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Langfristige Planungen sichern Umsatz

09.06.2005

Langfristiges strategisches Denken gilt immer noch „als eine Art Luxus“. Dies erweist sich jedoch immer mehr als fataler Fehler: Innerhalb der ineffizienten Wertschöpfungskette sind die Gewinne zum Nachteil der bauausführenden Unternehmen verteilt: Während sich die Baukonzerne mit niedrigen Margen auf hohem Risikoniveau abfinden müssen, schöpfen viele Hersteller von Material, Baustoffen und Bauelementen noch immer hohe Renditen ab. Strategisches Ziel der renditeschwachen Baukonzerne muss daher sein, den Einfluss auf die Wertschöpfungskette deutlich zu erhöhen, um so zumindest teilweise zu einer Umverteilung der erzielten Gewinne zu kommen. Hierzu bedarf es eines strategisch aufgestellten und ausge-richteten Einkaufs.
Aber auch allein schon bei der Betrachtung der derzeitigen Wertschöpfungstiefe erhält die Beschaffung eine strategische Dimension: Bis zu 80 Prozent ihrer Leistung kaufen die großen Baukonzerne am Markt zu. Damit wird schnell klar, welchen nachhaltigen Erfolg die Beschaffung auf jedes Bauprojekt ausübt.
Dennoch entspricht der Einkauf der Bauindustrie nicht den Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Oft fristet er ein Schattendasein als Materialbeschaffer oder verlängerter „bestellschreibender“ Arm des Bauleiters. Eine Fokussierung besteht, wenn überhaupt, auf das Erstel-len von Preisspiegeln und die kurzfristige Adhoc-Beschaffung. Jedoch ist gerade im hoch-komplexen Bau(projekt)geschäft mit simplen Preisvergleichen nichts gewonnen. Die Entscheidungstatbestände sind weitaus komplexer und bedürfen einer sorgfältigen Systematisierung: Hierzu eignet sich das klassische Beschaffungsportfolio nach Kraljic mit internen und externen Einflussfaktoren auf die Beschaffungsstrategien. Aufgespannt nach den Dimensionen strategische Bedeutung und Komplexität des Beschaffungsmarktes ergeben sich vier Referenzprozesse einer strategischen Beschaffung.
Basisstrategie ist eine Aufrechterhaltung bzw. Erhöhung des Wettbewerbs. Die Beschaffung erfolgt dabei kurzfristig am Markt nach Spezifikation bzw. exakter Definition, z. B. in einem Leistungsverzeichnis. Unterstützt wird diese Strategie durch eine breite Anfragesteuerung. Die Zusammenarbeit mit den Zulieferern gestaltet sich kurzfristig, d. h. im Regelfall für die Dauer der Baustelle. Die Koordination überregionaler Bezüge erfolgt durch den Abschluss von (gestaffelten) Bonusvereinbarungen. Ziel der Beschaffungsmarktforschung muss es sein, immer eine hohe Anzahl (auch internationaler) Bieter sicherzustellen. Im Mittelpunkt dieses Prozesses steht der Zukauf von Problemlösungen. Nicht der Preis ist allein entscheidendes Kriterium, vielmehr geht es darum, in Zusammenarbeit mit dem Zuliferer intelligente Lösungen und Alternativen auszuarbeiten bzw. am technischen Know-how des Lieferanten zu partizipieren. Dazu sind strategische Allianzen (z. B. Bieter-/Arbeitsgemeinschaften) auch über ein Bauvorhaben hinaus mit Zulieferern anzustreben, die frühzeitig in den Bauprozess einzubinden sind. Dies setzt eine entsprechende Marktkenntnis voraus. Die Beschaffungsmarktforschung muss daher permanent nach den besten Bietern suchen, begleitet durch eine intensive Kommunikationspolitik mit dem frühzeitigen Austausch von Informationen.

Beschaffungsprozess

Basisstrategie ist die effiziente Abwicklung von geringwertigen Produkten und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs, bei denen die Kosten der Bestellung oft höher sind als der Bestellwert. Ziel ist eine Reduktion der Prozesskosten. Die Ausschreibung langfristiger Verträge (ggf. verbunden mit einer entsprechenden Abnahmezusage) ermöglicht eine Verlagerung der Disposition auf die internen Kunden (Baustelle oder Verwaltung). Diese greifen auf standardisierte Warenkörbe zu und rufen dabei direkt beim Zulieferer ab. Unterstützt werden diese Prozesse z. B. durch intelligente Logistiklösungen, wie beispielsweise Konsignationslager auf der Baustelle (Material- und Kleingerätecontainer). Der Beschaffungsprozess ist geeignet für Single-Sourcing sowie das Outsourcing der Beschaffungsmarktforschung an Dienstleiter bzw. Sortimenter.
Im Mittelpunkt dieses Beschaffungsprozesses steht die effiziente Abwicklung geringwertiger Produkte und Dienstleistungen bei denen sich das Bauunternehmen auf komplexen Beschaffungsmärkten (z. B. „Monopol“-Anbieter) bewegt. Hier sollte die zuverlässige Versorgung der Baustellen gewährleistet werden, Preisoptimierungen stehen dabei nicht im Vordergrund.
Diese Prozesse bilden die Basis einer strategisch ausgerichteten Baubeschaffung. Zusätzlich bedarf es flankierender Maßnahmen, die nachfolgend beispielhaft dargestellt werden sollen:

