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Mediation am Bau:

20.07.2004

Vor allem bei größeren Baustellen steigt das Streitpotenzial. Mediation am Bau versucht, Konflikte konsensdual einer Lösung zuzuführen.

In einer Wettbewerbskultur, die von Einzelinteressen dominiert wird, werden Konflikte üblicherweise in Konkurrenz ausgetragen. Win-Lose-Situationen sind die Folge. Divergierende Auffassungen von Bauherren, Planern und ausführenden Professionisten sind in der Baubranche häufig. Sei es im Straßenbau, bei Hochhausprojekten, aber auch bei Fragen im Siedlungswasserbau oder in der Forstwirtschaft: Das Konfliktpotenzial zwischen Planer, Bauherren und Anrainern ist groß. Ausgebildete Mediatoren wissen, wie Streitfragen, bereits bevor sie ausbrechen, abgefangen bzw. gelöst werden können und wie ein Konsens zwischen allen Beteiligten gefunden werden kann.

Rasche Entscheidungsfindung
Der Vorteil der Mediation bei Baustreitigkeiten liegt auch für Manfred Katzenschlager, Geschäftsführer der Bundesinnung Bau, auf der Hand – bzw. „unter anderem darin, dass die Streitparteien schneller zu einer Entscheidung kommen als beim staatlichen Gericht und dadurch der Baufortschritt nicht so stark verzögert wird“. Die Geschäftsbeziehung könne aufrecht bleiben bzw. fortgesetzt werden, ohne dass eine Partei das Gesicht verliere. „Mediation und Schiedsgerichtsbarkeit sind“, so Katzenschlager, „in der Regel auch kostengünstiger als Gerichtsverfahren. Technischen und wirtschaftlichen Aspekten wird besonderes Schwergewicht beigemessen. Die Mediation ist mittlerweile in den meisten europäischen Ländern fixer Bestandteil der Streitschlichtungskultur. Auch in Österreich wurde vor drei Jahren vom Österreichischen Normungsinstitut eine Schlichtungsordnung des ON-Bauschiedsgerichtes in Form einer ON-Regel (ONR 22113) herausgegeben. Dort wird auch eine Liste erfahrener Schiedsrichter aus dem Baubereich geführt.“
Das zurzeit „prominenteste“ Beispiel für Mediation am Bau ist das Verfahren am Flughafen Wien. Das größte Mediationsverfahren Europas zeigt, dass Mediation in der Baubranche ein konstruktives Mittel ist, unterschiedliche Standpunkte zusammenzuführen und eine für alle akzeptable, zugleich aber auch nachhaltige Lösung zu finden. Die Mediatoren Horst Zillessen, Ursula König und Rechtsanwalt Thomas Prader als Prozessprovider sind das Team, welches die Mediation am Flughafen durchführen. Brigitta Pongratz, Leitung Anrainerkommunikation Flughafen Wien, erklärt, dass es bei der laufenden Mediation um die Auswirkungen des erhöhten Flugverkehrs geht. Fragen rund um die Ausbaupläne, Flugrouten, Gesundheit, Fluglärm, Nachtflugbeschränkungen, Natur- und Umweltschutz, regionale Entwicklung, Sicherheit und Verkehr werden diskutiert.
Mediation kann in Österreich „erlernt“ werden – siehe dazu auch Adressen am Ende des Artikels. Jürgen Sattmann, Geschäftsführer der Akademie der Immobilienmediatoren, will Bauausführende wie auch Bauherren motivieren, Mediation aktiv und vor allem rechtzeitig zu nützen. Die Akademie bietet einen dreisemestrigen Lehrgang an, der mit einem Diplom abschließt. Absolventen erhalten das Gütesiegel „immo-mediator“ und werden in die vom Justizministerium geführte Liste der Mediatoren aufgenommen.
Horst Pöchhacker, Generaldirektor Porr, ist von Mediation am Bau vor allem bei Großprojekten überzeugt: „Wir haben selbst bereits durchaus positive Erfahrungen mit Mediation gemacht – bei einem großen Bauprojekt im Ausland. Auf einer Baustelle, wo mehrere Unternehmen und Interessen zusammentreffen, kann das Hinzuziehen eines Mediators nur ein Vorteil sein.“
Vor drei Jahren wurde von Vertretern der Bauwirtschaft und Interessenten des Baugeschehens eine Arbeitsgruppe gegründet, um ein detailliertes Regelwerk zur Streitbeilegung zu schaffen. Die ON-Regeln ONR 22110 (für öffentliche Auftraggeber), ONR 22112 (für die gesamte Branche, dient allen Vertragspartnern von Bauverträgen als Möglichkeit vereinfachter Streitbereinigung) und ONR 22113 sind das Ergebnis. Für eine rasche und effiziente Abwicklung von Konflikten am Bau steht nun das neu geschaffene „ON-Bauschiedsgericht“ zur Verfügung.

