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Kapital durch Personal

21.05.2010

Jörn Wisser gibt auch als Geschäftsführer der Alpine Bau seine Leidenschaft für Mathematik und Physik nicht auf. Im Tagesgeschäft ist er jedoch ganz Baumensch, der mit viel Praxiswissen unkapriziös managt.

Das Alpine-Haus im 23. Bezirk in Wien repräsentiert den Baukonzern – offen und freundlich. Auch der Aufzug erlaubt die Selbstwahl des Stockwerks, kein Flair von Hochsicherheit wie in so manch anderen Gebäuden von großen Baukonzernen. Jörn Wissers Büro – nachdem man sein „Vorzimmer“ passiert, lädt zum Verweilen ein. Der Schreibtisch sieht nach Arbeit mit ein bisschen geordnetem Chaos aus – „soll ich noch schnell aufräumen?“, lacht Wisser angesichts des Fotografen. Nein, lieber nicht, wir wollen ein authentisches Bild von Wisser. Eifrig, ehrgeizig und fleißig, aber sicher nicht gestresst, wirkt der mittlerweile zum Geschäftsführer berufene Jörn Wisser. Beim Vater, der ein Bauingenieur mit eigenem Ziviltechnikerbüro führte, lernte der junge Wisser den Bau rasch kennen. Ursprünglich jedoch keineswegs an der Bauwirtschaft interessiert, wollte Wisser etwas mit Mathematik, Physik mit Schwerpunkt Atomphysik studieren. „Doch“, so lacht Frohnatur Wisser, „bald entdeckte ich, dass mir diese Sparte viel zu theoretisch ist.“

Analytisches Denken
Der analytisch begabte Maturant entschied sich dann doch für Bauingenieurwesen an der TU Wien. Es gab keine Erwartungshaltung der Eltern. Wisser lernte als Praktikant beim Vater den Umgang mit Kurbelmaschine (die erste Rechenmaschine). „Ehrgeizig bin ich schon, aber irgendwie lief auch alles glatt“, so Wisser – der mit 23 bereits fertiger Diplomingenieur an der TU Wien war. Als Universitätsassistent am Betonbauinstitut absolvierte er mit 27 Jahren sein Doktorat. Die Habilitation wurde ihm nahegelegt – aber das war Wisser bereits wieder zu theoretisch. Es drängte ihn auf den Bau. Sein Eintritt bei der Universale Bau begann im Bereich Kalkulation, doch bald schon schaffte er es in die Bauleitung. Wisser wollte weiter: „Nach über einem Jahr als Nachwuchsbauleiter ermunterte mich der Vorstand zum ersten ‚Freiflug‘ – ich sollte beweisen, dass ich selbstständig arbeiten kann und musste nach Kärnten.“

Das erste Projekt, Bauleitung für ein Krankenhaus in Villach, lief gut. Wisser durfte Erfahrungen im Straßenbau und Brückenbau machen. 1985 absolvierte Wisser die Ziviltechnikerprüfung – als zweites Standbein. „Mein damaliger Chef hatte gemeint, dass ich dann auch Gutachten machen könnte.“ Das Büro vom Vater zu übernehmen war jedoch kein Thema.

Erste Verantwortung
Als Hauptniederlassungsleiter der Universale Bau im Süden Österreichs hatte er nur zwei Pendants – die Hauptniederlassungen im Osten und im Westen. Dann folgte die Übernahme durch die Alpine. „Die Alpine ist sehr schnell gewachsen, da fehlte es an einigen Strukturen“, erklärt Wisser. Tempo mithalten zu können war jedoch nie sein Problem – eher umgekehrt, dass seine Mitarbeiter mitkamen. Und schon fand Wisser einen neuen Arbeitsbereich, er gründete die Abteilung Baubetriebswirtschaft mit den Bereichen Qualitätsmanagement, Arbeitssicherheit, Claimmanagement, Controlling, Personalentwicklung. Das waren teilweise völlig neue Bereiche in der Alpine – Neuland aber auch für den 46-jährigen Bauingenieur. Bereits bei seiner Zeit in der Universale interessierte sich Wisser für die Themen Personal und Personalentwicklung. Parallel dazu wurde ein Qualitätsmanagement in der Universale eingeführt, da passierte bereits der Positionswechsel vom Operativen ins Management als Geschäftsführer. Informationstechnologie, Projektcontrolling von der technischen Seite her, Claimmanagement, Nachforderungen, Qualitätsmanagement, Arbeitssicherheit, Organisationsentwicklung und Personal sind die Stichworte seines derzeitigen Arbeitsumfangs.

