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Mediation in der Baubranche

03.11.2003

Ein Praxisbeispiel aus der Bauwirtschaft:
Nach der Errichtung von Reihenhäusern durch einen Generalunternehmer behaupten die neuen Eigentümer verschiedene Mängel, insbesondere das Eindringen von Wasser in die Keller. Die einzelnen Gewerke wurden alle von verschiedenen Subunternehmern errichtet.
Der Generalunternehmer ist in einer wirtschaftlich sehr angespannten Situation – die Subunternehmer machen teilweise seine mangelhafte Planung für die auftretenden Probleme verantwortlich.
Für alle Beteiligten (Eigentümer, Generalunternehmer, Subunternehmer) schreiten die beauftragten Anwälte ein – die Eigentümer klagen auf Mängelbehebung. Der Streit weitet sich aus – die Subunternehmer treten als Nebenintervenienten dem Verfahren bei und im Nu sind fünf Anwälte am Gerichtsverfahren beteiligt.
Ein umfangreiches Beweisverfahren mit mehreren Sachverständigen zieht sich in die Länge, wobei natürlich der GU versucht, möglichst viel seiner Regressansprüche gleich mitzuklären. Nach zwei Jahren muss der GU endgültig den Konkurs anmelden – die Eigentümer warten noch immer auf eine Sanierung. Für alle Beteiligten sind bereits immense Kosten entstanden und der zeitliche und nervliche Aufwand war enorm. Doch von einer Lösung sind alle weiter entfernt denn je!
Alternative: Mediation – der neue Weg zur Konfliktlösung

Allgemeines zur Mediation
1. Was ist Mediation?
•Eine kooperative Konfliktlösungsmethode nach international anerkannten Regeln, bei der die betroffenen Streitpartien mit Unterstützung des/der allparteilichen Mediators/Mediatorin in strukturierten Verhandlungen selbst die Lösung erarbeiten.
•Im Unterschied zum Gerichts- oder Schiedsverfahren, einer Schlichtung oder bei einem Vergleich bestimmen in der Mediation die Parteien selbst den Fortgang des Verfahrens und die Ergebnisse.
•Die Konfliktgegner werden zu Gesprächspartnern – die Beziehungen sind nachhaltig (wieder) verbessert.

2. Grundsätze der Mediation:
2.1 Freiwilligkeit:
für Parteien und Mediatoren (auch Ausstieg jederzeit möglich)
2.2 Allparteilichkeit des Mediators:
Er unterstützt die Parteien bei den Verhandlungen – bezieht aber inhaltlich keine Position und trifft vor allem keine inhaltlichen Entscheidungen.
2.3 Eigenverantwortlichkeit der Parteien:
Sie bestimmen die Verhandlungspunkte, den Zeitablauf und das Ergebnis. Der Mediator strukturiert die Gespräche.
2.4 Vertraulichkeit:
Der Mediator unterliegt der Verschwiegensheitspflicht und darf auch nicht als Zeuge aussagen. Die Parteien vereinbaren, den Inhalt der Mediation in einem allfälligen Gerichtsverfahren nicht preiszugeben.
2.5 Offenheit:
Die Parteien legen ihre Interessen offen und verschanzen sich nicht aus taktischen Gründen hinter Scheinpositionen.
2.6 Fairness:
Die Parteien gehen im Mediationsverfahren fair miteinander um ,und ist Fairness auch der Grundgedanke für die angestrebten Lösungen.
2.7. Nachhaltigkeit:
Die Lösungen sollen auch in der Zukunft tragfähig sein und nicht nur den momentanen Konflikt irgendwie beenden.

3. Anwendungsgebiete der Mediation:
- Allseits bekannt ist bereits die Familienmediation (Scheidung, Besuchsrecht, Unterhalt)
- Nachbarschaftsstreitigkeiten
- Wohnumgebung (Miete, Wohnungseigentum, Miteigentum)
- Umweltkonflikte / Streitigkeiten um Großbauvorhaben
- Wirtschaftsmediation (Konflikte in und zwischen Unternehmen bzw Kunden). In den USA bereits allgemeiner Standard – in Österreich noch nicht sehr verbreitet, jedoch im Kommen. In vielen internationalen Verträgen finden sich schon Mediationsklauseln.
- Ein besonderes Teilgebiet der Wirtschaftsmediation sind Auseinandersetzungen in der Bauwirtschaft.

