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Mängel forcieren Qualitätssteigerungen

07.03.2006

Des einen Freud, des andern Leid: Der Winter will nicht enden. Vor allem im Westen Österreichs hält der Schnee. Die Konsequenz sind eine Vielzahl an sicherheitshalber evakuierten Gebäuden, unzählige Feuerwehreinsätze zum Abschaufeln der Schneemassen. Flachdächer als Konstruktion werden verteufelt. Zu Unrecht, wie Wolfgang Hubner, Institut für Flachdachbau und Bauwerksabdichtung und Sachverständiger für Abdichtungstechnik im Hoch- und Tiefbau, anmerkt. Hubner warnt vor unangebrachter Panikmache: „Die heimischen Flachdächer sind sicher und statisch so ausgelegt, dass sie die in der Norm festgesetzten Belastungen mit einer eingerechneten Sicherheit problemlos tragen können. Bei unvorhersehbaren, extremen Belastungen muss der Schnee vom Dach geräumt werden.“ Wesentlich ist dabei, dass es ebenso unter die Sorgfaltspflicht des Hausbesitzers fällt, das Dach vom Schnee zu befreien, wie auch den Gehweg vor seinem Haus zu reinigen. Vor allem die Wartung ist hier das Thema. Kaum jemand kümmert sich, wenn das Haus einmal fertig gebaut ist, um das Dach. Die Versicherungen schrien längst auf – denn gezahlt wird kein Cent, wenn die Sorgfaltspflicht nicht erfüllt wird. Eine Sturmversicherung deckt keine Schneedruckschäden – eben wegen der Sorgfaltspflicht.
Walter Bierleutgeb, Geschäftsführer Bau Oberösterreich, vertritt die Baumeister eines der vom Schnee am stärksten betroffenen Bundeslandes. Die Anfragen betreffend Haftung häufen sich. Die Standesvertretung reagierte sofort und empfahl allen Hausbesitzern, einen Dach-Stabilitätscheck durch ansässige Baumeister vornehmen zu lassen. „Die Haftungsfrage hängt unter anderem davon ab, ob der Planer haftet, wenn z. B. nicht der neueste Stand der Technik oder die einschlägigen Lastenbelastungen berücksichtigt wurden“, erklärt Bierleutgeb. Seit 1. Jänner 2006 ist die Berechnung der Schneelast auf Dächern und andere Tragwerke durch die ÖNorm B 4000 – „Einwirkungen auf Tragwerke – Allgemeine Berechnungsgrundlagen für den Hochbau und Anwendungsgrundlagen für den Hochbau und Anwendungsregeln für Eigengewichte, Lagergüter, Nutzlast im Hochbau, Schnee- und Eislasten“ – neu geregelt. Klar und deutlich wird darin aufgelistet, mit welcher Schneelast nach Regionen geordnet, zu rechnen ist. Die regionalspezifischen, zu erwartenden Kilonewton – zur Planung einer Steildachkonstruktion ebenso erforderlich – werden dargestellt. Bierleutgeb warnt vor Bauaufträgen, die im vergangenen Jahr erteilt wurden: „Hier empfehlen wir dringend, die Auftraggeber auf die neue Norm aufmerksam zu machen – denn durch die erhöhte Armierung steigen auch die Kosten für das Dach.“

Bauschäden als Chance
Der erste österreichische Bauschadensbericht befragte 124 planende und ausführende Baumeister zu den Mängeln am Bau. Die Ergebnisse sind eine klare und deutliche Botschaft für alle am Bau Tätigen. „Eine Vielzahl der Bauschäden entsteht durch Feuchtigkeit – rund 50 Prozent! 28 Prozent sind Planungsfehler, 39 Prozent Ausführungsfehler“, betont Johannes Lahofer, Bundesinnung Bau. Lahofer hat den Handlungsbedarf bereits vor Bekanntwerden der Ergebnisse erkannt: die gebaute Qualität muss erhöht werden. – Dies lässt jedoch das Billigstbieterprinzip kaum zu, so Lahofer: „Denn das Billigstbieterprinzip führt unweigerlich zu Fehlern. Doch Qualität muss unser Wettbewerbsvorteil sein.“ Michael Balak, ofi, betont, dass Baumängel hauptsächlich im Bereich Dächer, Balkone und Terrasse und erdberührten Teile festgestellt werden. Die Folgeschäden sind enorm.“ Das gemeinsame Ziel ist eine deutliche Bauschadensminimierung, Balak bietet Unterstützung von der Planungs- und Ausführungsphase: „Es gibt Forschungsgelder für die Bauforschung, verschiedene Forschungsprojekte wie zum Beispiel zur Erhöhung der Lebensdauer von Bauprodukten sind im Laufen.“ Hubner will die Qualitätssteigerung forcieren, geplant ist auch die Erstellung von Richtlinien – ergänzend zu den Normen. Der Bereich Ausbildung ist ein wesentlicher Schwerpunkt, um die gebaute Qualität steigern zu können: „Wir haben ständig neue Bauweisen und neue Baustoffe – dies erfordert kontinuierliche Weiterbildung. Doch es kann nicht jeder über ein Spezialwissen verfügen. Baumeister müssen auf das Know-how wie z. B. beim IFB zurückgreifen und ihre Leistungen freiwillig überprüfen lassen“, so Lahofer. 180 Millionen Euro betragen die Mängel, die zu beheben sind. Der Bauschadensbericht ortet ein Investitionsvolumen von bis zu 2,7 Milliarden Euro für die Sanierung und Instandhaltung.

Heftig umstrittene Haftungsfrage
Biertleutgeb erläutert die Haftungsproblematik: „Wenn eine Baufirma statische Berechnung gemacht hat, gibt es keine juristische Haftung. Hauseigentümer haben eine Sorgfaltspflicht.“ Hubner erklärt: „Die Begutachtung von konstruktiven Schäden an der Gebäudesubstanz und im schlimmsten Fall die Klärung der Schuld- bzw. Haftungsfrage bei eingestürzten oder einsturzgefährdeten Dächern und Gebäuden, wird die Bausachverständigen in den Tagen und Wochen nach der Schneeschmelze beschäftigen. Bei sachgemäßer statischer Planung und konstruktiver Ausführung geht die Haftung an den Hauseigentümer über.“ Ab welcher Schneehöhe ein Dach von der Schneelast befreit werden muss, ist für den Eigentümer nicht leicht zu beurteilen. Zumal dazu auch keine Richtlinien bzw. Vorschriften existieren. „Bei extremen Schneefällen, wie sie in den vergangenen Wochen beispielsweise in Oberösterreich aufgetreten sind, ist man in jedem Fall gut beraten, die Expertise eines ortsansässigen Baumeisters oder Dachdeckers einzuholen, der eventuell auch die Räumung des Daches übernehmen kann“, empfiehlt Hubner. Jede Dachkonstruktion ist so zu berechnen, dass diese der geografischen Lage entspricht, egal welches Dach. „Flachdächer wird es weiterhin geben – es gibt auch keinen Grund, diese zu verteufeln. Jeder Baumeister lernt und kann die technischen Vorschriften wie auch statischen Regeln dazu, wenn er diese beachtet und jeweils einen Reservewert dazu berechnet, gibt es kein Argument gegen Flachdächer“, so Bierleutgeb. Lahofer begrüßt und unterstützt das IFB: „Ich bin davon überzeugt, dass die Begründung dieses Institutes einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung der Bau- und Nutzungsqualität von Flachdächern leisten kann. Die aktuelle Problematik mit externen Schneelasten ist davon jedoch getrennt zu sehen.“
Tom Cervinka, Gisela Gary

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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