklung“ lege.
Zu den Herausforderungen für seine Branche zählt Frei das Klima. Als Hersteller ist er erfreut, „mit dem Holzfensterschwerpunkt ein CO2-neutrales Produkt zu erzeugen“. Der Rohstoff ist regional vorhanden, und nach Ende des Lebenszyklus seien die Produkte recyclebar – ganz im Gegensatz zu manchem Konkurrenzprodukt, das „als Sondermüll zu entsorgen“ wäre. Technologisch sei dem Klima mit mehr Intelligenz in Glas und Fenstern zu begegnen: Luft- und Lichteinlass, also auch die Beschattung, werden automatisiert. Wobei Kunden Individualisierung wünschen: „Im Haus am Waldrand oder
am Wasser wird der Insektenschutz wichtig sein, in der Stadt die Verschlussüberwachung“, betont Frei die wichtige Produktberatung. Er zeigt auf, dass längst in der Realität angekommen ist, was vor nicht allzu vielen Jahren noch Science-Fiction war: „Wir haben auch schon grifflose Türen und Fenster gebaut, die sich per Fingerabdruck öffnen lassen.“ Allerdings sei es nicht jedem Kunden geheuer, „dass sein Haus, seine Türen und Fenster selber ‚denken‘ und steuern“.

Das Fenster als Fluchthelfer

Als Visionär darf Christian Klinger bezeichnet werden, einer der Eigentümervertreter von Internorm. Über eine Partnerschaft mit den Smarthome-Spezialisten von Loxone seien etwa Belüftung und Beschattung mit Internorm-Produkten bereits voll automatisierbar. Klinger strebt aber speziellere Services an: Das „intelligente“ Fenster werde künftig „Einbrecher erkennen“, noch bevor diese das Fenster selbst erblicken – und sie eben vom Einbruchsversuch abhalten. Wie Internorm das genau anstellen wird, wollte er im Gespräch mit Journalisten noch nicht verraten, schnitt aber weitere Entwicklungen an. Etwa im Bereich Pollenschutz: Warum solle das Fenster als Hightech-Objekt z. B. nicht erkennen, ob die Luft gerade belastet ist, und sein automatisches Lüftverhalten danach anpassen? Internorm forciere zudem das Fenster als Display: TVInhalte, je nach Stimmung frei wechselbare Aussichten, aber auch z. B. die Anzeige von Fluchtwegen im Fall eines Brandes – all das sei die Marktreife betreffend nicht mehr undenkbar. Hrachowina-Chef Frei sieht Fenster zwar „momentan nicht als Media-Player“, doch andererseits waren und sind „Fenster immer schon der Rahmen für das Bild, das sich jeder macht. Sollte das Kundenbedürfnis in Richtung ‚digitales Bild‘ gehen, werden wir unsere Forschung und Entwicklung dahingehend intensivieren.“

