Direkt zum Inhalt

Interview

22.09.2004

Österreich hat sich zu einer Reduktion der Treibhausgas-Emissionen von 13 Prozent verpflichtet. Der Alternative-Energie-Experte Rudolf Jauschowetz plädiert für sofortige Maßnahmen.

Rudolf Jauschowetz legte vor zehn Jahren den Grundstein für die Solarschule in Pinkafeld. Vor 2 Jahren gründete er die IG-Wasser, mit der er den Kampf mit den Legionellen aufgenommen hat. Die intensive Auseinandersetzung mit alternativer Energiegewinnung und erneuerbaren Energieformen ist für den Zivilingenieur für Maschinenbau seit Jahren ein Selbstverständnis.

Sehen Sie die Bedrohung eines weltweiten Klimawandels?
Jauschowetz: Ja, absolut. Wir müssen über die Ursachen wie auch die Auswirkungen des Klimawandels jetzt diskutieren – und jetzt Maßnahmen setzen.

Das Stichwort ist nach wie vor der Treibhauseffekt?
Jauschowetz: Natürlich, der Treibhauseffekt entsteht dadurch, dass sich die Erdatmosphäre zunehmend so verhält wie ein Glashaus bzw. wie ein Treibhaus. Durch den Eintrag von CO2 und anderen Treibhausgasen wie Methan, Lachgas und flourierten Gasverbindungen (Kältemittel) in die Atmosphäre und die dauerhafte Ansammlung dieser Gase verändert sich die Strahlungsbilanz der Atmosphäre. Das kurzwellige Sonnenlicht wird nach wie vor ungehindert zur Erdoberfläche durchgelassen, während die Wärmeabgabe in das Weltall behindert wird. Es bildet sich ein neues Gleichgewicht zwischen Wärmeein- und -ausstrahlung, aber eben bei entsprechend höheren Erdoberflächentemperaturen.
Seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert werden ungeheure Mengen von fossilen Rohstoffen (Kohle, Erdöl und Erdgas) verbrannt und damit CO2 freigesetzt. Während der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre vor mehr als 100 Jahren noch 280 ppm (Teile pro Million) betrug, liegt er derzeit bei 370 ppm und steigt jährlich um 1 bis 1,5 ppm an. Die Erderwärmung wird von der Mehrzahl der Wissenschafter in Zusammenhang mit dem Anstieg des CO2-Gehaltes gebracht. Der Mensch verändert heute durch den Ausstoß von Treibhausgasen das Klima bereits graduell. Klimatologen prognostizieren mit Modellrechnungen eine globale Erwärmung durch den Glashauseffekt zwischen 1,4 und 5,8 Grad in den nächsten 100 Jahren.

Mit welchen Auswirkungen haben wir zu rechnen?
Jauschowetz: Die Auswirkungen der Temperaturerhöhungen sind zahlreich und in den verschiedenen Regionen unterschiedlich spürbar. Die Erhöhung der Temperatur führt zu einer Erwärmung der Ozeane und damit zu einer Ausdehnung des Wassers. Bereits eine Erwärmung der Ozeane um ein Grad führt zu einer Erhöhung des Meeresspiegels um 0,5 Meter. Die Folgen sind Überflutungen niedrig gelegener Länder wie z.B. der Niederlande oder Bangladesch. Darüber hinaus verdunstet durch die höheren Temperaturen mehr Wasser und dies bedingt weltweit einen Anstieg der Niederschläge. Wenn intensive Regenwolken durch bestimmte Wetterströmungen über das Festland ziehen und die Sonne sich verdunkelt, dann kann es zu Starkniederschlägen kommen. So gab es beispielsweise 2001 in China und 2002 in Mitteleuropa fürchterliche Flutkatastrophen. Die Erwärmung kann aber auch zur Bildung stabiler Hochdruckzonen und in der Folge zu Trockenperioden und Dürreschäden führen. Allein in Österreich haben 2003 Stürme und eine Dürreperiode Ernteausfälle verursacht, deren Schäden mit etwa 200 Millionen Euro beziffert werden können. Die Grünlandbewirtschaftung und die Rinderhaltung waren in manchen Landesteilen stark gefährdet. Zwangsläufig sinkt der Wirtschaftsfaktor solcher Regionen, und das hat auch überregionale Auswirkungen.

Experten sprechen vom „runaway effect“ – was ist darunter zu verstehen?
Jauschowetz: Der „runaway effect“ ist jener Zeitpunkt, ab dem auch die Reduktion von Treibhausgasen auf null nichts mehr am „Selbstläufer“ des Klimawandels ändern könnte. Das Klimaschicksal nimmt seinen Lauf, ohne dass der Mensch dabei noch irgendetwas beeinflussen könnte. CO2 hat in der Erdatmosphäre eine Verweildauer von bis zu 100 Jahren. Das bedeutet, dass die Atmosphäre, die jahrelang mit Treibhausgasen angereichert wurde, nicht sofort einfach gesäubert werden kann – der „runaway effect“ ist dann bereits gestartet.

