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 © Peter Melbinger, GBH © Peter Melbinger, GBH © Peter Melbinger, GBH

Im Wandel der Zeit

16.10.2017

Drei Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Bau-Holz erinnern sich zu deren 150. Geburtstag an ihre eigenen Anfänge, an persönliche Momente und harte Verhandlungspartner.

Was bereits im 14. Jahrhundert mit einer sogenannten Knappschaftskasse begonnen hat, fand seinen damaligen Höhepunkt am 20. September 1867, als der erste Gewerkschaftsverein, der „Fachverein der Vergolder, Maler und Anstreicher“, in Wien gegründet wurde. Es folgten Zusammenschlüsse mehrerer Vereine zu großen Verbänden, die ersten Streiks und Demonstrationen, und 1904 wurde der erste schrift liche Tarifvertrag im Wiener Baugewerbe unterzeichnet – und dies waren nur die ersten „zaghaft en“ Schritte. Zum 150. Geburtstag der Gewerkschaft Bau-Holz (GBH) lassen zwei ehemalige Bundesvorsitzende, Johann Driemer und Johann Holper, sowie der aktuelle, Josef Muchitsch, ihre Anfänge Revue passieren, verorten sich in den 150 Jahren Geschichte und erinnern sich an ihre schwersten Verhandlungen.

150 Jahre GBH – was löst so ein Jubiläum in Ihnen, einem wesentlichen Bestandteil dieser Geschichte, aus?
Johann Driemer: Ich freue mich, dass ich diese Geschichte rund 33 Jahre, davon rund 20 Jahre in Leitungsfunktionen, mitgeschrieben habe. Die GBH lebt die Verbindung von geschichtlicher Tradition und Fortschritt , sie leitet und begleitet den sozialen Aufstieg der Arbeiter in unserem Land und zeigt die Leistungen der Bau-, Holz- und Steinarbeiter für die Gesellschaft auf. Ich bin sehr stolz auf „meine“ GBH und darauf, dass viele aus meinem damaligen Team auch heute noch wesentlich zur Gewerkschaft sarbeit beitragen.
Johann Holper: Viele Emotionen und Erinnerungen. Ich habe 24 Jahre lang in der GBH mitgearbeitet, davon vier Jahre als Landesgeschäft sführer der GBH Wien und sechs Jahre als Bundesvorsitzender. Da gab es viele Erfolge, aber auch schwierige Situationen.
Josef Muchitsch: Ein Gefühl von Nachdenklichkeit, Genugtuung und Herausforderung. Nachdenklichkeit, wenn wir 150 Jahre Arbeitergeschichte betrachten und uns vergegenwärtigen, zu welchen unzumutbaren Arbeitsbedingungen anno dazumal gearbeitet werden musste und welch soziale Ungerechtigkeit geherrscht hat. Genugtuung darüber, wenn in 150 Jahren Gewerkschaft sgeschichte eindrucksvoll aufgezeigt wird, wie erfolgreich die Gewerkschaft en waren und sind und wie wichtig es deshalb ist, Gewerkschaften zu haben. Herausforderung, wenn ich an die zukünftigen 150 Jahre denke mit all den noch zu lösenden und auf uns zukommenden Problemen.