Wirtschaftsmediation
Unterschied zwischen Gerichtsverfahren und Mediation = Konfliktlösung:
- konfrontativ (gegeneinander im Gerichtsverfahren) oder
- kooperativ (miteinander in der Mediation)
1. Positionen oder Interessen?
Im Gerichtsverfahren geht es um Positionen, Ansprüche und Rechte (Hauseigentümer wollen Sanierung – Generalunternehmer und Subunternehmer wollen keinen weiteren Aufwand – die dahinter liegenden Interessen bleiben meist verborgen (Eigentümer fürchten um Gesundheit – GU will Firma retten – SU möchten keine schlechte Nachrede in der Baubranche). In der Mediation können kreativere Lösungen gesucht werden – der Richter ist an Sachanträge und Formalismen gebunden und kann auf die individuellen Bedürfnisse gar nicht eingehen. Das Ziel in der Mediation ist nicht ein den Prozessregeln entsprechendes Urteil, sondern eine den Parteien möglichst entsprechende Lösung.

2. Sachverhaltsaufklärung oder Lösungssuche?
Im Gerichtsverfahren wird die meiste Energie in die Aufklärung des (in der Vergangenheit liegenden) Sachverhaltes und in die Beweisführung investiert. Bei der Mediation fließt ein Großteil dieser Energie in die Entwicklung von Lösungen für die nahe und weitere Zukunft.

3. Nur Sachebene? – was passiert auf der Beziehungsebene?
Prozessführung ist nicht nur mit erheblichem Zeitaufwand, sondern vor allem auch mit großer persönlicher Energie verbunden. Dabei werden langjährige Geschäftsbeziehungen zerstört. Auch im Wirtschaftsleben spielen Beziehungen eine große Rolle – diese werden im Gerichtsverfahren vollkommen ausgeklammert. In der Mediation geht es gerade auch um die Erhaltung und Verbesserung dieser Beziehungen über den Streitfall hinaus.
4. Sieg & Niederlage oder zwei Gewinner?
Ein Gerichtsurteil „hinterlässt“ meist einen Sieger und einen – oder aber zwei mehr oder minder – Verlierer? Der „Erfolg“ liegt häufig in der Niederlage des anderen. Im Einführungsbeispiel sind nur hohe Gerichts-, Sachverständigen- und Anwaltskosten aufgelaufen. Der GU war insolvent – der Branchenruf der Subunternehmer angeschlagen, die Wohnsituation der Eigentümer hat sich aber noch nicht im geringsten verbessert. Die Mediation schafft die Möglichkeit, eine für alle vorteilhafte Lösung zu finden. Ein Sanierungskonzept wäre entwickelt worden – die Firma des GU hätte überlebt und die Subunternehmer hätten ihren Ruf als kompetente und vor allem auch lösungsorientierte Partner in der Baubranche gefestigt.

5. Fremdbestimmung oder Eigenverantwortlichkeit?
Mit hohem finanziellen und persönlichen Aufwand wird in einem Gerichtsverfahren die „Gerechtigkeit“ gesucht. Nach mehreren Jahren und Instanzen kommt aber maximal eine Entscheidung heraus, an der die Parteien ganz und gar nicht mitwirken können – sie wird ihnen vorgesetzt. In der Mediation haben die Parteien das Verfahren und auch die Entscheidung zur Gänze selbst in der Hand. Außerdem ist die Vertraulichkeit gewahrt, und die von den Parteien selbst entworfene „Gerechtigkeit“ ermöglicht ein weiteres Miteinander ohne Gefühl der Niederlage.
6. Grenzen der Mediation:
Mediation ist nicht anwendbar oder erfolgreich, wenn:
•nicht alle Parteien Mediation wollen
•der betroffenen Personenkreis nicht genau definierbar ist
•bereits massive Gewalt (körperlich und psychische) im Spiel ist
•zur Lösung reiner Rechtsfragen (Mediation schafft Einzelfallgerechtigkeit)