Sie setzen sich seit mehr als 20 Jahren für erneuerbare Energien, alternative Energiegewinnung ein. Wie lauten Ihrer Meinung nach die Hausaufgaben Österreichs in Hinblick auf die Kyoto-Ziele?
Jauschowetz: Unser gesamtes Leben hängt von der Intensität der Energienutzung und vom effizienten Energieeinsatz ab. Alle Hochkulturen zurückliegender Jahrtausende haben sich ausschließlich solarer Energieformen bedient. Im Rahmen der Kyoto-Verhandlungen hat sich die Europäische Union verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis zur Periode 2008/2012 um acht Prozent gegenüber 1990 zu senken. Österreich hat sich zu einer 13-prozentigen Reduktion verpflichtet. Um die Kyoto-Vorgaben einhalten zu können, müssten in Österreich jährlich 700.000 Quadratmeter Solarkollektoren, 71 Windkraftanlagen und 24 Wasserkraftwerke installiert werden.

Welche Energieformen sollten forciert werden?
Jauschowetz: Das Angebot an erneuerbaren Energien ist groß und die einzelnen Energieformen besitzen beträchtliches Potenzial. Ein sehr gutes Beispiel für erneuerbare Energiequellen und eine nachhaltig gebundene Energiewirtschaft stellt die Verbrennung von Biobrennstoffen (z. B. Scheitholz, Hackgut und Pellets) dar. Auch die Solarenergie sollte selbstverständlicher werden. Das Potenzial der direkten Sonneneinstrahlung entspricht ca. 7000 Mal dem heutigen Weltenergieumsatz. Diese Sonnenstrahlung könnte über Warmwasserkollektoren (thermische Nutzung, Solarthermie) oder mittels Solarzellen zur direkten elektrischen Stromerzeugung (Fotovoltaik) genutzt werden.
Eine weitere Form erneuerbarer Energienutzung sind Erdwärmepumpen, welche unter Einsatz elektrischer Energie die Erwärmung des Erdreichs durch die Sonneneinstrahlung nutzen. Sie können aber auch ökologisch einwandfrei mit erneuerbarer Energie, also mit Ökostrom, betrieben werden.

Welchen Stellenwert sehen Sie in der Windenergie?
Jauschowetz: Die Windenergie hat große Zukunftschancen. Windräder wurden schon seit jeher zu Antriebszwecken, z. B. in Windmühlen, eingesetzt. Heute wird über Windkraftwerke der „Ökostrom“ bereitgestellt. Mit Windenergie könnte der Weltenergieumsatz ca. drei Mal abgedeckt werden.
Die Windräder des Burgenlandes decken derzeit bereits den Strombedarf aller burgenländischen Haushalte.

Wird Ihrer Meinung nach die Wasserkraft in Österreich reichlich genützt oder sehen Sie hier noch Ausbaupotenzial?
Jauschowetz: Österreich hat im Bereich Wasserkraft ein großes Potenzial, welches zu ca. 70 Prozent ausgebaut ist. Zwar ist für Österreich der Import von Atomstrom derzeit günstiger, aber das nur, weil enorme finanzielle Mittel, z. B. durch EURATOM (Atomförderung auf EU-Ebene), zufließen. Flusskraftwerke könnten weltweit nur rund zehn Prozent des heutigen Weltenergiebedarfs decken. In Österreich besteht noch viel Platz für naturschonende Kleinkraftwerke, die sich lohnen, ausgebaut zu werden.
Das nutzbare Potenzial von Fotovoltaikanlagen liegt, wie bei Warmwasserkollektoren, bei 1 bis 2% des gesamten Sonnenenergie-Potenzials. Und die heutigen spezifischen Investitionskosten können sich mit den Kosten für zentrale kalorische Kraftwerke samt Infrastruktur durchaus messen. Das technisch nutzbare Potenzial der Geothermie wird auf maximal zehn Prozent geschätzt, sodass maximal 30 Prozent des Weltenergieumsatzes daraus gedeckt werden könnten. Weltweit wird intensiv an billigen Tiefenbohrtechniken gearbeitet. Gisela Gary

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
Werbung

Weiterführende Themen

Josef Muchitsch und Erwin Soravia haben eine gemeinsame Agenda, um Baugenehmigungen zu beschleunigen und Arbeitsplätze zu sichern.
Aktuelles
23.07.2020

Baugenehmigungen müssen dringend beschleunigt werden, sind sich die Gewerkschaft Bau-Holz und Österreichs Projektentwickler einig. Aktuell warten rund 25 Milliarden Euro warten darauf, auf ...

Recht
04.08.2020

Entdeckt ein Bieter Mängel in der Ausschreibung, besteht eine Warnpflicht – und zwar bereits vor Vertragsabschluss.

Recht
04.08.2020

Wann ist ein Kostenvoranschlag verbindlich, und welche Auswirkungen hat dies auf den Anspruch auf Mehrkosten? Ein Überblick.

Normen
04.08.2020

Die ÖNorm EN 13670 „Ausführung von Tragwerken aus Beton“ bleibt weiterhin aktuell und wird durch die Nationalen Festlegungen in der ÖNorm B 4704 ergänzt.

VÖB-Präsident Franz Josef Eder ist mit der aktuellen Entwicklung zufrieden, kritisiert aber, dass im aktuellen Plan der Bundesregierung kein Förderungen massiver Bauweisen vorsieht.
Aktuelles
04.08.2020

Die aktuell stabile Auftragslage lassen die Beton- und Fertigteilbranche positiv in die Zukunft blicken. Gleichzeitig fordert man eine gerechte Streuung der Fördermaßnahmen.

Werbung