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Klauen, was das Zeug hält

21.11.2003

Wirtschaftskriminalität wird unterschätzt oder aus Angst vor unpopulären Maßnahmen ignoriert. Jährlich entsteht der österreichischen Wirtschaft ein Schaden in Milliardenhöhe.

„Die waren sehr gefährlich“, resümiert ein Ermittler der Comsec über einen seiner aufgedeckten Fälle. Eine Hand voll Albaner hatten die Detektive der international tätigen Gesellschaft für Wirtschaftskriminalitätsermittlung in Empfang genommen. Die dunkelhäutigen Männer hielten jeweils eine Hand in der Jackentasche. Das Ganze schien außer Kontrolle zu geraten, als einer der Verdächtigen versuchte, eine Waffe zu ziehen, was ihm nicht gelang. Über den Fortgang der Geschichte schweigt sich der Diebesjäger aus, wie die meisten seiner Kollegen über ihre filmreifen Erlebnisse.
Dabei sind solche Ereignisse kein Einzelfall im Arbeitsalltag von Wirtschaftsermittlungsagenturen. Anstelle von Zuhältern oder Ehebetrügern jagen Wirtschaftsermittler vielfach Hehlerbanden und deren Hintermänner, manchmal um die ganze Welt. „Unsere Leute müssen permanent konzentriert sein“, erzählt der Geschäftsführer der Comsec. „Wir haben es täglich mit dem Abschaum der Gesellschaft zu tun, daher dürfen wir keine Fehler machen.“ Ein Fehler wäre beispielsweise, wenn der Name oder ein Foto eines Ermittlers in die Öffentlichkeit geriete. Die Risiken, einen verbrannten Mitarbeiter weiter einzusetzen, wären nicht mehr abzuschätzen. Ermittler erfolgreicher Agenturen rangieren auf der Hass-Liste dutzender, europäischer Hehlerbanden im oberen Drittel. Viele dieser Kriminellen treiben ihr Unwesen über ihre Landesgrenzen hinweg. Die Comsec ermittelt gegen Russen, Polen genauso wie gegen Albaner und Chinesen. Oft handelt es sich um Kleinkriminelle und deren Organisationen. Egal ob in Österreich, Holland, der Schweiz oder Deutschland. Die Strukturen dieser Wirtschaftsstraftaten, so berichten Experten, laufen in den meisten Ländern Europas nach ähnlichen Mustern ab. Einige Verbrecher lassen sich über Zeitarbeitsfirmen in ein Unternehmen einschleusen, um dort ihr Unwesen zu treiben. Andere Gauner kaufen günstig Ware von Angestellten, um sie Gewinn bringend weiter zu vertreiben. Im ungünstigsten Fall entwickeln sich ganze Hehlerringe außerhalb eines Industrie- oder Großhandelsbetrieb. Allein 80 Prozent der gestohlenen Baustoffware aus europäischen Industrienationen landet meist auf Flohmärkten oder taucht in Anzeigenblättern und im Internet wieder auf. Die Comsec-Ermittler beobachten wöchentlich knapp 700 solcher Angebote. Kommt es zu wiederholten Auffälligkeiten, werden den Verdächtigen konspirative Geschäfte angeboten.

