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Kampf dem Pleitegeier

07.02.2006

Agieren statt reagieren

Österreich schloss 2005 mit einem neuerlichen Pleitenrekord ab. Die Gesamtinsolvenzen stiegen um 11,7 Prozent von 6318 auf 7056. Die geschätzten Insolvenzverbindlichkeiten verringerten sich hingegen um vier Prozent von 2,5 auf 2,4 Milliarden Euro. Häufig tritt Zahlungsunfähigkeit in der Bauwirtschaft auf, gefolgt vom Bereich der unternehmensbezogenen Dienstleistungen. Die Insolvenzstatistik 2005 des Kreditschutzverbandes von 1870 (KSV) soll aber nicht nur zum Jammern Anlass geben, sondern auch dazu dienen, die Faktoren, die zu dieser Insolvenzwelle in Österreich führen, zu analysieren. Zu den absoluten Insolvenztreibern gehören die schwache industrielle Nachfrage, die verhaltenen Konsumausgaben, die gedämpfte Konjunktur, der schwächelnde Export und die hohen steuerlichen Belastungen wie Lohnnebenkosten und dergleichen. War vor rund zehn Jahren noch der Beitritt Österreichs zum Europäischen Wirtschaftsraum die Insolvenzursache Nummer eins, so ist es heute die Globalisierung, die keine Insel der Seeligen mehr kennt, und somit auch vor Österreich nicht Halt macht. Für den KSV ist die Insolvenzwelle ein Ausdruck großer Veränderungen: Hohe Gründerzahlen und gestiegene wirtschaftliche Dynamik lassen auch die Pleiten in die Höhe schnellen. Wo viel gegründet wird, da scheitern auch viele Firmen. Somit ist das Jahr 2005 nicht unbedingt nur als Weltuntergangsphänomen zu deuten, sondern als ein Zeichen großer Erneuerung. Die Zahl der neuen Unternehmen stieg im Jahr 2005 auf 33.600, was auch einen Rekord darstellt. Im Jahr zuvor waren es noch 31.500. Christoph Leitl, Präsident der Wirtschaftskammer, bezeichnet Österreich „als Gründungsweltmeister“. Im Gewerbe und Handwerk gab es mit plus 31,7 Prozent die meisten Gründungen, gefolgt vom Handel mit plus 29,7 Prozent.

Ursache Preisdumping
Hans-Georg Kantner, Insolvenzexperte des KSV, sieht vor allem den Auftraggeber „öffentliche Hand“ für die Misere am Bau verantwortlich. Nach der abgeflachten Konjunktur in den 90er-Jahren und den daraus resultierenden Konkursen wurde eine gewisse Konsolidierung der Branche erwartet, doch diese trat nicht ein. „Warum dies nicht geschah, interpretiere ich so, dass große Auftraggeber wie zum Beispiel die öffentliche Hand beinhart nur bei den billigsten Angeboten zuschlagen“, sagt Kantner. Dies führe, so Kantner weiter, zwar zu mehr Bautätigkeit aber zu einem Preis, bei dem niemand mehr etwas verdienen kann. Nicht nur, dass keine Gewinne mehr erzielt werden. Es wird auch nicht mehr kostendeckend gearbeitet. „Es müssen sich die öffentlichen Auftraggeber einmal an der Nase nehmen, die haben ja auch noch andere Verpflichtungen und andere Dinge wahrzunehmen, als den billigsten Bieter herauszufiltern“, sagt Kantner. Beispielsweise wurde das neue Gebäude der Stadtbibliothek in Wien erst ein Jahr später als geplant übergeben, weil zwei Firmen zusperren mussten. Ein privater Entwickler könnte sich das nicht leisten. Verträge müssen eingehalten werden, sonst drohen hohe Pönalen. Da denkt der Unternehmer nicht in Jahren, sondern in Wochen oder Tagen, um die Einbußen so gering wie möglich zu halten. „Derartige Kollateralschäden kann nur die öffentliche Hand tolerant betrachten“, meint Kantner. Geht eine Firma pleite, bleibt ein Berg von Schulden über. Neben den Dienstnehmern und Lieferanten sind es vor allem die Gebietskrankenkasse und die Finanz, die um ihre Forderungen umfallen. Somit kommen Bund, Land oder Gemeinden zu günstigen Bauten, da die uneinbringlichen Forderungen seitens der Krankenkasse abgeschrieben werden oder der Insolvenzausfallsfonds einspringt. Sprich: ein öffentlicher Rechnungskreis springt für den anderen ein.

