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Nach dem Abgang von Mike Bucher hat Johann Marchner Anfang März die ­G­eschäftsführung von Wienerberger ­Österreich übernommen. Zuvor war der ­Baustoffexperte bereits als Geschäftsführer ­Vertrieb bei dem Ziegelproduzenten tätig.

Johann Marchner: "In Summe besser werden"

16.06.2020

Warum die ewige Diskussion um den richtigen Baustoff nicht seines ist und welche Rolle Vorfertigung und Digitalisierung künftig bei Wienerberger spielen werden – der neue Österreich-Geschäftsführer Johann Marchner im Interview.
 

Mit Johann Marchner hat sich ­Wienerberger Österreich einen echten Allrounder an die Spitze geholt. Nach Stationen bei Lafarge Perlmoser und zuletzt als Geschäftsführer von ­Fundermax kennt der gebürtige Bayer die heimische Baustofflandschaft wie seine Westentasche. Wie er den ­Ziegel künftig noch besser positionieren will und welche Rolle ­Digitalisierung und Vorfertigung dabei spielen werden, berichtet er im Interview mit der Bauzeitung. 

Anfang März starteten Sie als neuer Geschäftsführer von Wienerberger Österreich – zwei ­Wochen später kam Corona. Ein Start, den man sich nicht unbedingt wünscht, oder?
Johann Marchner: Nein, weiß Gott nicht. Zumal die Covid-19-Krise auch nachhaltige Auswirkungen haben wird. Als ich 1996 nach Tirol kam, war ich zwei Jahre in der Zementindustrie tätig. Schon ­damals galt die Regel: „Eine gute Wintersaison im Tourismus ­bedeutet ein hohes Bauvolumen im Frühjahr.“ Die Bau­branche ist nach wie vor direkt abhängig von der Investitionsfreudigkeit anderer Branchen – das wird noch eine Herausforderung. 

Sie haben vor kurzem an Behörden und Kommunen appelliert, Baugenehmigungsverfahren wieder aufzunehmen. Mittlerweile laufen die Verfahren wieder – stimmt Sie das optimistischer?
Marchner: Glücklicherweise kam Bewegung in die Thematik. Auch wenn sich der Rückstau mittlerweile aufgelöst hat, werden sich die Verzögerungen nur schwer aufholen lassen. Bei Herstellern und Ausführenden herrscht nach wie vor Unsicherheit – insbesondere für das zweite Halbjahr. Eine entscheidende Rolle wird spielen, wie die Urlaubszeit genutzt wird. Würde die Sommerpause verkürzt, ließe sich vielleicht noch etwas aufholen. 

Einige Baustoffproduzenten berichteten von Nachholeffekten nach dem Shutdown. Hat ­Wienerberger davon nichts gespürt? 
Marchner: Nein. Das habe ich auch nicht erwartet. 

Das bedeutet, Wienerberger wird 2020 mit einem deutlichen Umsatzknick abschließen?
Marchner: Hier muss man zwischen den Bereichen Dach und Wand unterscheiden. Im Dachsegment könnte die Delle relativ klein ausfallen. Beim Wand­ziegel ist der Rückstand deutlich größer, und wir werden ihn nicht mehr aufholen können. 

Abseits von Corona – welche Ziele haben Sie sich für Wienerberger Österreich gesetzt?
Marchner: Da ich mittlerweile schon seit gut einem Jahr bei Wienerberger Österreich bin – anfangs als ­Geschäftsführer Vertrieb – konnte ich das Unternehmen bereits in allen Facetten kennenlernen. Ein Thema, das von Beginn an auf meiner Agenda stand, ist die neue Vertriebsstruktur, die wir mittlerweile auch umsetzen konnten. Es gibt wieder eine klare Trennung der Bereiche Dach und Wand. Im Dachbereich haben wir nun auch mit Michael Harry einen neuen Vertriebsleiter an Bord. Generell ist das Thema Organisationsentwicklung eine Kernaufgabe bei Wienerberger und auch eines meiner Steckenpferde. 

