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Klimapolitik auf dem Prüfstand

18.12.2009

Die Hoffnungen, dass es beim Klimagipfel zu einem Kioto-Folgevertrag kommt, wurden bereits im Vorfeld als unrealistisch zerstört. Die Stein- und keramische Industrie lässt mit unkonventionellen Lösungen aufhorchen

Baustoffe aus Österreich – heute selbstverständlich, bald ein heiß umstrittenes existenzbedrohendes Thema: Wenn die finanziellen Belastungen aufgrund von Umweltauflagen für die Zementindustrie weiter steigen, droht ein Aus für heimische Baustoffe, so sind sich Klimaschutzexperten wie auch die Rohstoff- und Stein- und keramische Industrie einig. Bei dem Symposium „Baustoffe aus Österreich – eine Symbiose von Standort und Klimapolitik“ sorgte vor allem Stefan Schleicher, Wegener-Zentrum Klima und globaler Wandel, Universität Graz, für hitzige Diskussionen. Seine These: „Kopenhagen wird nicht mehr als eine Vielzahl an Absichtserklärungen bringen. Tatsache ist, wir müssen unseren Verkehr reduzieren wie auch den Stromverbrauch.“ Schleicher betonte die Rolle der USA in dem aktuellen Prozess des Ringens um einen Kioto-Folgevertrag: „Obama wird erst zustimmen, wenn er sich innenpolitisch abgesichert hat. Dennoch: Die EU hat ihre Führungsrolle in puncto Klimapolitik längst an die USA abgegeben.“ Schleicher wies darauf hin, dass das Kiotoprotokoll ohne Russland nicht zustande hätte kommen können. „Kioto neu wird den Schwerpunkt auf nationale Verpflichtungen legen, davon bin ich überzeugt – es ist auch leichter, auf einzelne Sektoren Ziele festzulegen als über ein gesamtes Land“, erklärt Schleicher. (Zur Zeit des Redaktionsschlusses war noch keine Einigung in Kopenhagen in Sicht – die Gespräche und Diskussionen waren noch am Laufen.)
China ist zurzeit weltweit der größte Zementhersteller mit einem gewaltigen Exportvolumen in die USA. Der Emissionshandel wird eine neue Bedeutung erhalten – dabei ist für Schleicher der Stellenwert der USA bedeutend. „Die Preise werden weiter zurückgehen, eine zentrale Aufgabe der EU wird sein, langfristig stabilisierende Instrumente einzubauen“, erklärt Schleicher. Bis zum Jahr 2050 ist eine Reduktion der Emissionen von 80 bis 95 Prozent das Ziel. Großes Potenzial sieht Schleicher im Gebäudebereich: „15 Prozent der Energie verlieren wir durch Transporte etc., 21 Prozent im Niedertemperaturbereich, 28 Prozent durch die Mobilität. Die Häuser müssen sich in Zukunft selbst versorgen bzw. zu kleinen Kraftwerken werden, und die Mobilität muss drastisch reduziert werden.“ Dabei appelliert Schleicher an die Bauwirtschaft: „Bauen beeinflusst die Mobilität.“

Verbindliches Ziel
Manfred Asamer, Fachverbandsobmann Steine-Keramik, betont die bedeutende Rolle der rohstoffproduzierenden Industrie, welche eine gewaltige Anzahl an österreichischen Arbeitsplätzen sichert: „Doch die Frage für uns ist, ob es 2020 noch Baustoffe aus heimischen Standorten geben wird. Wie auch immer die Ergebnisse der internationalen Klimakonferenz in Kopenhagen lauten werden – die europäische Industrie braucht dringend ein verbindliches Klimaziel.“
Alfred Strigl, plenum GmbH und Verfasser des Analyseberichts zu den Österreichischen Zementstandorten als Impulsgeber für die Regionen, führte schonungslos die Konsequenzen vor, welche drohen, wenn es die heimische Zementindustrie nicht mehr gibt und Zement von anderen Quellen zugekauft wird: „Pro einem Euro Investment hätten wir ein Minus von 1,7 Euro Umsatz. Die Zementindustrie löst jedoch einen beträchtlichen Umsatz in anderen Branchen aus – wie z. B. in der Sachgütererzeugung, Energie- und Wasserversorgung, Immobilien- und Baubranche. Dazu kommt: Ein Beschäftigter in der österreichischen Zementindustrie beschäftigt vier weitere in anderen Branchen.“

Mit vereinten Kräften
Christoph Leitl, Präsident der Wirtschaftskammer Österreich, warnt davor, dass das Nichterreichen der Kioto- oder auch Folgeziele Österreich teuer zu stehen kommen wird: „Versäumnisse in der Klimapolitik können uns ab 2012 eine Milliarde Euro kosten! Doch wir haben reichlich Einsparungspotenzial – vor allem bei den zu sanierenden Wohneinheiten.“ Leitl versprach in der anschließenden Diskussion, sich für die Bauwirtschaft einzusetzen, er forciert die Handwerkerprämie, die Inves­titionsprämie wie auch den Wegfall der Kredit- und Eintragungsgebühr. Hans-Jörg Glinz, Fachverband Steine-Keramik, Arbeitskreis Energieintensive Unternehmen, erläuterte zum Abschluss: „Im internationalen Vergleich wird in Öster­reich Kalk mit dem niedrigsten CO2-Ausstoß produziert. Auch bei der Zementproduktion liegen wir mit den Emissionswerten weit hinter China und den USA.“

(Gisela Gary, Die Bauzeitung)

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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