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Berthold Kren ist seit Juli CEO von Lafarge und war bislang bei Lafarge Holcim für den Bereich Geocycle Asien verantwortlich.

Lafarge will CO2-Wettlauf gewinnen

28.10.2020

Lafarge-CEO Berthold Kren zieht Bilanz über seine ersten hundert Tage im Amt: Arbeiten zwischen Corona, Facharbeitermangel und der Vision, den CO2-Fußabdruck der Zementwerke auf null zu senken.

 

Die ersten 100 Tage in einem neuen Job sind meistens sehr prägend, so auch für Berthold Kren. Der gebürtige Steirer ist seit Juli neuer Geschäftsführer der Lafarge Cement CE Holding, und mit allen Herausforderungen konfrontiert, die die Branche aktuell zu bieten hat: von Corona über den Facharbeitermangel bis hin zu dem Kampf gegen den CO2-Fußabdruck der Branche. Kren will nicht weniger als die heimischen Zementwerke als Paradebeispiel in Europa etablieren. Auch wenn es vielleicht „ein bisschen blöd ist“, dauernd über CO2 zu reden. 

Sie haben nun Ihre ersten 100 Tage als Geschäftsführer von Lafarge Österreich hinter sich gebracht: Wie geht es Ihnen? 
Berthold Kren:
Ich muss festhalten, dass ich an manchen Tagen recht müde bin – es ist in den letzten Monaten wirklich viel passiert, aber es hat mir auch jeden Tag Spaß gemacht. 

Ich nehme an, das bestimmende Thema war ­Corona? 
Kren: Ja, leider. Das Thema Nummer eins war und ist aktuell Corona, das überschattet alles andere. Ich bin ja faktisch nach der ersten Covid-Welle nach ­Österreich gekommen und hatte das große Glück, ein hervorragend geführtes Unternehmen zu übernehmen. Die Arbeit, die in den vergangenen Jahren ge­leistet wurde – wie das Unternehmen aufgestellt wurde, wie sich die Mitarbeiter entwickelt haben, wie wir uns organisiert haben –, hat maßgeblich dazu beigetragen, wie gut wir die erste Zeit überstanden haben. Die Anzahl der Corona-Fälle hat sich im Unternehmen auf ein Minimum beschränkt. Dies liegt einerseits an den getroffenen Maßnahmen, andererseits aber auch an dem proaktiven Umgang unserer Mitarbeiter mit dem Thema. Prinzipiell dürfen wir uns als Bau­wirtschaft aber nicht beschweren. Wir ­haben zwar sicherlich ein wenig Rückstand aufgebaut, sind aber im Vergleich zu anderen Branchen bis jetzt mit einem blauen Äuglein davongekommen.

Gibt es noch andere Themen, denen Sie sich schon widmen konnten, oder Bereiche, in denen unbedingt etwas getan werden muss?
Kren: Wir müssen an unserem Employer-­Branding arbeiten, wobei dies sicherlich ein Branchenproblem ist und nicht nur uns betrifft. Wir haben Positionen, die wir gerne besetzen würden, haben aber Schwierig­keiten, die richtigen Leute zu finden. Beton und ­Zement sind aktuell in der öffentlichen Wahr­nehmung leider weniger sexy. Dabei sind wir ein sehr traditionelles Unternehmen mit hohem Identifikationspotenzial und niedriger Mitarbeiterfluktuation. Ein weiteres wesentliches Thema, das mich die nächsten Jahre noch beschäftigen wird, ist Nachhaltigkeit und CO2-Neutralität. Wir erzielen schon jetzt europaweit Spitzenwerte, wenn es den Einsatz von Ersatzbrennstoffen geht. Bei den alternativen Rohstoffen orte ich noch ein wenig Spielraum, aber auch daran arbeiten wir schon.

Gerade die Reduktion des CO2-Bedarfs ist ja ein stetiger Kampf der Branche
Kren: Wir haben dabei leider einen schwierigen Startpunkt, was den CO2-Fußabdruck betrifft. Durch unser Bindemittelportfolio spielen wir in diesem Segment schon im Champions-League-Finale. Trotzdem zeigen uns die Zahlen von 2018, dass wir gute Arbeit leisten und mit 550 Kilogramm CO2 pro Tonne Bindemittel im Europavergleich Niedrigstwerte ­erzielen. Ich glaube, wir sind mittlerweile sogar ­unter 500 Kilo­gramm. Als Lafarge-Holcim-Gruppe haben wir uns im Net-Zero-Pledge verpflichtet, bis 2030 einen weltweiten Fußabdruck von 475 Kilogramm CO2 pro Tonne Zement zu erreichen. In Österreich sind wir schon relativ weit, deswegen gehe ich ­davon aus, dieses Ziel vor der Zeit zu erreichen. Als Geschäftsführer der Lafarge-Zementwerke will ich diesen CO2-Wettlauf noch weiter unterbieten. Wir haben ja schon angedeutet, in Richtung 450 Kilogramm CO2 gehen zu wollen, wir wissen aber auch, dass dort die Grenze der Technik liegt.