Am häufigsten stehlen Mitarbeiter
Der Portugiese Gomes hat solche unnachgiebigen Ermittlungsmethoden bereits zu spüren bekommen. „Das war nicht immer ich allein im letzten halben Jahr“, stammelte der 30-jährige nach seiner Überführung. Dem Gas- und Wasserinstallateur verrutschte bei seinen Rechtfertigungen vor lauter Angst um seine Zukunft immer wieder die Stimme, sodass er vereinzelte Wörter neu ansetzten musste. Drei Monate verfolgten die Comsec-Schnüffler die Inserate von Gomes, bis der Dieb einem vorgetäuschten Kauf auf den Leim ging. In seiner privaten Garage entdeckten die beauftragten Ermittler Warmwassergeräte und Armaturen im Wert von 7.500 Euro.
In einem anderen Fall wurde bei einem Einkäufer eines Baustoffgroßhändlers nach mehreren Monaten der Ermittlung gestohlene Ware im Wert von 80.000 Euro sichergestellt. Aufgefallen war der Dieb durch seinen luxuriösen Lebenswandel, den er mit mehreren Autos der Mittel- und Oberklasse offen zur Schau stellte. Der langjährige Mitarbeiter stillte seinen Diebeshunger zusammen mit einem Handwerker regelmäßig während der Nacht in einem angeschlossenen Niederlassungslager. Als die Ermittler dem Betrüger einen konspirativen Kauf vortäuschten, flog die ganze Bande auf.
Die Dreistigkeit solcher Diebe kennt kaum Grenzen. Da wird Ware verkauft, ohne Rechnungen auszustellen, Kundenrabatte manipuliert oder Sonderzahlungen für Angestellte fingiert. Die freigesetzten Geldbeträge fließen in die eigene Tasche. Auch sind Fälle bekannt, bei denen Mitarbeiter unbeschädigte Neuware als defekte Ware kennzeichnen. Anschließend werden die Artikel in der EDV ausgebucht und verschwinden auf nie mehr wiedersehen.
Laut den jüngsten Studien der Unternehmensberatung Pricewaterhouse (PWC) entstehen weltweit den Unternehmen ein durchschnittlicher Schaden in Höhe von 2 Mio. Euro. Die österreichische Wirtschaft, so die Erfahrungen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, verliert auf Grund von Wirtschaftskriminalität jährlich 1,2 Mrd. Euro. Der durchschnittliche Schaden für Unternehmer hierzu Lande mit mehr als 1000 Mitarbeitern summiert sich jedes Jahr auf 500.000 Euro. Nach den Erkenntnissen von Dr. M. Burger von der internationalen Handelskammer ICC Austria entsteht der österreichischen Wirtschaft durch kriminelle Machenschaften jährlich sogar ein Schaden von bis zu 15 Mrd. Euro. Und dabei ist die Dunkelziffer noch nicht berücksichtigt. Als Vergleich dazu wurde dem deutschen Unternehmertum, laut dem Kreditversicherer Euler-Hermes, durch Diebstahl, Veruntreuung, Bestechung, Betrug und Cybercrime in den letzten drei Jahren 23,2 Mrd. Euro aus dem Geldbeutel gezogen. Die internationale Wirtschaftskriminalität wachse, so Burger, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, zu einem der profitabelsten und alle Systeme unterwandernden Wirtschaftszweig heran.
Es gibt Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass die Wirtschaft in Ländern wie Österreich oder Deutschland um 4 Prozent wachsen könnte, wenn allein die Zahlung von Schmiergeldern ausgemerzt würde. Dabei erleiden die Austria-Unternehmer genau wie in ihren Nachbarländern den größten Verlust durch Diebstahl und Veruntreuung. 74 Prozent der durch KPMG befragten Unternehmer gaben an, bestohlen zu werden. Österreichische Angestellte klauen, was das Zeug hält. 65 Prozent aller Straftaten mit Schäden über 10.000 Euro, so die KPMG-Erkenntnisse, gehen auf das Skonto eigener Mitarbeiter. Die Täterprofile reichen vom einfachen Lagerarbeiter bis zum Vorstandsmitglied. Die Höhe des Schadensanteils, verursacht durch Führungskräfte, beläuft sich in der Alpenrepublik auf 48 Prozent.
Vor allem die Konsumgüterbranche leidet unter der Moralschwäche ihrer Arbeitnehmer. „Überall da, wo Begehrlichkeiten geweckt werden und die Ware offen ausliegt“, erklärt ein ehemaliger Hauptkommissar, „besteht erhöhte Gefahr.“ Der pensionierte Polizist weiß von Vorfällen, bei denen Mitarbeiter von Lebensmittelgroßhändlern palettenweise Lebensmittel, Spirituosen oder Tabakwaren entwendet haben. In deren Privatgemächern wurden bei der Aufdeckung Vorräte entdeckt, mit denen mehrere Kioske hätten versorgt werden können.

Nährboden für Wirtschaftskriminalität
„Nach unseren Erfahrungen“, erklärt ein Wirtschaftskriminalitätsexperte, „verdrängen viele Unternehmen diese Probleme.“ Die Angst vor unpopulären Maßnahmen im eigenen Geschäft und etwaige nicht abzuschätzende Kosten, so der erfahrene Berater, sei ein Grund dafür, dass Unternehmen erforderliche Präventivmaßnahmen scheuen. Anstatt Inventurdifferenzen nachzugehen, würden die fehlenden Bestände einfach ausgebucht. Ein idealer Nährboden für Wirtschaftskriminalität. Aus einem Kleindieb, der sich zu Beginn seiner kriminellen Karriere lediglich mit ein paar Batterien oder Stiften aus dem Lagerregal versorgt, wird so schnell ein Betrüger, der regelmäßig Hehlerbanden mit wertvoller Ware versorgt. Oft sind die Schadenssummen nicht mehr nachvollziehbar, da die Diebe über viele Jahre ihren Hunger im Betrieb gestillt haben. „Ich habe schon Fälle erlebt“, so ein Comsec-Ermittler, „bei denen ein Unternehmen innerhalb kurzer Zeit so bestohlen wurde, dass der Inhaber anschließend Insolvenz anmelden musste.“

