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Know-how auf der Olympiabühne

10.09.2009

In Sachen Passivhaus und Energieeffizienz darf sich Österreich als Vorreiter bezeichnen. Jetzt wird die Bühne der Winterspiele 2010 in Kanada genutzt – zur Stärkung der heimischen Wirtschaftsinteressen.Text: Helmut Melzer

Für die Olympischen Winterspiele, Anfang 2010 im kanadischen Whistler, sind die österreichischen Medaillenhoffnungen traditionell groß. Hohe Anerkennung, abseits des sportlichen Wettkampfes, erwartet die Alpenrepublik aber in einem ganz anderen Metier: in Sachen energieeffizienter Bauweise. Dieser Tage traten die Teile des Österreich-Hauses für das Olympiadorf – ein Passivhaus in ökologischer Holzmassivbauweise – seine Reise Richtung Nordamerika an. Mit im Gepäck: eine Menge an Know-how als österreichische Visitenkarte.

Passivhäuser auf dem Vormarsch
Die Olympiade soll damit auch der Startschuss für energieeffizientes Bauen in Kanada werden. Gilt doch jenseits des Atlantiks Energiesparsamkeit nicht unbedingt als Maxime. „Der Verbrauch pro Kopf und Jahr liegt in Europa bei etwa 4.000 Watt, in Nordamerika bei rund 11.000 Watt. Das Österreich-Haus ist damit ein sehr gutes Beispiel, wie man effizient mit Energie umgehen und das Raumwärmeproblem lösen kann“, erklärt Erich Reiner, Projektkoordinator der Austrian Passivehouse Group (APG).

Der internationale Vergleich bestätigt den heimischen Vorsprung: Während in Österreich im Juli das bereits 5.000. Passivhaus gefeiert wurde, sollen es in Nordamerika gerade einmal 50 der sparsamen Gebäude geben. Im Europa-Ranking liegt man gar an zweiter Stelle hinter Deutschland (11.077 Passivhäuser, Stand Anfang 2009) und vor der Schweiz (1.071). Österreichweit hatte das Passivhaus 2008 einen Anteil am Neubau von rund sechs Prozent. Und der Trend verstärkt sich zusehends, belegt eine Berechnung der IG Passivhaus Österreich. Wurde erst vor drei Jahren die 1.000er-Marke überschritten, werden es 2010 bereits 11.800 Passivhäuser sein. Ganz optimistische Prognosen rechnen gar mit mehr als 250.000 energieeffizienten Gebäuden bis 2020.

Eine positive Entwicklung, die sich nun in Kanada fortsetzen soll – und dadurch auch der heimischen Industrie unter die Arme greifen könnte. Unübersehbar wird das energiesparende Österreich-Haus im Zentrum von Whistler-Village, nur knapp drei Minuten vom Medaillen-Zeremonienplatz entfernt. Nach der Olympiade ist darin zudem eine Fachtagung geplant. Reiner zum Thema Technologietransfer und wirtschaftliche Interessen: „Das ist der eigentliche Hintergrund. Wir wollen die Bühne Olympiade nutzen.“ Partner und Sponsoren sind weiterhin willkommen.

Das Österreichhaus wird als zweigeschoßiger Holzbau in Holzmassivbauweise mit DD-Dübelholz ausgeführt. Augenmerk galt auch der bevorzugten Nutzung ökologischer Materialien. Das Obergeschoß ist ein schwebender Körper. Die Nutzfläche des Gebäudes umfasst insgesamt 260 Quadratmeter. Der Energieverbrauch liegt unter 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter.

Musterobjekt Hotel Stadthalle
Auch wenn die Entwicklung in Sachen Passivhaus voranschreitet, von einem Boom kann man trotzdem noch nicht sprechen. Im Vordergrund steht der Wille zur Ökologie. Und der zeigt sich bei Michaela Reitterer, Chefin des Wiener Boutiquehotels Stadthalle, besonders deutlich. „Wir überlassen nichts mehr der Wien-Energie“, verkündete sie anlässlich einer Präsentation des Umbaus ihres Tourismusbetriebes recht keck.
Stichwort: Nachhaltigkeit als wirtschaftlicher Faktor. Seit rund einem Jahr wird auf der Baustelle zum „Null-Energie-Zubau“ gewerkt. Insgesamt 4,5 Millionen Euro lässt sich Reitterer das Ganze kosten – inklusive Fotovoltaikanlage, Regenwassernutzungsanlage, Wärmepumpe, Windrädern am Dach und Passivhaushülle. Aber auch an zwei Elektro-Tankstellen-Plätze vor dem Hotel und die ausschließliche Verwendung von stromsparenden LED-Lampen sind Neuerungen im Öko-Hotel. Für das ökologische Gesamtkonzept heimste Reitterer heuer sogar den Umweltpreis der Stadt Wien im Rahmen des Ökobusiness-Plans ein.
„Wir haben uns eine eigene Art von Umwelt-Charme auf die Fahnen geschrieben. Diesen leben wir und ziehen ihn bis ins kleinste Detail durch“, erklärt die Hotelchefin.