Ich nehme an, als Sie in der Gewerkschaft angefangen haben, war das Ziel noch nicht Bundesvorsitzender. Wie ist es dazu gekommen?
Driemer: Priorität für mich war immer, in der GBH für die Bau-, Holz- und Steinarbeiter die soziale und die Einkommenssituation zu verbessern. Durch mein Engagement in der Kollektivvertragsund Sozialpolitik sind die damaligen GBH-Führungsspitzen und die Betriebsräte und Kollegen in den Betrieben auf mich aufmerksam geworden und haben mich zweimal zum Zentralsekretär und dreimal zum Bundesvorsitzenden gewählt.
Holper: Ich habe meine Tätigkeit in der GBH als Rechtsschutzsekretär begonnen, also in einem der Kernbereiche der GBH. Mit diesem Wissen und dieser Erfahrung wurde ich zum Landesgeschäftsführer der GBH Wien berufen und als es darum ging, unter den Spitzenvertretern der GBH einen Nachfolger für Hans Driemer als Bundesvorsitzenden zu finden, fiel die Wahl auf mich.
Muchitsch: Das stimmt. Es war weder in meine Gedanken noch in meiner Arbeit das Ziel, Bundesvorsitzender zu werden. Was mich jedoch seit meinem 16. Lebensjahr als Jugendvertrauensrat in meiner Gewerkschaft fasziniert hat, ist es, als Gewerkschaftsfunktionär eine Art „Vollmacht“ und Auftrag zu erhalten, sich für die Kolleginnen und Kollegen einsetzen zu können und zu dürfen. Vom Jugendvertrauensrat zum Gewerkschaftssekretär, zum Landesgeschäftsführer und letztendlich zum Bundesvorsitzenden – diesen Weg kann man nicht planen. Das ist Bestimmung.

Was war in Ihrer Amtszeit für Sie persönlich der wichtigste Punkt, den Sie durchsetzen konnten beziehungsweise erreicht haben?
Driemer: Da gibt es eigentlich vier sehr wichtige Punkte: den Ausbau der BUAK mit der Überantwortung der Abfertigung, die Schlechtwetterentschädigung, dann natürlich das Jahresbeschäftigungsmodell mit der Winterfeiertagsvergütung und nicht zuletzt die Durchsetzung bundeseinheitlicher Kollektivvertragslöhne.
Holper: Da gibt es einige. Um nur die wichtigsten zu nennen: für unsere Mitglieder die KV-Abschlüsse, vor allem jene zwischen 2008 und 2010, in denen wir die Internatskostenrückerstattung für Lehrlinge durchsetzen konnten. Und aus politischer Sicht die Umsetzung der Generalunternehmerhaftung und der Anmeldung vor Arbeitsbeginn auf gesetzlicher Ebene. Auch die Auseinandersetzungen, die wir erfolgreich geführt haben, bleiben mir in positiver Erinnerung – als wir zum Beispiel vor der Wirtschaftskammer protestiert haben und die Arbeitgeber danach die Lohnverhandlungen wieder aufgenommen haben.
Muchitsch: Da gibt es vieles. Aber für mich unvergesslich ist es, wenn wir in schwierigsten Situationen letztendlich erfolgreich für die Arbeitnehmer etwas erreichen konnten. Ich spreche hier vor allem die Insolvenzen der Firma Assmann und der Alpine Bau an, wo aus Schatten und enttäuschten Mienen durch die Gewerkschaft und ihren Einsatz wieder ein Lächeln in die Gesichter der Beschäftigten gekommen ist. Auch Errungenschaften, wie eine Ist-Lohn-Erhöhung in allen Kollektivverträgen zu verankern, oder die Schaffung des Überbrückungsgeldes und die Feststellung von Schwerarbeitszeiten ab dem 50. Lebensjahr sind Highlights.

Wer war Ihr härtester Verhandlungspartner und warum?
Driemer: Dem Grunde nach waren alle Verhandlungspartner in der Sache ihrer Interessen beinhart, aber kompromissbereit. Einzelne Verhandlungspartner aus der Bauindustrie und dem Baunebengewerbe zeigten mit Gegenforderungen in Richtung tiefer Einschnitte im Sozial- und Einkommensbereich besondere Härte, vor allem, wenn ich an das Jahr 1998 mit den großen Bauarbeiterprotesten denke. Im Vordergrund, so nehme ich an, war eine Art besonderer Profilierungswille, der nicht von Erfolg gekrönt war. Das Ergebnis war schließlich ein sehr positiver Kollektivvertragsabschluss.
Holper: Kollektivvertragsverhandlungen sind ja nie einfach, jeder ist bestrebt, seine Punkte durchzusetzen. Am schwierigsten waren aber sicher die Ist-Lohn-Verhandlungen im Holz und Kunststoff verarbeitenden Gewerbe. Hier haben wir jahrelang mit allen Mitteln versucht, zu einer Ist-Lohn-Erhöhung zu kommen, aber viele Firmenchefs waren absolut nicht zu überzeugen. Doch wir haben den Boden dafür aufbereitet, dass unsere Nachfolger heute auch dieses große Ziel einer Ist-Lohn-Erhöhung in diesen Branchen erreicht haben.
Muchitsch: Die Person Muchitsch selbst. Ich bin mit einem Verhandlungsergebnis nie zu 100 Prozent zufrieden. Oft stelle ich mir danach die Frage, was hätte ich noch besser machen können, um einen noch besseren Abschluss zu erreichen.

