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Hoffnungsimpuls Sanierung

05.11.2009

Aktuelle Zahlen belegen: Die Krise hält Einzug am Bau. Damit der Konjunkturmotor der Gesamtwirtschaft nicht ins Stottern gerät, bietet sich die thermische Sanierung an. Studien zeigen enormes Potenzial auf. Mit der heurigen Sanierungsförderaktion des Bundes zur Belebung der heimischen Wirtschaft wurden alle Erwartungen übertroffen: Je 50 Millionen gab es für den privaten Wohnbau und Betriebe.

Bereits nach etwas mehr als zwei Monaten waren die Mittel für den Privatbereich vergeben, kurz danach war der gesamte Topf geleert. "Die ‚Thermische Sanierung' war wohl die beste und attraktivste Förderaktion, die wir bisher durchgeführt haben. Einerseits von den wirtschaftspolitischen Zielsetzungen her, andererseits weil die Zuschüsse äußerst nachhaltig wirken", ist auch Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner vom Erfolg begeistert. Und weiter: "Mit den daraus resultierenden neuen Aufträgen werden Betriebe in ganz Österreich auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise direkt unterstützt, was tausende Arbeitsplätze sichert und sogar schafft. Insgesamt löst diese Förderungsaktion Investitionen von rund 700 bis 800 Millionen Euro aus."
Dafür gab es Lob - und die Hoffnung auf eine Fortsetzung im kommenden Jahr. Denn die Aussichten sind nicht rosig. Schon im ersten Halbjahr 2009 sank der Bauproduktionswert im Hoch- und Tiefbau um vier Prozent auf 6,6 Milliarden Euro. Die Zahl der Beschäftigten im Bauhauptgewerbe verringerte sich um 3,6 Prozent während die Arbeitlosen um 31,5 Prozent auf rund 6.000 anstiegen. "Die ohnehin geringen Auftragspolster sind um 7,5 Prozent dramatisch zurückgegangen, die Projekte bei privaten Auftraggebern deutlich rückläufig. Umso wichtiger ist es, dass die öffentliche Hand die in den beiden Konjunkturpaketen gemachten Zusagen auch einhält, damit im nächsten Jahr nicht ein stärkerer Einbruch auf uns zukommt", pocht Bundesinnungsmeister Hans-Werner Frömmel auf versprochene Hilfe des Bundes. Verschärft kommt hinzu: Aufgrund der meist langen Projektvorlaufzeiten reagiert die Bauwirtschaft auf konjunkturelle Schwankungen mit Verzögerung. Es steht also noch einiges bevor. Die Bauindustrie rechnet gar mit einem Einbruch mit 2011, wenn die Konjunkturpakete abgebaut sind und der Staat mit einem Sparkurs hohe Ausgaben und Staatsverschuldung wieder wettmachen muss.

"Förderungen für Bauleistungen sowie deren steuerliche Absetzbarkeit mobilisieren zumindest einen Teil der 400 Milliarden Euro an privatem Sparguthaben. Sie kosten dem Staat nichts, sondern bringen allen etwas", argumentiert Frömmel und legt einen Forderungskatalog auf den Tisch. Darin enthalten: Einhaltung der zugesagten Konjunkturpakete, Fortsetzung der Aktion "Thermische Sanierung", fiskalische Anreize. Auf die Bitten nach einer Fortsetzung der Sanierungsförderung reagiert Minister Mitterlehner jedoch zurückhaltend: "Schon die bisher gesetzten Maßnahmen erzielen eine beträchtliche Wirkung. Allerdings könnten im Rahmen der neuen Energiestrategie, die derzeit erstellt wird, eventuell weitere Anreize für thermische Sanierungen gesetzt werden - auch wenn die Mittel dafür aufgrund der bisher gesetzten umfassenden Konjunkturmaßnahmen limitiert sind." Große Fördertöpfe sind also nicht zu erwarten.

Indikator Markt
Ein Indikator für eine Wirkung ist der Markt - etwa für Wärmedämm-Verbund-systeme (WDVS). Allerdings macht sich hier kein Boom bemerkbar. Ganz im Gegenteil: War 2008 die bisherige Spitze mit 9,53 Millionen in Österreich abgesetzten Quadratmeter (Mineralwolle: 1,74 Millionen m2, Schaumstoffe: 7,39 Millionen m2) und einem Umsatz in Höhe von 222,1 Millionen Euro erreicht, wird für heuer und 2010 (Prognose: 8,8 Millionen m2, 213,5 Millionen Euro) eine Schwächung erwartet. Die Zahlen kommentiert Roland Zellhofer von Marktanalysten Kreutzer Fischer & Partner wie folgt: "Gedämpft wird das Wachstum durch die grassierende wirtschaftliche Unsicherheit auf der Nachfrageseite, durch die die nicht unbedingt notwendigen Investitionen - wie etwa eine thermische Sanierung - aufgeschoben werden." "Die Förderung war richtig und gut, aber viel zu gering", kritisiert Siegfried Glück von Capatect. Beim WDVS-Hersteller war die heurige Zuwachsrate nur marginal größer - aber immerhin. Glück resümiert: "Für 2010 bin ich, was das erste Halbjahr betrifft, durchaus optimistisch. Darüber hinaus ist alles reine Spekulation mit vielen Unbekannten. Sollte sich 2010 die Förderlandschaft tatsächlich negativ entwickeln, kann sicher davon ausgegangen werden, dass gerade im privaten Bereich - der aber eindeutig hier den größten Aufholbedarf hätte - sich der Absatz reduziert." Sprich: Die Sanierungsaufträge bleiben dann aus. Stefan Hollaus von -Austrotherm ist optimistisch und glaubt an eine verzögerte Wirkung: "Die Förderaktion des Bundes im Frühjahr war eine Supersache. Das heißt aber nicht, dass sofort saniert wurde. Das wird im Herbst und im kommenden Frühjahr passieren."

