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Großbaustelle Semmering-Basistunnel: Bis 2026 soll die Verbindung vom niederösterreichischen Gloggnitz ins steirische Mürzzuschlag fertig sein.

Licht am Ende des Tunnels

12.02.2018

Unternehmen und Interessenvertreter sind sich einig: In Sachen Tiefbau geht es nach oben – mittelfristig könnte sich die Branche zum Wachstumsführer der Bauwirtschaft aufschwingen.

Mit voller Kraft hinab in die Erde: die Profis von Bauer Spezialtiefbau bei Arbeiten in Montenegro.
"Qualität vor Preis" sei der sinnvollste Weg, um die zum Teil negativen Preisspiralen umkehren zu können, ist man bei Gerocret überzeugt.

Zum Jahresende 2017 vermeldete die deutsche Bauwirtschaft freudig, dass die Auftragsbücher ihrer Unternehmen gut gefüllt seien. Experten sprachen für den vergangenen September sogar vom höchsten Auftragseingang zum Ende eines dritten Quartals seit 18 Jahren. Auch das heimische Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) gab gute Nachrichten bekannt: In Europa habe das Bauvolumen 2017 um 3,5 Prozent zugenommen – das stärkste Wachstum seit dem Vorkrisenjahr 2006. Speziell in Österreich lag das Plus im Vergleich zu 2016 bei etwa 2,8 Prozent. Damit wuchs das Bauvolumen entsprechend der Gesamtwirtschaft.

Ordentlicher Wachstumsschub

Im Detail stellte das Wifo im Dezember fest: „Die europäische Entwicklung im Jahr 2017 ist aus zweierlei Gründen bemerkenswert. Erstens konnten die Baumaßnahmen in Europa letztmalig 2006, also kurz vor dem Ausbruch der internationalen Finanzkrise, dermaßen stark ausgeweitet werden.“ Zweitens nehme die Baunachfrage 2017 in allen 19 Mitgliedsländern des Bau-Marktforschungsnetzwerks „Euroconstruct“ zu, was die breite regionale Basis des gegenwärtigen Aufschwungs unterstreiche. „Die vorgestellten Prognosen gehen auch für 2018 von einem deutlichen Wachstum der europäischen Bauwirtschaft aus“, so die Einschätzung. Bis 2020 könnten die Euroconstruct-Länder mit einem kumulierten Anstieg von sechs Prozent rechnen. Zwar würde der Zuwachs im Wohnungs- sowie im Hochbau etwas schwächer, dafür könnte der Tiefbau zum Wachstumsführer werden. 
Auch Vorarlbergs Landesinnungsmeister für den Bau, Peter Keckeis,­ zog zum Jahreswechsel Bilanz. Die Auslastung sei quer durch die Teilbranchen hoch, wie eine Blitzumfrage unter deren Mitgliedsunternehmen ergab – mit einer um fast sieben Prozent höheren­ Auftragslage als Ende 2016. Besonders stark stieg im Ländle der Wohnbau (plus 7,73 Prozent), wohingegen der Tiefbau zumindest im Bereich der öffentlichen Aufträge ein kleines Minus erfuhr. Vom Kleinen (Vorarlberg) bis ins Größere (Europa) scheint aber klar: In der Bauwirtschaft stehen die Zeichen grundsätzlich auf Wachstum. Grund genug, die Unternehmer bezüglich ihrer Hoffnungen und Pläne zu befragen, aber auch ihrer Erwartungen gegenüber der neuen Bundesregierung und deren wirtschaftsstrategischen Vorhaben.
In der Bundeshauptstadt sieht Thomas Pirkner, Geschäfts­führer der Vereinigung Österreichischer Bohr-, Brunnenbau- und Spezialtiefbauunternehmungen (Vöbu), ganz klar „die Ausschreibungen rund um die Erweiterung des Wiener U-Bahn-Netzes mit der U2 bzw. der U5“ als zentrales Thema für die Tiefbauer. Darüber hinaus wären „sicher noch Infrastrukturprojekte im Raum Linz“ zu nennen, wo die Stadtautobahn A 26 mit einem Tunnel durch den Römerberg geführt und die neue Donaubrücke errichtet werden. Die Österreichischen Bundesbahnen wiederum haben das Tunnelprojekt am Semmering sowie den Brennerbasistunnel „voll in Arbeit“, während vonseiten der Asfinag „die zweite Röhre des Karawankentunnels noch heuer zur Vergabe kommen sollte“. 
Peter Außerlechner, Geschäftsführer von Bauer-Spezialtiefbau, schaut ebenfalls nach Oberösterreich, wo „etliche Projekte der Asfinag in Vorbereitung sind“. Bei Bauer selbst stehe aktuell eine Baustelle am Marchfeldschutzdamm „entlang der Donau im Bereich Stopfenreuth“ im Mittelpunkt: „Dort führen wir in einer Arbeitsgemeinschaft Dichtwände mit unserem ‚Mixed in place‘-Verfahren­ aus, zur Stabilisierung und um das Durchströmen des Damms bei Hochwasser zu verhindern.“ Generell wolle man „die attraktiven Chancen, die der Nachfragemarkt bietet, mit den limitierten Ressourcen und zu einem vernünftigen Preisniveau nutzen“. Außerlechner ist sich sicher, dass die Baukonjunktur in Österreich­ – auch in Verbindung mit der guten Nachfrage in Deutschland – auf dem jetzigen Niveau bleibt. „Für uns maßgebend dürfte trotzdem eher der Hochbau bleiben, wo speziell in Wien enormer Bedarf besteht, mit seinen tiefen Baugruben und Tiefgründungen.“ Von der öffentlichen Hand wünscht er sich die baldige „Realisierung des Lobautunnels zur Entlastung der Verkehrsströme über die Donau aus Transdanubien“ – das sei „längst überfällig“.

