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Interview/Tondach

03.12.2004

Vor mehr als 120 Jahren wurde im steirischen Gleinstätten die erste Ziegelei erbaut.
Seit knapp vierzig Jahren lenkt Franz Olbrich die Geschicke der Tondach Gleinstätten AG.

Unter Ihrer Leitung entwickelte sich die Tondach Gleinstätten AG zu einem der erfolgreichsten österreichischen Unternehmen. Einer Ihrer Erfolgsfaktoren ist die expansive Unternehmenspolitik, die 1990 mit der Umstrukturierung der Tondach AG eingeleitet wurde. Was waren die wesentlichen Änderungen?
Olbrich: Vor Beginn unserer Expansion wurden Lafarge – damals noch unter dem Firmennamen Braas – und Wienerberger als industrielle Gesellschafter an der Tondach AG beteiligt. Die genaue Aufteilung sieht folgendermaßen aus: Jeweils 25 Prozent des Unternehmens halten Lafarge und Wienerberger, die restlichen fünfzig Prozent sind im Besitz von meinem Partner Klaus Garside und mir.

War die Beteiligung von Lafarge und Wienerberger Voraussetzung für die Expansion?
Olbrich: Die Beteiligung dieser Unternehmen war keine unabdingbare Voraussetzung – wir hätten auch ohne Wienerberger und Lafarge expandiert, aber natürlich nicht in dieser Form und diesem Umfang.

In wie vielen Ländern ist Tondach Gleinstätten heute vertreten, wie viele Mitarbeiter sind beschäftigt und wie hoch ist der Jahresumsatz?
Olbrich: Der Stammsitz von Tondach ist nach wie vor im steirischen Gleinstätten, weltweit beschäftigen wir heute mehr als 3.400 Mitarbeiter in 31 Werken in zehn Ländern: Österreich, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Serbien-Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Kroatien und Slowenien. Unsere Produktionskapazität in den mittel- und osteuropäischen Ländern beläuft sich jährlich auf 445 Millionen Stück Dachziegel und rund 300 Millionen NF Mauerziegel. Im Jahr 2003 haben wir einen konsolidierten Umsatz von 195 Millionen Euro erwirtschaftet. Wir bauen dabei auf lokales Management, modernste Technologie und eine innovative Produktpolitik.

Wie hoch ist der in Österreich produzierte Anteil? Wie hoch ist die Exportquote?
Olbrich: In Österreich produzieren wir rund sechzig Millionen Mauerziegel und zirka 86 Millionen Stück Dachziegel. Als einziger Produzent von Tondachziegeln sind wir damit Marktführer und auch im Sektor Mauerziegel sind wir zumindest in der Steiermark die Nummer eins. Zirka vierzig Prozent unserer Ziegelprodukte gehen in den Export, vor allem nach Slowenien, die Slowakei, Ungarn und Kroatien.

Sie haben damit auch die Spekulationen, dass die Tondach AG in den Osten geht, um dort billiger produzieren zu können, Lügen gestraft?
Olbrich: Die Vermutung, dass wir ins Ausland gehen, um dort billiger zu produzieren und langfristig die Produktion in Österreich einstellen werden, lag natürlich immer in der Luft. Tatsache ist allerdings, dass wir die Marktanteile in Österreich kontinuierlich steigern konnten. In Wahrheit profitieren wir von den neuen Märkten genau in umgekehrter Richtung. Ich sehe den Osten Europas als traditionellen Wirtschaftsraum für die österreichische Industrie. Diesen Wirtschaftsraum hat es ja auch bereits unter der Monarchie gegeben. Die Distanz von Gleinstätten nach Zagreb oder Ljubljana ist die gleiche wie nach Wien. Diesen Vorteil mussten wir nutzen. Die Bautätigkeit in Österreich hat heute ihren Zenit erreicht, Zuwächse sind nur mehr in sehr bescheidenem Umfang möglich. Hier profitieren wir nur noch von Marktverschiebungen, weil wir ein Produkt anbieten, das heute wieder hoch im Kurs steht, vor allem im Sanierungsbereich – wo fast sechzig Prozent unserer Produkte zum Einsatz kommen.

In Österreich ist Tondach Marktführer, wie sieht das im Raum Mittel- und Osteuropa aus?
Olbrich: In Tschechien sind wir beispielsweise die einzigen Produzenten und im Bereich Tondachziegel die absoluten Marktführer, dasselbe gilt auch für Ungarn. Der Tondachziegel hat dort auch mehr als fünfzig Prozent Marktanteil. Unser langfristiges Ziel ist es natürlich, im gesamten Raum die Marktführerschaft zu erlangen.

