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KMU: Versagen und gelegt werden

05.04.2004

Österreich rangiert auf einem Spitzenplatz innerhalb der europäischen Pleiteliga. Als besonders betroffen gilt wie in den meisten Nachbarländern die Baubranche.

Die Methoden, mit denen kleine und mittlere Unternehmen in Europa in den Konkurs getrieben werden, nehmen immer rücksichtsloserer Ausmaße an.
Der Unternehmensberater Ernst Nömayr beschreibt die wirtschaftliche Verfassung des österreichischen Handwerks als extrem angespannt. Der Tiroler weiß von Fällen, bei denen ein Handwerker vier Jahre lang seine Meisterstunde für 20 Euro verkauft hat. „Die haben gar nicht gemerkt“, plaudert Nömayr aus dem Handwerkskästchen, „dass die schon lange Pleite waren. Das musste ich denen erst sagen.“ In einem anderen Fall, erzählt Nömayr, hätte ein Handwerksbetrieb 2000 Stunden für einen Auftrag kalkuliert, für den am Ende 5000 Stunden erforderlich waren. Ob falsche Montagepreise, schlechte Produktivität der eingesetzten Monteure oder fehlendes Controlling, die Nömayr-Mängelliste, mit der er seine Kundschaft beschreibt, ist lang. Der erfahrene ISO SCC Auditor beobachtet mit Sorge den Verdrängungswettbewerb im österreichischen Handwerk.

5.643 Pleiten in Österreich
Auch der österreichische Kreditschutzverband KSV schlägt in die gleiche Kerbe. Nach Einschätzung des Wiener Vereins sind 80 Prozent aller Insolvenzen in Österreich auf Fehler im eigenen Betrieb, Fahrlässigkeit und Kapitalmangel zurückzuführen. Zwar belegt die Alpenrepublik mit 5.643 Pleiten im letzten Jahr einen der unteren Ränge im europäischen Vergleich. Bezogen auf die Anzahl der aktiven Firmen jedoch rangiert Österreich hinter der Schweiz und Spanien auf einem traurigen Spitzenplatz. Um 6,9 Prozent haben die Insolvenzen Made in Austria seit 2002 zugenommen. Der wirtschaftliche Schaden beträgt, laut KSV, 1,6 Mrd. Euro pro Arbeitsstunde.

Auf Baustellen ist das Sterben am schlimmsten
Doch egal ob Finnland, Spanien, Deutschland oder Österreich – die Gesamtstatistik der in Konkurs gegangenen europäischen Firmen verläuft Besorgnis erregend. 241.000 Unternehmen verspeiste in 2001 der EU-Pleitegeier, 21,7 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Als besonders betroffen, darüber sind sich die meisten Experten einig, gilt nach wie vor die Baubranche. Auch wenn dieser Sektor mit 13 Prozent Unternehmensbestand nur eine vergleichsweise kleine Geige im europäischen Firmenorchester spielt. Ein Fünftel aller Pleiten finden auf europäischen Baustellen statt. In der Summe, so berichtet die deutsche Creditreform, sei das Sterben hier am schlimmsten. Allerdings beruhen die vielen Pleiten der letzten Jahre nicht allein auf kaufmännischem Versagen. Auch die zum Teil verbrecherischen Methoden, mit denen vor allem kleine und mittelständische Betriebe um ihren verdienten Sold geprellt werden, nehmen an Rücksichtslosigkeit zu.
Der gerade zum Handwerksmeister gekürte Peter B. aus Brandenburg beispielsweise glaubte, alles richtig gemacht zu haben, nachdem er eine seiner ersten Rechnungen unterschrieben und abgeschickt hatte. Denkste, sein Auftraggeber, ein gewiefter Generalunternehmer, für den Peter B. einige Tätigkeiten als Subunternehmer übernommen hatte, erlaubte sich einen Scherz mit dem unerfahrenen Handwerker. Anstatt den eingeforderten Geldbetrag anzuweisen, bestempelte der Scherzbold die Rechnung von Peter B. mit dem Vermerk „Betrag erhalten“. Das war’s. Aus Sicht des Generalunternehmers war die Rechnung damit bezahlt. Tatsächlich bezahlt hat er sie erst viel später, nachdem Peter B. die Staatsanwaltschaft eingeschaltet hatte. Der Brandenburger Meister musste nachweisen, dass sein Schriftstück nicht von ihm abgestempelt wurde. Ansonsten hätte Peter B. sein ehrlich verdientes Geld nie zu sehen bekommen. Besser wäre gewesen, er hätte seine Rechnung nicht unterschrieben.