Qualität vor Preis

Bei der niederösterreichischen Gerocret Ockermüller Betonwaren­ GmbH, Fertigteilproduzent für den Tief- und Sonderbau, hat man sich vorgenommen, 2018 neue Transportwege zu erschließen: „Unser Standort in Langenlebarn grenzt unmittelbar an die Donau. Die Lage ist optimal, um die Ware mit dem Schiff zum Kunden zu transportieren“, stellt Produktionsleiter Georg Ockermüller fest. Zur Unterstützung des vom Wifo berichteten positiven Wirtschaftstrends sieht er die Forcierung des Straßenbaus und der Verkehrsinfrastrukturprojekte als bedeutsam: „Wir erwarten uns davon eine Steigerung des Absatzes in verschiedenen Produkt­gruppen und eine Verbesserung der Preissituation.“ In diesem Zusammenhang legt er auch nach: „Das Prinzip ‚Qualität vor Preis‘ ist der sinnvollste Weg, um die teilweise negativen Preisspiralen umkehren zu können. Die 70-zu-30-Bewertung wird sich nicht nur positiv auf die Preissituation auswirken, sondern langfristig dazu führen, dass Bauprojekte durch die verbesserte Qualität der Materia­lien eine längere Lebensdauer mit geringeren Sanierungskosten aufweisen werden.“ Mit zusätzlicher regionaler Wertschöpfung und dem Einsatz heimischer Baustoffe – zwei Anliegen, die auch die Regierung fördern will – könnten so wirtschaftlich sinnvolle „und vor allem dauerhafte“ Werte und Investitionen geschaffen werden, so Ockermüller. Gespannt sieht er dem politischen Vorhaben entgegen, gewerberechtliche Hürden abzubauen und Österreich für Unternehmer attraktiver zu machen: „Besonders der Mittelstand steht in der Zwickmühle vielfältigster Auflagen, über die zum Teil sogar die Behörden die Übersicht verloren haben.“ Investoren würden ihr Geld „nur in einen attraktiven Wirtschaftsstandort“ stecken, Arbeitsplätze könnten entsprechend nur durch neue wirtschaftliche Projekte „geschaffen und gesichert werden“.
Die erwartete „nachhaltige Steigerung“ im bauwirtschaftlichen Wachstum sei dringend nötig, sagt Reinhard Kerschner, Unternehmensbereichsleiter für den Tiefbau und Vorstandsmitglied bei der Strabag. Neben einigen Großprojekten öffentlicher Auftraggeber wie Asfinag, ÖBB und Wiener Linien konzentriere man sich v. a. auf das kleinteilige Flächengeschäft in Österreich: „Wir wollen­ unsere Marktpositionen hier noch weiter ausbauen und mit Partner­schaftlichkeit, Termintreue und Qualität überzeugen.“ Das Bestbieterprinzip komme der Strabag sehr entgegen. „Wir sehen aber, dass sich nach einem guten Start langsam wieder die alten Muster einschleichen“, so Kerschner. Insofern wünscht er sich eine anhaltend konsequente Fortführung des Bestbieterprinzips.
Als bedeutsam nennt Kerschner den Einsatz von Building Information Modeling (BIM): „Während etwa die skandinavischen Länder, Großbritannien und Deutschland – mit dem Stufenplan bis 2020 – das auch von öffentlicher Seite her stark forcieren, sehen wir in Österreich noch eine gewisse Zurückhaltung. Wir sind aber davon überzeugt, dass sich mit BIM 5D sowohl kleinere als auch größere Tiefbauprojekte besser und sicherer umsetzen lassen.“
Die Porr AG hat 2017 „sowohl operativ als auch organisatorisch wichtige Weichen gestellt“, wie deren Generaldirektor Karl-Heinz Strauss sagt. Das Unternehmen sei für die kommenden Jahre „optimal aufgestellt“, man habe „die Basis für die Fortsetzung unseres Wachstumskurses geschaffen“. In Deutschland sei der mittel- und norddeutsche Infrastrukturmarkt durch erfolgte Geschäftsübernahmen mit qualifiziertem Eigenpersonal abzudecken; in Österreich ergänze die Hinteregger-Gruppe mit ihrem Know-how das Leistungsportfolio der Porr „ideal“. Nun gehe es „um die Integration der neuen Einheiten, die uns auch im nächsten Jahr noch beschäftigen wird“, so Strauss: „Dies immer mit dem Ziel, nachhaltig zu wachsen und unser Ergebnis zu steigern.“ Eine Infrastrukturoffensive der Regierung wäre natürlich zu begrüßen, wobei er hoffe, „dass den Worten nun auch Taten folgen“. In Österreich liefere der Straßen- und Infrastrukturausbau jedenfalls einen wesentlichen Beitrag zum betrieblichen Gesamtergebnis. Und generell wirke sich jeder von der öffentlichen Hand in die Infrastruktur investierte Euro mit einer lokalen Wertschöpfung „von rund vier Euro“ positiv auf die Gesamtwirtschaft aus. 
Bei der Branchengröße Swietelsky stehen 2018 das Vorantreiben der Digitalisierung im Unternehmen sowie eine Aus- und Weiterbildungsoffensive für die Belegschaft auf dem Plan. Insbesondere wolle man auch das Engagement in der Lehrlingsausbildung noch stärker ausweiten, wie Geschäftsführer Karl Weidlinger versichert. Von der Regierungspolitik erhofft er sich „eine wesentliche Beschleunigung der Verfahrensdauern“ bei großen Bauvorhaben. Selbstverständlich wären berechtigte Interessen bzw. Einsprüche von Bürgern zu berücksichtigen. Jedoch vergingen „von der Beschlussfassung, ein Infrastrukturbauvorhaben verwirklichen zu wollen, bis zum Realisierungsbeginn in Österreich üblicherweise zehn bis 25 Jahre, weil die Verfahren von Gegnern oft mit teilweise dubiosen Einsprüchen bewusst verzögert werden“.
Weidlingers besonderer Wunsch an die Politik lautet, „dass ‚Arbeit geben‘ für Arbeitgeber und deren Organe entkriminalisiert wird“, wie er scharf formuliert. „Natürlich gehören vorsätzliche Vergehen dementsprechend hart bestraft. Derzeit sind aber auch leicht fahrlässige Fehler für Firmen und leitende Organe existenzbedrohend, und das bei laufend neuen zusätzlichen Formalvorschriften.“ Begrüßenswert seien die Reduzierung bzw. Beseitigung von „teilweise widersprüchlichen Vorschriften“. Gegen das Prinzip „Qualität vor Preis“ bei Ausschreibungen sei grundsätzlich nichts einzuwenden. Jedoch sei „die quantitative Beurteilung einer höheren als der sowieso durch Normen und Vorschriften bedungenen Qualität“ in der Praxis meist schwierig. „In den verschiedenen Bereichen wurden Kriterienkataloge zwischen Auftraggeber- und Auftragnehmer-
organisationen auch bereits in sinnvoller und nicht wettbewerbsbeschränkender Weise abgestimmt und werden auch verwendet.“

