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Im knallharten Wettlauf mit der Zeit

16.04.2008

Die EU beschloss beim Klimaschutzgipfel noch ambitioniertere Ziele. Die Wirtschaft äußert massive Bedenken gegenüber den geforderten CO2-Einsparungen und zeigt schonungslos Versäumnisse auf.

Klimaschutzgipfel an fernen Orten, schwache Politikeransagen, halbherzige Bekenntnisse und ein niederschmetternder Rechnungshofbericht zum österreichischen Klimaschutz sind die Stichworte. Druck kommt aus Brüssel. Die EU-Chefs setzten das Ziel, bis 2020 ein Fünftel des Treib­hausgasausstoßes gegenüber 1990 einzusparen und 20 Prozent des EU-Energieverbrauchs aus erneuerbaren Quellen zu gewinnen. Die Verhandlungen über den Beitrag jedes Landes zu den Zielen sollen bis Jahresende abgeschlossen sein. Bis Juni müssen die EU-Staaten zudem einen Kompromiss über die weitere Öffnung der Energiemärkte gefunden haben.

Potenziale im Gebäudebereich

Baugewerbe und Industrie machten mehr als einmal auf die Gefahren und die (versäumten) Einsparungspotenziale aufmerksam. Langsam läuft jedoch die Zeit davon – so auch der Titel der Fachveranstaltung am 29. April 2008 in der Hofstallung im Museum Moderner Kunst in Wien. Die Güteschutzgemeinschaft Polystyrol-Hartschaum, die Qualitätsgruppe Wärmedämmverbundsysteme, der Zentralverband Industrieller Bauproduktehersteller sowie der Fachverband der Stein- und keramischen Industrie veranstaltet die mit hochkarätigen Fachreferenten besetzte Diskussionsveranstaltung für Planer, Bauausführende, Wohnbauträger, Energieberater, Baubehörden, Wohnbauförderungsstellen, Baustoffhändler und Politiker. „Die Vorboten des globalen Klimawandels machen sich rasant und schonungslos für jeden Einzelnen bemerkbar. Das Ausmaß der Veränderungen hängt davon ab, wie wir in den nächsten Jahren mit unseren Treibhausgas-Emissionen umgehen. Im Gebäudebereich sind große, bisher gänzlich ungenutzte Potenziale – z. B. im Bereich der thermischen Sanierung und Energieeffizienz von Neubauten – zur Reduktion der Treibhausgase vorhanden“, betont Clemens Demacsek, Güteschutzgemeinschaft Polystyrol-Hartschaum. Als wesentliches und teilweise noch zu wenig genutztes Instrument sieht Demacsek die Wohnbauförderung wie auch die Bauvorschriften.

Helga Kromp-Kolb, Universität für Bodenkultur in Wien, wird in ihrem Referat untermauern, dass der Klimawandel bereits da ist: „Er ist beobachtbar und wird sich über die nächsten 100 bis 200 Jahre fortsetzen. Den Klimaverlauf der nächsten zehn bis zwanzig Jahre können wir schon nicht mehr maßgeblich beeinflussen. Selbst wenn wir von heute auf morgen überhaupt keine klimaschädlichen Emissionen mehr produzieren würden, wäre der Erfolg erst in ein bis zwei Jahrzehnten spürbar. Wir müssen uns daher einerseits an die Veränderung des Klimas anpassen, auf der anderen Seite aber auch unseren Einfluss auf das Klima verringern, um Schlimmeres zu verhindern und unseren Kindern eine lebensfähige Welt zu hinterlassen. Je später wir reagieren, desto stärker wird uns der Wandel treffen. Wird nichts unternommen, droht bis zum Ende des Jahrhunderts ein Anstieg des Meeresspiegels um mehrere Meter, was einige hundert Millionen Flüchtlinge bedeuten würde. Im Gebäudebereich sind große bisher ungenutzte Potenziale zur Reduktion der Treibhausgase vorhanden. Mit der Wohnbauförderung und den Baunormen sind wirksame Steuerungsinstrumente vorhanden – Sie müssen aber auch genutzt werden.“

Schadensausmaß unterschätzt

Beim EU-Klimagipfel im März wurde festgehalten, dass das Klimapaket der EU bis Ende 2008 beschlossen sein muss. Das Paket sieht ab 2013 eine deutliche Reduktion und Verteuerung der CO2-Ausstoßrechte der Industrie sowie ambitionierte Vorgaben für den Ausbau von Energie aus Wind, Wasser oder Biomasse vor. Energieintensive Branchen, bei denen eine Abwanderung in Länder mit niedrigeren Umweltstandards droht, sollen bei der Neuregelung des Emissionshandels berücksichtigt werden. Zudem hat der Gipfel ein Papier verabschiedet, in dem die Auswirkungen des Klimawandels auf die Sicherheit Europas beschrieben werden. Darin werden Gefahren durch Millionen Klimaflüchtlinge, Wasserknappheit und fehlende Öl- und Gasressourcen aufgezeigt. Das Thema soll mit Drittländern bis zum Jahresende erörtert werden.

