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Im Kampf gegen die Flut

23.09.2005

Nach dem Hochwasser in Teilen Niederösterreichs, in Oberösterreich und der Steiermark hieß es vergangene Woche auch in weiten Bereichen Tirols und Vorarlbergs „Land unter“. Innerhalb weniger Stunden hat sich die Hochwassersituation im Westen Österreichs dramatisch zugespitzt. Das Bemessungsereignis für Hochwasserschutzeinrichtungen HQ 100 (100-jährliches Hochwasser = Hochwasser, das statistisch gesehen einmal in hundert Jahren auftritt) wurde um ein Vielfaches überschritten. Zahlreiche Ortschaften waren von der Außenwelt abgeschnitten. Die Strom- und Trinkwasserversorgung ist in Teilen der beiden Bundesländer zusammengebrochen. Am schlimmsten betroffen waren das Arlberggebiet, der Montafon sowie das Tiroler Paznauntal. Zahlreiche Straßen- und Bahnverbindungen sind in Folge von Überflutungen, Hangrutschungen und Murenabgängen zum erliegen gekommen. Die kleine Touristengemeinde Gargellen in Vorarlberg ist nach wie vor nur über die vom Bundesheer eingerichtete Luftbrücke zu erreichen. Auch das Tiroler Paznauntal wird noch wochenlang nicht über die Straße zugänglich sein. Mit dem Sinken der Wasserpegel konnten sich die zuständigen Behörden ein Bild über das Ausmaß der Zerstörungen verschaffen: Die Sachschäden gehen in Millionen-Euro-Höhe. Rasche Hilfe erhoffen sich die Betroffenen nun aus dem Katastrophenfond der Bundesregierung. „Die knapp 30 Millionen Euro aus dem Katastrophenfonds werden aber bei weitem nicht ausreichen, um die entstandenen Sachschäden zu bezahlen“, meint Wasserschutzexperte Frederick M. Cate. Der Bund plant für die kommenden zehn Jahre 900 Millionen Euro für den Ausbau von Hochwasserschutzmaßnahmen zur Verfügung zu stellen.

Aktiver und passiver Hochwasserschutz

Um einen ausreichenden Hochwasserschutz im gesamten österreichischen Bundesgebiet zu gewährleisten, sind sowohl aktive als auch passive Schutzmaßnahmen notwendig. Die Verantwortlichkeit für den passiven Hochwasserschutz fällt vor allem in den Bereich der Raumordnung, die eine Bebauung in vom Hochwasser bedrohten, noch nicht bebauten Gebieten verhindern kann. Unter den aktiven Hochwasserschutz fällt beispielsweise die Anlage von Rückhaltebecken oder die Freihaltung bzw. Reaktivierung der natürlichen Rückhalteräume. Diese Flächen können trotzdem weiterhin für die landwirtschaftliche Nutzung zur Verfügung stehen. Cate fordert in diesem Zusammenhang jedoch klare vertragliche Abgeltungsregelungen für den Fall, dass es durch Hochwasser zu Überflutungen kommt. „Viele derartige Flächen sind in der Vergangenheit durch Hochwasserschutzmaßnahmen – wie beispielsweise Dämme – vom Fluss abgeschnitten worden. Diese Flächen könnte man reaktivieren“, beschreibt Cate eine wirkungsvolle Schutzmaßnahme.
Leider stehen solche Flächen aber nicht überall in den hochwassergefährdeten Gebieten in ausreichenden Umfang zur Verfügung. In den dicht bebauten Gebieten kommen nur lineare Maßnahmen wie Hochwasserschutzdämme oder mobile Hochwasserschutzsysteme in Frage, die ganze Landstriche oder einzelne Gebäude gezielt vor den Fluten schützen. Bewährt haben sich solche mobilen Schutzsysteme beispielsweise beim Hochwasser 2002. Dank der rechtzeitigen Absperrung konnte die Innenstadt von Krems vor der Überflutung bewahrt werden. In den engen Tälern Tirols und Vorarlbergs kommt es neben den Überschwemmungen zu zusätzlichen Gefahrenmomenten durch Murenabgänge. Als einzige Lösung sieht Cate in diesen Bereichen ein generelles Bauverbot.