Sanierung als Konjunkturmotor
Die wesentliche Rolle des "Wohnbaus und der Wohnhaussanierung als Konjunkturmotor" belegt eine gleichnamige Studie des Instituts für Wirtschaftforschung (Wifo). Ein Fördersystem wie die Wohnbauförderung biete eine Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten, die in Zukunft verstärkt genutzt werden sollten, so die Autoren Margarete Czerny und Michael Weingärtler. Der Wohnbau habe wegen seiner hohen Inlandswirksamkeit große Bedeutung bei Wachstum und Beschäftigung der Gesamtwirtschaft. Wohnbauinvestitionen von zusätzlich einer Milliarde Euro schaffen laut Berechnung bis zu 12.000 Jobs - ein Viertel mehr als privater Konsum und doppelt so viel wie der Export. Die Empfehlung: "Durch gezielte Anreizfinanzierung sollte in Österreich flächendeckend ein Standard für Niedrig-energie- und Passivhäuser gesetzt werden. Zugleich sollte die thermische Sanierungsrate mittelfristig von zwei Prozent auf fünf Prozent angehoben werden."
Zu einem ähnlichen Schluss gelangt eine Analyse des Umwelt Management Austria. Die Studie "Modernisierung von Wohngebäuden in Niederösterreich" gibt Aufschluss darüber, wie sich Sanierungsmaßnahmen auf den Ausstoß von Kohlendioxid, Arbeitsplätze und Wertschöpfung auswirken. Der enthaltene Vorschlag: Mit einem Maßnahmenmix aus sofort umsetzbaren Energiesparmaßnahmen bis zur ganzheitlichen Sanierung von Gebäudehülle und Haustechnik könnten jährlich 3,5 Millionen Megawattstunden eingespart werden. Das entspricht knapp einem Viertel des gesamten Energieverbrauchs der niederösterreichischen Haushalte. Volkswirtschaftlich macht das Sinn. Das hat sich laut Wifo schon bei der Neuregelung der niederösterreichischen Wohnungsföderungsrichtlinie 2006 mit Energiekennzahl und Punktesystem gezeigt: Die Umstellung hat ein zusätzliches In-vestitionsvolumen von rund 220 Millionen Euro ausgelöst, in weiterer Folge für einen Produktionswert von 270 Millionen Euro und für 2.300 neue Arbeitsplätze gesorgt.
Abseits der Belebung der heimischen Wirtschaft steht auch bei der NÖ-Studie die Ökologie im Vordergrund: Der Raumwärmebedarf verursache rund 17 Prozent der Treibhausgase in Österreich. 72 Prozent des Energieverbrauchs der Haushalte entfallen auf Raumwärme und Warmwasser. Im Vergleich zu einem Niedrigenergie- oder Passivhaus verbraucht ein Altbau damit bis zum Fünfzehnfachen an Energie. Die Interessengemeinschaft IG Passivhaus beziffert das Ausmaß bei den Treibhausgasemissionen noch viel höher: Die Raumwärme der österreichischen Gebäude wäre gar für rund 30 Prozent des Treibhausgase verantwortlich. Den größten Anteil daran verursachen Bauten aus der Nachkriegszeit von 1945 bis 1980.