Friedrich Schneider, Johannes Kepler University of Linz Department of Economics, ist davon überzeugt, dass das Ausmaß des Schadens durch Versäumnisse in der Klimapolitik gewaltig unterschätzt wird, wie er in seinem Vortrag betonen will: „Bis zu 70 Milliarden Euro Schaden könnte der Klimawandel bis zum Jahr 2050 an der österreichischen Volkswirtschaft anrichten. Zu diesem Ergebnis führt eine Studie des Energieinstituts an der Linzer Johannes Kepler Universität. Hitzeperioden treiben den Energieverbrauch für die Kühlung in die Höhe und belasten den menschlichen Organismus. Wärmere Winter setzen dem Tourismus zu. Einziger positiver Effekt: Der Heizbedarf in der – nicht mehr ganz so – kalten Jahreszeit sinkt. „Mithilfe eines umfassenden Simulationsmodells ermitteln wir erstmals für Österreich sowie detailliert für das Bundesland Oberösterreich konkrete monetäre volkswirtschaftliche Effekte der Klimaveränderung und zeigen somit zusätzlichen Handlungsbedarf in der Klima- und Energiepolitik auf“, erklärt Schneider.

Franz Vogler, Leiter des Fachbereichs Baupolizei und Abteilungsleiterstellvertreter „Allgemeine Bauangelegenheiten“ in der Tiroler Landesregierung, wird exklusiv über die im April 2007 beschlossenen OIB-Richtlinien zur Harmonisierung bautechnischer Vorschriften berichten – wie auch über die damit im Zusammenhang erfolgten Versäumnisse. „Die Republik Österreich wäre verpflichtet gewesen, bis 4. Jänner 2006 die Richtlinie 2002/91/EG über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden umzusetzen! Da diese Umsetzung ebenfalls harmonisiert erfolgen soll und die Zuständigkeit betreffend des Energieausweises im Baurecht im Bereich der Länder liegt, wurde auch die EU-Richtlinie in Bezug auf den Energieausweis im Zuge der Harmonisierung umgesetzt. Seit 1. Jänner 2008 sind nunmehr die landesrechtlichen Vorschriften zur Umsetzung der Harmonisierung der bautechnischen Vorschriften und damit verbunden des Energieausweises in den Ländern Tirol und Vorarlberg in Kraft.“

Hans-Peter Lorenz, Vogewosi, belegt mit seinem Vortrag „Faktor 10 – Neue Wege in der Generalsanierung“ die in Vorarlberg im Sanierungsbereich bereits erfolgreiche Umsetzung: „Im Zuge eines Pilotprojektes sanierten wir drei Wohnanlagen. Dies erfolgte im guten Einvernehmen mit den Bewohnern, unterstützt durch das Land Vorarlberg und dem Interreg-Programm, begleitet durch das Energieinstitut Vorarlberg. Ziel war es, den Heizenergieverbrauch auf ein Zehntel des Ausgangswertes zu reduzieren. Mit dem Projekt ‚Faktor 10 – Sanierungen‘ wurde aufgezeigt, dass auch bei der Sanierung unter Einsatz von Passivhaustechnologie der Heizenergieverbrauch drastisch – um bis zu 90 Prozent – reduziert werden kann.“

Passiv und klimaaktiv

Michael Pech, ÖSW, präsentiert im Rahmen der Veranstaltung das Projekt „Eurogate“ – Die größte Passivhaussiedlung der Welt. Nach mehreren Testversuchen mit kleineren Wohnhausanlagen setzt die Stadt Wien nun die Passivhaus-Technologie im großen Stil um. Auf dem Areal des ehemaligen Aspang-Bahnhofs im 3. Bezirk, sind rund 900 Wohnungen mit einer Nutzfläche von 80.000 Quadratmeter geplant – das Eurogate. „Dabei handelt es sich um die derzeit größte Passivhaussiedlung der Welt. Allein in dieser Siedlung werden mehr Passivhauswohnungen als in anderen Bundesländern im ganzen Jahr errichtet. Dadurch wird ein wichtiger Impuls für den mehrgeschoßigen Wohnbau in Passivhaus-Technologie forciert werden“, erklärt Pech. Die ÖSW wird im Rahmen des Projektes „Eurogate“ 110 geförderte Mietwohnungen realisieren.

Den Abschluss der Fachtagung wird eine Podiumsdiskussion mit Wolfgang Amann, Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen, Franz Roland Jany, Gemeinschaft Dämmstoff Industrie, Winfried Kallinger, Kallco, Christopher Lamport, Lebensministerium, Friedrich Schneider wie auch Franz Vogler bilden.

Gisela Gary

„Die Zeit läuft uns davon“
Fachtagung
29. April 2008, 14 bis 18.30
MUMOK Museum Moderner Kunst Wien
Veranstalter:
Güteschutzgemeinschaft Polystyrol-Hartschaum,
Qualitätsgruppe Wärmedämmverbundsysteme,
Zentralverband Industrieller Bauproduktehersteller,
Fachverband der Stein- und keramischen Industrie
Anmeldungen:
Güteschutzgemeinschaft Polystyrol-Hartschaum
T +43(0)2253/7277
F +43(0)2253/7277-4
gph@gph.at
www.styropor.at

aus: bau.zeitung 15/08, S. 12f.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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