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Meilenstein in Stahl und Glas

29.10.2009

Eine außergewöhnliche Baukonstruktion geht mit dem Formel-1-Grand-Prix um die Welt: In Abu Dhabi plante und errichtete das österreichischen Unternehmen Waagner-Biro ein Meisterwerk in Architektur und Design

Wenn dieses Wochenende die Formel-1-Boliden über die Insel Yas in Abu Dhabi rasen, wird neben der Kulisse des Persischen Golfs vor allem ein architektonischer Blickfang vom motorsportlichen Geschehen ablenken und die Aufmerksamkeit auf sich ziehen: Zu sehen ist dann das Yas Island Marina Hotel, das mit seiner außergewöhnlichen Fassade einen neuen Höhepunkt in der Stahl-Glas-Technik markiert – erbaut mit österreichischem Know-how.
Die futuristisch anmutende Konstruktion vom Spezialisten Waagner-Biro, ein gewaltiges Stahl-Glas-Netz aus rautenförmigen Teilelementen um gleichermaßen imposante 55 Millionen Euro (300 Millionen AED), überspannt wie eine textile Schutzhaut die beiden Hauptbaukörper des Hotels. Darunter werden die heulenden Formel-1-Motoren nur schwer für Aufsehen sorgen können. „Gridshell“, oder übersetzt Gitterschale, nennen die New Yorker Gesamtplaner von Asymptote Architects den absoluten Eyecatcher. Die Herausforderung beim „Gridshell“ abseits der konstruktiven Komplexität war die geringe Bauzeit: Nur 18 Monate ab Auftragserteilung war für die geplante Fertigstellung rechtzeitig zum Weltevent Grand Prix Zeit. Dementsprechend groß war deshalb auch der Arbeitseinsatz, musste ordentlich in die Hände gespuckt werden – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Puzzle aus Glas und Stahl
Für die atemberaubende Konstruktion wurden insgesamt 2.100 Tonnen Stahl verarbeitet, die versetzte Fassade beider Bauteile sowie der Brücke über die Formel-1-Rennstrecke umfasst eine Gesamtfläche von rund 17.000 Quadratmeter. Die Gesamtlänge der verbauten Stahlelemente beträgt 22 Kilometer.

Getragen wird die Fassade wegen der starken Windlasten von zehn V-förmigen Hauptstützen und 100 horizontalen Elementen. Die eigentliche Besonderheit: Aufgrund der architektonischen Vorgaben gleicht kein Einzelelement dem anderen. Jedes Stahlstück hat eine andere Form. Gemäß dem Designkonzept ist jede Glasscheibe individuell eingerahmt und rotiert innerhalb der Stahlstruktur. Jede der 5.000 Glasscheiben ist ein Unikat. Da nur flache Gläser verwendet werden, musste der runde Eindruck des „Gridshell“ über die Stahlkonstruktion erreicht werden. Logistisch war dies eine weitere außergewöhnliche Herausforderung. Das Zusammensetzen der Einzelbestandteile ist mit einem 5.000-teiligen Puzzle zu vergleichen. Mit dem Vorteil, dass zuvor schon bekannt ist, wohin welcher Teil gehört.

In Teilen vorgefertigt
Aufgrund des engen Terminplans und der örtlichen Gegebenheiten musste ein rund 9.000 Quadratmeter großes Vorfertigungsareal errichtet, welches mit Sandstrahlanlage und einer Korrosionsschutzwerkstatt ausgestattet wurde. Dort wurden die Stahlelemente zu sogenannten Leitern – Unterkonstruktionen für je 20 Gläser – mit einem Gewicht zwischen fünf und 25 Tonnen montiert, die dann per Kran an ihren genau definierten Platz in der Hülle gehoben und dort verankert wurden.

Aufgrund des Designs ist die Gitterkonstruktion auch nicht wasserdicht. Was in Abu Dhabi aber kein Problem darstellt: Hier verdunstet der Regen meist, bevor er noch den Boden erreichen kann.

Für Waagner-Biro Stahlbau war der „Gridshell“ der bisher größte Auftrag. Im mittleren Osten hat sich das Unternehmen ausgehend von Dubai etabliert. Und ist nun verstärkt in Abu Dhabi aktiv. Der Grund: Abu Dhabi, sagt Gerhard Klambauer, Vorstand der österreichischen Aktiengesellschaft, ist eben nicht so sehr von der Wirtschaftskrise betroffen. Überhaupt: „Ich sehe den arabischen Raum damit noch nicht zur Gänze bearbeitet.“ Als international bekannter Spezialist für komplexe Stahl-Glas-Konstruktionen bewegt sich Waagner-Biro zudem in „außerordentlichen“ Bereichen. Dementsprechend sind auch die Auftraggeber nicht so stark konjunkturorientiert, wie das etwa Erzeuger von Massen­artikeln sein müssen. Klambauer: „Die meisten unserer Projekte haben lange Vorlauf- und Abwicklungszeiten, sodass wir eine Glättung der Krise in unserem Hause erwarten. Derzeit sind keine ‚Anpassungsnotwendigkeiten‘ ersichtlich.“

Die bisher unbebaute Insel an der nördlichen Küste des Persischen Golfs liegt nahe dem internationalen Flughafen – für das nun abgeschlossene umfassende Entwicklungsprojekt ein idealer Standort: Inklusive des Yas Island Marina wurden insgesamt sieben luxuriöse Hotelanlagen erreichtet. Nicht zu vergessen die neue Formel-1-Strecke samt großzügig dimensionierter Tribünenanlage plus noblem Yachthafen.

Helmut Melzer

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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