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Mit Contracting zum Erfolg

04.12.2009

Thermische Sanierung oder neue Heizanlagen erfordern Investitionen. Bei der Finanzierungsmethode „Contracting“ wird die Finanzierung kurzerhand ausgelagert – und über Energieeinsparungen refinanziert.

Energieeffizienz hat längst Einzug in die heimische Bauwirtschaft gehalten. Doch thermische Sanierung und Co bringen eine unliebsame Nebenerscheinung mit sich: Für langfristige Energieeinsparungen sind freilich nicht unwesentliche Investitionen vonnöten. Hier schafft ein relativ neues Finanzierungsmodell Abhilfe und macht möglich, was knappe Eigenmittel eigentlich nicht zulassen würden.
Hinter dem mysteriösen Zauberwort „Contracting“ verstecken sich recht unterschiedliche Lösungen, die entfernt an Leasing erinnert. Das Modell kurz erklärt: Energiedienstleistungen werden kurzerhand ausgelagert. Ein Gebäudeeigen­tümer beauftragt einen externen Dienstleister, den sogenannten Contractor, mit der Umsetzung von umfassenden Einsparmaßnahmen wie einer thermischen Sanierung oder der kompletten Energieversorgung – zumeist inklusive Finanzierung, Planung, Errichtung und Betrieb aus einer Hand. Im Gegenzug lukriert der ausführende Partner Vergütungen über eine vereinbarte Vertragslaufzeit, meistens zehn Jahre. Zwei wesentliche Formen finden auch in Österreich zunehmend Zuspruch: Beim Einspar- oder Energie-Contracting steht die Energieeffizienz eines Gebäudes oder einer Anlage im Vordergrund. Meist geht es hier um die thermische Sanierung einer Gebäudehülle. Erzielte Einsparungen dienen zur Refinanzierung der Kosten. Beim Anlagen- oder Liefer-Contracting gilt das Augenmerk der effizienten Versorgung mit Energie. Eine energietechnische Anlage wird vom Contractor finanziert und errichtet, als Gegenleistung werden vertraglich fixierte Energiekosten bezahlt.

Alte Idee neu entdeckt
Die Idee hinter dem Contracting ist eigentlich eine recht alte: Sie geht auf ein Modell des schottischen Erfinders James Watt zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurück. Dabei wurde dem Vertragspartner eine damals revolutionäre Dampfmaschine kostenlos überlassen und zugleich geringere Kosten für die notwendige Kohle garantiert, als vorher für Futter der Arbeitspferde aufgewendet werden musste. Ein Drittel des so Ersparten wanderte in Watts Tasche. Ein gutes Geschäft für alle Beteiligten.
Zurück in die Gegenwart. Die Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik (Ögut) hat sich zum Ziel gesetzt, beste Voraussetzungen rund um das Thema zu schaffen. Die Organisation führt auch die Koordinationsaufgaben des Dachverbandes Einspar-Contracting Austria (Deca) durch. „Besonders unter den Kommunen ist Contracting inzwischen stark verbreitet – vor allem unter dem Aspekt der Vorfinanzierung“, erklärt Monika Auer von Ögut. Seit 2006 werden Contracting-Projekte vom Verband dokumentiert, seitdem konnten rund 350 Projekte gezählt werden. Auer: „Geschätzte 80 Prozent machen hier die Kommunen aus.“ Wohlgemerkt: Mit den Projekten sind nicht einzelne Gebäude gemeint. Die Projekte umfassen meist mehrere Gebäude, sogenannte Pools.