Das österreichische Musterobjekt im Detail: Eine Passivhaushülle reduziert den Heizwärmebedarf vom ersten Obergeschoß bis ins Dachgeschoß auf neun Kilowattstunden pro Quadratmeter. Die Beheizung und Kühlung erfolgt durch Betonkernaktivierung auf Niedrigtemperaturbasis, Kühlwasser wird aus einem eigenen Brunnen bezogen. Durch Wohnraumlüftung erfolgt eine Wärmerückgewinnung von über 90 Prozent. Eine 160 Quadratmeter große thermische Solaranlage wird zur Warmwassererzeugung, Frischluftvorwärmung und Beheizung genutzt. Die Regenwassernutzungsanlage versorgt alle vorhandenen Grünflächen und in aufbereiteter Form die Toiletten-Spülungen. Die Fotovoltaikanlage auf 84 Quadratmeter, teilweise am Flachdach und auf der Fassade angebracht, sorgt für Stromgewinnung. Genauso wie vier Windräder am Flachdach mit einem Durchmesser von drei Meter.
„In dieser Form gibt’s das noch auf keinem österreichischen Stadtdach“, stellt Energieberater Gerhard Heiling stolz fest. Überhaupt: Gar ungewöhnlich ist die Rolle eines Haustechnikplaners als Generalplaner.

Enorme Kostenersparnis
Heiling legt die Zahlen auf den Tisch: Windkraft und Fotovoltaikanlage erzeugen 55.600 kWh, benötigt werden insgesamt 91.115 kWh. Fazit, so rechnet der Energieexperte: Alleine beim Strom bedeutet dies eine Ersparnis von rund 3.900 Euro jährlich. Gleiches beim Nutzwasser: 519 Kubikmeter im Jahr sind kostenfrei.
Sie fallen sprichwörtlich – als Regen – vom Himmel. Großartig ist auch der Gewinn durch die Wasser-Wärmepumpe: Sie liefert insgesamt 58.320 kWh an thermischer Energie. Gebraucht werden im Neubau allerdings nur 19.839 kWh. Mit dem Rest wird der vorhandene Altbau beliefert. Die kalkulierte, jährliche Kostenersparnis insgesamt: 6.353 Euro. „Energiewirtschaftlich wäre meines Erachtens nach ein solches Haus in der Stadt sogar ein Geschäft“, zieht Heiling Bilanz.

Innovative Solarfassade
Welch enorme positive Auswirkungen allein eine energieeffiziente Fassaden-Sanierung haben kann, zeigt ein vorbildliches Projekt der Gemeinnützigen Industrie-Wohnungs AG Linz (Giwog). Um 8,8 Millionen Euro wurden die Hausanlagen Dieselweg Graz mit 202 Wohnungen aus den 50er- bis 70er-Jahren auf Passivhausniveau aufgewertet.

Das Gesamtkonzept stammt von der Linzer gap-solution. Hier kam eine innovative Solarfassade zur Schaffung einer warmen Klimazone, die für das Gesamtsystem die entsprechenden Rahmenbedingungen schafft, zum Einsatz. Die neue Fassade dient also nicht nur zur Dämmung, die speziellen Zellulosewaben wandeln auch Sonnenlicht in Wärme um. In Kombination mit Passivhausfenstern inklusive integrierter Jalousien, Einzelraumlüftungsgeräten und Pufferspeichern werden enorme Werte erzielt. Die Gesamtversorgung der einzelnen Wohnungen erfolgt mit Warmwasser und die Heiz­energieentwicklung ausschließlich über die Fassade. Die Energiekennzahlen im Detail: Wurden vor der Sanierung noch 225 kWh pro Quadratmeter benötigt, sind es danach nur noch 9,8 kWh.


bau.experten

Passivhäuser in Österreich 2008
(Dichte an Objekten je 100.000 Einwohner)

Vorarlberg: 150
Kärnten: 95
Niederösterreich: 68
Oberösterreich: 68
Tirol: 48
Burgenland: 41
Steiermark: 20
Wien: 20
Salzburg: 14

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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