Nachunternehmer-Management

Eine Schlüsselentscheidung im Beschaffungsprozess ist die Auswahl geeigneter Zulieferer. Insbesondere die Auswahl von Nachunternehmern stellt die Bauindustrie jedoch immer wieder vor Probleme, da Nachunternehmer zu einem großen Teil Arbeitsleistungen anbieten, die ex ante nicht oder nur sehr schwer bewertbar sind. Dies macht es erforderlich, einen in mehreren Schritten ablaufenden Prozess zu systematisieren:
– Identifikation: Die Zielsetzung besteht darin, Transparenz über alle im Beschaffungsmarkt vorhandenen potenziellen Zulieferer zu gewinnen. Um eine systematische, überschaubare und nachvollziehbare Vorgehensweise in einem relativ großen Beschaffungsmarkt sicherzustellen, bietet es sich an, die Beschaffungsmärkte zu segmentieren, beispielsweise nach den Dimensionen Gewerke- bzw. Materialgruppen, regionale Märkte und Leistungsklassen.
– Vorauswahl geeigneter Zulieferer: Nicht alle identifizierten Zulieferer kommen für eine Geschäftsbeziehung in Betracht. Anhand festzulegender Kriterien erfolgt eine Vorselektion und Aufnahme in die Datei der gelisteten Zulieferer. Derzeit ist davon auszugehen, dass sich allein in Deutschland über 200.000 mögliche Nachunternehmer am Markt befinden.
– Ausschreibung: Aus den gelisteten Zulieferern können aufgrund der gestellten Anforderungen alle geeigneten Zulieferer ermittelt werden.
– Verhandlung und Vergabe: Nach einer Ausschreibung müssen die eingegangenen Angebote zunächst ausgewertet werden. Danach erfolgt die Festlegung des Verhandlungskreises. Anschließend wird in Vergabeverhandlungen der richtige Zulieferer für das Bauvorhaben bestimmt und beauftragt.
– Leistungsbewertung: Am Ende der Bauausführung erfolgt eine Bewertung der erbrachten Leistung nach festgelegten Kriterien.

Effiziente Baustellenbelieferung

Diese strategische Stoßrichtung bedarf einer sorgfältigen Kosten-Nutzen-Abwägung. Die Vorteile liegen in einer höheren Materialverfügbarkeit und in Kosteneinsparungen durch günstigere Einstandspreise. Eine verkürzte Bauzeit führt zu einer Reduktion der Kapitalbindung und einer Senkung der zeitabhängigen Kosten, wie beispielsweise der Baustelleneinrichtung. Hinzu kommen nichtmonetäre Vorteile wie Umweltverträglichkeit oder ein besseres Image. Diesen Kostenvorteilen stehen ein höherer Koordinationsaufwand und Kosten für das eigen- oder fremdbetriebene Logistiksystem gegenüber.
Bei der Ausgestaltung der Beschaffungslogistik-Systeme sind eine Reihe von Varianten denkbar, die nachfolgend systematisiert werden sollen. In diesem Zusammenhang sind folgende Entscheidungen zu treffen:
– In welchem Umfang soll das Logistiksystem etabliert werden? Soll es sich lediglich auf ein Produkt beziehen oder auf den gesamten Beschaffungsprozess der Baustelle?
– Wer übernimmt die Koordination der Güterströme? Verbleibt diese, wie bisher, bei den Lieferanten oder wird sie auf andere Beteiligte verlagert?
– An welchem Punkt sollen die Güter von den bisherigen Lieferanten bereitgestellt werden?
– Wie erfolgt der Transport, d. h. die Raumüberbrückung der Güter?
– Wie viel Zeit und welche Lager stehen zwischen Produktion und Einbau auf der Baustelle?
– Durch welche Prinzipien soll das Logistiksystem gesteuert werden?
– Wie kommunizieren die Beteiligten?
Ansatzpunkte für derartige Systeme sind zum Beispiel Konsignationslager, Gebiets- beziehungsweise Baustellenspediteure oder integrierte Systeme der Baustellenlogistik, wie sie bei den großen innerstädtischen Bauvorhaben in Berlin entwickelt und umgesetzt wurden.
Der Weg zum strategischen Einkauf wird, wie auch in anderen Branchen, zunächst ein Umdenken und anschließend tief greifende Strukturveränderungen erfordern. Für viele Unternehmen der Bauindustrie wird es zu einer der existenziellen Fragen werden, ob sie den Wandel zur strategisch ausgerichteten Beschaffung rechtzeitig vollziehen können.

Jürgen Leinz

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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