Leidenschaft Wissenschaft
Wisser führte das Recruiting ein und führte den Bereich mit der Personalentwicklung zusammen und übernahm die Personaladministration – heute verantwortet er die beiden Abteilungen unter jeweils getrennter Führung.
Trotz seiner steilen Karriere riss der Kontakt zu den Universitäten nie ab. „Die Universität Innsbruck lud mich zur Bewerbung für eine Professorenstelle ein. Am Tag, nachdem ich meine Bewerbung abgegeben habe, kaufte die FCC die Alpine. Ich war unschlüssig und hatte in Innsbruck gute Chancen. Doch Dietmar Aluta-Oltyan bat mich in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender bei der Alpine zu bleiben und stellte mir eine Geschäftsführerposition in Aussicht“, schmunzelt Wisser. – Ganz ohne Aufwand, so rasch in die oberste Führungsetage?
„Ich bin ehrgeizig, aber ich hatte auch viel Glück und einiges ergab sich gut“, lacht der im Sternzeichen Fisch geborene Perfektionist. „Ich bin ein unruhiger Charakter. In einer Position zu verharren, das interessierte mich nie. Grundsätzlich war ich so alle fünf bis sechs Jahre wieder am Schauen, welche Herausforderung es für mich gibt.“ 27 Jahre ist Wisser inzwischen im mehr oder weniger gleichen Konzern.

Bagger kann man einfach kaufen
Mitarbeiter zu rekrutieren und weiterzubilden ist in Wissers Job ebenso wichtig wie das Schaffen von einheitlichen Organisationsstrukturen und Abläufen. Auch die zunehmende Internationalisierung (z. B. Schulungsprogramme in verschiedenen Sprachen) ist von großer Bedeutung. „Wir schaffen dadurch eine der Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Erfolg und weiteres Wachstum. Die Mitarbeiter sind für mich der eigentliche Wert eines Unternehmens. Das klingt vielleicht abgedroschen, aber ich bin davon überzeugt. Einen Kran oder einen Bagger kann ich jederzeit kaufen – einen guten Mitarbeiter nicht. Vor allem gehört auch dazu, diesen bei der Firma zu halten und zu begeistern, da muss sehr viel mehr stimmen als nur Tanken und Schmieren – wie beim Baugerätefuhrpark.“ Das bedeutet, er ist auch in puncto Softfacts ganz Profi – mit welchem Erfolgsrezept? „Erklären und reden! Ich bin davon überzeugt, dass man als Führungskraft sein Ziel immer erklären muss, nicht einfach nur anordnen. Die Mitarbeiter müssen die Richtung, in die ich gehen möchte, kennen und verstehen. Nur dann werde ich sie begeistern können.“ Der Alpine-Konzern hat rund 16.000 Mitarbeiter. Wisser lacht: „Klar, alle begeistern zu können, wird schwer möglich sein. Aber mein Ziel ist, ein guter Arbeitgeber zu sein – ich will, dass meine Mitarbeiter gern in die Arbeit gehen.“
Wissen ist Macht, und die Kompetenz der Mitarbeiter der Erfolgsgarant für das Unternehmen – ist sich Wisser sicher. 2010 investiert die Alpine mehr als zwei Millionen Euro in die Aus- und Weiterbildung ihrer Mitarbeiter. Eine Lehrlingsoffensive bietet zusätzliche Ausbildungsplätze. „In Zeiten des Kostendrucks und der allgemeinen Budgetknappheit legen wir mit unserem Bildungsbudget ein eindrucksvolles Zeugnis für die Wichtigkeit der Qualifizierung der Mitarbeiter ab“, erklärt Wisser. Bis dato absolvierten rund 3.500 Mitarbeiter hausinterne Schulungen. Besonders begehrt sind dabei Lehrgänge für Techniker und Bauleiter.
Mit rund 200 Lehrlingen ist die Alpine einer der größten Ausbildungsbetriebe Österreichs. Heuer werden noch rund 100 Maurer-, Tiefbauer- und Schalungsbau-Lehrlinge gesucht.

