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Japan - Mit viel Respekt und starkem Wir-Gefühl

11.06.2008

Die straffe Organisation, die hohe Disziplin wie auch der gewaltige Grad an Wirtschaftlichkeit auf unterschiedlichen Baustellen sind nur ein paar Aspekte, die Martin Zagler, Baumeister und Landesinnungsmeister-Stellvertreter Landesinnung Bau Wien, auf der Studienreise nach Japan beeindruckte.

„Ich bin fasziniert, wie die Bauwirtschaft in Japan organisiert ist. Die Lagerflächen sind zum Beispiel extrem klein gehalten, die Materiallieferungen erfolgen ‚Just in time‘. Die Sauberkeit und Ordnung auf der Baustelle ist beispielhaft und mit österreichischen Verhältnissen absolut nicht vergleichbar.“ Die Idee, nach Japan zu reisen und Kollegen vor Ort zu treffen, entwickelte Zagler aufgrund seines Masterstudiums an der Donau-Uni Krems, Fachrichtung „Real Estate“. Sein Master-Thesen-Thema widmet sich der „Untersuchung der Umsetzbarkeit der Managementprinzipien des Toyota Production System (TPS) im Baugewerbe“. Sein Betreuer Christian Haidegger erklärte sich spontan zur Studienreise bereit. Aufgrund seiner Kontakte konnte auch das Treffen mit den Bauunternehmern in Tokio arrangiert werden.

Das Ziel war rasch definiert, die beiden Bauexperten vereinbarten ein Treffen und einen ausführlichen Erfahrungsaustausch mit zwei japanischen Bauunternehmen zum Thema „Toyota Production System“ wie auch einen Besuch eines Toyota-Automobilwerkes in Toyota City.

Gegensätze ziehen sich an. Wenn manchmal in Österreich der Ton am Bau wortwörtlich in den Keller rasselt, zeigte sich in Japan der Umgangston als sehr höflich, extrem respektvoll und immer die Persönlichkeit des anderen deutlich schätzend. „Für mich eine spannende Erfahrung! Ich war beeindruckt, dass selbst in brenzligen Situationen der Bauleiter bei einem höflichen Ton bleibt, da wird weder gebrüllt noch autoritär agiert“, so Haidegger begeistert. Für Japaner selbstverständlich – Höflichkeit, Respekt und ein starker Wir-Gedanke wird ihnen quasi bereits in die Wiege gelegt. Dazu kommt noch ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Ehrgeiz.

Japanische Gesellschaftsordnung

„Die japanische Gesellschaft ist getragen von gegenseitigem Respekt vor dem anderen, der Gemeinschaftsgedanke ist im Gegensatz zur westlichen Gesellschaftsordnung sehr ausgeprägt“, so Zagler nachdenklich. Die Reise wurde von Parissa Haghirian organisiert und teilweise auch kompetent begleitet. Haghirian ist Österreicherin und lebt bereits seit einigen Jahren in Japan. Sie arbeitet als Associate Professor of International Management an der Sophia University in Tokio. Haghirian war auch der Türöffner zu den Treffen, bei denen die kleine Reisetruppe vor allem auch Einblicke in die Lebensart und das Gesellschaftssystem der Japaner erhielt.

Die Fachexkursionen und Gespräche mit den japanischen Bauunternehmen organisierte Rudolf Pichler, Zertbau Buero Veritas Österreich, da das Büro über eine Konzernniederlassung in Tokio verfügt. „Beide Bauunternehmen sind laut ISO 9001 und ISO 14001 zertifiziert. Deshalb waren die beiden Firmen für uns auch perfekte Praxisbeispiele, da sie im Qualitätsanspruch wie auch in der Organisationsstruktur mit westlichen Unternehmen annähernd vergleichbar sind“, erklärt Haidegger. Für Zagler waren vor allem die Gespräche zu Praxisfragen und dem Baualltag spannend: „Die japanischen General Constructor haben im Regelfall keine eigenen Arbeiter und vergeben alle Leistungen an Subunternehmer, ebenfalls bei uns undenkbar, wobei überdenkenswert – nicht zuletzt auch aufgrund des EU-weiten Fachkräftemangels. Der Bauleiter vor Ort wird allerdings vom Generalunternehmer selbst bestellt.“

