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Kunst und Bau - Aufregend, nutzlos und notwendig

24.04.2008

Kunstwerke sorgen im besten Fall für Aufsehen und lassen die Emotionen hochgehen – erst recht dann, wenn sie mit Steuergeldern finanziert werden und in Verbindung mit Architektur den öffentlichen Raum dominieren.

„Kunst muss aufwühlen und berühren. Über Kunst muss man sprechen und sie muss verstummen lassen. Kunst ist nutzlos und absolut notwendig“, so vielfältig sind die Anforderungen, die mit dem Kunstbegriff assoziiert werden. Letztendlich ist Kunst aber auch reine Geschmacksache. Und sorgt deshalb immer wieder für Diskussionsstoff. In Verbindung mit Architektur wird sie zur „Kunst am Bau“, die – von der öffentlichen Hand finanziert – gerade deswegen immer wieder ins Kreuzfeuer der Kritik gerät und für Aufregung bei den freiwilligen wie unfreiwilligen Kunstrezipienten auf der Straße sorgt. Für manche ist es eine selbstverständliche Verpflichtung, die Kunst – ebenso wie das Bauen – zu fördern, für andere bloße Geldverschwendung.

Egal ob als Wandgemälde an den zahlreichen geförderten Wohnbauten der Nachkriegszeit oder als technische Spielerei – wie die LED-Lichtgestaltung am Uniqa-Tower am Wiener Donaukanal –, eine Skulptur auf der Straße vor einem Gebäude oder eine künstlerische Intervention am Bauwerk selbst: Kunst am Bau steht immer im Dialog mit der Architektur und ihrem Umfeld, auch wenn dies für den flüchtigen Passanten nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen ist. Durch Kunst am Bau werden Bauwerke unverwechselbar. In der Regel ist es die öffentliche Hand, die in der Kunst am Bau eine gesellschaftliche Verpflichtung sieht. „Es sind nicht zuletzt Kunstwerke, die einem Gebäude einen einzigartigen Charakter verleihen, der zur Identifikation der Bewohner mit ihrer Wohnumgebung beiträgt. Neben einer qualitätsvollen und bedarfsgerechten Architektur spielt daher auch Kunst am Bau bei der Gestaltung einer lebenswerten und ansprechenden Wohnumgebung einer wichtige Rolle“, ist Wiens Wohnbaustadtrat Michael Ludwig überzeugt.

Mitunter investieren aber auch private Auftraggeber wie Banken und Versicherungen oder Bauträgergesellschaften in architekturbezogene Kunstprojekte. Das dient einerseits der Imagepflege und andererseits lässt sich Kunst gut als Marketinginstrument gebrauchen.

Pflicht oder Kür?

Schon in der Zwischenkriegszeit bemühten sich die Berufsverbände der Bildenden Künstler um eine staatlich garantierte Beteiligung von Künstlern am Baugeschehen. Damaliger Beweggrund war, den sogenannten Hungerkünstlern eine Grundsicherung durch öffentliche Aufträge zu gewähren. Auch beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Ruf nach Kunstförderung am Bau laut.

Eine garantierte Beteiligung für Kunstschaffende am Baugeschehen gibt es heute nicht, dafür aber eine Richtlinie, die in den Kultur- bzw. Kunstförderungsgesetzen der Länder verankert ist. Der Staat lässt sich die künstlerische Gestaltung des alltäglichen Lebensumfeldes einiges Kosten. „Rund ein Prozent der Bruttobaukosten sollen bei öffentlichen Bauten für Kunstwerke aufgewandt werden“, so lautet der Ministeratsbeschluss, der Mitte der 1980er-Jahre die Initialzündung zu zahlreichen (Bau-)Kunstwerken der vergangenen Jahrzehnte gab. Auf Bestreben von Herbert Moritz, damals Minister für Unterricht, Kunst und Sport (heute Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur), wurde die gesellschaftliche „Verpflichtung“ des Staates zur Förderung der Kunst und Baukultur in die entsprechenden Regelungen des Bundes und der Länder aufgenommen.

Verstand man anfangs unter Kunst am Bau ursprünglich und in erster Linie jene Kunstwerke, die dauerhaft innen oder außen mit einem Bauwerk verbunden waren, hat sich die Praxis der Realisierung im Lauf der Zeit gewandelt bzw. gelockert. So zählen heute auch jene Kunstprojekte zu Kunst am Bau, die sich auf dem zu einem Gebäude zugehörigen Grundstück befinden. Kunst am Bau kann aber auch auf öffentlichen Flächen im Umfeld des jeweiligen Bauwerks angesiedelt sein, über dessen anteilige Baukosten sie finanziert wird. Damit verschwimmt zunehmend die Grenze zwischen Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum.

Freiwillige Verpflichtung

Auch die Ein-Prozent-Regelung wird heute nicht mehr so genau genommen. „Ursprünglich war der Bund für die Bundesbauten zuständig. Mit der Auslagerung der Bundesgebäude an die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) ist de facto auch die verpflichtende Implementierung von Kunstwerken bzw. Installationen bei einem öffentlichen Gebäude gefallen“, erklärt Bernd Hartmann, stellvertretender Leiter der Kunstsektion im Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (bmukk). Die Befürchtung, dass damit auch das Ende von Kunst und Bau besiegelt sei, ist unbegründet. Wenngleich nicht verbindlich vorgeschrieben, so gehört Kunst am Bau heute bei großen, öffentlichkeitswirksamen Projekten der BIG quasi zum guten Ton. Von einer „freiwilligen Verpflichtung“ spricht Ernst Eichinger von der BIG in diesem Zusammenhang. Die BIG realisiert österreichweit rund vier bis fünf Kunst-am-Bau-Projekte pro Jahr und wendet dafür im Schnitt zwischen 100.000 und 150.000 Euro pro Projekt auf. Das ist mal mehr und mal weniger als ein Prozent der Bausumme. Ausschlaggebend ist in erster Linie der Kontext zum Raum bzw. zum jeweiligen Gebäude und nicht die strikte Einhaltung der Ein-Prozent-Regel.