Vorschriften und Normen reduzieren

Bei den Projekten des Vorarlberger Unternehmens I+R handle es sich vorwiegend um Erweiterungen beziehungsweise Umbauten von Bahnhofsanlagen, die Sanierung und Errichtung von Brückentragwerken sowie Straßenbau- und Bodenverbessergungs- beziehungsweise Ertüchtigungsmaßnahmen. Dies geschehe vor allem in Vorarlberg, der Schweiz, Deutschland und Liechtenstein, wie Ernst Stemer sagt, der den Tiefbaubereich bei I+R verantwortet. Unter den öffentlichen Auftrag­gebern hebt er die Asfinag hervor, für die Autobahnhalbanschlüsse sowie Sanierungen von Kunstbauten anstehen; aber auch die ÖBB, die das Güterterminal am Bahnhof Wolfurt sowie Arbeiten am Bahnhof Lustenau an I+R vergeben haben. In Lindau am Bodensee, gleich nach der Grenze zu Deutschland, werde zudem eine neue Unterführung zum Inselteil der Stadt errichtet sowie eine neue Brücke über die Bahnanlagen beim Hauptbahnhof.
Was das Bestbieterprinzip für öffentliche Vergaben betrifft, führe dieses laut Stemer „in manchen Fällen“ am ursprünglichen Zweck vorbei: Themen wie Regionalität, Wertschöpfung oder Sicherung von Arbeitsplätzen könnten „nicht durch Bestbieterwertungskriterien wie Bauzeitverkürzung oder Gewährleistungsverlängerungen“ erreicht werden. „Mittelständische Unternehmen wie I+R kommen zudem durch die Vorschriftenflut und die daraus resultierende Bürokratisierung in Bedrängnis“, so Stemer. „Auch die Bauvertragsthemen haben eine Komplexität erreicht, die Vertragsspezialisten statt Bautechniker in den Vordergrund stellt.“ Für die Unternehmen sei es oft eine große Hürde, die damit verbundene Ressourcen bereitzustellen. Stemer hofft hier auf entlastende Vereinfachungen. Die von der Regierung forcierte „E-Vergabe“ sei bezüglich der Laufsicherheit „noch recht unsicher“. Bei umfangreichen Angeboten resultierten daraus mitunter zusätzliche Spannungen, sagt er und rät damit zur Überarbeitung.

Autor/in:
Bernhard Madlener
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