Sparsamkeit bei Energie
So wurde etwa das Unternehmen Siemens im Rahmen von Energiespar-Contracting-Aufträgen von der Stadt Wien, Ministerien und einigen Gemeinden zur Durchführung von umfangreichen Energiesparmaßnahmen für insgesamt 166 Schulen, Kindergärten, Forschungseinrichtungen und Bädern in ganz Österreich beauftragt. Darunter auch die größte Schule Österreichs, die HTL in Mödling. Fazit: Jährlich können durchschnittlich 20 Prozent des Energieverbrauchs einge­spart und damit eine Reduktion von 7.300 Tonnen CO2-Emissionen erzielt werden. Dem Umweltgedanken wird also wesentlich Rechnung getragen.
Aber auch im Bereich Wohnhausanlagen ist – punkto Anlagen-Contracting – ein Trend zu erwarten. „Oft geben Genossenschaften das gesamte Energiemanagement an einen kompetenten Partner ab. So können sie sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren“, erklärt Auer. So geschehen beim Bau einer Siedlungsanlage in der Heustadelgasse in Wien-Donaustadt. Beim Projekt der Bundeswohnungsgesellschaft (Buwog) wurde gleich die größte, geförderte Biomasseheizung Wiens errichtet – im Rahmen eines Contracting-Vertrages. Inklusive Errichtung, Service, Wartung und Instandhaltung betragen die jährlichen Kosten für das Biomasse-Blockkraftheizwerk nur rund 9.000 Euro. Von der Stadt wurde der Bau der Anlage zudem mit 184.000 Euro gefördert. Im Vorfeld der Errichtung wurden umfangreiche Wirtschaftlichkeitsberechnungen durchgeführt, in denen auch Vergleiche mit anderen Heizwärmeversorgungsvarianten wie Fernwärme oder Gas angestellt wurden. Das Ergebnis des Contracting-Partners: Die Heizung mit Biomasse-Nahwärmenetz ist für den Kunden nicht teurer als andere Arten der Versorgung, aufgrund der CO2-Neutralität der Biomasse ist aber der Beitrag zum Klimaschutz ungleich höher.

Nur für Gebäudepools
Aber: Ist das erfolgreiche Konzept Contracting auch für private Einfamilienhäuser nutzbar? Schließlich hätten die von Ögut auf rund 450.000 geschätzten sanierungsbedürftigen Gebäude in ganz Österreich enormes Potenzial in Sachen Energiesparen. Auer winkt ab: „Das Konzept ist als solches hier schlecht übertragbar. Der Energieverbrauch ist zu gering.“ Und damit reichen die erzielten Einsparungen meist nicht aus, um die Sanierungsmaßnahmen über die Laufzeit eines Contracting-Vertrages – zumeist zehn Jahre – zu finanzieren. Das sieht Contracting-Experte Alexander Redlein von der Technischen Universität Wien ähnlich: „Zurzeit ist das kein Thema. Die meisten Firmen suchen größere Projekte.“ Die Zeit ist also noch nicht reif für das „kleine“ Geschäft im Contracting. Bei weiter steigenden Energiekosten kann sich das aber bald ändern. Redlein: „Wenn es sich etwa um ein Haus aus den 60er-Jahren ohne Dämmung handelt, würde sich das eventuell rechnen.“
Bessere Chancen hat da ein Zusammenschluss mehrerer Wohnhäuser zu einem Pool. Das bestätigt auch ein Forschungsprojekt von Ögut am Beispiel eines Gebäudepools im niederösterreichischen Wolkersdorf. Ziel des engagierten Pilotprojektes war es herauszufinden, inwieweit Erfahrungen mit Einspar-Contracting insbesondere im Bereich der öffentlichen Hand auf Privathäuser übertragen werden können. Auer: „Für diesen Bereich war ja Contracting eigentlich nicht gedacht. Wir wollten wissen, wie sich das ausgeht.“ Gleichzeitig diente das Forschungsprojekt als umfangreiche Informationskampagne, um das öffentliche Interesse weiter zu steigern. Als Ergebnis wurde auch das Qualitätssicherungsmodell EQS zur Zertifizierung der Sanierungsqualität geschaffen sowie zahlreiche Behelfsmittel für Contractors und auch Gebäudeeigentümer.
Contracting eignet sich damit – zumindest vorerst – vorwiegend für größere Gebäude und Pools mit hohem Sanierungsbedarf. Das Potenzial bei der thermischen Sanierung wird wie folgt geschätzt: Die Dämmung oder der vollständige Ausbau eines Daches bringt rund 30 Prozent an Energieeinsparung. Durch die thermische Sanierung der Außenhülle eines Gebäudes können gar zwei Drittel bis drei Viertel eingespart werden. Weitere zehn Prozent sind bei der Dämmung der Kellerdecke zu holen.