Ständig weiterentwickeln
Rückblick und Ausblick – wie hat sich die Bauwirtschaft verändert? „Generell gibt es eine Verrechtlichung am Bau, aber auch eine Beschleunigung des Bauens, eine unglaubliche Produktivitätssteigerung. Wenn wir vor 20 Jahren so produktiv gearbeitet hätten wie heute, hätten wir uns goldene Nasen verdient. Umgekehrt hat man sich früher mehr Zeit genommen, auch für ein persönliches Gespräch mit den Bauherren. Manchmal geht es wirklich nur noch um die Auslegung des Vertrages, jedes Wort wird zweifach interpretiert. Durch den bürokratischen Aufwand rückt das eigentliche Ziel, ein ordentliches Bauwerk zu schaffen, manchmal dann ein bisschen in den Hintergrund.“ Wisser plädiert für einen gewissen Freiraum der Vernunft, einen pragmatischen Zugang zu unvorhersehbaren Situationen und weg vom sturen Paragrafenreiten.
Neben seinem Job als Geschäftsführer engagiert sich Wisser auch in der Bundesinnung Bau und bei der Vibö, der Interessenvertretung der Bauindustrie. In der Geschäftsstelle Bau arbeitet er im Berufsbildungsausschuss mit. Eine Chance, in der Standesvertretung mitgestalten zu können? „Auf alle Fälle. Aber mein Engagement ist auch im Interesse des Unternehmens und der Auftragnehmer.“
Wie sehen Sie das Berufsbild des Baugewerbes? „In der Struktur der Bauwirtschaft hat sich in den vergangenen 20 Jahren sehr viel verändert. Es hat einen großen Konsolidierungsprozess gegeben. Früher gab es in den Bundesländern etliche mittelgroße Baumeisterbetriebe, die in der Lage waren, mit den (damals noch kleineren) Filialbetrieben der großen Bauunternehmungen mitzuhalten. Mittlerweile sind die Großen weniger geworden. Die verbliebenen unterhalten größere Niederlassungen als früher. Dadurch sind etliche der damals mittelgroßen Baumeisterbetriebe verschwunden oder haben sich auf Nischengeschäfte spezialisiert.“

Eine Marathonkarriere
Bei dem Tempo, mit dem Wisser die Karriereleiter hochkletterte – gab es da noch Zeit fürs Private? „Ja, ich hab drei Söhne innerhalb von drei Jahren bekommen. Heute lebe ich mit meiner Jugendliebe zusammen, und wir haben eine wunderschöne Beziehung.“ Mit den Kindern und seiner Frau lebte Wisser 15 Jahre in Klagenfurt. Nach seinem Wechsel nach Wien gab die Familie das Refugium in Kärnten auf. In seiner Freizeit liebt Wisser Wandern, Bergsteigen, Schwimmen, Radfahren, Laufen, Triathlon. Gefragt nach seinen Schwächen outet sich Wisser als Smalltalk-Muffel: „Ich mag keine Cocktails und Events mit leeren Gesprächen.“ Dennoch, Netzwerken gehört dazu – und das macht Wisser auch – dort, wo es notwendig ist.
Welche Eigenschaft er an sich nicht ausstehen kann? „Vielleicht meine zeitweilige Ungeduld. Ich merke, dass ich manchmal zu schnell bin, dass ich in meinen Gedanken schon viel weiter als mein Gegenüber bin, das stößt dann auf Unverständnis oder auf Kommunikationsschwierigkeiten.“
Was war der größte Erfolg? „Ich kenne diese Frage aus dem Recruiting, da muss man beim Beantworten vorsichtig sein“, schmunzelt Wisser. „Der größte Erfolg ist, dass ich über Jahre hinweg in meinem Bereich eine Struktur geschaffen habe.“
Ihr Zukunftswunsch? „Ich wünsche mir, dass meine Beziehung so schön bleibt. Beruflich habe ich immer Dekaden vor mir gehabt, und im Wesentlichen ist alles auch so eingetreten: zwischen 15 und 25 Ausbildung, zwischen 25 und 35 Familiengründung, zwischen 35 und 45 Karriere, zwischen 45 und 55 beruflich gefestigt – und alles danach konnte ich mir gar nicht vorstellen. Aber gar nicht arbeiten – nein, dazu arbeite ich viel zu gern.“
Sprach es und verabschiedete sich – um uns am Ende unseres Gesprächs doch noch ein Geheimnis zu verraten: Er ist einer der wenigen Menschen, die nicht von der einsamen Insel träumen – er scheint rundum zufrieden und genießt immer wieder sein Feuerwerk an Ideen und die Vielfalt an Herausforderungen.

Gisela Gary

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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