Da Sie gerade das Stichwort Organisationsentwicklung gaben: Vor gut zwei Jahren wurden die Wienerberger Ziegelindustrie, Tondach und das Ziegelwerk Brenner unter einem Dach vereint. Sind die Marken und Mitarbeiter mittlerweile ­zusammengewachsen?
Marchner: Wir sind auf einem guten Weg. Für mich ist es wichtig, dass alle Standorte die gleiche Wertschätzung erfahren – da hilft es mir vielleicht auch, „der Neue“ zu sein. Ich bringe keine Historie und keine Befindlichkeiten mit. Die Botschaft ist ganz ­banal: „Wir alle sind ­Wienerberger“, und so möchte ich es auch bei den Mitarbeitern verstanden wissen. In vielen Bereichen haben wir uns neu aufgestellt, nun haben wir einen guten Mix aus erfahrenen und neuen Mitarbeitern. Letztere vor allem in neuen Bereichen wie Digitalisierung, Supply-Chain-Management usw.

Wienerberger hat im vergangenen Jahr in die Entwicklung digitaler Produkte investiert und die Produktfinder-App gelauncht. Wie werden diese Services bisher angenommen?
Marchner: Gut, aber – so ehrlich muss man sein – es ist ein Prozess. Der Vertrieb muss den Kunden zum Teil an die Hand nehmen und an die neuen Tools ­heranführen. Das heißt, die App vorstellen, gemeinsam mit dem Kunden installieren und den Nutzen vermitteln. 

An welchen digitalen Tools wird noch gearbeitet?
Marchner: Ganz aktuell haben wir ein neues ­Online-Bestell-Tool für den Wandziegel gelauncht. Ab sofort können unsere Ziegel orts- und zeitunabhängig am Smartphone, Tablet oder PC bestellt werden. Die Produktauswahl ist dank Bild und hinterlegter technischer Daten einfacher, und die Ladekapazitäten können über eine Paletten- bzw. Gewichts­simulation optimiert werden. Die Bestellungen werden gespeichert – das heißt, bei auftretenden Fragen gibt es eine genaue ­Dokumentation und man erspart sich bei einer weiteren Bestellung die neuerliche Eingabe. 

Ist damit der Bestellprozess bei Wienerberger ­bereits digitalisiert? 
Marchner: Noch nicht ganz, aber das ist natürlich das Ziel. Der erste Schritt ist die Einführung des neuen Tools, um die Akzeptanz zu testen. Das Feedback von ­Pilotkunden hat uns sehr zuversichtlich gestimmt. Aber das Ganze ist nur ein Baustein in der Digitalisierung, denn die Wege der Bestellungen sind nach wie vor sehr unterschiedlich. 

Die Bestell-App gibt es bisher nur für den Wandziegel. Ist geplant, diese aufs gesamte Sortiment auszuweiten?
Marchner: Wir prüfen gerade, ob wir die Applikation auch für den Dachbereich einführen werden. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass wir auch dort Mehrwert für unsere Kunden generieren können. ­Generell beschäftigen wir uns gerade damit, den gesamten Prozess „end-to-end“ zu digitalisieren – angefangen bei der Ansprache des Endkunden bis hin zu einer digitalen Produktionsplanung. Hier arbeiten wir gerade daran, den Prozess Stück für Stück zu komplettieren. Vieles ist schon passiert – zum Beispiel der „digital stockyard“, ein Pilotprojekt in Gleinstätten, das wir auch auf andere Standorte ausweiten wollen. Auch die Digitalisierung der Supply-Chain steht im Fokus. Die Prozesse müssen einfacher, schneller und transparenter werden. Das oberste Gebot dabei ist, einen echten Mehrwert für unsere Kunden zu generieren. 

Wie weit ist Wienerberger in der End-to-end-­Digitalisierung?
Marchner: Ich würde sagen, wir liegen noch bei unter 50 Prozent. Allerdings sind wir sehr weit in unserer Vision, wo wir hinwollen. Nun geht es darum, die Bausteine zu verschränken. Das Scale-up wird dann sehr schnell gehen. Eine Herausforderung ist dabei jedoch unsere breitgefächerte Klientel. Es gibt viele Industrien, in denen die Supply-Chain schon seit Jahren voll digitalisiert ist – da kann sich der Bau noch etwas abschauen. Allerdings: Fast jedes Haus ist ein Einzelstück. Und da beginnt unser Grundproblem – es gibt nichts von der Stange. 