Kundennutzen bleibt höchster Leitwert

Die schwedische Inwido-Gruppe, seit 2014 in Österreich, tritt unter der Marke Hemmafönster auf (Schwedisch „hemma“ steht für „zu Hause“). Geschäftsführer Gernot Kammerhofer meint, dass sich die Grundkomponenten und -funktionen des Fensters nicht wesentlich ändern: „Beim eigentlichen Produkt – Rahmen, Glas, Beschläge, Dichtungen – ist die Entwicklung hinsichtlich Kosten-Nutzen schon weit ausgereizt.“ Nachdem dieser Bereich „heute und in Zukunft“ den „weitaus größten Marktanteil“ ausmache, müsse die Frage also lauten, welche „Zusatzkomponenten aus anderen Branchen“ man dem Grundprodukt „aufpacken“ kann. Für Inwido stellt Kammerhofer fest: Ja, man sei „hellhörig“ für Entwicklungen; ein „Nein“ gebe es aber, wenn „kein klarer Nutzen für den Kunden“ erkennbar ist. Geradlinigkeit, schlanke Rahmen und rahmenlose Systeme, große Glasflächen, das sieht Kammerhofer als Trends im Fensterbau: „Also Dinge, bei denen die eigentliche Fensterkonstruktion möglichst dezent bis unsichtbar sein soll.“ Wie Frei meint auch er, dass die Architektenwünsche „immer wieder einmal im Widerspruch zum technisch Machbaren und zu den finanziellen Vorstellungen des Bauherrn stehen“. In puncto thermische und bauphysikalische Qualität der Gebäudehülle gab es in den vergangenen 20 Jahren enorme Fortschritte: „Die Qualität der Fenster und vor allem der Fenstermontage hat ein Niveau erreicht, auf dem Verbesserungen nur mehr in viel kleineren Schritten möglich sind.“ Insofern
hätten sich auch die Amortisierungszeiträume gegenüber früheren Fenstergenerationen „deutlich verlängert“, sagt Kammerhofer. „Wärme-, Schall- und Einbruchschutz“ nennt Wolfgang Bertl, Geschäftsführer des 1927 gegründeten Fensterbauers Kapo, blieben Hauptaufgaben des Fensters. Die Entwicklungsabteilung des steirischen Unternehmens widme sich der bestmöglichen Integration von Fenstern im Gebäude – „bauphysikalisch, statisch und funktionell“.

Als künftigen Trend erkennt Bertl die automatische Verdunkelung von Gläsern und verweist etwa auf das „schaltbare“ Glas Priva-Lite von Saint-Gobain, das zwischen Transparenz und Milchglas wechselt. Ziel sei es, „kosten- und wartungsintensiven Sonnenschutz auf der Gebäudeaußenseite abzulösen“. Holz bleibe „das ideale Fensterrahmenmaterial“, denn „selbst bei großen Fensterfronten übernimmt es die statische Funktion“. Im Unterschied dazu falle diese bei Kunststoffrahmen dem Glas zu, „was zu Überbeanspruchung, mangelnder Stabilität und zum Durchsacken der Profile führt“. Stark nachgefragt sei das Thema Sicherheit, weshalb Kapo-Türen und -Fenster mit einem erhöhten Einbruchschutz ausgestattet seien; aber auch Brand- und Lawinenschutzfenster sind gefragt. Bertl: „Durch unsere eigene Entwicklung und den hohen Anteil an Handarbeit in der Produktion haben wir die Möglichkeit, flexibel zu reagieren und eben auch Nischenprodukte anzubieten.“ „Wie wir es von Smartphones und Apps kennen, wird auch das Fenster intuitiv zu bedienen sein“, ist Gaulhofer-Marketingleiter Hannes Huber überzeugt, dass das Fenster der Zukunft „Komfort, Flexibilität, Sicherheit und Design zu einem Hightech-Gesamtkunstwerk vereint“. Es werde „aktiver Teil einer individuellen Erlebniswelt sein“. Huber erwartet, „dass Sprach- oder Gestensteuerung das händische Öffnen und Schließen ablösen“. All das sei „zum Greifen nah“, genauso wie z. B. die automatische Verschattung
bei Sonneneinfall oder der abendliche Sichtschutz von außen. Im Handel sei ein enormer Strukturwandel zu verzeichnen: „Wir brauchen neue Kooperationen für branchenübergreifende Lösungen“, so Huber: „Kunden und Verbraucher erwarten, dass wir ihnen in einer digitalen Welt auf direktem Weg entgegenkommen.“ Weiters sei steigender Preisdruck durch „Billiganbieter aus den östlichen Nachbarstaaten“ spürbar. Dem sei nur entgegenzuwirken, „wenn wir die Regulierungsflut eindämmen, die in Österreich und Deutschland ein echter Preistreiber ist“. Auch der Fachkräftemangel mache zu schaffen: „Wir brauchen qualifiziertes Personal, insbesondere im Bereich der Montage und des First-Level-Support.“