Was war rückblickend der schönste Moment Ihrer Tätigkeit in der Gewerkschaft?
Driemer: Das Anerkennen meiner Leistungen für die Bau-, Holz und Steinarbeiter durch die mehrmalige Wiederwahl in Leitungsfunktionen.
Holper: Einerseits die Bestellung zum Wiener Landesgeschäftsführer, der damals noch Landessekretär geheißen hat. Und andererseits die internationale Anerkennung durch meine Wahl in den Vorstand der Bau-Holz-Internationale BHI im Jahr 2009 in Lille.
Muchitsch: Der Moment meiner Wahl zum Bundesvorsitzenden mit 98,72 Prozent Zustimmung der Delegierten. Auch wunderschön war der Moment im Parlament, als es gelungen ist, einstimmig das Bestbieterprinzip zu beschließen und es von allen Parlamentsparteien zur Vergabenovelle 2015 großes Lob gegeben hat.

Wenn Sie die Arbeit der GBH heute betrachten, was hat sich im Vergleich zu Ihrer Amtszeit als Bundesvorsitzender verändert?
Driemer: Jede Zeit hat ihre Persönlichkeiten, andere Probleme und Zielvorstellungen. Meine Amtszeit ist daher nur bedingt vergleichbar mit der nachfolgenden. Jedenfalls resultiert das heutige Führungsteam der GBH aus Personen, die enge Mitarbeiter in meinem Team waren. Meine Gratulation gilt der GBH-Führung und den Funktionären für die großen Erfolge im sozial- und wirtschaftspolitischen Bereich, die mit den Sozialpartnern erzielt werden konnten. Die letzten Jahre sind aus meiner Sicht ein weiterer Teil der Erfolgsgeschichte der GBH.
Holper: Der Zugang zur Politik ist jetzt besser, weil wir mit Beppo Muchitsch einen Vertreter im Nationalrat haben, und auch die mediale Präsenz der GBH ist gestiegen. Es gibt heute andere Anforderungen als noch vor wenigen Jahren, und denen muss man sich auch mit neuen Ansätzen stellen.

Was würden Sie sich für die nächsten 150 Jahre GBH wünschen?
Driemer: Die nächsten Jahrzehnte erfordern aufgrund tiefgreifender Veränderungen in Europa und weltweit ein breiteres Engagement der GBH und der Gewerkschaften und der Sozialpartner insgesamt, um Erreichtes zu sichern und Zukunftsthemen bis zur Erreichung von Win-win-Ergebnissen aufzuarbeiten. Dafür wünsche ich Glück auf, liebe Freunde.
Holper: Weiterhin mit lösungsorientierter und zielgerichteter Arbeit solche Erfolge zu feiern, weiter steigende Mitgliedszahlen zu haben und als GBH eigenständig zu bleiben.
Muchitsch: Wir haben einerseits so vieles erreicht, dass ich mir wünsche, diese Errungenschaften auf ewig zu sichern. Andererseits ist mir bewusst, dass wir uns auch in der Gewerkschaft und in der Sozialpartnerschaft den Herausforderungen einer schnelllebigen, digitalen Welt mit einem verstärkten Wettbewerb stellen und an Veränderungen arbeiten müssen. Wer sich nicht bewegt, der wird von anderen bewegt. Ich wünsche mir, dass die Gewerkschaft Bau-Holz auch in Zukunft als eine moderne, effiziente und zukunftsorientierte Gewerkschaft Vorreiter für Veränderungen in der Arbeitswelt, im sozialen Ausgleich und letztendlich damit Garant für sozialen Frieden ist.

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
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