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Hitzekessel Baustelle

17.08.2005

Knapp unter 30 Grad im Schatten. In der prallen Sonne steigt das Quecksilber im Thermometer noch einige Grad höher. Lokalaugenschein auf einer Großbaustelle im Raum Wien. Die Sonne geht ihrem Zenit entgegen. Die Luft über dem Asphalt beginnt zu flimmern. Wer kann, sucht an den wenigen schattenspendenden Orten Zuflucht vor der drückenden Hitze. Nicht so die dutzenden Bauarbeiter. Mit nacktem Oberkörper verrichten sie ungeschützt vor der gleißenden Mittagssonne ihre schweißtreibende Arbeit an diesem außergewöhnlich heißen Hochsommertag. Dass sie dabei ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, scheint den Arbeitern nicht bewusst zu sein.
Erkrankungen der Haut zählen zu den häufigsten Berufskrankheiten unter Bauarbeitern. Einer aktuellen Erhebung der AUVA zur Folge rangieren Hauterkrankungen hinter Schwerhörigkeit und noch vor Atemwegserkrankungen auf Platz zwei der häufigsten Berufsleiden von Bauarbeitern. Dabei können zwei allgemeine Krankheitsbilder unterschieden werden: Allergische Reaktionen und chronische Erkrankungen der Haut durch Kontakt mit reizenden Stoffen sowie Hauterkrankungen durch starke UV-Belastung.

Hitze als Gefahrenquelle
Die Kombination aus hochsommerlichen Temperaturen und physischer Schwerarbeit stellt die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit auf die Bewährungsprobe und kann zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führen. Laut einer deutschen Studie nimmt die geistige Leistungsfähigkeit bei einer Temperatur von 30 Grad bis zu 25 Prozent ab. Schraubt sich die Quecksilbersäule im Thermometer auf 35 Grad hoch, reduziert sich die Konzentrations- und Koordinationsfähigkeit um bis zu 50 Prozent. Gerade auf Baustellen kann die Temperatur durch zusätzliche Hitzequellen deutlich über den sonst herrschenden Lufttemperaturen liegen. Insbesondere bei Asphaltierungsarbeiten aber auch beim Betonieren oder Schweißen sind Bauarbeiter einer zusätzlichen Hitzebelastung ausgesetzt. Auch Maschinenführer in nichtklimatisierten Kabinen leiden unter einer hohen Hitzebelastung. Herrscht zusätzlich zu den hohen Temperaturen noch eine hohe Luftfeuchtigkeit vor, so nimmt die Hitzebelastung zusätzlich zu. Die Folgen sind dramatisch: Durch die direkte Sonneneinstrahlung, zusätzliche Hitzequellen auf der Baustelle und dem damit einhergehenden Flüssigkeitsverlust kann es zu einer Schwächung des Herz-Kreislaufsystems kommen. Die Palette der möglichen Beschwerden reicht von Schwindelanfällen über Erschöpfungszustände bis hin zum Kreislaufzusammenbruch und Hitzeschlag. Zusätzlich nimmt bei großer Hitze die Konzentrationsfähigkeit deutlich ab, wodurch sich das Risiko von Arbeitsunfällen merklich erhöht. Um dem hitzebedingten Flüssigkeitsverlust entgegenzuwirken, sollten Bauarbeiter in regelmäßigen Abständen Flüssigkeit zu sich nehmen. Bei einer Temperatur um die 30 Grad gilt die Faustregel: alle 20 Minuten einen Viertelliter Flüssigkeit. Dabei sollte Mineralwasser, Tee oder Fruchtsäften der Vorzug gegenüber Kaffee oder alkoholischen Getränken gegeben werden.