Heimisches Know-how
In Sachen Contracting wollen sich österreichische Unternehmen auch im internationalen Feld etablieren und das am heimischen Markt erworbene Know-how in die Welt tragen.
So beteiligen sich Firmen aus Wien bei einem ehrgeizigen Projekt in der amerikanischen Stadt Chicago. Dort wollen die Stadtväter die Treibhausgasemissionen bis zum Jahr 2020 um 25 Prozent, bis 2050 gar um 80 Prozent senken. Ein Aktionsplan mit 35 Maßnahmen wurde erstellt. Darunter: die Erhöhung der Energieeffizienz in Gebäuden, die Förderung sauberer und erneuerbarer Energien, die Reduktion des Mülls und der industriellen Umweltbelastungen. Die Umsetzung soll – Sie erahnen es bereits – mithilfe von Energie-Contracting ermöglicht werden. Mit im Boot ist unter anderem die Central Danube GmbH, die bereits als Energiespezialist in Ungarn, Slowakei, Tschechien und eben Österreich Energiesparpläne für Kommunen und Gebäudekomplexe realisiert hat. 2008 wurde so auch das Wärmeversorgungskonzept für den Wiener Hafen sowie der EOD-Zubau des Opec-Gebäudes verwirklicht.
Ähnlich erfolgreich ist auch beispielsweise die Energie Steiermark. In Rumänien wurde deshalb sogar eine neue Niederlassung eröffnet. „In Rumänien mit über 21 Millionen Einwohnern sehen wir gute Marktchancen, vor allem im Bereich der Wärmeversorgung in öffentlichen Gebäuden“, berichten die Vorstände Oswin Kois und Olaf Kieser. Erste Verträge für Contracting-Projekte mit einer Laufzeit über zwölf Jahre sind bereits unterschrieben und auf Schiene.

Kehrseite der Medaille
Doch die „neue“ Finanzierungsmethode hat auch ihre Schattenseiten. Der erfolgversprechende Deal kostet freilich auch etwas. Redlein von der TU: „Natürlich läuft das nicht zinsenfrei. Je risikoreicher das Projekt, desto höher sind die Kosten. Es kann auch passieren, dass eine klassische Finanzierung günstiger ist.“ Und auch andere Haken gibt es: Wenn etwa durch die Maßnahmen eine größere Effizienz und damit höhere Energieersparnis erzielt wird, als zuerst einkalkuliert wurde. Die fix vereinbarten Tantiemen sind trotzdem fällig. „Dann zahle ich eventuell länger“, klärt Redlein auf.
Überhaupt ist die ganze Sache gar nicht so einfach, hängt der Erfolg doch vom entscheidenden Nutzerverhalten ab. Hier gibt Experte Redlein zu bedenken: „Das kann den Erfolg wesentlich beeinflussen. Man kann viel planen, aber wenn der Bewohner im Winter heizt und dabei das Fenster offen lässt … Viele Ersparnisse werden einfach in den Wind geschossen.“ Fazit: Auch die Nutzer müssen involviert werden, in ihrem Verhalten zum Umdenken bewegt werden. Redlein: „Wir sind zu technikorientiert. Dabei müsste man nur mit den Leuten reden.“

(Redaktion: Helmut Melzer)

Autor/in:
Redaktion Bauzeitung
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