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Johann Zenz von der Bauakademie vermittelt Jugendlichen aus Afghanistan wie etwa Rohulla Hassani die nötige Vorbildung, um ab Juli eine Lehre in einem Bauberuf ergreifen zu können.

Hoffnung in den Bau

25.04.2017

In Niklasdorf werden junge Flüchtlinge aus Afghanistan auf eine Baulehre vorbereitet. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten, deren Erfolg an der Frage des Aufenthaltstitels hängt.

Lehrerin Julia Hödl, Projektleiter Josef Missethon und der steirische Landesinnungsmeister Bau, Alexander Pongratz, in einer der beiden Klassen.

„Sehr motiviert sind sie, immer pünktlich, und sie halten sich an die Regeln“, sagt Johann Zenz über seine Schützlinge. Sie, das sind 34 Burschen, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Afghanistan. Im steirischen Niklasdorf absolvieren sie die Vorbildung zum Eintritt in eine Baulehre. Von Zenz, der als Ausbildner von der steirischen Bauakademie kommt, und weiteren Experten lernen sie den korrekten Umgang mit Fachwerkzeug und Baumaterialien. Sie erwerben Know-how im Bereich Schalungs- sowie Betonarbeiten und werden in die Grundlagen des Ziegelmauerns sowie der Holzbearbeitung eingeführt. Ergänzend dazu wird den Jugendlichen Montag bis Freitag vormittags Schulunterricht geboten. Dabei geht es nicht allein um den Erwerb der deutschen Sprache, sondern auch um die Vermittlung von Allgemeinwissen, ja sogar eines gewissen „literarischen Kanons“, wie Sprachlehrerin Barbara Einhauer – nicht ohne Augenzwinkern – bei einer Führung durch die Schule erklärt: „Wir behandeln gerade das Märchen vom Rumpelstilzchen.“

Initiiert wurde das Hilfsprojekt von Josef Missethon. Er ist geschäftsführender Gesellschafter des Instituts für Talenteentwicklung, das im Jänner 2016 aus der zivilgesellschaftlichen Flüchtlingshilfe in Trofaiach hervorgegangen war, wo das Institut seinen Hauptsitz hat und weitere 30 geflüchtete Jugendliche betreut werden. Insgesamt sind an beiden Standorten 75 Flüchtlinge untergebracht. In Niklasdorf traten vorigen Dezember 45 davon zum fachlichen Eignungstest für eine Baulehre an, von denen schließlich die schon genannten 34 in das spezifische Vorbereitungsprogramm Aufnahme fanden. Als Kooperationspartner konnte Missethon neben der Bauakademie, der Bau-Innung (Bund und Land) und dem Fachverband der Bauindustrie einige Bauunternehmen gewinnen. Neben Östu-Stettin und Swietelsky sind das etwa die Firma Puchleitner in Feldbach, die Grazer Bauunternehmung Granit sowie die Branchengröße Porr. Besonders dankbar ist man der Firma Hinteregger, die dringend benötigte Räumlichkeiten auf ihrem Gelände in Niklasdorf bereitgestellt hat: Hier sind das Wohnheim, die Schule und die Werkstätten für das Bildungs- und Integrationsprojekt untergebracht.

Große Chance, große Ängste

Dass diese Initiative für sie in der aktuellen Situation eine große Chance sei, hätten die Jugendlichen unisono begriffen, sagt Gerald Haider. Er ist einer der Jugend- und Sozialpädagogen aus Missethons Team und davon überzeugt, dass der strukturierte Tagesablauf ihnen allen – vor allem in Hinblick auf das, was sie vor und während der Flucht nach Österreich durchgemacht haben – im Alltag Halt und für die Zukunft Zuversicht gibt. Wali Ollah ist einer von Haiders Schützlingen. Gerade 16 geworden, kam er vor acht Monaten ins Land. Er sei allein geflüchtet und froh, in Niklasdorf zu sein.

Wie Haider ist auch Ausbildner Zenz überzeugt, dass die jungen Männer ihren Weg machen werden. „Zwei Drittel sehe ich mit Sicherheit auf dem benötigten Niveau“, meint er hinsichtlich des anvisierten Lehrbeginns im Juli. Die restlichen Jugendlichen wären aber keineswegs ungeeignet, nur: „Es hat jeder sein eigenes Lerntempo, und manch einer braucht halt etwas länger.“ Über all der Zuversicht schwebt jedoch die Angst jedes Einzelnen, dass im laufenden Asylverfahren negativ entschieden werden könnte – und die Abschiebung ins Herkunftsland eingeleitet wird.