Aber auch bei den massiven Baustoffen wird an Vorfertigung und Automatisierung gearbeitet. Beim Ziegel ist hier – trotz verschiedener Versuche – noch nicht der große Durchbruch gelungen. Wollen Sie dieses Thema künftig forcieren?
Marchner: Dieses Thema steht bei mir ganz klar im Fokus. Auch wenn der Markt hier – auch regional – völlig unterschiedliche Zugänge hat. Letztendlich ist es immer eine kaufmännische Entscheidung. Solange die slowenische Maurerpartie noch günstiger kommt als eine vorgefertigte Ziegelwand, wird es schwierig. Dennoch bin ich überzeugt, dass sich die Vorfertigung à la longue auch in der Ziegelindustrie durchsetzen wird. Allein schon deshalb, weil die integrierte ­Planung und BIM immer mehr Raum einnehmen werden und wir als Hersteller die dazu passenden Systeme liefern müssen. 

Das heißt, es werden vorgefertigte Ziegelwände von ­Wienerberger kommen?
Marchner: Das ist für mich ein ganz klares Ziel. Es gibt seit geraumer Zeit die Zusammenarbeit mit ­Redbloc und der Firma Walzer – diese müssen wir eindeutig noch professionalisieren. Wir sind noch nicht dort, wo ich es mir vorstelle. 

Sprechen wir noch kurz über das Standing des Ziegels als Baustoff. Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?
Marchner: Wenn man so in die Landschaft schaut, hat sich der Ziegel gut gehalten – aber es gibt immer Verbesserungspotenzial. Wir werden auf den verschiedensten Ebenen ansetzen. Erstens den Endkunden und damit auch Projektentwickler und Co von den Vorteilen des Ziegels – vor allem im mehrgeschoßigen Wohnbau – überzeugen. Und parallel dazu auch Architekten und Planern Hilfestellung anbieten. Der Architekturstudent und wahrscheinlich auch der Bau­ingenieur denken bei der Planung zu wenig in Mauerwerk. Hier haben wir Nachholbedarf. Deshalb entwickeln wir gerade gemeinsam mit der TU Graz ein Planungstool für den mehrgeschoßigen Ziegelbau, das Anfang des nächsten Jahres ausgerollt werden soll. 

Ziegel bzw. Massivbau versus Holz ist ein immer wiederkehrender Streitpunkt. Sie waren lange in der Holzbranche tätig – wie stehen Sie dazu?
Marchner: Mein Credo lautet „Alle Werkstoffe ­haben ihre Berechtigung – richtig eingesetzt an der richtigen Stelle“. Aber ein Ziegel ist kein Holz und umgekehrt – es gibt bauphysikalische Eigenschaften und Grenzen, die wir nicht wegdiskutieren können. Gerade in Sachen Nachhaltigkeit und Raumklima kann der Baustoff Ziegel eindeutig punkten. In einer Initiative aller heimischen Ziegelhersteller wurde gerade erst die Broschüre „Mit Ziegeln das Klima schützen“ herausgegeben, die sich an Politik, Presse und Interessenverbände richtet. Darin wollen wir Stellung zum Thema „Klimaschutz“ beziehen und auch einige Fakten bezüglich „Holz vs. Ziegel“ geraderichten. Wienerberger Österreich hat im Bereich Energieverbrauch und CO2-Emissionen bereits sehr viel geschafft. Beispielsweise produzieren wir nur noch mit Strom aus regenerativer Energie. Vor kurzem haben wir zudem Österreichs ersten klimapositiven und TÜV-zertifizierten Ziegel auf den Markt gebracht. 
Grundsätzlich bin ich aber überzeugt, es bedarf einer guten Symbiose der Werkstoffe, um am Ende etwas wirklich Attraktives und Nachhaltiges zu schaffen – in der Gesamtbilanz nehmen wir uns alle nichts. Das bedeutet aber, dass wir uns alle der Nachhaltigkeit verpflichten müssen, um besser zu werden. Und zwar nicht „besser als ...“, sondern in Summe besser.

Autor/in:
Sonja Meßner
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