Ein entscheidender Faktor werden dabei neue Techniken sein. Die Lafarge-Holcim-Gruppe hat aktuell fünf Lead-Projekte laufen, um einen Weg zur Dekarbonisierung zu finden. Mit Carbon2ProductAustria ist Österreich an vorderster Front dabei. 
Kren: Es ist ein unglaublich spannendes Projekt: Vier Industrien arbeiten an einer gemeinsamen ­Lösung eines Kohlestoffkreislaufs. Mit OMV, Verbund und Borealis haben wir starke Partner gefunden, die andere Herausforderungen, aber auch neue Lösungsansätze mitbringen. Ich glaube, dass dies der entscheidende Faktor sein wird, um von 450 Kilogramm auf null zu kommen. Ich glaube auch, dass das Projekt ein wirtschaftlicher Jobmotor sein wird, da wir von riesigen Investments ausgehen, und sehe es als Chance – sowohl für den Standort als auch für die ­Industrie –, sich weiterzuentwickeln.

Das klingt nach einem vollen Terminkalender und weniger nach einer angenehmen Geschäftsübergabe.
Kren: Ein wenig, ja. Und ich muss mir auch nach drei Monaten eingestehen: Ich vermisse Indien. Verstehen Sie mich nicht falsch, Mumbai klingt für viele Leute spannend zum Arbeiten, aber das ist wirklich kein Kindergeburtstag. Mein Chef hat mir damals ­gesagt: „Es gibt nur zwei Arten von Leuten, die hierherkommen: die, die es schaffen, und die, die es nicht schaffen. Dazwischen gibt es nichts. Schauen wir mal, wie es dir geht.“ Das war seine Antrittsansprache. Du scheiterst sofort, wenn du anfängst, Indien bekämpfen zu wollen. Indien drückt dich an die Wand und zerquetscht dich. Du musst anfangs die Ritze in der Mauer finden und dich langsam durchdrücken. Man muss die Gegebenheiten umarmen und akzeptieren, dass man es nicht bekämpfen kann. Aber es gibt einem auch viel zurück: diese Diversität, die Kultur. Mumbai pulsiert ohne Ende. Die Energie, die in der Stadt steckt, ist 24 Stunden an sieben Tagen die Woche Vollgas. Das entspricht ein bisschen meinem Wesen.

Das klingt, als hätte ­Ihnen der Job als Divisions­leiter für Geocycle in Asien viel Freude bereitet.
Kren: Wir haben gut gearbeitet und auch strategisch viel bewirkt. In Indien waren wir im Abfallsektor die Vorreiter. Wir mussten alles erst aufbauen, Lobbying leisten, den Behörden unsere Idee verständlich machen. Hinzu kommt, dass Indien nicht gleich Indien ist. Jeder Bundesstaat ist anders, sprachlich und kulturell. Die Arbeitskultur ist eine ganz andere, der Zugang zur Arbeit ist ein anderer. Ein „Nein, das geht nicht“ habe ich in drei Jahren nicht gehört – man lernt auch mit der Zeit, welches Ja auch ein echtes Ja ist und bei welchem man noch einmal unter vier Augen nachfragen sollte. Und Indien ist ja nur eines der Länder, für das ich in Asien verantwortlich war. 

Arbeiten bzw. Leistung unter Druck abzurufen ist für Sie ja etwas Bekanntes, da Sie auf höchstem Niveau Profi-Volleyball in Österreich gespielt ­haben. Nimmt man da eigentlich etwas mit?
Kren: Ich hatte das besondere Privileg, mein Hobby professionalisieren zu können, angefangen mit ­meiner Zeit bei Donaukraft, aus denen dann die Hotvolleys wurden. Was ich definitiv mitgenommen habe, ist eine Art des Mindsets. Über Peter Kleinmann ­(Volleyball-Manager und ehemaliger Trainer, Anm. d. Red.) mag man denken, was man will, aber er hat eine Vision gehabt, und die hat er umgesetzt. Davor habe ich einen Heidenrespekt. An eine Vision zu glauben und aus dieser Wirklichkeit zu machen, das ist schon etwas sehr Besonderes. 

Aus einer Vision Wirklichkeit machen – gibt es Ziele, die Sie sich persönlich für die nächsten Jahre gesetzt haben? 
Kren: Was ich mir definitiv vorgenommen habe, ist, das Thema Nachhaltigkeit stärker zu forcieren. Wir wollen als Unternehmen Vorreiter sein, und ich möchte unsere heimischen Zementwerke als Parade­beispiel innerhalb der Gruppe und Europa etablieren. Ich möchte ein Verständnis schaffen, dass Zement und Beton nachhaltige Baustoffe sind. Wir können mit jedem anderen Baustoff rechnerisch über den ­Lebenszyklus mithalten. In vielen Bereichen sind wir besser, in manchen schlechter. Jeder Baustoff hat seine Berechtigung, es braucht nur eine faire Bewertung. Ich bin fest davon überzeugt, dass es an der Zeit ist, die Klimafrage ernsthaft anzugehen, und als Techniker glaube ich daran, dass wir Konzepte entwickeln können, um die Kuh rechtzeitig vom Eis zu bringen. Vielleicht sind wir als Zementbranche auch ein bisschen ungeschickt, dass wir immer über CO2 reden, aber es ist für mich der richtige Weg. Wir werden unseren ­Beitrag leisten, und es wird kein kleiner sein.

Autor/in:
Christoph Hauzenberger
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