„In Afghanistan, da gibt es nichts“

Razi Ahmadi ist 17 Jahre alt. Ein aufgeweckter Junge, der seit 18 Monaten in Österreich ist und mit seinem Deutsch beeindruckt. Der Vater ist tot, die Flucht aus Afghanistan trat Ahmadi mit seiner Mutter und sechs Geschwistern an. Zusammen gelangten sie nach Pakistan, danach wurde er als ältestes Kind weitergeschickt: über den Iran, die Türkei und Griechenland, schließlich nach Österreich – bepackt mit den Hoffnungen der Liebsten, dass er sie irgendwann nachholen kann. Er habe Schreckliches gesehen, erzählt Ahmadi von Stränden voller Toter, vom Erklimmen steiler Gebirgswege, von denen aus er die Leichen abgestürzter Kinder samt deren Eltern erkennen musste. „Ich danke Gott, dass ich es hierher geschafft habe“, beteuert er, um im nächsten Satz seine Ängste und die seiner Kameraden zu schildern: Wer nach Afghanistan zurückgeschickt werde, habe „absolut nichts“ mehr: „Es gibt da unten nichts – keine Arbeit, keine Schulbildung.“ Er höre von anderen Flüchtlingen oft, dass sie im Fall einer Abschiebung in die „Heimat“ nicht mehr leben wollen. Die Möglichkeit einer Maurerlehre, die mit knapp drei Monaten Abstand in verlockender Nähe liegt, mache ihm jedenfalls Mut. Ahmadi steckt seine Hoffnung und seinen Ehrgeiz in die laufende Vorbildung. Die Frage, was er von der in der Gesellschaft – durchaus wohlwollend – vertretenen Meinung halte, wonach jede erworbene Fähigkeit auch im Fall der erzwungenen Rückkehr wertvoll wäre, beschert dem Fragenden einen entgeisterten Blick. Nach einer kurzen Pause wiederholt Ahmadi das eigentlich Bekannte noch einmal langsam: „In Afghanistan – da gibt es keine Arbeit. Da gibt es: nichts.“

Bei allem Engagement für die Hilfe in den persönlichen Notsituationen der afghanischen Flüchtlinge treibt die Projektträger auch ein weiteres Anliegen an: Sie wollen den Fachkräftemangel in der Bauwirtschaft entschärfen. „Es ist eine Win-win-Situation“, stellt Missethon fest: „Auf der einen Seite sorgen wir für Integration und ein Lebensziel, auf der anderen Seite entwickeln wir benötigte Arbeitskräfte.“ Josef Pein vom Fachverband der Bauindustrie ergänzt den Nutzen für die öffentliche Hand: „Anstatt nach dem positiven Asylbescheid in die Mindestsicherung zu fallen, erlernen die Burschen bei uns einen zukunftsträchtigen Beruf. Anstatt das Sozialsystem zu belasten, würden sie dann ins System einzahlen.“ Integration bedeute nicht nur, Menschen in der Gesellschaft zu etablieren. Sie setze auch voraus, diese Menschen „voll in den Arbeitsprozess einzubinden“ und ihnen „ein geregeltes Einkommen“ zu ermöglichen.

Gute Erfahrungen

Das alles steht und fällt mit dem Behördenentscheid bzw. einem Aufenthaltstitel, wie der steirische Innungsmeister Alexander Pongratz betont: „Ein anerkannter Asylstatus ist für unser Anliegen essenziell, weshalb wir auch die Politik um Hilfe aufgerufen haben.“ – Aktuell kämpft die Bundesregierung aber mit massiver Kritik u. a. des seit 1991 tätigen Vereins Asylkoordination: Der Asylstatus ist für afghanische Bürger schwer zu bekommen, subsidiärer Schutz werde zunehmend verwehrt – und Abschiebungen nach Afghanistan finden statt.

Pein, der als Geschäftsführer von Porr auch einen der industriellen Kooperationspartner des ambitionierten Hilfsprojekts vertritt, blickt bereits auf positive Erfahrung in der Beschäftigung von Asylberechtigten zurück: In den vergangenen zwölf Monaten habe man fünf Auszubildende aus Afghanistan und Syrien aufgenommen: „Sie schätzen die Arbeit und sind jeden Tag aufs Neue topmotiviert und eine Bereicherung für den Porr-Konzern“, erzählt der Manager begeistert. Den Burschen in Niklasdorf wünscht er eine „rasche Rechtssicherheit“, denn: „Nichts ist so demotivierend wie der ‚luftleere Raum‘. Hier sind Politik und Behörden gleichermaßen gefordert.“

Autor/in:
Bernhard Madlener
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