Potenzial Altbauten
Das Forschungsprojekt "Neue Standards für alte Häuser", unter anderem in Kooperation mit dem Institut für Baubiologie und der Umweltberatung NÖ, wurde diesen alten Gebäuden gewidmet. Österreichweit, so die Bestandsaufnahme, wurden in der Bauperiode zwischen 1919 und 1960 insgesamt 222.700 Wohnungen (18 Prozent) in Einfamilienhäusern errichtet. Im genauer betrachteten Niederösterreich stammen überhaupt 25 Prozent aller Einfamilienhäuser (80.000 Wohnhäuser) aus dieser Zeit. Eine Untersuchung ergab, dass zwar bei der Mehrheit der Gebäude bereits die Fenster getauscht wurden, aber kaum eine thermische Sanierung stattgefunden hat. Wurden Maßnahmen getroffen, liegen diese lange zurück, dass eine neuerlich Sanierung notwendig erscheint. Eine Erhebung des Bauzustandes der Altbauten brachte die Energiesparpotenziale detailliert zutage: Im Vergleich zum heutigen Neubaustandard mit 85 kWh pro Quadratmeter und Jahr liegt die Energiekennzahl drei- bis viermal höher. Durch Dämmung und vollständigen Ausbau des Dachs kann etwa ein Drittel des Wärmebedarfs eingespart werden. Durch die Dämmung der Außenwand fast zwei Drittel bis drei Viertel. Um weitere zehn Prozent kann der Bedarf durch die Dämmung der Kellerdecke reduziert werden. Der Einbau einer Lüftungsanlage brächte weiteres Einsparungspotenzial von rund fünf Prozent.

Pilotprojekt beweist Möglichkeiten
Die aktuellste Aufstellung der 2.073.603 Gebäude Österreichs nach deren Bauperiode bringt eine Registerzählung der Statistik Austria aus dem Jahr 2006. Darin ist der hohe Anteil an alter Bausubstanz ersichtlich. An Einfamilienhäusern wurden 1.398.031 registriert. 481.863 Gebäude verfügen über zwei oder mehr Wohnungen. Über deren Zustand und darüber, ob eine Wärmedämmung bereits vorhanden ist, liegen keine Daten vor. Sehr wohl aber weiß man über die Initiatoren von nachträglichen baulichen Maßnahmen wie eine Fassa-denerneuerung mit Wärmedämmung im Zeitraum von 1991 bis 2001 Bescheid.
Das Fazit: Vor allem die Privaten sanieren. Im angegebenen Zeitraum wurden insgesamt 158.577 Gebäude wärmeisoliert, 117.456 davon waren private Wohngebäude mit ein oder zwei Wohnungen. Zum Vergleich: Bund (594), Länder (407), Gemeinden (7.312), gemeinnützige Bauträger (8.539) und andere Institutionen oder Unternehmen nahmen hier eine untergeordnete Rolle ein. Ähnliches gilt für Gebäude mit drei oder mehr Wohnungen (24.459) und den Nichtwohngebäuden (10.981). Selbstverständlich hat sich seither einiges getan, das Verhältnis kann aber durchaus als weiterhin gültig angenommen werden.
Was alles in Sachen thermischer Sanierung möglich ist, zeigt ein Musterprojekt von Bauherr und Projektleiter Emanuel Panic auf: In Schleißheim bei Blindenmarkt wurde ein Bauernhof aus dem Jahr 1854 komplett saniert - auf Passivhausstandard. Statt jährlich 387 kWh pro Quadratmeter betrug die Energiekennzahl des Altbaus nach Fertigstellung nur noch 14,2 kWh. Um die Dämmstärken zu minimieren, fiel die Entscheidung auf die Verwendung von Vakuumdämmung (Vakuum-Isolationspaneel, kurz: VIP). Hierbei werden luftdichte, im Inneren unter (nahezu) Vakuum stehende Platten verlegt, die den Wärmetransport durch die Gasmoleküle der Luft verhindern. Im Bereich des Altbaus war somit nur eine Stärke von rund 14 Zentimeter statt 30 Zentimeter eines üblichen Wärmedämm-Verbundsystems notwendig, um den Passivhausstandard zu erreichen.

Projekt Vakuumdämmung
Die Ziele des Projekts mit Forschungscharakter konnten allesamt erreicht werden: Besonderes Augenmerk galt der Entwicklung eines Fassadensystems mit Vakuumdämmung: Mit der sogenannten Zwei-Mann-Platte konnte ein fast durchdringungsfreies und praxistaugliches Wand-element mit Vakuumdämmung realisiert werden. Im Bereich des mechanisch befestigten Systems wurde die Austauschbarkeit von defekten Paneelen demonstriert, sodass eine nachträgliche und kostengünstige Wartung und Instandhaltung von Vakuumdämmfassaden möglich ist. Mittels Wärmebrückensimulationen sowie ein- und zweidimensionalen Wärme-Feuchte-Simulationen konnten auch alle Anschlüsse so gestaltet werden, dass es zu keiner Tauwasser- oder Schimmelbildung kommen wird. Auch die ersten Mess-ergebnisse stimmen zuversichtlich, dass es trotz Aufbringen der dampfdichten Dämmung zu keinen Bauschäden kommen wird.
Umweltpolitischer Gedanke, wirtschaftliche Förderung und energiesparende Maßnahmen - Die Thermische Sanierung macht schlussendlich rundum Sinn. Einer der Studienautoren, Reinhold Christian, bringt den naheliegenden Ansatz auf den Punkt: "Statt viel Geld in die Öl- und Gasförderländer zu pumpen, wird die regionale Wirtschaft beschäftigt."
HELMUT MELZER

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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