Versäumnisse und Unabwendbares

Kritik an der gängigen Praxis des Hochwasserschutzes kommt von Seiten des WWF. Ullrich Eichelmann, WWF, bezeichnet den technischen Hochwasserschutz als gescheitert: „Die Politik hat aus den Katastrophen in der Vergangenheit keine Konsequenzen gezogen. Neben den technischen Schutzmaßnahmen ist es notwendig, Flüsse zu renaturieren und den Flussläufen wieder mehr Raum zu geben.“ „Seit vielen Jahren werden die landwirtschaftlich genutzten Flächen nicht mehr gegen Hochwasser geschützt, sondern als Retentionsraum dem Fluss zurückgegeben. Teilweise werden auch die alten Regulierungsmaßnahmen zurückgebaut. Ein hundertprozentiger Schutz gegen Naturkatastrophen wird jedoch nie erreicht werden“, entgegnet Wilfried Schimon vom Arbeitskreis Wasser im Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft. An der Erstellung von Gefahrenzonenplänen im Flussbau wird im Rahmen der Raumordnung laut Schimon eifrig gearbeitet. Das bestätigt auch Cate: „In der Raumordnung ist auf die Hochwasserkatastrophen von 1999 und 2002 sehr gezielt reagiert worden. Mittlerweile wird stärker darauf geachtet, wo gebaut werden darf und wo Retentionsräume erhalten werden müssen. Für die Realisierung fehlen jedoch nach wie vor die finanziellen Mittel.“ So ist ein Großteil der Hochwasserschutzmaßnahmen zwar geplant, deren Umsetzung aber zeitlich nicht absehbar. „Von den Ländern wurde die Aufstockung der Budgets zum Großteil bereits zugesichert, das Hauptproblem sind die Bundesmittel. Es wird sehr viel geplant, aber kaum umgesetzt. Eine zielführende Methode um langfristig adäquate Schutzmaßnahmen zu realisieren, wäre die Ausschreibung der einzelnen Baumaßnahmen. Dann wüsste man auch von welchen Summen wir konkret sprechen. Vor allem für klein- und mittelständische Bauunternehmen wäre der Hochwasserschutz ein breites Betätigungsfeld“, erklärt Cate.

Schlamm und Feuchte

Nach dem Weichen der Wassermassen wurde unverzüglich mit den Aufräumarbeiten begonnen. Soldaten des österreichischen Bundesheeres sind derzeit im Einsatz gegen die Schlammmassen, die das Hochwasser zurückgelassen hat. Keller müssen ausgepumpt werden, Häuser von Geröll und Schutt befreit und die Versorgung mit Strom und Trinkwasser wieder hergestellt werden. Freiwillige Helfer stehen den öffentlichen Hilfskräften im Kampf gegen die Verwüstungen zur Seite. Neben den umfangreichen Sachschäden an bestehenden Gebäuden sind auch zehlreiche unfertige Bauleistungen von der Hochwasserkatastrophe betroffen. Bis zur Übernahme trägt der Auftragnehmer die Verantwortung für die Bauleistung. „Die Haftung gilt jedoch nicht für ein unabwendbares Ereignis. wenn der auftragnehmer alle zur Abwehr der Folgen solcher Ereignisse notwendigen und zumutbaren Maßnahmen getroffen hat“, erklärt Maximiliane Laserer, Geschäftsführerin der Bauinnung Salzburg..
Schnelle Soforthilfe kam auch von der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) für die Kinder von Mittersill in Salzburg. Die Flut hatte den Gemeindekindergarten verwüstet. Die Sanierungsmaßnahmen werden mehrere Monate in Anspruch nehmen. Die BIG als Eigentümer des aufgelassenen, derzeit leer stehenden Bezirksgerichts hat das Haus – ganz unbürokratisch – für die Dauer der Instandsetzungsmaßnahmen als Ausweichquartier zur Verfügung gestellt. „Die Verkaufsunterlagen waren bereits fertig. Als wir von den Problemen des Kindergartens hörten, haben wir spontan das ehemalige Bezirksgericht zur Verfügung gestellt“, so BIG-Geschäftsführer Herbert Logar.
Lesen Sie bitte in der bau.zeitung 37/05 wie sich Bauunternehmen im Rahmen der Haftung schützen können.

Tom Cervinka

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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