Mehrwert für Projekte
Die Arch+Ing Akademie der Wiener Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten und die Akademie der Architektenkammer Hessen entwickelten in Kooperation mit dem Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) der Universität Wien den Lehrgang „Mediation im Planungs- und Baubereich“ für Ziviltechniker. Der ausgebildete Mediator Max Rieder, Architekt und Zivilingenieur für Kulturtechnik und Wasserwirtschaft aus Salzburg, sieht in der Mediation ein großes Wertschöpfungspotenzial für die Bauwirtschaft: „Architektur ist grundsätzlich ein Konfliktfall – sonst handelt es sich ja nicht um Architektur, sondern eben nur ums ,Bauen‘. Mediation bietet eine rasche Lösung, zudem kommt ein Mehrwert ins Projekt. Die Planungskultur kann man damit zu einem neuen Thema machen.“ Rieder ist der Verfasser der Hochhausstudie für Innsbruck. Darin ist in Abstimmung mit dem Gemeinderat für jede Hochhausplanung in Innsbruck ein Mediator vorgesehen. „Bei Mediation geht’s nicht um ästhetische Fragen, sondern um substantielle“, so Rieder.
Noch ist Mediation am Bau ein junges Thema, doch gibt es bereits erste positive Erfahrungen. Bauingenieur Werner Rosinak ist einer der Mediations-Pinoiere Österreichs. Nach den ersten Straßenprojekten wurden die Aufgabenstellungen immer genereller: Erste Aufträge in Richtung Gesamtverkehrskonzepte, erste Forschungsvorhaben im Auftrag des Verkehrsministers. In dieser Zeit begann Rosinak in einem damals in der Bau- und Planerszene noch nicht klar definierten Bereich zu arbeiten: in der Kommunikation zwischen den auf der Baustelle agierenden bzw. von einem Bau betroffenen Personen. „Damals verwendete noch niemand den Begriff Mediation – zum Beispiel in der Diskussion, ob auf den heimischen Autobahnen Tempo 100 eingeführt werden soll oder nicht“, so Rosinak.
Rosinak wurde z. B. bei der Planung des Yppenplatz in Wien als Mediator hinzugezogen. Die Interessen von rund 50 Beteiligten galt es hier zu koordinieren bzw. eine für alle Beteiligten zufrieden stellende Platzlösung zu finden.
Mediationsverfahren nehmen oft viel Zeit in Anspruch, eine Stunde Mediator kostet zwischen 90 und 180 Euro. Im Ablauf eines Planungs- oder Bauprojektes können Mediationsverfahren zu unterschiedlichen Zeitpunkten angewandt werden. Sie können als projektbegleitende Maßnahmen bereits bei Vertragsabschluss festgelegt werden. Werden im Lauf eines Projekts Reibungspotenziale rechtzeitig erkannt, kann Mediation präventiv eingesetzt werden, noch bevor ein Konflikt ausbricht.
Das knapp ein Jahr junge Mediationsgesetz macht Mediation für alle Berufe offen. Ein Vorteil für die Bauwirtschaft? Für Rosinak ist die erste Gefahr, dass alles zu juristisch wird, damit gebremst, das Wesentliche für den Verkehrsplaner ist jedoch, dass nun die Möglichkeit besteht, Fähigkeiten eines Quellberufs mit sozialen Kompetenzen zu verbinden. Auch in Wirtschaftskreisen hat sich die Anwendung von Mediationsverfahren als wirksame und vor allem Kosten sparende Methode zur Bereinigung von Konflikten erwiesen. Die EU-Kommission hat bereits ein Grünbuch über alternative Verfahren zur Streitbeilegung im Zivil- und Handelsrecht vorgelegt. Mediationsverfahren sind die sinnvolle Alternative zu Gerichtsverfahren, die sich über Jahre ziehen können, viel kosten und letztlich selten Lösungen herbeiführen, sondern einen Streit „von oben herab“ beenden. In der Mediation verhandeln die Kontrahenten freiwillig miteinander und sind jeweils an einer konstruktiven Lösung interessiert.

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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