UV: unsichtbar und brandgefährlich
Neben der großen Hitze sind Bauarbeiter in den Sommermonaten besonders intensiver UV-Belastung ausgesetzt. Das Bewusstsein gegenüber dieser unsichtbaren Gefahrenquelle, deren Auswirkungen oft nicht unmittelbar spürbar sind, ist unter vielen Bauarbeitern noch nicht stark genug ausgeprägt. Ist die Haut über einen längeren Zeitraum der Sonneneinstrahlung direkt ausgesetzt, führt dies nicht nur zu Sonnenbränden und den damit verbundenen Schmerzen, sondern kann auch Hautkrebs verursachen. „Es besteht ein eindeutiger Zusammenhang zwischen dauerhafter UV-Bestrahlung und einem erhöhten Risiko an Hautkrebs in Form von Melanomen und Karzinomen zu erkranken. Insbesondere Bauarbeiter zählen zur erhöht gefährdeten Risikogruppe“, unterstreicht Hubert Pehamberger, Universitätsprofessor für Dermatologie am Wiener AKH, die Gefährlichkeit von UV-Strahlung. Langandauernde UV-Bestrahlung belastet aber nicht nur die Haut, sondern hat auch negative Auswirkungen auf das Sehvermögen. Die möglichen Folgen reichen von einer Trübung der Augenlinse und in weiterer Folge bis zum Auftreten von Grauem Star. Die überdurchschnittliche Belastung von Bauarbeitern durch UV-Bestrahlung wird durch aktuelle arbeitsmedizinische Untersuchungen belegt. So sind zum Beispiel Straßenarbeiter in den Sommermonaten einer Belastungsintensität ausgesetzt, welche die Grenzwerte um das bis zu Vierfache übersteigt. Die Gewerkschaft Bau-Holz Kärnten hat auf diese Problemlage reagiert und führt seit vergangenem Jahr gemeinsam mit der Gebietskrankenkasse und der AUVA eine Hautschutzkampagne durch. Auch diesen Sommer wurden insgesamt zehn Baustellen besucht um die Bauarbeiter mittels Kurzreferaten über die Risiken von intensiver und dauerhafter UV-Belastung eingehend zu informieren und praktische Tipps zu vermitteln, wie dieser unsichtbaren Gefahr entgegengewirkt werden kann. Maximilian Jöri, Landessekretär der GBH Kärnten, zeigt sich von der Resonanz seitens der Bauarbeiter begeistert: „Viele Bauarbeiter haben oft keinerlei Bewusstsein welcher gesundheitlichen Gefährdung sie sich Tag für Tag im Hochsommer aussetzen. Bietet man jedoch einfache Tipps an, die sich auch im Baustellenalltag als tauglich erweisen, so zeigt sich der Großteil der Bauarbeiter auch interessiert, mehr auf ihre Gesundheit zu achten.“

Schutz durch Schutzausrüstung
Effiziente Schutzmaßnahmen gegen UV-Bestrahlung sind relativ einfach und lassen sich auch im Baustellenalltag problemlos bewerkstelligen. An vorderster Stelle steht die Verwendung eines dem jeweiligen Hauttyp entsprechenden Sonnenschutzmittels. Um eine effiziente Wirkung des Sonnenschutzmittels zu erzielen, sollte es zumindest 30 Minuten bevor man sich der Sonne aussetzt aufgetragen werden. Sensible Körperstellen wie Nasenrücken, Ohren, Hände und Unterarme bedürfen einer besonders gründlichen Behandlung. Bei körperlich schweren Arbeiten ist aufgrund der Schweißentwicklung ein wasserfestes Schutzmittel zu verwenden. „Es empfiehlt sich, einen Sonnenschutzfaktor von 15 aufwärts zu wählen. Werden geeignete Schutzmaßnahmen getroffen, ist auch eine Nachbehandlung der Haut nach Arbeitschluss nicht mehr notwendig“, so Hubert Pehamberger zur Bedeutung des präventiven Sonnenschutzes. Die Porr AG geht in punkto Sonnenschutz mit gutem Beispiel voran und verteilt zu Beginn jeder Baustellensaison ein hochwirksames Sonnenschutzmittel an ihre Bauarbeiter. „An besonders heißen Tagen sind unsere Bauleiter bemüht, sofern es der Baufortschritt erlaubt, schwere körperliche Arbeiten in die Morgen- bzw. Abstunden zu verlegen“, weiß Reinhard Frank, Leiter des Porr-Qualitätsmanagements, zu berichten. Neben einem geeigneten Sonnenschutzmittel sollten Bauarbeiter vor allem auf die richtige Zusammensetzung ihrer persönlichen Schutzausrüstung achten. Dabei sollte die Bekleidung nicht auf ein Mindestmaß von Bauhelm, kurzer Hose und Sicherheitsschuhen beschränkt sein. Neben dem tragen eines Bauhelms sollte vor allem der Oberkörper mit einem luftdurchlässigen und UV-sicheren Shirt bedeckt werden. Ebenfalls unverzichtbar ist eine Sonnenbrille mit einem hundertprozentigen UV-Schutz. Dabei ist darauf zu achten, dass die Brillengläser nicht zu stark verdunkeln um mögliche Arbeitsunfälle aufgrund schlechter Sichtverhältnisse zu vermeiden. Bauleiter und Poliere sind daher angehalten auf die Verwendung der persönlichen Schutzausrüstung ihrer Bauarbeiter zu achten - im Sinne der Gesundheit aber auch der Leistungsfähigkeit.
In Bezug auf die viel beschworene Gesundheitsgefährdung bei erhöhter Ozonkonzentration rät Dietmar H. Petzl, Assistenzprofessor an der Abteilung für Klinische Arbeitsmedizin am Wiener AKH, aus arbeitsmedizinischer Sicht die Kirche im Dorf zu belassen: „Bei lungengesunden Menschen kann selbst bei schwerer körperlicher Arbeit die Belastung vernachlässigt werden. So hoch kann die Ozonbelastung durch die natürliche Sonneneinstrahlung gar nicht sein, dass es zu relevanten Problemen kommen kann.“ Gefährdet sind ausschließlich Personen mit chronischen Lungenerkrankungen und dies auch nur bei mehrstündigen Belastungsphasen in praller Mittagssonne.

Stefan Pruckmayr

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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