Ablauf einer (Wirtschafts-)Mediation:
1. Das ALPHA-Modell (© Anita von Hertel – Wirtschaftsmediatorin und Anwältin in Hamburg)

Auftragsklärung:
Erklärung des Mediationsverfahrens
Entscheidung zur Mediation
Festlegung der „Spielregeln“ für die Mediation
Liste der Themen:
Festlegung der Verhandlungspunkte durch die Parteien
Einigung auf die Reihefolge
Positionen – Interessen:
Die Interessen hinter den einzelnen Positionen darlegen, erste Gemeinsamkeiten werden offenkundig
Heureka: das Erfolgserlebnis
kreative Lösungsmöglichkeiten zu den einzelnen Themen werden entwickeln, beste Lösung aussuchen
Abschlussvereinbarung:
Mediationsergebnis festhalten und – falls erforderlich – in rechtlich haltbare Vereinbarungen (Verträge) umsetzen
2. Nachbearbeitung / Evaluierung
Sowohl für die Parteien als auch den/die Mediatoren ist es wichtig, nach Abschluss der Mediation darüber nachzudenken, was im Mediationsprozess gut gelaufen ist und was weniger. In einem zeitlichen Abstand zum Abschluss der Mediation gibt ein Feedback Aufschlüsse über die Nachhaltigkeit der Vereinbarungen und die Verbesserung der Parteibeziehung.

Der Mediator / die Mediatorin
1. Die Auswahl:
Die gemeinsame Auswahl des Mediators, der Mediatorin oder des Mediationsteams kann eine Herausforderung sein.
Die Mediatoren sollten folgende Voraussetzungen mitbringen:
•umfangreiche Mediationsausbildung, insb. im Bereich Wirtschaftsmediation
•Erfahrung im Wirtschaftsleben und in der Wirtschaftsmediation
•eingetragene Mediatoren (im Sinne des Zivilrechtsmediationsgesetzes BGBl I 2003/29)
•Kenntnis der rechtlichen Rahmenbedingungen
•ein gewisses „Sachverständnis“, allenfalls auch Fachkenntnisse (nicht immer von Vorteil, da dann häufig Sachlösungen den Parteien aufgedrängt werden);
•eventuell interdisziplinäres Mediationsteam
Der Mediator/die Mediatorin hat im Mediationsprozess die Rolle einer Hebamme und hilft den Parteien, die Streitlösung „auf die Welt zu bringen“, indem er/sie
•das Gesprächsklima und Vertrauen zwischen den Parteien und zum Mediator schafft
•die Konfliktpunkte herausarbeitet und die Interessen, Bedürfnisse und Ängste der Parteien offenkundig macht
•Hilfe zu kreativen Lösungen anbietet

2. Wo finde ich meinen Mediator?
AVM anwaltliche Vereinigung für Mediation und kooperatives Verhandeln
www.avm.co.at/search/?searchMethod=mitglieder
Netzwerk Mediation www.mediation-mediator.net

Literaturhinweise (Mediation allgemein & insbesondere Wirtschaftsmediation):
•Anita von Hertel: Professionelle Konfliktlösung – Führen mit Mediationskompetenz, Campus Verlag 2003
•Monatada – Kals Mediation – Lehrbuch für Psychologen und Juristen, Beltz PVU
•Gerda Klammer & Peter Geißler: Mediation – Einblicke in Theorie und Praxis professioneller Konfliktlösung, Falter Verlag
•Hedwig Kellner: Konflikte verstehen – verhindern – lösen. Konfliktmanagement für Führungskräfte, Hanser Verlag
•Barbara Ashley Phillips: The Mediation Field Guide Transcending Litigation and Resolving Conflicts in Your Business or Organisation Jossey Bass Verlag

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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