Streng nach Plan

Das Bauunternehmen Shin Nihon Corporation erwirtschaftet mit rund 500 Angestellten einen Umsatz von rund 700 Millionen Euro – auffällig dabei: es ist kein einziger Arbeiter beschäftigt, sämtliche Leistungen werden an Subunternehmer vergeben. „Die Subunternehmer sind Baufirmen mit 20 bis 30 Arbeitern. Das Unternehmen weist einen Organisationsgrad auf, der in Österreich selten bis gar nicht anzutreffen ist“, erklärt Zagler. Die Reisegruppe durfte ein im Bau befindliches 15-stöckiges Wohnhaus in Stahlbetonbauweise besichtigten, bei der die straffe Organisation deutlich sichtbar wurde. An einer Tafel vor Ort waren die Monats-, Wochen- und Tagespläne angebracht. „Jeden Morgen bespricht der Bauleiter mit allen Arbeitern die Leistungen, die bis zum Abend von jedem Einzelnen zu erbringen sind. Täglich um 13 Uhr wird quasi Zwischenbilanz gezogen, bei einer 15-minütigen Besprechung mit den Bauleitern bzw. Verantwortlichen aller Professionisten. Die Effizienz ist gewaltig: Denn bei dieser kurzen Besprechung werden bereits die Aufgaben und die Arbeitsleistung für den nächsten Arbeitstag fixiert“, so Zagler. Beeindruckend war auch die Ordnung und Sauberkeit auf der Baustelle.

Frühzeitige Mängelerkennung

Das Unternehmen hat ein eigenes Produktionssystem „erfunden“, das „Shin Nihon Production-System“ (SPS). Dabei finden sich wesentliche Elemente des Toyota Production Systems. Beim Treffen mit der Kajma Corporation wurden ebenso die Grundzüge und Möglichkeiten der Managementprinzipien des Toyota Production System im Baugewerbe erörtert. Das Unternehmen hat an die 9.000 Angestellte und ebenfalls keinen einzigen Arbeiter. Die Betriebsleistung beträgt rund 11,8 Milliarden Euro.

Haidegger ist davon überzeugt, dass wenn man eine Masterthese über das Toyota Production System verfasst, sollte man auch einmal eine Reise zu dessen Wurzeln, nach Toyota City unternehmen. Ein Besuch im Toyota-Showroom in Toyota City und in der Tsutsumi-Plant, in welcher Modelle des Typs Camry, Premio, Allion und Prius gefertigt werden, bildete den Abschluss der Studienreise. „Im Showroom wurden auf Flatscreens die Prinzipien und Philosophien des Unternehmens veranschaulicht, im Zentrum der Philosophien stehen Bereiche wie Respekt und Menschen“, erklärt Haidegger. Das Toyota Production System wird im Showroom in seinen Grundsätzen erklärt und visualisiert, Elemente wie Just-in-time-Produktion, Jidoka, Kanban und Kaizen werden ausführlich erläutert und dargestellt. Die anschließende Werksführung führte durch die Bereiche Welding und Assembly, wobei vor allem das ausgefeilte Kanban-System mit tausenden von Kanban-Transportbehältern einen nachhaltigen Eindruck hinterließ. Optisch war das Built-to-order-System erkennbar, das heißt nicht eine bestimmte Stückzahl von Modellen der Marke Prius, dann Camry, usw. wurden produziert, sondern in beliebiger Reihenfolge, je nach Auftragseingang. Nicht zuletzt war Zagler von der frühzeitigen Mängelerkennung und -beseitigung beeindruckt: „Wir konnten auch das mehrmalige Betätigen der Andon-Leine feststellen, wodurch die Produktion beim Erkennen von Unregelmäßigkeiten bzw. von augenscheinlichen Problemen sofort gestoppt wurde.“ Die japanische Besichtigungsleiterin erklärte, dass von den an die 5.500 in der Tsutsumi-Plant tätigen Mitarbeiter im Jahr 2007 rund 570.000 Verbesserungsvorschläge eingebracht wurden – von diesen Anregungen wurden 94 Prozent umgesetzt.

Bei Interesse am Thema „Das Toyota Production System im Baugewerbe“, fordern Sie unter office@vorsprungbau.at Informationen über die kostenlosen Informationsveranststaltungen an.

Gisela Gary

aus: bau.zeitung 23/08, S. 40f.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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