Mangelnde Auftraggeberqualität
In der Baubranche spielen aber auch der Eingang der Rechnungen eine gewichtige Rolle. Große Projekte laufen über mehrere Rechnungsperioden, und es ist für den einzelnen Bauunternehmer oft nicht gleich ersichtlich, wie viel er auf einer Baustelle verdient. „Nur eine relativ aufwändige Kostenrechnung würde da Abhilfe schaffen“, sagt Kantner. Weiteres Problem bei den Zahlungseingängen ist die Tatsache, dass am Bau selten eine Rechnung so bezahlt wird, wie sie gelegt wurde. Schlussbesprechungen, Mängelrügen, Abschläge und eingeforderte Mehrleistungen lassen die Rechnung unterm Strich ganz anders aussehen. Das sind die Gründe, warum Baufirmen ihre finanziellen Probleme oft über längere Zeit mit sich schleppen, bis es irgendwann nicht mehr geht. „Mein Appell an die Politik ist, sich zu überlegen, wie ein System geschaffen werden kann, indem Qualitätsarbeit auch adäquat entlohnt werden kann – wir wissen ja heute, dass das Billigste nicht immer das Beste ist“, sagt Kantner.
Am Beispiel der Taxibranche beweist eine Gesetzesänderung die Wirkung auf eine gesamte Branche. Als das Taxigeschäft liberalisiert wurde, strömten viele neue Anbieter auf den Markt, oft mit wenig Ortskenntnissen und nur einem Führerschein ausgestattet. Leasingfirmen finanzierten die Fahrzeuge der neuen Unternehmer, die aber dann auf Grund ihrer Masse am Markt wenig zu tun hatten. Die Preise fielen, und nach einigen Pleitenserien beginnt sich die Branche erst jetzt wieder langsam zu konsolidieren.
Unternehmern, die eine Insolvenz erlebt haben, fällt es nicht leicht, über diese Ereignisse zu sprechen. Kaufmännisch zu scheitern, ist ein Tabuthema, das mit Vertrauensentzug und Ächtung einhergeht. Im Vergleich zu Österreich wird in den USA der Unternehmer, der hinfällt und aufsteht, nicht missachtet, vielmehr derjenige, der am Boden liegen bleibt. Derzeit ist so eine Einstellung in Österreich aber kaum denkbar. Susanne Burggraf, Geschäftsführerin der B & S Bau-Sanierungs GmbH aus Schärding weiß, was es heißt, die Firma aus einem finanziellen Tief wieder hochzubringen – sie führt das Unternehmen nach einem Zwangsausgleich weiter. „Das Um und Auf bei einem Zwangsausgleich ist, dass die Auftragslage passt, sonst hat das Ganze keinen Sinn“, sagt Burggraf. „Auch die Chemie zwischen Masseverwalter und Unternehmer muss passen – das ist eine Glückssache, wen man zugewiesen bekommt.“ Sollen die Gläubiger dem Zwangsausgleich zustimmen, muss auch die gezahlte Quote dementsprechend aussehen. Geht es dann wirklich weiter, was in Österreich eher selten der Fall ist, weil beispielsweise Forderungen seitens der Gebietskrankenkassen oft zur Gänze bezahlt werden müssen, dann stellen sich Schwierigkeiten mit den Lieferanten ein. „Es ist eine harte Sache, großteils muss im Voraus bezahlt werden oder bei Abholung“, sagt Burggraf.
Auch Thomas Klauser von der Feichtinger-Bau GmbH aus Scheiblingkirchen musste hart kämpfen: „Man hat nach dem Ausgleich keine gute Bilanz, und die ist notwendig, um bei der Bank einen Kontokorrent-Kredit zu bekommen, somit muss man permanent Bargeld zur Hand haben – das ist absolut schwierig.“ Um weitermachen zu können, setzte Klauser den Rotstift an: Von sechs Partien wurde auf vier reduziert und Synergien mit dem Generalunternehmer eingegangen, um beispielsweise den Administrationsaufwand zu verkleinern. Neue Geschäftsfelder wurden erschlossen und eine Partnerschaft mit Fensterhersteller Gaulhofer eingegangen. Die Gläubiger haben Klauser gegenüber „fair und kulant“ agiert und rund 80 Prozent davon beliefern das Unternehmen weiter. Finanziell war es auch für den Privatmann Klauser eine harte Zeit: „Als geschäftsführender Gesellschafter habe ich ein ,Häusl’ eingesetzt.“