Im Jahr 1992 haben Sie mit dem Kauf von Produktionsstätten in Ungarn und Tschechien die ersten Schritte dieser groß angelegten Erweiterungsoffensive gestartet. Werden dabei hauptsächlich bestehende Werke übernommen oder gibt es auch komplette Neuerrichtungen?
Olbrich: Tatsächliche Neubauten gibt es kaum, überwiegend bauen wir unsere Expansion auf bestehende Werke auf, die wir kaufen, ausbauen und modernisieren. In all den Ländern, die wir für Tondach neu erschlossen haben, hat es ja bereits Ziegelwerke gegeben. Das Problem war, dass all diese Werke veraltet waren und die finanziellen Mittel für notwendige Modernisierungsmaßnahmen fehlten. Damit konnten die heute viel höheren Ansprüche an Qualität und Vielfalt nicht mehr erfüllt werden.

Wie hoch belaufen sich die Investitionen, die seit dem in Mittel- und Osteuropa getätigt haben?
Olbrich: Seit 1992 haben wir rund 310 Millionen Euro in den Kauf, die Sanierung und die technische Aufrüstung von Werken im Osten investiert.
Gibt es bei Tondach einen Transfer von Arbeitskräften von den Ostländern nach Österreich?
Olbrich: Einen Arbeitskräftetransfer gibt es nur insofern, dass wir einen Großteil der Arbeiter aus unseren neuen Werken in Ost- und Mitteleuropa für die Einschulung auf die neuen Maschinen nach Österreich holen. Gleichzeitig gehen auch Leute von unseren Stammwerken in den Osten, um vor Ort Schulungen zu machen. In unserem jüngsten Werk in Mazedonien, das wir im vergangenen Sommer eröffnet haben, ist jetzt nur noch ein Mann aus Österreich tätig. In Kürze wird die Anlage unseren mazedonischen Mitarbeitern zur Gänze übergeben.

Wie umfangreich ist die Produktpalette der Tondach AG, wie viele unterschiedliche Typen werden derzeit produziert?
Olbrich: Das ist schwer zu sagen. Mit den verschiedenen Farbgebungen und den traditionellen Ziegelformaten wie dem Bieber oder den Pressdachziegeln mit den unterschiedlichen Oberflächengestaltungen, die wir anbieten – von glasiert bis engobiert –, stehen einige hundert Ziegeltypen zur Verfügung. Und natürlich passen wir unser Produktprogramm immer wieder den unterschiedlichen Trends an – das ist bei uns nicht anders als in der Modeindustrie.

Im Bezug auf die angebotenen Produkte – gibt es regionale Unterschiede, was die Nachfrage betrifft?
Olbrich: Grundsätzlich nein, die Produktpalette ist in allen Ländern sehr ähnlich, mit länderspezifischen Unterschieden – so ist beispielsweise in Kroatien für die Küstengebiete das Modell Kanalica der absolute Renner. Wo ich allerdings tatsächlich einen markanten Unterschied sehe, ist im Umgang mit der Tradition. In diesen Ländern wurde die Tradition, Dächer mit Ziegeln zu decken, wesentlich höher gehalten. Das sieht man schon alleine daran, dass in diesen Ländern immer eine relativ starke Ziegelindustrie gegeben hat, ganz im Unterschied zu Österreich – wo fast zwanzig Jahre hindurch keine Ziegeldachsteine produziert wurden.
Ton und Dachziegel aus Ton zählen zu den ältesten Baumaterialien der Menschheitsgeschichte. Wie sehr ist der Tondachziegel heute noch zu verbessern, gibt es noch Platz für technische Innovationen?
Olbrich: Das faszinierende am Tonziegel ist die hohe Qualität des Ausgangsmaterials, die vielfältige Form- und Verwendbarkeit und das Alterungsverhalten. Großartige technische Veränderungen oder qualitative Verbesserungen sind, was das Material betrifft, de facto gar nicht erforderlich. Innovationen gibt es bei der Gestaltung. Zum Beispiel der Doppelfalzziegel, der der Regeneintragsicherheit Rechnung trägt, oder der Verschiebeziegel, der vor allem für den Sanierungsbereich sehr interessant ist, weil bei der Verlegung in der Regel die bestehende Lattung verwendet werden kann. Einige unserer Modelle sind auch mit Nagellöchern versehen, was den Arbeitsaufwand für den Dachdecker auf der Baustelle erheblich reduziert. Das sehe ich als Innovation.

Wo sehen Sie Tondach in zehn oder zwanzig Jahren, was wünschen Sie sich für die Zukunft? Sind weitere Expansionsschritte geplant?
Olbrich: Ich würde mir wünschen, dass Tondach europäischer Marktführer im Bereich Tondachziegel wird. An einer weiteren Expansion sind wir natürlich immer interessiert. Entweder versucht man, größer zu werden und zu expandieren, oder es macht ein anderer. Im Moment ist es uns wichtig, dass wir in den bestehenden Ländern unsere Marktführerposition halten und dort auch die Qualität und die Produktionskapazitäten verbessern können. Es gibt aber noch einige Länder in Mittel- und Osteuropa, wo wir noch Erweiterungspotenzial sehen. Mehr dazu aber erst im nächsten Jahr.

Tom Cervinka

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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