Kunst gewinnt an (Bau)Boden

Doch nicht nur der BIG ist Kunst am Bau ein Anliegen. Auch die Länder zeigen wieder vermehrt Interesse an Gebäuden mit künstlerischem Mehrwert. So präsentierte beispielsweise Kulturreferent und Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider kurz vor Jahreswechsel die jüngsten Bauprojekte des ndes unter dem Motto „Kärnten baut Kultur“. Dabei strich er vor allem die Bemühungen Kärntens, baukünstlerische Akzente zu setzen, hervor und versprach der Kunst am Bau und im öffentlichen Raum wieder einen höheren Stellenwert einzuräumen. Die ersten Schritte dazu sind bereits gemacht: Im September sollen die Arbeiten am Klagenfurter Bahnhofsplatz abgeschlossen sein. Die in der Öffentlichkeit nicht unumstrittene symbolische Goldhaube der Künstlerin Burgi Michenthaler wird dann das bestehende Bahn-Verwaltungsgebäude der Landesimmobiliengesellschaft (LIG) „zieren“. „Kunst am Bau setzt Akzente und bringt einen Mehrwert“, ist LIG-Geschäftsführer Johann Polzer überzeugt und nennt weitere Projekte, bei denen Kunst und Bau Hand in Hand gehen, wie etwa beim neuen Technik- und Laborzentrum in Klagenfurt, der Carinthischen Musikakademie oder der Werner-Berg-Galerie in Bleiburg.

Auf Kunst als Marketinginstrument setzt in nächsten Jahr die oberösterreichische Landeshauptstadt. Für Linz 09 sind zahlreiche Bauprojekte in Ausführung bzw. bereits abgeschlossen wie zum Beispiel der Wissensturm in der Linzer City. Insgesamt 70 Künstler beteiligten sich am Kunst-am-Bau-Wettbewerb. Zwei Arbeiten – eine für den Innen-, eine für den Außenbereich – wurden von der siebenköpfigen Jury ausgewählt und realisiert: die LED-Licht/Schriftfelder im Bereich des 70 Meter hohen Liftturms von Robert Schuster und der Raumteiler „Code – a matter of form“ für das Foyer von der Wiener Künstlerin Claudia Märzendorfer (siehe Bild).

Das Land Niederösterreich setzt mit „Kunst im öffentlichen Raum“ schon seit den 1980er-Jahren auf die Kombination von Kunst und Architektur. Aber erst mit der Einführung einer Pool-Regelung gelang es, die Kunstschaffenden für eine rege Beteiligung an den Kunstwettbewerben zu gewinnen. Seit dem Jahr 1996 gilt die neue Regelung, wonach ein Prozent der gesamten Landesbaukosten projektunabhängig in einen Topf eingezahlt wird, aus dem Kunstprojekte im öffentlichen Raum finanziert werden. Insgesamt 400 Arbeiten konnten seitdem finanziert werden. Ein Beispiel, dem auch das Land Vorarlberg folgte. Im Sommer 2000 erließ die Vorarlberger Landesregierung die Richtlinie „Kunst und Bau“. Für Neubauten, bei denen keine öffentliche Kunst realisiert wird, ist der Ein-Prozent-Betrag in einen Pool einzubezahlen, aus dem Kunstprojekte im öffentlichen Raum finanziert werden.

Kulturförderung neu in Salzburg

Mit Beginn dieses Jahres änderte auch Salzburg seine Richtlinien für Kunst am Bau. Grund dafür: Immer weniger Bauten werden vom Land selbst abgewickelt, die Bauherren entgehen damit der Verpflichtung, einen Obolus für die künstlerische Aufwertung ihrer Gebäude zu entrichten. „Das alte Förderungssystem ist überholt“, ist Landeshauptmann-Stellvertreter Wilfried Haslauer überzeugt. „Da viele Bauwerke aufgrund von Bauträgerkonstruktionen nicht mehr vom Land, sondern von fremden Rechtsträgern errichtet werden, kommt die Kunst unter die Räder“, so Haslauer. Mit ein Grund für den Rückgang ist auch hier die unverbindliche „Sollbestimmung“ im Kulturförderungsgesetz, wonach Bauten des Landes eine integrierte künstlerische Gestaltung lediglich „anstreben“ sollen, aber nicht müssen. Deshalb wurde ein neuer Fonds ins Leben gerufen, der mit 300.000 Euro für das Jahr 2008 dotiert ist. In Zukunft werden alle Kunstwerke, Projekte und Gestaltungen über diesen Fonds realisiert werden. Die stolze Gesamtsumme wird durch Umverteilungen aus dem bestehenden Baubudget des Landes herausgelöst. Dabei kommen die Finanzmittel zu je einem Drittel aus dem Hochbaubudget, dem Tiefbaubudget und dem Baubudget für die Salzburger Landeskliniken. Ein neu gegründeter Fachausschuss wählt die förderwürdigen Projekte aus und befindet über die Verwendung der Gelder.

Tom Cervinka

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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