Neue Wege erkennen
Rechtsanwältin Johanna Abel-Winkler von der Kanzlei Abel & Abel aus Wien war schon oft als Masseverwalterin in der Baubranche tätig, und kennt somit die andere Seite eines Insolvenzverfahrens genau. Die Fortführung eines Unternehmens ist laut Abel-Winkler eine Seltenheit. Zum einen, weil die Firmeninhaber den Ernst der Lage nicht wahrhaben wollen: „Es wird dann nicht mehr erkannt, wo die Grenze ist, ob nun 300.000 oder 500.000 Euro an Schulden da sind, ist oft schon egal, und die Unternehmer glauben, es geht schon irgendwie“, sagt Abel-Winkler. Erschwerend kommt hinzu, wenn die Bauarbeiter-Urlaubs- und Abfertigungskasse oder die Gebietskrankenkasse den Konkursantrag stellt: „Die sind auch bei einer Sanierung gnadenlos und stimmen immer gegen Ausgleich und Zwangsausgleich.“
Bevor es aber zu einem Konkurs kommt, gibt es noch die Möglichkeit, sich außergerichtlich zu einigen. Warum dies eher selten der Fall ist, erklärt Rechtsanwalt Robert Leuthner von der Wiener Kanzlei Haarmann Hügel damit, dass das österreichische Insolvenzrecht sehr auf die Zerschlagung des Unternehmens abzielt. Anders in den USA, wo ein Insolvenzverfahren nach „Chapter 11“ darauf abzielt, das Unternehmen weiterzuführen. Ein Verfahren nach „Chapter 11“ führt somit zu einer beaufsichtigten Insolvenz.
In Österreich wollte man Ende der 90er-Jahre mit dem Unternehmens-Reorganisationsgesetz die Zerschlagungslastigkeit des österreichischen Gesetzes etwas in Richtung „Chapter 11“ bewegen. Wenn die Eigenkapitalquote unter acht Prozent fällt und die fiktive Schuldentilgungsdauer 15 Jahre übersteigt, sollen Firmen unter ein Reorganisationsverfahren gestellt werden. Tut der Unternehmer das nicht, wird er mit Haftung bedroht. „Dies führte dazu, dass das Unternehmens-Reorganisationsgesetz eine Totgeburt war“, sagt Leuthner. Seit Bestehen dieses neuen Gesetzes gab es in Österreich zwei Reorganisationen. Der Antrag zur Reorganisation wird zwar nicht öffentlich gestellt, aber bei Gericht eingebracht. „Die meisten Manager riskieren da lieber noch ein wenig und gehen aufs Ganze“, sagt Leuthner.
Thomas Meickl
ist Redakteur beim „Wirtschaftsblatt”

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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