Wie wenig sich die Wirtschaft in einigen europäischen Ländern mit Wirtschaftskriminalität auseinander setzt, ist angesichts der Fakten unbegreiflich. Es scheint, dass selbst so große Wirtschaftsverbände in Deutschland wie der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), der Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA) oder der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) dieses unpopuläre Thema stiefmütterlich behandeln. „Es ist nicht so, als wenn hier jeden Tag das Telefon klingelt“, stammelt es aus dem einen Verband. „Ich vermute, dazu können wir nicht viel sagen“, heißt es aus dem anderen Verband. Und der ZDH ist sogar der Auffassung: „Es gibt wichtigere Themen derzeit, als Wirtschaftskriminalität.“ In Österreich hingegen, so Burger vom ICC, nehme man dieses Problem sehr ernst. „Wir arbeiten“, so der Experte für internationale Wirtschaftskriminalität, „in einem Netzwerk mit Unternehmen und Detektiven zusammen.“ Weltweit würden jedoch gerade einmal 10% aller Fälle angegangen. Die restlichen 90% liegen unerkannt in der Dunkelheit.

Nur 44 Prozent erstatten Strafanzeige
Ermittlungsgesellschaften wie die Comsec haben solche Missstände längst als unternehmerische Chance erkannt. Die Gaunerjäger schützen ihre Kunden mit einem 24-Stunden-Präventivset. Über eine Hotline, juristische Beratung oder über den Comsec-Internetzugang finden Hilfe suchende Unternehmer Beistand. Auf Wunsch fahren die Fahnder raus und analysieren das Problem vor Ort. Besteht ein dringender Tatverdacht, beginnen die verdeckten Ermittlungen sofort. „Wenn ein Täter über unsere Möglichkeiten Bescheid wüsste“, warnt der Geschäftsführer der Comsec, „würde der keine Schraube im Lager mehr anfassen.“

Die Polizei beobachtet die Arbeit solcher Gesellschaften zwiespältig. Zwar beschäftigen Ermittlungsagenturen, so wie die Comsec, häufig pensionierte Oberstaatsanwälte oder ehemalige Hauptkommissare als Berater. Lieber wäre es der ausführenden Staatsgewalt allerdings, selber die Nase an die Täter zu bekommen. Vor allem kleinere Diebstähle wickeln die geschädigten Unternehmer am Liebsten ohne Öffentlichkeit ab, um sich die Aussicht auf eine Schadensrückversicherung zu erhalten. Außerdem fürchten viele Betriebe einen Imageverlust, wenn ihr Geschäft mit Diebstahl in Verbindung gebracht wird. Laut der KPMG-Studie haben nur 44% der bestohlenen, österreichischen Unternehmer Strafanzeige erstattet. In den meisten Fällen treffen die Beteiligten eine stille Übereinkunft. Wenn diese Straftäter in der Kartei des Bundesministeriums für Inneres (BMI) auftauchen, haben die meist eine langjährige kriminelle Laufbahn in vielen Unternehmen durchlaufen.

Hinzu kommt, dass die Methoden, Ware aus einem Unternehmen zu entfernen, vielseitig sind. Verbrecher in der Wirtschaft glänzen durch Kreativität. Gesellschaften wie die Comsec recherchieren und analysieren daher regelmäßig die Psychologie und die Praktiken der Wirtschaftskriminellen. Insbesondere im Belegwesen und im Warenwirtschaftssystem sind die Detektive auf neue Betätigungsfelder vermeintlicher Diebe gestoßen. Auch Cybercrime, so besagt die PWC-Studie, wird weltweit von den meisten Unternehmern unterschätzt. In all diesen Bereichen gaunern meist langjährige Vertrauenspersonen mit Zugang zu den intimsten Daten. Über die Motive für deren ausgeblendete Moral mutmaßen die Experten. Die Hauptgründe jedoch für den diebischen Werteverfall in Europa sehen Kriminalbeamte und Berater gleichermaßen in der steigenden Arbeitslosigkeit, den sinkenden Realeinkommen und den hinreichend animierenden Korruptionsbeispielen, begangen durch Topmanager. Wer wagt es schon, sich als Moralapostel aufzuspielen, wenn sich Vorstandsmitglieder und Aufsichtsratsvorsitzende Millionenbeträge für Zustimmungszahlungen, Anerkennungsprämien und Festpensionen zukommen lassen, so wie im deutschen Mannesmannkonzern geschehen. Auch sei es mittlerweile ein Kavaliersdelikt, so erzählt ein österreichischer Solarhersteller, wenn Unternehmer ihre eigene Insolvenz bewusst herbeiführen. Die vom Schaden betroffenen Zulieferer bleiben anschließend auf ihren offenen Rechnungen sitzen.
Kein Wunder also, wenn so manch ein Albaner, Chinese, Pole oder Russe aus fehlendem Unrechtsbewusstsein eine Waffe zieht, wenn eine Ermittlungsgesellschaft ihm auf die Schliche kommt.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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