„Folienlösung“ statt Fenster-Display

Dass das Fenster „smart“ wird, ist für Harald Greger ganz klar. Der Geschäftsführer des Vereins Aluminium-Fenster-Institut ist sich sicher, dass es „künftig besser mit der Infrastruktur des Bauwerks vernetzt sein“ wird: „Dabei kann der CO2-Gehalt in der Raumluft reduziert und die Raumfeuchte stabil gehalten werden.“ Auch Nachtlüftung und Klimatisierung erfolgten dann automatisch. In puncto Nachhaltigkeit schwebt ihm ein baukastenartiges Fenster vor, das „durch Austausch oder Ergänzung von Komponenten“ neue Funktionen und Leistungswerte erhält. „Auch heute schon kann z. B. bei einem Aluminiumfenster durch einfachen Austausch der Verglasung der Gesamt-U-Wert des Fensters und somit der Gebäudehülle erheblich verbessert werden.“ Greger gehe davon aus, „dass in Zukunft das Fenster mit der Lebenszeit des Gebäudes ‚mitwächst‘.“ Roto-Geschäftsführer Georg Pehn bestätigt, dass auch für Dachfensterhersteller TV-Screens bzw. Displays in Fenstern als Thema Berücksichtigung finden. Wobei er eher an „Folienlösungen“ von Drittanbietern glaubt. Auf welches Glas diese mehr oder weniger flexibel aufgebracht werden, entscheide der Anwender. Dabei bleibt Pehn bescheiden: „Diese Technologie liegt weit außerhalb der Kernkompetenz von Fensterherstellern.“ Architekten fordern „Exklusivität und Einzigartigkeit“, im Trend lägen „vollelektrische Klappschwingfenster“, die Pehn mit Verweis auf „automatische Kofferraumklappen“ von Autos vorstellbar macht. Bereits Realität sind
(über den KNX-Standard) mit der Gebäudehülle kommunizierende Fenster, die etwa „gewollte und ungewollte solare Wärmegewinne“ steuern. Am Markt müsse man den Spagat schaffen zwischen hochwertigen „Objektfenstern“, die alle Normen erfüllen, und darüber hinausgehenden „exklusiven Highend-Produkten“. Recyclingfähigkeit und die Möglichkeit einer sortenreinen Materialtrennung seien „ein Muss“ bei Dachfenstern und Gebot der „Verantwortung im Umgang mit Ressourcen und Nachhaltigkeit“. Für Mitbewerber Velux ist das Dachfenster generell „Teil von Smarthome-Systemen“. Geschäftsführer Michael Walter: „Es wird bald möglich, Innenräume mittels Sensoren zu bewerten, zu belüften und zu belichten.“ Wichtig sei, dass der Bewohner „individuell eingreifen kann“. Ab 2018 werde es in Österreich möglich sein, „elektro- oder solarbetriebene Velux-Dachfenster mittels Smartphone zu steuern“. Das bringe nicht nur eine Maximierung des persönlichen Komforts, „sondern deutlich mehr Wohngesundheit“. Nachdem der moderne Mensch heute „90 Prozent der Zeit im Innenraum“ verbringe, zähle es zur Aufgabe der Fensterhersteller, wieder mehr Bezug zur Außenwelt zu schaffen und „sowohl auf Planer- als auch auf Anwenderseite den ursprünglichen Nutzen des Fensters an sich“ wieder bewusster zu machen. Sein Unternehmen positioniert Walter als Trendsetter: Das modulare Oberlichtsystem von Velux biete v. a. für öffentliche oder gewerbliche Gebäude neue Möglichkeiten, um Tageslicht großflächig einzuplanen. Mit einem neuen Konvex-Glasaufsatz, der „optisch ansprechend“ sei und z. B. Hitzeschutzbedürfnisse erfüllt, sieht Walter seitens Velux „die Kür“ der Dachfensterkunst erfüllt, nämlich „Design und Funktionalität zu verbinden“.

 

Autor/in:
Bernhard Madlener
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