Rechnungen werden vorsätzlich nicht bezahlt
In Deutschland sind solche Geschichten kein Einzelfall. Über die Zahlungsmoral deutscher Kunden klagt die überwiegende Anzahl der Meister und Inhaber von Handwerksbetrieben, vornehmlich aus dem Bau- und Ausbaugewerbe. In Europa dürfte die Situation nicht anders aussehen. Forderungen werden für Auftragnehmer zunehmend zu unfreiwilligen Krediten. Allein beim Spitzenreiter Italien wartet ein Gläubiger im Schnitt 92 Tage auf seine Kohle, in Österreich immerhin bis zu 47 und in Deutschland bis zu 42 Tagen. Die Zahlungspraxis der Privatkunden, Handwerker mit vorgeschobenen Mängeln regelrecht zu quälen, ist nach Auffassung einiger Hersteller auch in der Alpenrepublik mittlerweile gängige Methode. Einer Studie zu Folge lassen Auftraggeber Branchen übergreifend 45 Prozent der von KSV Befragten vorsätzlich auf ihren Rechnungen sitzen. Vor allem kleine und mittlere Betriebe mit meist geringen Eigenkapitalquoten unter 15 Prozent werden von ihren Auftraggebern oft bis an ihre finanziellen Grenzen getrieben.
Die Vielfalt der Tricks, mit denen Handwerker regelmäßig hereingelegt werden, reichen von kleinen Missachtungen gegenüber fälligen Rechnungen bis hin zu durchdachten, kriminellen Machenschaften. Die bewährte Methode, dem Handwerker Mängel unterzuschieben, am liebsten zwischen letzter Abschlagszahlung und Schlussrechnung, wird in vielen Fällen gründlich vorbereitet, erzählt der Berliner Rechtsanwalt Jörg Franzke. Im Osten Deutschlands war in der Vergangenheit eine besonders raffinierte Betrugsvariante zu beobachten, bei der zweifelhafte Baugesellschaften eigens gegründete Handwerksbetriebe gezielt als Opferbetriebe benutzt haben. Das schmutzige Spiel funktionierte folgendermaßen: Die Baugesellschaften nutzten während eines Bauprojektes ihre kleinen Handwerker GmbHs, um jedwede handwerkliche Leistung abzuwickeln. Zug um Zug verkauften die Verantwortlichen der Muttergesellschaft noch während der Bauphase Teile der gerade gegründeten Minigesellschaften an deren ahnungslose Geschäftsführer. Aus der Muttergesellschaft wurde so der stärkste Auftraggeber für die neuen Firmeninhaber. Das Glück der Jungunternehmer währte nicht lange. In der Folge zwang die ehemalige Muttergesellschaft die wirtschaftlich abhängig gewordenen Betriebe, Aufträge zu niedrigsten Preisen anzunehmen. Das erpresserische Spiel trieben die rücksichtslosen Geschäftsmänner so lange, erzählt Franzke, der bereits zwei Ratgeber zu diesem Phänomen geschrieben hat, bis der Opfergesellschaft sprichwörtlich die ganze Bude um die Ohren flog.

Über 1.000 Firmen gegründet und vernichtet
Dr. Hans-Georg Kantner vom KSV überraschen solche Geschichten nicht. In Österreich, so der Wirtschaftsexperte, sei alles noch viel schlimmer. 1/3 aller Bauinsolvenzen in Wien, so vermutet der KSV, sind mittlerweile auf die Machenschaften so genannter „Saisonfirmen“ zurückzuführen. Nach Kantners Beobachtungen werden diese Firmen mithilfe ahnungsloser, osteuropäischer Mittelsmänner, die lediglich als Marionetten dienen, gegründet. Die dubiosen Firmen, meist ohne Telefoneintrag und Büroinfrastruktur, sollen ausschließlich dem Zweck dienen, bewusst in die Pleite geführt zu werden. Eine mysteriöse Person aus diesem Saison-Gewerbe, so vermuten Insider, hat bereits über 1000 Firmen auf diese Art und Weise gegründet und wieder vernichtet. Was am Ende bleibt, sind offene Rechnungen, entrüstete Unternehmer und Berge von Schulden bei der öffentlichen Hand, so heißt es. Es gebe wenig Firmen, die sich mit diesem Thema gekonnt auseinander setzen, bestätigt Hans-Jürgen Müller, Mithauptgeschäftsführer des deutschen Bundesverbandes Groß- und Außenhandel (BGA). Unternehmen würden mit Blick auf die neuen Eigenkapitalrichtlinien des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht (Basel II) nicht mehr allein nach Zahlungszielen, sondern nach Zahlungspraxis beurteilt. Geldinstitute und Versicherungen könnten das sehr genau feststellen, anhand ihrer weit verzweigten Informationsnetze.
Brutalo-Geldeintreiber haben Konjunktur
Manch ein leidgeprüfter Gläubiger, dem selbst ein vernichtendes Schicksal droht, greift mittlerweile zu rabiateren Methoden, wenn es ums Geld eintreiben geht. „Pfändungen vor Ort ohne lästigen Schriftverkehr und Zeitverlust“ oder „Wenn ihr Schuldner Geld hat, dann zahlt er jetzt“ lauten verheißungsvolle Zeitungsangebote unseriöser Forderungsmanager vor allem im Osten Deutschlands. Die Brutalo-Geldeintreiber mit so skurrilen Namen wie „Moskau-Inkasso“ oder "Extrem-Inkasso“ scheinen Konjunktur zu haben. Der Bundesverband Deutscher Inkasso Unternehmen BDIU warnt zwar ausdrücklich vor solchen schrägen Vögeln. Die Methoden dieser Anbieter seien am Rande und außerhalb der Legalität. Gläubiger müssten wissen, so der BDIU, dass Gläubiger sich mit strafbar machen, wenn sie solch eine Agentur beauftragen. Die rücksichtslosen „Robin Hoods“ scheinen diese Warnungen jedoch wenig zu beeindrucken. „Seien Sie versichert“, lautet dem BDIU nach eine der verheißungsvollen Versprechungen, „wir möchten unseren Mitarbeitern auch nicht begegnen, im Dunklen schon gar nicht“.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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